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Freitag, 19. August 2016

ru24 History: COLMADO STOP (1972)

photo credit: Violet in the Supermarket I via photopin (license)
In den frühen 70ern sind meine Eltern mit mir/uns einige Male nach Alicante, Costa Blanca, Spanien in Urlaub gefahren. Wir waren eingemietet in einem dreistöckigen Haus direkt am Strand. Als Kleinkind habe ich hier am Wasser laufen gelernt, später auch mein 1972 eintreffender Bruder. Schräg rechts gegenüber an der baumgesäumten Straße gab es einen winzigen Supermarkt namens "COLMADO STOP" (Colmado bedeutet Lebensmittelgeschäft). Im Eingangsbereich hingen handgefertigte Besen und allerlei buntes Badezubehör wie Flip-Flops, Luftmatratzen und Strandmatten. Im Inneren türmten sich die Waren bis an die Decke, die Salami in der Fleischtheke hatte rot-neonfarbene Fettaugen und die Milchbrötchen ("pan de leche") schmeckten nach nichts Vergleichbarem auf der Welt, aber keinesfalls "sanft nach Hefe". Das wirklich Besondere an dem Supermarkt war der Geruch. Es war eine betäubend starke, schroffe Mischung aus Mottenkugeln und Reinigungsmitteln, den Ausdünstungen von Sonnenmilch, Pflegeprodukten und Zimt. Der Geruch des COLMADO STOP hat mich als Kind echt geflasht!

Gestern morgen habe ich diesen Geruch nach über 40 Jahren zum ersten Mal wieder gerochen. Die uns im Büro unterstützende Studentin trug als Parfum das rote "Insolence" von Guerlain -- Respekt!
Ich bin völlig begeistert, dass es diese Geruchskonserve aus meiner frühen Kindheit noch gibt!


Schöner SPON-Artikel zu "Frühstück in Spanien": Link 


Sonntag, 11. Oktober 2015

ru24 History: P.M. Erstausgabe (1978)

Originalfoto

Im Oktober 1978 erschien, herausgegeben von Gruner + Jahr, erstmalig "P.M. - Peter Moosleitners interessantes Magazin" (Wikipedia). Die "Was-ist-Was-Bücher" meiner Kindheit hatten mich entsprechend eingenordet, sodass ich, jetzt 11-jährig, die perfekte Zielgruppe war. Etwas Besseres als ein Magazin, welches "neugierig auf morgen" im Untertitel trug, konnte es für mich gar nicht geben --  denn neugierig auf morgen war ich ja auch. Peter Moosleitner - was für ein feiner Mann!
In der Erstausgabe gab es Artikel über "den Dinosaurier in uns", "Haremsfrauen", "Liebe der Tiere" und das "Super-Flugzeug" Fairchild A10.
"Wie das erste Titelbild schon verheißt, hatte P.M. einfach alles, was ein [11-Jähriger] interessant findet: Dinos, Frauen, Technik, Sex." (Quelle)
Wie ich beim Lesen erfuhr, hatte das Erdkampf-Flugzeug Fairchild A-10 (Wikipedia), "Warzenschwein" genannt, unter der Titan-gepanzerten Pilotenwanne eine mit 30 mm Uran-Hartkern-Geschossen bestückte siebenläufige und rotierende Gatling-Gun, die 4.200 Schuss in der Minute abfeuern konnte. Mit dieser GAU-8A-Avenger-Kanone konnte man Panzer in Konfetti verwandeln! Grundgütiger, wenn das mal nicht heißer Scheiß war! Natürlich ging ich am nächsten Tag in Radevormwald zum Kaufhaus Nickel, fuhr mit der Rolltreppe nach unten in die Spielzeugabteilung und kaufte mir von meinem Taschengeld den zum Artikel passenden Revell-Flugzeugbausatz dazu (Abb.). Wann immer ich in den letzten fast 40 Jahren eine Fairchild am Himmel gesehen habe, dachte ich "Hey!"

Nach dieser Erstausgabe habe ich P.M. sofort abonniert und etwa 10 Jahre lang gelesen, später allerdings nur noch mit dem Gefühl, dass sich die Themen ständig im Kreis drehten.

Heutzutage grenzt sich P.M. gegen seriöse Wissenschafts-Magazine mehr und mehr mit esoterischen und pseudowissenschaftlichen Inhalten ab (Link).


Mehr über die Zukunft von Damals: Blogbeitrag


Montag, 27. Juli 2015

ru History - Flaunt It (1986)



Die Band Sigue Sigue Sputnik wurde 1983 von Tony James gegründet, einem ehemaligen Generation X-Gitarristen von Billy Idol. Den Namen der Band hatte man nach Marketing-Gesichtspunkten von einer Moskauer Streetgang übernommen, über die die Zeitung Herald Tribune in einem Artikel Anfang 1980 geschrieben hatte. Als Bandmitglieder hatte man Anfangs die bis dahin noch unbekannte Annie Lennox im Auge, konnte sich aber nicht mit der Idee einer Frontfrau anfreunden, auch Andrew Eldritch war im Gespräch, dieser musste sich aber um seine immer bekannter werdende Band Sisters of Mercy kümmern. Zuletzt fanden sich als Bandmitglieder einige unbekannte Vögel ein, die James nach Optik gecastet hatte, nicht nach Befähigung -- Hauptsache schrille Klamotten, Tattoos, Piercings und schroffe Haare (Bandbild).

1986 erschien das erste Album "Flaunt It" (Cover), übersetzt: "Wer hat, der hat", ein Kracher!
Nachdem ich die erste Auskopplung Love Missile F1-11 bei "Formel 1", moderiert von Peter Illmann, gesehen hatte, rannte ich gleich in den Plattenladen, um die die LP zu bestellen. Ich bin bis heute der einzige Mensch, den ich kenne, der sich die Scheibe damals gekauft hat. Ähem.
"Sigue Sigue Sputniks erste Single „Love Missile F1-11“ ist mit nichts zu vergleichen, was die letzten 30 Jahre an Rock & Roll hervorgebracht haben. Gewehrfeuer und Explosionen, Fragmente von Mozart, verrückte, donnerartige Gitarren-Breaks, rückwärtslaufende Vocals und tonnenweise Hall, dies alles in einem Song, der sich alle paar Sekunden verwandelt und dem Zuhörer nicht den Hauch einer Chance lässt, sich zu langweilen. Songzeilen wie "a U.S. bomb cruises overheard / there goes my love, rocket-red" spielen auf Sex und Atomkrieg an." (englischspr. Quelle)
Als Besonderheit hatte man auf dem Album die Räume zwischen den Songs als Werbeblöcke versteigert, sodass unter anderem "L'Oreal Studio Line"-Werbung oder speziell in Deutschland ein Clip für "Tempo, das neue deutsche Monatsmagazin" zwischen zwei Liedern zu hören ist.
Bei den Briten brauchte es etwas mehr als das: Um die Scheibe zu promoten, machte SSS ein Video dazu, in dem sich explodierende Raketen mit fetten, onanierenden Männern abwechselten, und hey! Das skandalverwöhnte Londoner Publikum war auch gleich begeistert und zog nach der Vorführung des Videos auf der Record-Release-Party zufrieden ab, obwohl die Show noch im vollen Gange war. Endlich: Nun hatte die Band ihren Ruf weg und wurde von den britischen Medien oft nur noch „Sick Sick Sputnik“ genannt.
Der Song hielt sich 1986 in Deutschland 15 Wochen auf Platz 3 der Singlecharts, in UK 9 Wochen. (Wikipedia)
"In ihrem Bestreben, die ultimative Rock & Roll-Fantasy zu erschaffen, waren Sigue Sigue Sputnik überaus erfolgreich. Zum einen ist es (das Album) voller gefährlicher futuristischer wie comicartiger Bildwelten, aber zum anderen, wenn man genau genug hinhört, hat es überraschenderweise trotzdem oft etwas zu sagen." (a.a.O.)
Auch die zweite Auskopplung aus dem Album, "21st Century Boy", war erfolgreich.

Dienstag, 21. April 2015

ru24 history 54: Bella Italia (1992)

photo credit: via photopin (license)

1992 war ich mit Freunden am Gardasee, von da aus haben wir einen Zwei-Tage-Ausflug nach Florenz gemacht.
Florenz beeindruckt mit Autofahrern, die dermaßen viel mediterranes Flair versprühen, dass ich den Wagen abstellte und mich weigerte, auch nur einen Meter weiter zu fahren. Als Fußgänger lernt man in Florenz auf die harte Tour, dass ein Zebrastreifen nichts weiter ist, als eine Abfolge weißer Rechtecke auf der Straße. Am Rand des Zebrastreifens stehend, ist Augenkontakt zu nahenden Fahrern in Deutschland immer ein Mittel der nonverbalen Kommunikation, ein Signal. Dem florentiner Automobilisten signalisiert es lediglich, dass du, der Fußgänger, ihn gesehen hast -- er kann somit beruhigt Gas geben. Wir stehen eine Weile ratlos herum, bis wir es begreifen: Wirst du auf dem Zebrastreifen überfahren, bist du im Recht. Die logische Konsequenz ist: Man überquert die Teile einfach ohne rechts und links zu schauen in einer Art Suicide-Style, alle Fahrer hupen sowieso ununterbrochen -- und schon ist man drüben.

So viel Aufregung macht hungrig: Bella Italia, das Mutterland der Pizza! Im Biergarten einer kleinen Kaschemme finden wir uns unter Bäumen ein, um original! italienische! Pizza! zu essen, die Krönung des Tages! Hurra! Zikaden zirpen, leichter Wind geht, Lichterketten illuminieren die Nacht -- es ist wie im scheiß Märchen! Wir bestellen Pizza und bekommen, nun ja, ... hmmm ... "etwas". Es sind vage nieren- oder auch Bodenseeförmige Teigstücke mit verbranntem Rand. Auf einige Stellen ist freundlicherweise auch Tomatensauce aufgekleckert, hie und da hat sich etwas Gemüse oder auch mal ein Fleck Schinken verirrt. Die Dicke des Teiges variiert von hauchdünn und verbrannt blasig bis wulstig teigig. Das arme Ding splittert in alle Richtungen auseinander, als man mit der Gabel hineinsticht. Aber wir waren jung und hungrig und haben ganz dolle tapfer aufgegessen.
Um meinen Kollegen Raimund völlig aus dem Zusammenhang zu zitieren: "Das können sie also auch nicht."

Wer eine vernünftige Pizza essen will, sollte gegebenenfalls in Deutschland eine bei Hallo Pizza bestellen.


Freitag, 27. Februar 2015

ru History 53: Fahrmischer & Bagger (1970/1971)



Fahrmischer
Im Sommer 1970 befand ich mich oszillierend im Besitz eines großen, maus- bis mittelgrauen Spielzeug-Fahrmischers (das sind LKW-Betonmischer). Das mit dem "Oszillieren" kam daher, dass, wann immer ich in die Hosen gepupt/gepullert hatte, musste ich das Teil wieder an meine Mutter (Queen Mom) abgeben. Sie stellte es dann hoch oben auf den Küchenschrank - gut zu sehen, aber für Zwerge unerreichbar. Blieb ich dann trocken, bekam ich das Teil wieder zurück. Mit der Zeit hatte sich das ganz gut eingependelt: Wenn ich mal wieder die Hosen voll hatte, drückte ich meiner Mutter einfach den LKW in die Hand - da wussten wir dann beide, woran wir waren.
Im Grunde ist es ein Wunder, dass ich nicht heute noch beim Anblick eines Fahrmischers Verstopfung bekomme.

Bagger
Eines Tages nahmen meine Elten mich zu Besuch zu "Leuten" mit. Die hatten auch Kinder. Dort gab es einen feuerwehrroten Spielzeug-Bagger. Es war nicht irgendein roter Bagger. Für mich war es in diesem Augenblick "Excalibur unter den Baggern"! Mit klebrigen Griffeln klammerte ich mich an diesem von den Göttern gesandten Kleinod fest. Wann immer jemand versuchte, mich von dem Spielzeug zu lösen, stieß ich das Geheul von 1.000 Höllenhunden aus. Ich pfiff sowas von auf Argumente und so einen Quatsch wie "gehört dir gar nicht" etc! Die Anwesenden standen ratlos um mich herum, zumal meine Eltern auch gerne mal wieder nach Hause gefahren wären. Am Ende einigte man sich, dass ich den Bagger "leihen" dürfe. Zu Hause war ich erst von Excalibur zu trennen, als ich fest eingeschlafen war. De Vatter nahm den Bagger an sich, stieg ins Auto und brachte ihn den Leuten zurück.


Freitag, 23. Januar 2015

ru History 52: SCHULZ, der Schrecken der Straße

photo credit: IMG_0101.jpg via photopin (license)

Ende der 80er bis in die frühen 90er gab es in meiner Heimatstadt Radevormwald einen gefürchteten Knöllchenschreiber namens SCHULZ (Name ähnlich). Von der Statur her tendenziell zu Kleinwuchs neigend, schritt er mit Kassengestell-Brille, Parka und Ordnungsamt-Täschchen auf Gesundheitsschuhen gemessenen Schrittes durch die Bergstadt. Was von außen für das flüchtige Auge arg nach "spacke Memme" aussah, war im Inneren in Wirklichkeit ein schrecklicher, gnadenloser Jäger!
Wer in der Innenstadt "mal eben" direkt vor der Apotheke parkte, heraushetzte, sofort dran kam, sein Geld passend hinlegte und zu seinem Wagen zurückhastete, hatte eine Knolle am Scheibenwischer, von SCHULZ indes keine Spur! Wer seinen Wagen aus der Einfahrt fuhr, ihn für Sekunden nur zurückließ, um noch etwas aus der Wohnung zu holen, fand eine Knolle unter dem Wischer, kein SCHULZ weit und breit. Fehlende/abgelaufene Parkscheibe -- Knolle. Das Phänomen bekam mit den Jahren etwas fast schon Übernatürliches, dermaßen effizient und vor allem schnell gelang es SCHULZ, Knollen unter Wischerblätter zu zaubern, ohne jemals dabei gesehen zu werden und danach zu verschwinden wie ein Phantom.
Ich habe in den Jahren etliche Dutzend DM an die Stadt verloren, u.a. auch wegen einer seit zwei (2) Minuten abgelaufenen Parkscheibe, aber manche Zeitgenossen muss es weitaus schlimmer erwischt haben als mich ...

In einer Nacht- und Nebelaktion lauerten einige Gesellen dem Meister der Knolle auf. Es war wohl dem Biergenuss geschuldet, dass sie sich zu einer Art provisorischer ad hoc-Bürgerwehr zusammengeschlossen hatten, um das drängende Problem einmal anzugehen. In einer der finsteren Nebenstraßen stülpten sie SCHULZ von hinten einen Sack über den Kopf und verprügelten ihn recht zünftig.
Und siehe: Der Spuk war vorbei! SCHULZ, die "spacke Memme" zog es fortan vor, seine Brötchen mit ungefährlicheren Beschäftigungen zu verdienen. Seitdem kann man in Radevormwald, "der Stadt auf der Höhe", in der Innenstadt auch mal eine halbe Stunde ohne Parkscheibe parken, ohne dass irgend etwas passiert.
Mein Dank geht an die provisorische Bürgerwehr!

Merke: Gewalt ist keine Lösung, wenn man nur drüber redet.


Sonntag, 14. Dezember 2014

ru 25 history 51: Telefonieren

photo credit: Nostalgia ! via photopin (license)
Von 1974 an gab es für "günstiges Telefonieren" den sog. "Mondscheintarif" (Wikipedia). Der führte ab 18.00 Uhr zu Schlangen an den Telefonzellen und allgemein zu so hohem Gesprächsaufkommen, dass ganze Ortsnetze nicht mehr erreichbar waren. Deshalb schaffte ihn die Post 1980 wieder ab -- wegen des großen Erfolges. Is klar. Später gab es ihn dann unter der Bezeichnung Moonshine-Tarif wieder. Die Spinner.
Das Telefonieren kostete zwischen dem 3. Januar 1980 und Heiligabend 1988 werktags von 8–18 Uhr 0,23 DM je 8 Min und die übrige Zeit 23 Pf je 16 Min.
Liebe Post: Das waren ja je nach Uhrzeit 7,5 oder 3,75 Takte die Stunde zu je 0,23 DM, was 1,73 DM oder 0,86 DM entsprach -- das habt ihr Penner doch mit Absicht gemacht, dass sich das kein Schwein merken oder nachvollziehen konnte, oder?
In den 80ern haben wir auf jeden Fall immer Hektik am Telefon gemacht. Denn keinesfalls durfte nämlich die Telefonrechnung zu Hause die magische Grenze von 50,00 DM pro Monat überschreiten, sonst wäre Tango gewesen. Dann wäre ein Wählscheibenschloss ans Telefon gekommen, wie immer gedroht wurde.
Die Telefonnummern meiner Freunde, die von Tante und Oma und die von zu Hause hatte ich alle im Kopf -- Kunststück, die Telefonnummern meiner Kindheit waren allesamt vierstellig. Wir hatten zu Hause 5411. Am grünen Wählscheibentelefon im Wohnzimmer meiner Eltern wählte ich die 4 ratratratrat, 3 ratratrat, 0 ratratratratratratratrat, 3 ratratrat. Und nach dreimal schellen (und es war eine "Schelle") hatte ich im Idealfall meinen Kumpel Michael am Telefon, oder seine Mutter, die mich dann weitergab. Wir verabredeten uns in der Stadt und wenn einer von uns beiden mal nicht pünktlich am Treffpunkt war, dann wartetet man eben so lange, bis der andere aufschien. Niemand wäre auf die Idee gekommen, jetzt in schneller Folge vier oder fünf Postkarten rauszuhauen, Inhalt: "Wo bleibst du?" und 17 Sekunden später: "Ich warte seit 5 Minuten!"
Die Wartezeit verbrachte man stattdessen damit, Ortsfremden, die mit ihrem 5 kg schweren Autoatlas von 1972 nicht weiterkamen und mit ihrem 1969er Opel Rekord am Rand hielten, den Weg zur Landessportschule zu erklären.
Irgendwann kam der Kumpel dann auch mal angeschlappt auf seinen Adidas Allround.
Und wenn nicht, dann ging man eben wieder nach Hause.


Dienstag, 24. Juni 2014

ru24 History 50 - EDEKA (1976 ff.)

photo credit: penjelly via photopin cc

Ich hatte das Thema im Blogbeitrag "Nachbarn" schon einmal angerissen, aber es gibt Geschichten, die einer gewissen Länge und Breite bedürfen ...

EDEKA, das sind für mich auch heute noch vor allem die kleinen Tante-Emma-Läden, die es während meiner Kindheit in den 70ern bis in die 80er-Jahre einen auf 5.000 Einwohner gab. Von "Supergeil" waren diese Läden damals noch geradezu grotesk weit entfernt. Die inhabergeführten "Supermärkte" waren kaum größer als 50 m², dafür so mit Regalen und Lebensmitteln vollgestopft, dass es einem chinesischen Antiquitätenhändler den Atem verschlagen hätte. Natürlich gab es keine Einkaufswagen, sondern nur Körbchen aus Stahlgeflecht mit einem roten Griffbügel. Und Linoleumboden.

Schräg gegenüber von meinem Elternhaus gab es auch einen, geführt von unseren Nachbarn Horst und Ulrike Jevers. Horst stand an der Kasse und Ulrike lauerte hinter der kaum ein Meter breiten Fleisch-Käse-Theke, manchmal war es umgekehrt. Der Fleischtresen hatte einen elektrischen Edelstahl-Wurstschneider und eine Kaufmannswaage mit einem riesigen Skalenfeld in Form eines auf der Spitze stehenden Tortenstücks. An der Rückwand zur Theke ging eine Tür ins Treppenhaus zur Privatwohnung der Jevers. Dort lebte auch ihre gemeinsame Tochter Susanne, deren Mimik allzeit absolute Ausdruckslosigkeit zur Schau stellte.
Im "EDEKA-Supermarkt" gab es für uns Kinder damals eine sinnverwirrende Vielfalt an Leckereien wie Bonitos, Lecker-Schmecker und Brauner Bär-Eis. Aber vor allem die "losen Süßigkeiten" hatten es uns Blagen angetan: sogenannte "Negertaler" (Lakritzmünzen zu je 1 Pfenning), Salinos (zu 5 Pf.) und Lakritzschnecken (zu je 10 Pf.).
Das einzige Problem waren die Inhaber.
1976: Das Kind (9, moi) bezahlte bereits mit einem mulmigen Gefühl. Horst Jevers tippte die Preise in die elektromechanische Kasse, zuletzt: Kaschinggg! Dann aber behielt der Ladenbesitzer das Wechselgeld in der gehobenen rechten Hand als Geisel, auf dass der juvenile Kunde nicht fortlief. Nun begann das gezielte Verhör. Immer ging es darum, entscheidende Wissenslücken im Tratsch und Klatsch rund um die Nachbarschaft zu füllen. Hatte man genügend "gute Antworten" geliefert, gab's auch das Faustpfand-Geld. Das war ein Gefühl kindlicher Ohnmacht. Aber auch die Erwachsenen kriegten ihr Fett weg: Die wussten nämlich genau, dass, wenn sie ihre Einkäufe woanders tätigten, verbotenerweise sogar beim Discounter, dann würde das von den Jevers keinesfalls unbemerkt bleiben. Auf gar keinen Fall. Gegebenenfalls ließen die Ladenbesitzer ihnen solches ein- oder zweimal durchgehen. Aber wenn so etwas öfter vorkäme, dann geriete jedes Familienmitglied der Missetäter unweigerlich in den Fokus der Einzelhändler. Unter Umständen verbreiteten sie ja anfangs nur harmlose, unbestätigte Gerüchte, als Warnung quasi. Zum Beispiel dass die 14-jährige Tochter der Familie R. raucht. Solches ließ sich dann steigern, z.B. dass sie sich mit drogensüchtigem Gesindel herumtreibt, so traurig! Und machen wir uns mal nichts vor: Jede Familie hat einige "echte Leichen" im Keller, man müsste nur schamlos genug sein, selbst bei Kindern danach zu graben. Und Scham war Mangelware in jenen Tagen.
Nur wenige waren bereit, den gesellschaftlichen Tod ihrer gesamten Familie hinzunehmen. Also kauften sie weiterhin überteuerte Lebensmittel, machten gute Miene zum bösen Spiel und tratschten mit. Die einzige Alternative war: Sie fielen ab von der Gnade der Einzelhändler. Dann aber gab es kein Zurück mehr: Die Jevers begannen, diese Kunden wie Scheiße zu behandeln, wagten sie es, einen Fuß in den EDEKA zu setzen. Schlimmer noch, die Nachbarn dieser Kundschaft bekamen gezielt Informationen gesteckt oder Fragen gestellt, die gewisse Vermutungen nahelegten. Natürlich nichts, was man vor Gericht hätte verwenden können. Bald aber schon grüßte diese armen Seelen nur noch der Briefträger - und manchmal nicht mal mehr der. Sie hätten eben nicht bei ALDI kaufen sollen.

Eine ältere Dame in den mittleren 50ern, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite wohnte, hatte es böse erwischt: Allzeit war sie eine Person von großer Tugend gewesen, rackerte sich redlich ab, hatte ihre Mutter lange gepflegt, war sogar noch immer ein "Fräulein". Doch dann das: In einem Anflug von spätem Frühling liierte sie sich mit einem Trinker, der sich eines Tages in einer ans Gebäude angeschlossenen Lagerhalle erhängte. Überall Polizei! Was für ein unerhörter Skandal! Wen hatte die alte Schachtel da nur angeschleppt? Hatte sie vielleicht sogar selbst Hand angelegt? Und, weitaus schwerwiegender noch: Die Dame beging ja schon seit einiger Zeit den Fehler, sich von Schwager und Schwester preiswerte Lebensmittel von Discounter mitbringen zu lassen.
Mehr brauchte es nicht: Die Jevers grüßten diese ihre langjährige Kundin nicht einmal mehr, wenn sie den Laden betrat, ließen sie auch gerne mal über Gebühr warten und raunten ihr Schnippisches hinterher.

Aber alles hat einmal ein Ende. Eines Tages in den 90ern schloss der EDEKA für immer seine Pforte: Horst und Ulrike gingen in Rente. Dann passierte länger nichts. Und plötzlich verstarben beide holterdipolter einer nach dem anderen, vor ihrer Zeit.
Tochter Susanne verzog keine Miene.

Das ist EDEKA für mich, bis heute.
Wen es noch immer wundert, dass immer mehr Menschen ihre Ware im Internet beziehen: Horst und Ulrike Jevers haben auf jeden Fall ihren nicht zu geringen Beitrag dazu geleistet.


Freitag, 16. Mai 2014

ru24 History 49 - Ölkrise (1973)

Anfang vonne 1970er fuhren de Nachbarsblagen auf nem Kettcar stundenlang durch de ganze Nachbarschaft un bei uns ummet Haus. Dat Tretauto hatte wohl en paar Winter im Freien verbracht, deswegen quietschte et sowat von gottserbärmlich. Dat Gequietsche war so dermaßen schrill, dat et allen im Umkreis quasi ununterbrochen durch Mark un Bein ging, abgesehen vonnen völlig schmerzfreien Piloten! De Blagen aufm Dingen strahlten nämlich wie de Dreckeimer, während se abwechselnd fuhren!
De Queen Mom war et ja schon länger am Planen dran gewesen un eines Tages konnte se nich mehr an sich halten. Da isse mitm Ölkännchen vonne Nähmaschine rausgerannt, hat de gerade noch wild grinsenden Blagen vonm Dingen runtergescheucht und en halbes Kännchen Öl an de strategischen Stellen getan. Währenddessen brüllten de Gören wie am Spieß, so als würden se überm Feuer geröstet. De Bälger hatten in dem Augenblick ihre ganz private "Ölkrise 1973"! De Mutter indes war ungerührt. Sowat focht se ja nich an. Als se fertich war, quietschte an dem Kettcar-Dingen nichmal nix mehr!
Aufgedunsen vonne Heulerei un mit riesigen Rotzglocken annen Nasen zogen de Blagen mitm Gefährt lautlos von dannen. Nu war Ruh.

Niemand hat et Kettcar je wieder zu Gehör oder zu Gesicht bekommen, dat war ja nu auch nich mehr interessant für de Nachbarsblagen, die sich nu en anderet Terror-Hobby zulegen mussten, vielleicht Schlachzeuch spielen oder so.


Dienstag, 18. Juni 2013

ru24 History 48 - Der neue Partykeller (1985)

http://goo.gl/D3L4t
1985. Für den neuen Partykeller hatte der Vater von Thomas M. ("Tom") echt was springen lassen: Ein befreundeter Schreiner hatte ihn nach Maß angefertigt und vor Ort eingebaut. Es sah zünftig aus, alles roch nach Holz und wunderbar dezent nach hochwertiger Honiglasur.

Zwei Wochen später beschlossen Toms Eltern, mal übers Wochenende wegzufahren. Das nahm Tom zum Anlaß, zu einer "kleinen Einweihungsparty" einzuladen.
Aufgrund einer sehr einschlägigen Erfahrung mit einer völlig außer Rand und Band geratenden, quasi öffentlichen Haus-Party, beschloß Tom, dieses Mal Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen:
1) Einladung von nur maximal 16 der üblichen Verdächtigen
2) Limitierung der Alkohol-Ressourcen auf maximal 16 Personen
3) Aufstellen von acht 10 l-Eimern - wenn sich schon jemand übergeben muss, dann doch bitte in eines der zahlreich herumstehenden, mehr als großzügigen Behältnisse!
Ein veritabler, wenn nicht sogar ein genialer Plan!

Kumpel Michael ("Gene") und ich waren noch bei einem gesitteten Sit-In-Geburtstag ("Moni") geladen gewesen, von wo aus wir dann gegen Mitternacht mit großen Erwartungen in Richtung Toms "Partykeller-Einweihungsparty" aufbrachen.
Angekommen, stellten wir fest, dass das Haus seltsam unbelebt aussah. Aus keinem der Fenster schien Licht, verrückterweise auch nicht aus den Kellerfenstern. Wir gingen zum unbeleuchteten Eingang, lauschten - nicht das geringste Geräusch drang aus dem Gebäude, wie unheimlich! Es war doch erst Mitternacht!
Wir schellten - nichts. Wir schellten nochmal - wieder nichts! Wir läuteten Sturm, klopften, endlich wurde die Tür einen Spaltbreit geöffnet. Ein leicht aufgedunsener und schwer angetrunkener Frank P. ("Pore") öffnet uns, sein Grinsen ging einmal um den ganzen Kopf herum. Unter einem Arm klemmte eine Flasche Ravini (= Aldi-Martini) - der einzige von der Feier verbliebene, kümmerliche Rest. Von hinter ihm aus dem Hausflur aus Richtung Kellertreppe wälzte sich süßlich ein fast greifbarer Dritte-Welt-Bordell-Mief ins Freie - wir husteten angewidert. Pores guter Laune tat das keinen Abbruch.
Wir wandten die Guter-Bulle-Böser-Bulle-Verhörtechnik an und bekamen so die ganze Story:
+++ SPOILER: Das ist jetzt mal nix für Zartbesaitete +++
Was bisher geschah:
Von den handverlesenen, geladenen 16 Gästen erschienen nur acht. Dies hatte allerdings zwei Vorteile: Erstens hatte jetzt jeder seinen eigenen Eimer und zweitens war nun doppelt so viel Alkohol wie geplant für jeden da! Hurra! Man becherte, was das Zeug hielt, die Stimmung stieg! Schon bald musste sich der Erste übergeben, fein, wie geplant in den Eimer! Das war Disziplin, das lief wie gedacht! Das Bechern ging weiter, die Stimmung stieg schier ins Unermessliche! Die Alkohol-Vorräte schrumpften zusammen wie Schnee in der Sonne! Hoch disziplinierte Zecher übergaben sich gar sittsam in die bereitstehenden Behältnisse - der geniale Plan ging ja mal sowas von auf! Die Stimmung wollte schier bersten, steigerte sich von Höhepunkt zu Höhepunkt!!! Andreas L. ("Leisi"), seines Zeichens begeisterter B-Jugend-Fußballer, hielt es vor schier aufschäumendem Übermut nicht mehr auf dem Sitzplatz! Hier brach sich brachial der innewohnende Kicker Bahn! Leisi holte aus, trat und traf! Wieder und wieder! Als ihn die arg besudelten Jungs zu Boden gerungen hatten, war es bereits zu spät: Andreas hatte alle acht schwappenden Kotzeimer elfmetermäßig durch den brandneuen, maßangefertigten Hobbykeller getreten und deren Inhalte großzügig auf Decke, Wände, Mobiliar und Zecher verteilt.
Danach begann das trunkene wie panische Reinigen des besudelten Ortes, zuletzt hatte man gegen den bitterbösen Gestank alle im Haus befindlichen Duft- und Deosprays in den Keller geblasen. Dann waren gegen 23.00 Uhr alle völlig erschöpft schlafen gegangen.
Wir fanden den Gastgeber Tom in seinem Bett vor. Als er erwachte, strahlte er wie ein Dreckeimer und lallte ein begeistertes "Hey, der Henning!", um dann ansatzlos in den Papierkorb neben dem Bett zu kotzen. Was doof war: Der Papierkorb war aus Bast und funktionierte in diesem Fall wie eine Küchen-Seihe.
Pore war in der Zwischenzeit wieder eingeschlafen, er hielt die Ravini-Flasche wie einen Teddy im Arm. Die Flasche ließ sich ihm nur entringen, indem wir eine leere Flasche in die Armbeuge nachschoben, jetzt hatten wir Neuankömmlinge wenigstens auch etwas zu trinken.
Leider hatte der Ravini mittlerweile Körpertemperatur - bäh!
Wir trollten uns nach Hause.

Dieser Partykeller hatte vermutlich die längste Zeit nach Holz mit Honiglasur gerochen.


Samstag, 25. Mai 2013

ru24 History 47: Hochfrequentes Gekreische (1986)

http://goo.gl/Wd5wA
1986 war ich mit Kumpel M. auf Teneriffa (Kanaren) in einer Hotelanalge namens Bahia Parque. Den Urlaub hatten meine Eltern bezahlt, ich sag mal, es war jetzt alles nicht ganz so übel. Das Hotel lag etwas entlegen inmitten von Bananenplantagen, im Meer konnte man zwar wegen einer hammermäßig starken Strömung nicht schwimmen, aber sonst, hey! Deutsche waren nicht zu viele dort, die meisten anderen hier absteigenden Touristen waren zu diesem Zeitpunkt reichlich unverständlich sprechende Walliser (möglicherweise aus Caerdydd) und minimal  verständlicher sprechende Briten aus anderen Teilen des Vereinigten Königreichs.

An unserem ersten Abend vor Ort beschlossen Kumpel M. und ich nach dem Abendessen, mal die hoteleigene Disco zu besuchen. Wir waren jung und bretzelten uns etwas auf. Bei mir bedeutete das, dass ich mir die Haare bürstete, was unterm Strich bedeutete, dass ich keinen Deut anders aussah als vorher. Ich hatte ein nicht zu bändigendes Medusenhaupt, seinerzeit. Kumpel M. war da etwas ausgebuffter: Er schlüpfte in eine schwarzweiße Leoparden-Röhrenjeans, was bei [deutschen] Metals in den 80ern durchaus im Rahmen der Möglichkeiten lag. Dazu kamen passendes Shirt mit japanischen Schriftzeichen, Kangaroos-Turnschuhe, die Haare wurden möglichst stachelig hochgestylt und los gings.
Wir betraten die Disco. Anwesend waren vielleicht gerade mal 50 Jugendliche. Dann brach plötzlich das ohrenbetäubende, hochfrequente Gekreische einer Massenpanik aus! Menschen strömten quiekend wie Schweine aber mit maximalem Abstand zu uns an uns vorbei in Richtung Ausgang, es war eine Stampede aus dem Nichts!!! Sekunden später standen wir zwei alleine in der Hoteldisco. Die Discokugel drehte sich etwas verhalten, es spielte "Frankie Goes to Hollywood - Rage Hard".
"Hä?", fragten wir uns gleichzeitig.
Blut rauschte in unseren Ohren.
Hinter dem DJ-Tresen kauerte der Plattenaufleger und deutete mit zitterndem Finger auf Kumpel M.s Hose.
"The trousers! Gay! Gay! ... Not good! ... AIDS!!!", winselte er.
Uns ging auf, dass das  hochfrequente Gekreische der Massenpanik nichts anderes gewesen war als ein einziger, durchgehender Schrei: "A-A-A--I-I-I--D-D-D--S-S-S!!!"
OK, Kumpel M. hatte mit seiner Leoparden-Hose also eine AIDS-Massenhysterie ausgelöst...
Worauf man nicht sofort kam: Die vorwiegend britischen Jugendlichen hielten ihn nur aufgrund seines Beinkleids für 1) schwul, 2) selbstverständlich HIV-infiziert und 3) etwa so hochgradig infektiös wie einen Ebola-Fall.
Jetzt spielte es "Genesis – Invisible Touch".
M. verschwand in Windeseile im Hotelzimmer und zog sich sehr schnell um.
Mit anderen Hosen konnte er den Fall dann noch aufklären.


Mittwoch, 13. März 2013

ru History 46 - Hotline bei -14°C (2000)

http://goo.gl/O5rJi
Beim "Job out of hell" habe ich seinerzeit dem Endkunden am Telefon so allerlei Software verkauft (Blogbeitrag). Es war u.a. eine ziemliche Menge Zeugs von Symantec, also Norton Antivirus, Norton Utilities, Internet Security, Uninstall, Winfax.
Symantec (Wikipedia) kauft seit 1990 Firmen mit gut funktionierender Software auf, um sich die Produkte einzuverleiben. Da wurden innovative, schlanke Produkte (wie etwa "Ghost" von Binary Research oder "Partition Magic" von PowerQuest) in etwas grotesk Aufgeblähtes, Gräßliches in symantecgelb transformiert und an liquide Rentner verkauft. PCs gingen in die Knie, es blieb kein Auge trocken!
Wo Software an den Endkunden verkauft wurde, da gab es auch eine Hotline für technische Probleme. Eine Hotline (Definition) ist ein "heißer Draht" des Kunden zum Hersteller. Um die Jahrtausendwende herum hatte die Symantec-"Hotline" ihren Sitz in Ratingen. Dieser "heiße Draht" war weder "hot" noch "warm", er war leider "nur zwei Grad wärmer als ein Speise-Eis". Es war nicht nur sehr "zeitintensiv", diese Hotline zu erreichen, oder "reine Glückssache", es war SCHLICHTWEG UNMÖGLICH, jemanden ans Telefon zu bekommen. Symantec hatte für die Telefonannahme ganze zwei (2) Studenten eingestellt (die auch nicht immer da waren - sie mussten ja auch mal studieren). Von der anbrandenden Flut der Anrufe waren die Jungs so dermaßen überfordert, dass sie tagelang einfach die Telefonhörer daneben legten und Käsekästchen spielten.
Neues Jahrtausend, neues Glück: Als der Software-Markt härter umkämpft wurde, Endkunden nicht mehr mechanisch alles und zu jedem Preis kauften, da lagerte Symantec die "Hotline" von Ratingen nach Rajastan aus.

Was aus den beiden Studenten geworden ist, ist unbekannt - bitte meldet euch!
Ob die indischen Hotline-Hanseln auch mal tagelang nicht ans Telefon gingen - man weiß et nich.


Freitag, 8. März 2013

ru History 45 - Zu spät beim Zivildienst

http://goo.gl/vfVRV
Bereits in sehr jungen Jahren hatte ich beschlossen, dass "Bundeswehr" keinesfalls etwas für mich war. Dennoch nahm ich 18-jährig (1985) erst einmal die Einladung zur Musterung im Kreiswehrersatzamt in Solingen an. Dieses verstörende Erlebnis räumte letzte Zweifel aus - und es lag beileibe nicht nur an Solingen. Mithilfe eines Remscheider Pastors, der sich auf Verweigerungen spezialisiert hatte, schrieb ich ein ultimativ aufpeitschendes Pamphlet. Wann immer ich diese aufwühlenden Zeilen las (sechs eng beschriebene Schreibmaschinenseiten), schossen mir die Tränen in die Augen! Das war ganz, ganz großes Kino!!!
Und tatsächlich: In nächster Zukunft war das "Bundesamt für Zivildienst" für mich zuständig. Ich bewarb mich um eine Stelle bei der Lebenshilfe in Remscheid-Lennep und wurde angenommen.

Am großen Tag war ich etwas aufgeregt, fünf Minuten vor Arbeitsbeginn betrat ich das Behinderten-Wohnheim, meine neue Dienststelle für die nächsten 18 Monate.
Im feudalen Eingangsbereich stürzte sich so freudestrahlend wie eloquent ein Herr auf mich. Begeistert schüttelte er meine Hand, jauchzte: "Wunderbar! Sie sind sicherlich der neue Zivildienstleistende! Mein Name ist Kluth!"
Na, das fing ja gar nicht so schlecht an!
Herr Kluth trug ein weißes Hemd, ein Jackett und ein aufdringliches Rasierwasser. Rückblickend würde ich heute sagen, dass bei einer Verfilmung des Blogbeitrags ein Christoph Waltz (im Fatsuit & mit seit längerem überfälligen Friseurtermin) die Idealbesetzung wäre.
"Ich führe Sie herum!", schäumte er.
"So, dies ist die Großküche sozusagen. Haha! Nun, wie Sie sehen ist hier alles auf die Belange der Verpflegung der 25 Bewohner eingerichtet! Mit allem Komfort und Zurück sozusagen - haha! Wenn Sie sich selbst ein Bild machen möchten: Schauen Sie hier!"
Seine Eloquenz riß mit Elan die Schränke auf, wies auf Lebensmittel, Gewürze und Gerätschaften hin.
"Wenn Sie mir zu den Bädern folgen wollen!"
Herr Kluth verschwand energiegeladen in einem der Bäder des großen Hauses, sein Sog riss mich förmlich mit. Wortgewaltig pries er dieses und jenes. Im Handumdrehen befanden wir uns im ersten Stock, begutachtetetn die Zimmer der Bewohner, weitere Bäder, Wohnzimmer.
Die Führung dauerte jetzt schon 20 Minuten - mir schwirrte der Kopf!
Das Bonbon der Führung, den Höhepunkt hatte sich Herr Kluth für den Schluss aufbewahrt.
"Und das hier ist mein Zimmer! Haha!", er ließ sich aufs Bett plumpsen.
"Jetzt zeige ich Ihnen meine Fotoalben!", rief er aufgeregt.
"!!!", sagte ich.
Ich hatte mich 20 Minuten lang von einem Heimbewohner herumführen lassen!

So kam ich an meinem ersten Tag an der Dienststelle 15 Minuten zu spät.
Mit Herrn Kluth hatte ich in den nächsten eineinhalb Jahren noch viel Spaß.


Dienstag, 12. Februar 2013

ru history 44 - WG mit Ludger (1991 ff.)

http://goo.gl/74qvy
Nachdem es in meinem Elternhaus noch ungemütlicher geworden war, zog ich 1991 kurzentschlossen bei Kumpel Ludger (Name geändert) ein. Hier gab es zwar nur ein Durchgangszimmer für mich, aber da konnte ich aufgrund langjähriger Erfahrung mit umgehen.
Jetzt bewohnte ich eine WG mit Ludger!
Ludger hatte schon immer hier gewohnt, es war sein Elternhaus, das er nach dem Ableben seiner Eltern übernommen hatte, incl. dem Pudel namens Pascha (Name nicht geändert). Pascha war der Hund alter Leute gewesen. Wenn er winselte, um mal zu »müssen«, öffnete man ihm die Haustür und der Hund kackte dann ganz unbefangen auf den Hof. Manchmal streifte er noch auf dem Grundstück herum bis zum Zaun, um in den Wald zu schnuppern. Manchmal kackte er in mein Zimmer.
»Barfuß« blieb bis zuletzt spannend.

Ludger hatte Kellerräume satt. Einmal die Woche trug er das Altglas von unter der Küchenspüle in den hintersten Kellerraum und stellte das Leergut in Reih und Glied an die Wand. Die Wochen flogen nur so dahin. Nach einer Weile war Kellerraum 1 mit einer geschlossenen Glasdecke versehen, dann wurde Kellerraum 2 ausgebaut. Irgendwann kam Ludger hoch und sagte zu mir den gefürchtetsten aller Sätze: »Wir müssen Altglas wegbringen!«
Bewaffnet mit allen Plastiktüten, derer wir habhaft werden konnten (und das waren einige), machten wir uns daran, säckeweise Glas mit verschiedenfarben schimmelnden Inhalten einzusammeln (Nutella schimmelt eher grau, Nusspli eher grünlich). Die beiden Autos wurden bis zum Stehkragen damit vollgestopft (mein Kadett D schaffte mit umgeklappter Rückbank eine Riesenmenge). Mit beiden Autos zweimal fahren - fettich!
Dann fing alles wieder von vorne an.

Im Keller des Hauses hätte man WK II-Luftschutzbunkerfilme drehen können. Das lag zum Einen am vor sich hinrottenden Gewölbe-Ambiente, zum Anderen daran, dass völlig authentische Lebensmittelkonserven dort herumstanden. Zum Beispiel gab es Einmachgläser voller mittlerweile durch Ausbleichen kaum noch zu identifizierenden Obstleichen à la »Stachelbeere« und »Sauerkirsche«. Spektakulär war eine Sammlung weiß angelaufener Zinkblechkonserven und vor sich hinrostender unverzinkter Konservendosen. Die Konserven waren aus einer Zeit, als es noch nicht üblich gewesen war, ein Mindesthaltbarkeitsdatum aufzudrucken. Der Höhepunkt der Ausstellung war eine kleine Dose Mandarinenstücke, die in einer schwarz-glänzenden Pfütze Fäulnis stand. Das Etikettenpapier war rundum schwarz angelaufen und der Ausdruck nur noch durch die Unterschiede von matter zu glänzender Oberfläche auszumachen. Vorne, mittig durch die Dose, wuchs ein knubbeliger graugrüner Pilz durchs Blech nach außen.

Eines Tages fand ein lustiges Kaffeetrinken mit den halben Freundeskreis statt. Hoch die Kaffeetassen! Irgendwann ging die Kaffe-Milch zur Neige und Kumpel Frank sagte: »Ich weiß, wo die im Keller steht!«, sprang auf und verschwand. Im Handumdrehen tauchte er wieder auf, eine Konservendose »Bärenmarke« in Vorhalte. Das Etikett wirkte seltsam antiquiert, das Blech war angelaufen. Alle blickten zweifelnd, außer Frank, der bereits nach einem Dosenlocher suchte. Eins, zwei waren die Löcher gestanzt. Frank drehte die Dose um und drückte - nichts! Er drückte fester. Noch fester. Endlich kamen graue, griesige Würste aus den Löchern. Als er den Druck minderte, wurden die Würste wie Rotz wieder in die Dose zurückgesaugt incl. eines hoch authentischen Geräuschs. Alle starrten mit ekelgeweiteten Augen, nur nicht Frank, der seine Bemühungen verstärkte. Zuletzt bekam er genügend von der grauen Masse in die Tasse, verrührte das Ganze und nippte zur Fassungslosigkeit aller tatsächlich an seinem völlig verseuchten Heißgetränk. Der Kaffe schmeckte »grau«. Bei dem Schluck ließ er es bewenden. Er hatte noch Stunden später stumpfe Zähne davon.
Merke: Ist »Bärenmarke« in Frakturschrift geschrieben, ist das Verfallsdatum überschritten.

Ludger war ein großer ambulanter Esser*. Er hatte das ambulante Essen quasi auf eine ganz neue Ebene befördert. Lässig stand er an der Anrichte, einen offenen Tetra-Pak O-Saft in die Achselhöhle geklemmt, in der einen Hand eine Scheibe Aldi-Graubrot, in der anderen Hand eine Packung Fleischsalat zum Dippen. Hier wurde im wahrsten Sinne »aus dem Stand« - ein komplettes Mahl bereitet und verschlungen, ohne dass man solchen Killefitt wie Teller, Besteck oder gar Servietten benötigt hätte. Finger ablecken, O-Saft-Tüte angesutscht und halbvoll in den Kühlschrank stellen und dort vergessen - das war ambulantes Essen at its best!
*) Gegenteil: "stationäres Essen", z.B. regulär an einem Tisch

Wenn so ein geöffneter und angesutschter 1,5 l-O-Saft mal eine zweistellige Anzahl an Kalenderwochen im Kühlschrank vor sich hin gerottet hatte, war die Entsorgung desselben nichts für Lappen. Normalerweise würde man den Inhalt des Beutels in die Spüle oder ins Klo kippen. Normalerweise. Schon, wenn man den Beutel kippte, konnte man spüren, wie sich ein faustgroßer, kompakter Strunk Fäulnis im Inneren verlagerte und - tschwomp! - den Ausguss am Tetra-Pak verstopfte. Ja, auch, wenn man sehr fest drückte. Dies war immer ein Kandidat für komplett-in-die-große-Tonne!

Eines Tages betrachtete Ludger versonnen seine Wohn-Küche. Er entdeckte einen flammend orangeroten elektrischen Hähnchengrill, ein Relikt aus den 80ern. In einem Anfall von Häuslichkeit beschloss er, das Ding einfach mal zu benutzen. Erstmalig in seinem Leben kaufte er bei ALDI ein tiefgefrorenes Hähnchen. Doch wohin mit dem gefrorenen Geflügel? Ludger, nicht dumm, steckte das Getier zum Auftauen direkt in den ausgeschalteten Mini-Grill, denn so war es nirgends im Weg!
Ein genialer Plan! Begeistert wandte Ludger sich anderen Dingen zu.
Es wurde April.
Die Quelle des grauenerregenden Verwesungsgeruchs in der Küche war nicht leicht auszumachen. Zuletzt fand man das wirklich, wirklich sehr aufgetaute Hähnchen im besagten Elektrogerät. Dummerweise öffnet Ludger die Luke. Es blieb kein Auge trocken. Das Hähnchen hatte übrigens bereits wieder dichten Flaum. Es hörte auf den Namen Haarald. Ludger schmiss entgegen sonst so strenger Mülltrennungsregeln Haarald mitsamt seinem Minigrill-Sarkophag auf den Müll.


Es kam, wie es kommen musste: Sigrun (Name geändert) trat in Ludgers Leben. Sigrun war arg reinlich und urst häuslich. Sie war eine spektakuläre Bäckerin und Köchin, als Hobby sammelte sie Kochbücher. Ihre Küche war stets sauberer als ein Reinraum bei der Mikrochipherstellung. Wir haben das heimlich überprüft. Mehrfach. Und selbst in der Woche deckte sie morgens vor der Arbeit den Tisch mit Sets, die mit den diversen »Servietten der Saison« wohlfeil harmonierten.
Das Ambulante war Sigruns Sache nicht. Selbst im für den Ottonormal-Looser üblichen hochnot-ambulanten Camping-Ambiente konnte sie keineswegs auf die einfachen Freuden von Kaffeevollautomat, Mikrowelle, Satellitenantenne, Sets und Servietten verzichten.
Als sie Ludger eines Tages in ihrer Küche beim ambulanten Essen erwischte, bekam sie einen Nervenzusammenbruch und musste zwei Wochen lang hochdosierte Psychopharmaka einnehmen. Ludger legte daraufhin diese Methode der Nahrungsaufnahme aus Sicherheitsgründen gänzlich ab.
Na, da passte ja alles ganz wunderbar zusammen!
Ludger zog zu Sigrun, die Wohnung wurde verkauft, unsere WG-Zeit war zu Ende.


Dienstag, 5. Februar 2013

ru history 43 - Dorfpunk (1984)

http://goo.gl/KKD7k
In meiner Heimatstadt 5608 Radevormwald gab es eine sehr übersichtliche Anzahl an diversen Jugendkulturen. Den hintersten Platz im Ranking belegte wohl "Punk" mit einem (1) auf 25.000 Einwohner.
Dieser singuläre Punk hieß Rambow.
Rambow war mittelblond und hatte immer ausgeblichene rote und grüne Einfärbungen im Haar, manchmal hatte er es auch halbherzig aufgestachelt. Er trug eine mit Domestos fleckig gebleichte Jeans, Springerstiefel und eine schwarze Motorrad-Lederjacke, auf der er mit einem weißen Edding "DRECKICHISSA", "STINKENTUTA" und "IN JEDER PFANNE STECKT EIN KIND" geschrieben hatte.
Rambow, der keinen Vornamen hatte, lungerte quasi vollzeit mit Bierdose (Hansa-Pils) am Neumarkt herum. Er gehörte damals zum Stadtbild wie die vier Kirchtürme.
Eines Tages erschien er seitengescheitelt mit dunklem Jackett und wohlfeilen Schuhen und hinterließ scharenweise Jugendliche in Schockstarre!!!
"Rambow, wat is???", kam es aus vielen Mündern gleichzeitig.
"Ey, Alta, war bei Gericht, Mann! Hatte im Suff ne Mülltonne umgetreten, oder ne Oma - un darum ginget."
Ach so.


Sonntag, 30. Dezember 2012

ru History 42 - Vegetarier, Buddhismus und ein Aprikosenkompöttchen (2002)

http://goo.gl/rT4OL 
Es begab sich aber zu der Zeit, dass ich neue dufte Leute kennengelernt hatte, seinerzeit in '02. Um die beiden Pärchen besser kennenzulernen, lud ich sie eines Tages zu mir nach Hause ein.
Ein Hamburgeressen gefällt doch allen!
Nun gibt es ja bei der Spezies "Gäste" immer allerlei zu beachten. Der Freund einer der Geladenen war Buddhist. Also fackelte ich nicht lange und besorgte Bio-Grünkernfrikadellen. Man bekommt in einer "zurückhaltend designten" Schachtel (= DDR-Optik) eine Art Müsli geliefert, das man mit Ei aufquellen läßt, um es dann wie "richtige" Frikadellen in der Pfanne zu braten. Geht.
Als Nachtisch ließ ich vier Beutel getrocknete Aprikosen in Wasser wieder aufquellen und verkochte sie zu einem Aprikosenkompöttchen. Ich hielt das für eine gute Idee - wirklich, ich schwöre!
Die Gäste trudelten ein.
Was als erstes geschah: Der Buddhist griff sich eine Fleischfrikadelle und inhalierte sie Om-nom-nom-Style. Hä? Als nächstes outete sich seine nicht-buddhistische Freundin als Vegetarierin - sie freute sich aufrichtig über die Veggie-Frikas.
Tsts! So rum geht's ja auch...
Wir hatten einen sehr schönen Abend, ... bis ich den Nachtisch reichte: Alle bekamen schreckliche Diarrhoe (vulgo Durchfall). Die Gäste fühlten sich auf meiner urst hellhörigen Toilette gar nicht wohl und verließen den Schauplatz geradezu explosiv - mit hervortretenden Augen. In den Autos der fluchtartig heimkehrenden Gäste müssen sich auf dem Nachhauseweg noch unvorstellbare Szenen abgespielt haben...
Wir wurden trotzdem Freunde.
Hurra!


Mittwoch, 28. November 2012

ru History 41: Kohle verdienen (1986)

http://goo.gl/Ik5CK 
1986 war ich also noch in der kaufmännischen Ausbildung bei einem Ford-Händler (Blogbeitrag).
Eines Tages schleppte eine alte Frau, die sich kaum selbst auf den Beinen halten konnte, ihren noch viel gebrechlicheren Gatten in die Austellunghalle. Der Ehemann litt unter einer Art Schüttellähmung, war halb blind und Ende 80. Mein Ausbilder, eine Art aufgeschwemmter Mr. Burns, begann auf der Stelle, sich dämonisch die Hände zu reiben. Seine Pupillen verformten sich in Dollarzeichen. Wieselflink scharwenzelte er in die Halle, um ohne Verzug mit dem Verkaufsgespräch zu beginnen.
90 Minuten später war der Kaufvertrag unter Dach und Fach. Der Vertrag ging weder über eine Krankentrage oder über einen Rollstuhl, weit gefehlt! Es sollte ein Ford Scorpio Ghia mit 110 KW/150 PS sein, sicher, sicher. Der Wagen musste wegen der Sitzhöhenverstellung bestellt werden, damit der greise Fahrer überhaupt übers Lenkrad schauen konnte. Beim Leisten der Unterschrift musste der alte Mann mit der Linken seine Schreibhand festhalten.
Als die Gattin ihn hinausgeschleppt hatte, fragte ich meinen Ausbilder, was er denn denke, wie lange das wohl gut gehen sollte. Er zuckte nur verzückt mit den Schultern, kalkulierte bereits mit in die Ferne gerichteten Blick etwaige Folgeaufträge durch, die kaum auf sich warten lassen würden.
Nach einer Weile wurde der Wagen geliefert, fertiggemacht und abgeholt. Opi und Omi tuckerten mit 22 km/h vom Hof, der fette Mr. Burns blinzelte dem Wagen begeistert hinterher, rieb sich die Hände.
Es dauerte wirklich nur drei Wochen.
Der Scorpio Ghia war Totalschaden. Was aus etwaigen Unfallbeteiligten geworden ist, habe ich leider nicht erfahren. Mein Ausbilder nahm sich mit Dollarblick sofort der Alten an, konnte aber leider nur noch einen Fiesta mit Zusatzpaket "Fahrersitzhöhenverstellung" an den verwirrten Tattergreis bringen, was für eine Niederlage!

Klar: Bevor der Deutsche Greis das Fahren aufgibt, muss es schon noch mehr als nur "ein paar" Tote geben.
Und solange man Kohle damit verdienen kann, ist es doch OK - 'wir' verkaufen ja auch Waffen in alle Welt und - hey! - zivile Opfer kann doch es immer mal geben.


Samstag, 10. November 2012

ru History 40 - Der böse Schatten (1973)

goo.gl/IXJcc
Im Sommer 1973 war ich sechs und mit meinen Eltern und Bruder im "Schurkenstaat" Spanien in Urlaub.
Ein aufpeitschender erster Satz!
"Generalissimo" Francisco Franco führte 1936 den Staatsstreich gegen die demokratisch gewählte Regierung Spaniens an. Nach dem blutigen Bürgerkrieg regierte er Spanien  von 1939 an zusammen mit rechten Militärs als Diktator "El Caudillo" - "der Führer" - bis zu seinem Tod im November 1975. Dann erst begann eine Phase friedlicher Demokratisierung.
Im Sommer 1973 war die paramilitärische Guardia Civil sicherlich noch drastisch badassmäßiger drauf als heute...
"Unter Franco wurde die Guardia Civil als Repressionsinstrument gegen politisch Andersdenkende genutzt. Im Allgemeinen war sie für das Regime das Instrument, um der Landbevölkerung Präsenz und Stärke zu demonstrieren." (Quelle)
Eine meiner eindringlichsten Erinnerungen an diesen Urlaub sind weder Sonne, Strand noch Meer, sondern ein an einer Straßenecke stehender Guardia Civil-Mann. Während wir mit dem Auto an ihm vorbei fuhren, drückte ich mir (natürlich unangeschnallt auf der Rückbank) die Nase an der Scheibe platt.
Dunkle Uniform, sehr gerader Rücken, dieser merkwürdige, glänzende Hut von undeutbarer Form und ein riesiges Pistolenhalfter incl. Riesenknarre. Die gesamte statuengleiche Ausstahlung war streng, herrisch, stolz und vor allem - gefährlich. Alles an diesem Ordnungshüter/Repressionsinstrument schrie laut und überdeutlich: "Don't fuck with me, buddy".
Insgesamt ergab sich eine außergewöhnliche, unverwechselbare Silhouette, im spanischen auch "la mala sombra" - "der böse Schatten" genannt.


Freitag, 28. September 2012

ru History 39 - Kennen Sie Jacques Nose?

bit.ly/VTpTP6
Sommer 2009 war ich mit Freunden und dazugehörigen Kindern (9 und 13) campen.
Die Kinder, Robin und Tom unterzogen den Kiosk des Campingplatzes täglich mehrfach eines Feinscans, ein nicht wenig zeitaufwendiges Vergnügen. Weiterhin radelten sie herum und entwickelten perfide Systeme, wie sie das Trampolin des Spielplatzes für sich alleine haben konnten. Wenn mal gar nichts los war, erzählten sie sich Witze, die sie zwar schon kannten, was aber der explosiven, manischen Lustigkeit der beiden nach jeder der 'Pointen' keinen Abbruch tat.
Interessiert ging ich herüber zu ihnen.
"Kennst du Jacques Nose?", fragte Tom begeistert.
"Nee!"
"Jacques Nose trägt keine Uhr - ER entscheidet wie spät es ist", schrattelte er und beide Jungen krümmten sich vor Lachen.
"Jacques Nose Tränen könnten Krebs heilen, doch Jacques Nose weint nie!", erzählte Robin.
Beide: "Muahahaha!"
Soso.
"Leute: Ihr meint 'Chuck Norris'!", sagte ich.
"Nee-hee! Der heißt Jacques Nose!!!", brüllten sie im Chor.
"Aber mal ganz sicher NICHT. Der heißt wirklich 'Chuck Norris'!"
Ein Paar sehr grüner und ein Paar sehr blauer Augen blickten mich erstaunt an.
Woher sollen 1997 und 2000 geborenen Kinder auch Chuck Norris kennen?
"Chuck Norris ist ein amerikanischer Schauspieler. Und der hat den Schwarzen Gürtel in 'Alles'. Roundhouse-Kick, 'Missing in Action' und so."
So richtig hatte ich die Kinder nicht überzeugen können, dass der mythische Mr Nose eine reale Person war, ich hatte aber auch kein Internet dabei wie heutzutage Hans & Franz.
Ich ließ mich wieder in den Liegestuhl plumpsen.
"Chuck Norris bekommt bei Praktiker 20 % auf alles. Auch auf Tiernahrung", rief ich den Kindern zu. Fanden sie aber nicht so dolle.

Die Witze waren vermutlich auf dem Schulhof von Schülergeneration zu Generation mündlich tradiert worden, bis niemand mehr wusste, dass es um einen Schauspieler ging. Irgendwann in 2.000 Jahren oder so hat ein Jacques Nose das Zeug zum nächsten Heiland - "Jacques Nose kann über Wasser gehen" etc. pp.


Verwandte Themen: Blogbeitrag, Blogbeitrag.
Mehr ru24-Chuck Norris: Blogbeiträge.
Fast alle Chuck-Norris-Witze: Link


Samstag, 5. Mai 2012

ru History 38 - Queen Mom flucht (1979)

http://bit.ly/INUus6 
Mit der ersten Ölkrise 1973 (Link)  kam es zu einem satten Preisanstieg der Benzinpreise, mit der zweiten Ölkrise 1979 (Link) schossen die Preise durch die Decke. Irgendwann in '79 überstieg der Spritpreis dann erstmals die "magische Grenze" von 1,00 DM (0,51 EUR).
Mon dieu!
"Das sind doch Arschlöcher!!!", fluchte Queen Mom aufgebracht. Es war wie ein Peitschenhieb, weil QM grundsätzlich nie fluchte oder Kraftausdrücke verwendete.
Bei diesen Preisen würde sich doch bald niemand mehr leisten können, Auto zu fahren!


Interessanter Link.