Donnerstag, 21. Oktober 2010

ru24 History 20: Tautau Obskur (2001)


tattoo'd lady
Originally uploaded by hedonaut
Das neue Jahrtausend war angebrochen, die Moderne quasi.
Auch ich fühlte mich sehr modern.
Beim Besuch eines Freundes in Berlin war es so weit. Gneisenaustraße, zwei U-Bahn-Stationen vom Kreuzberger Hermannplatz entfernt, in dessen Nähe ich wohnte, stieg ich aus. Ich stärkte mich noch etwas bei Barcomis. Dann machte ich mich in der Bergmannstraße auf die Suche nach einem Tattoo- und Piercing-Shop. Ich fragte etwas herum und wurde bald in einer Seitenstraße fündig: TAUTAU OBSKUR.
Naja, der Name hätte mich schon stutzig machen sollen...
Palim!
Ich betrat den mit Flaschen voller Bandwürmern und mit Totenschädeln dekorierten Laden. Hinter dem Tresen standen zwei Grazien, tätowiert und gepierct bis zum Arsch. »Meine«, eine Art Morticia Addams im vampirischer Gewandung begrüßte mich. Ihre langes Haar war mittig gescheitelt, auf der einen Seite weiß wie bei einer Greisin, auf der anderen Seite rabenschwarz. Tattoos flammten aus ihrem üppigen Dekolleté. Ihr Lippenstift war schwarz, ihr Augen-Makeup hätte Daryl Hannah aus »Blade Runner« beeindruckt.
Ich räusperte mich.
»Äh. Ich hätte gerne ein Piercing, so hier am Ohr«, sagte ich. Es ging mir um ein Piercing, das Helix genannt wird - einen Ring durch das Knorpelgewebe der Ohrkante.
Moriticia griff unter den Tresen und beförderte eine Reihe von Ringen aus Chirurgenstahl hervor. Mit dem Ring gings ins Hinterzimmer.
Der Flur war in Augenhöhe behangen mit kleinen Bilderrahmen mit Fotos von Piercings, die bereits in Leuten steckten. Manches davon weigerte sich mein Gehirn zu dechiffrieren.
Moriticia sah es an meinem Blick, sie drehte sich zu mir um.
»Das können wir dir auch machen, das heilt irre gut da
Ich lehnte dankend ab.
Wir erreichten eine Tür, ich musste unwillkürlich an »Zimmer 101« im »Ministry of Love« von »1984« denken. Den Raum beherrschte ein mit grünem Kunstleder bezogener, reichlich runtergerockter Friseurstuhl aus den 50ern und Schränke voller Geräte. Eine Kammer wie geschaffen für politische Folter und Schmerzexpertimente. Ich suchte den Boden nach verräterischen Flecken ab.
»Achso, wir STECHEN die Piercings, ganz klassisch.«
»Ja, klar«, sagte ich, als hätte ich den Hauch einer Ahnung gehabt und setzte mich.
»Willste ’ne Betäubung?«
»Nee, quatsch!«, sagte der ahnungslose Trottel im Behandlungsstuhl.
Moriticia legte allerlei zurecht, unter anderem eine Braunüle, mit der man einem Pferd hätte größere Mengen Blut abnehmen können. Sie zog Latexhandschuhe an und einen Mundschutz. Sie desinfizierte mein Ohr. Ich stellte mir derweil das Schicksal anderer Delinquenten vor. Plötzlich stach sie mir die dicke Nadel durchs Ohr. Der Trottel bedauerte schlagartig und auf die harte Tour, keinerlei lokale Anästhesie genommen zu haben.
Eine Träne stahl sich aus seinem rechten Auge und lief ihm über die Wange, derweil der Schmerz loderte.
Nach ein paar Handgriffen ihrerseits war alles vorbei.
Sie hielt mir einen abgegriffenen Handspiegel hin.
»Sieht gut aus!«, sagte sie, dann: »Wenn das irgendwie komisch ist, dann ist das ’ne Akupunktur-Stelle. Dann kommste wieder, dann stechen wir noch eins daneben. Und du kannst eine Weile nicht auf dem Ohr schlafen. Ich schreib dir mal was zu Desinfizieren auf, dass musste jetzt ein paar Wochen lang jeden Tag machen, wegen der Kruste und so.«
Ich wankte aus dem Laden, mein Ohr pochte, es begann, anzuschwellen.
In der Apotheke kaufte ich mir was zum Desinfizieren.
Als ich bei meiner Bleibe ankam, pochte das Ohr wie verrückt, es war auf die doppelte Dicke angeschwollen.
Das Desinfizieren - autsch!
Nachts drehte ich mich aus versehen auf das Ohr - *winsel*

Das Loch siffte noch drei monatelang herum. Täglich musste ich mit dem Fingernagel Kruste vom Ring abkratzen und ihn drehen. Das Desinfizieren brannte.
Die Schwellung ließ eines Tages ganz nach. Dann entstand an der Rückseite meines Ohres um das Loch herum ein Knorpelwulst wie ein Mondkrater. Der veränderte sich wieder. Ich las in der Zeit solche und ähnliche Texte:
"Der Ohrknorpel gehört zu den härtesten des Körpers, ist aber gleichzeitig eine heikle Stelle was Wundheilung betrifft. Kommt es zu Entzündungen oder anderen Komplikationen, können diese, wegen der speziellen Beschaffenheit des Ohrgewebes, nur schwer bekämpft werden. Schmutz bleibt länger in der Wunde und Heilmittel werden, egal ob innen oder außen aufgetragen, sehr schlecht zur Wunde transportiert. Ist der Ohrknorpel erstmal zerstört, regeneriert er sich nicht mehr, sondern es kommt zum gefürchteten Blumenkohlohr." (Quelle)
Gottogott!
Doch nach einem dreiviertel Jahr normalisierte es sich so weit, dass ich auf meiner einstigen Lieblings-Schlafseite wieder schlafen konnte.
Und irgendwann war es wirklich vorbei.

Ach so: Morticia, Herzchen, ja, ich hätte gerne ganz dringend eine Betäubung!
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