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Samstag, 12. November 2022

Things we lost (in the fire) - Teil 19: Chrissis Gastbeitrag

Kindergeburtstag

Chrissis Gastbeitrag
1990 hatte ich gerade mein Grafikdesign-Diplom in der Tasche und wollte in Kanada durchstarten. Leider gab es eine Rezession und Jobs waren Mangelware. Die Zeitungen waren voll mit Stellengesuchen, aber Angebote gab es nicht. Also beschloß ich abenteuerlustig, mein geliebtes Montreal zu verlassen, um in Hamburg ein Praktikum in der Werbeabteilung bei Hapag Lloyd zu machen. Von dort aus waren meine Eltern vor 22 Jahren nach Kanada ausgewandert und meine Oma Ilse lebte noch dort. Wenn die Rezession nach einem Jahr vorbei wäre, würde ich mit besseren Deutschkenntnissen und Auslandserfahrung unterm Arm nach Montreal zurückkehren und schnell einen tollen Job finden!

Am Tag der Abreise bekam ich von meiner lieben Mom ein Fotoalbum — damit ich alle nicht vergesse, wenn ich so lange so weit weg bin. Es enthielt Fotos von mir als Baby, der Schulzeit in Kanada mit Skiausflügen, meine Balettaufführung als Pink Panther, den Tagen ohne Strom und fließend Wasser auf meinem Lieblingsort Ain’s Insel, der wilden Hippiezeit meiner Eltern und viele Fotos von Freunden durch die Jahre. Es gab Fotos von den Katzen Minzipinzi auf dem Geschenketisch meines sechsten Geburtstages und von Psychocat in meiner ersten eigenen Wohnung in Montreal, die ich zusammen mit meiner Schwester Anja bezog.

Die Rezession dauerte tatsächlich sieben Jahre und ich blieb in Deutschland. Ich lebte vier Jahre lang in Hamburg, 17 Jahre in Berlin und elf Jahre lang in Wuppertal und das Album war immer nah und hat mir gezeigt, wo ich herkam — die Menschen, die Orte, die Erlebnisse. Von allen Dingen, die ich verloren habe, ist dieses Album der herbste Verlust.

Ich werde weitere Dinge, die ich im Feuer verloren habe, auf Facebook posten — wer mag, kann von Zeit zu Zeit dort vorbeisehen. Ich freue mich drauf, ab Dezember mit Henning ein neues Zuhause aufzubauen und dort neue Erinnerungen zu schaffen.


Inhaltsverzeichnis der gesamten Serie


Freitag, 21. Juli 2017

NSU-Prozess

photo credit: Dave_B_ courtroom 600 via photopin (license)

NSU, das war mal -- als Kurzform für den Namen des Firmensitzes "Neckarsulm" -- ein Auto- und Motorenbauer, der 1975 mit der Auto Union GmbH zu "Audi NSU Auto Union AG" (später: "Audi AG") fusionierte.

Heute steht NSU erst einmal für Nabelschnurumschlingung (Link) und dann, auch scheiße, für "Nationalsozialistischer Untergrund", dem rechtsextremen Netzwerk.

Nach vier Jahren akribischem Herumprozessieren an Beate Zschäpe neigt sich der Mammutprozess so langsam dem Ende zu, auch wenn es ihre Anwälte noch nicht so ganz wahr haben wollen.
Unterm Strich war das Ganze absolut kein Ruhmesblatt für den deutschen Staat und seine Verfassungsorgane. Geshredderte Akten, Fahndungspannen, politisches Herumlavieren, Untersuchungsausschüsse, Verfassungsschutz-Bullshit-Bingo in groben Dosen mit aberdutzenden, wenn nicht hunderten V-Leuten an jeder Ecke, die ihre Wurstfinger tief im Braunen hatten und noch haben, ggf. sogar maßgeblich beteiligt waren. Und immer wieder Vertuschung: Ein Bericht des Verfassungsschutzes über hessische NSU-Kontakte wird sogar ganze 120 Jahre als "geheim" eingestuft (Link) -- bis ins Jahr 2134! Kein Spaß! Selbst die Kennedy-Akten sind nur 75 Jahre unter Verschluss! Lückenlose Aufklärung hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel den Betroffenen versprochen. Keine Bange: Unsere Mutti hält doch immer ihr Wort! Es war nur nie die Rede davon, wann aufgeklärt wird... .

Auch kein Ruhmesblatt ist es für das rechtextreme Netzwerk NSU, dass Zschäpe jetzt vor Gericht so tut, als habe sie dem NS-Rollenklischee entsprechend immerfort Kissen aufgeschüttelt, Klöße mit brauner Soße gekocht und den Herren die Stiefel gewichst, während Mundlos und Böhnhardt Straftaten begingen. Herrgott! Bei den Nürnberger Prozessen waren die meisten Angeklagten nach eigenen Aussagen "verängstigte Mitläufer" oder "verhinderte Widerständler", na sigi. Gibt es hierzulande eigentlich nie Nazis, die genug Eier/Rückgrat haben, mit lauter und fester Stimme zu verkünden: Ich stand dazu und stehe noch immer dazu?
Alles braune Memmen.
So traurig!

Das muss man dem Vollirren und reulosen Massenmörder Anders Breivig (Link) lassen: über 70 Menschen getötet, mit der norwegischen Polizei kooperiert, vor Gericht vollumfänglich gestanden, in den Knast eingefahren.
So geht das, ihr Flitzpiepen!
Gegen den ganzen unwürdigen Scheiss, der da gerade abgezogen wird, hat das schon etwas von "DAS IST SPARTA".



P.S.: Gut für den Verfassungsschutz: Im fernen 2134 wird sich in der chinesischen Provinz-Hauptstadt Klein-Bejing (bis 2119 "Berlin") kein Mensch mehr für "Alte Geschichte der ehemaligen indigenen Bevölkerung Europas" interessieren -- ein Hoch auf den Großen Vorsitzenden Wang!


Mittwoch, 20. Mai 2015

Der Preis des Erfolges

photo credit: coconut ice cream via photopin (license)

Mit der Liebsten schalenderte ich die Stargarder Straße entlang, Prenzlauer Berg, Berlin. Das Wetter war fein und gleich würde auf der rechten Seite eine Eisdiele kommen, wir schauten uns an: Nein, kein Eis für uns!
Grundgütiger!
Wir waren ja so dermaßen vernünftig!
150 Schritte später gab's auf der linken Straßenseite eine Menschenschlange wie zu DDR-Zeiten. Wir staunten, kamen näher.
Nun, hier hatte wohl ernstlich DER EISLADEN DER GÖTTER, ach was, die scheiß EISPATISSERIE DER GÖTTER aufgemacht! Der Laden hieß Hokey Pokey. Schickes Interieur, prächtiges Corporate Design, hinterm Tresen in einheitlicher Kledage drei wirklich ansehnliche Maiden mit den Haarfarben Brünett, Blond und Rot (mit Sicherheit kein Zufall). Dann die Eissorten! Ich will es so sagen: Ein Etablissement, welches neben "Salted Peanut Caramel" auch "Walnuss Brownie", "Mohnmarzipan", "Rhabarber Creme fraiche" und "französische Schokolade", führt, lässt keine Wünsche für den modernen Gaumen des Dritten Jahrtausends offen!
Die Preise waren allerdings respektabel.
Total überraschenderweise beschlossen wir, entgegen unserer gegenseitigen Versicherung von vor gerade eben 3,5 Minuten, nun doch ein Eis zu essen -- und zwar eins zu 1,60 EUR pro Bällchen.
*räusper*
Was soll ich sagen? Göttlich!
Während ich mein Salted Peanut Caramel-Hörnchen schleckte, hatte ich eine Hand frei und googlete den Laden (Link).Tatsächlich ist das Hokey Pokey dermaßen erfolgreich, dass wegen der permanenten Menschenschlange vor dem Laden schon das Ordnungsamt aktiv wurde. Der Besitzer wusste sich nicht anders zu helfen, als den Eispreis pro Bällchen um 60 Cent anzuheben, nur, um des Andrangs irgendwie Herr zu werden.
Wow! Wir hatten den Preis des Erfolges gezahlt! :D

(Eine gute Freundin sagte, diese Art von "Hypes um Nix" wäre genau der Grund, warum sie Berlin nicht so dolle fände, aber ich mag Berlin genau wegen dieses bekloppten 24/7-"Schnullewupp goes viral"-Gedöns.)


Mittwoch, 16. Juli 2014

Mein Freund Rolf (1991 bis 1999)

photo credit: Tobias Lindman via photopin cc

Freunde sind ein rares Gut! Wer einen Freund sein Eigen nennen darf, der halte an ihm fest!


[wahre Geschichte, alle Namen sind geändert]
1991 studierte ich für zwei Semester Wirtschaftswissenschaften an der Uni Wuppertal. Fast bei meiner ersten Raucherpause dort lernte ich Rolf kennen. Er war sechs oder sieben Jahre älter als ich (knapp über 30) und war ein ziemlicher Vogel. Vermutlich deswegen waren wir uns auf der Stelle sympathisch und freundeten uns an. Ich lernte im Laufe der Zeit auch seine Wuppertaler Freundin Karla kennen, eine Lehramtsstudentin.

Nach einiger Zeit hatte Rolf keine Lust mehr zum Studieren. Ihn zog es in seine alte Wahlheimat Berlin zurück, zumal seine Beziehung zu Karla kränkelte. Er wollte in Berlin mit seinem alten Freund Hans zusammenziehen, einem der ganz großen Womanizer des auslaufenden Jahrtausends. Ich half bei dem Umzug und mit einem picke-packe-vollen 2,8-Tonner, der 75 km/h Spitze fuhr, erreichten wir Berlin bei Sonnenaufgang.

Ostberlins Fassaden waren braun, grau oder braungrau, die unebenen Bürgersteige voller Hundescheiße, die Treppenhäuser seit dem Krieg (dem von 1914-18) nicht mehr renoviert worden. Wir schleppten Rolfs Polinten in den fünften Stock (was bei normaler Stockwerkhöhe mindestens der siebte Stock gewesen wäre). Dann tauchte ausgeschlafen, adrett gekleidet und gut gelaunt der Womanizer mit seinem Hab und Gut auf. Er hatte sich reichlich Hilfe kommen lassen: Birte, Selena, Maria, Xandra und die Alex. Die schweren Sachen mussten also wieder »die Jungs« schleppen. Nachdem alles oben war, muss ich kurz tot gewesen sein. Als ich nach einer Adrenalinspritze mitten ins Herz wieder zu Bewusstsein kam, gingen wir einen Döner essen. Der 2,8-Tonner machte auf dem Rückweg leer nun ganze 85 km/h Spitzengeschwindigkeit! Yay! Es war wie ein Rausch!

Von nun an telefonierten wir in loser Folge und ich besuchte Rolf jährlich in Berlin.
Die Freundschaft zwischen Rolf und Hans war mittlerweile zerbrochen, weil Rolf Hans’ brasilianischer Freundin »Nachhilfe« gegeben hatte. Ich konnte mir das schon vorstellen, wie das gelaufen war mit der »Nachhilfe«. Bei unseren Telefonaten erfuhr ich, dass auch andere Freundschaften Rolfs »aus Gründen« in die Brüche gegangen waren. Ich dachte mir meinen Teil.
Irgendwann sagte er während eines dieser Gespräche zu mir: »Henning, du bist mein bester Freund!« Ich fand das ziemlich unheimlich, wir sahen uns doch nur einmal im Jahr! Aber vermutlich war ich der »last man standing« – der Einzige, der übrig geblieben war.

Rolf, der in Berlin zwischen kurzen Phasen regulärer Beschäftigung sein Dasein als Lebenskünstler und Sozialbetrüger fristete, lernte seine Freundin Michaela kennen. Sie war Krankenschwester im nahen Urban-Klinikum, sie zogen zusammen. Michaela war eine freundliche, fröhliche und im Gegensatz zu ihrem Freund wunderbar bodenständige Person. Sie machte es immer zu einer Freude, in Berlin zu Besuch zu sein.
Die beiden wohnten in Bezirk Kreuzberg, Hobrechtstraße, die vom Hermannplatz abging. Am Hermannplatz trieb sich arg viel »Volk« (aka »trunkener Pöbel« & »multipel Abhängige«) herum. Am Kottbusser Damm »Kotti« gab es etliche türkische Gemüseläden, hie und da ein orientalisches Brautmodengeschäft und altdeutsche Butzenglas-Kneipen. In den Nebenstraßen und der Umgebung reihte sich Bar an Szenelokal, wie die heute noch hoch famose »Ankerklause«.

Einmal rief er mich an, nun sei es aber an der Zeit, dass ich ihn besuchte! Ich fragte: »Wie lange denn?«, er: »Total egal, Hauptsache du kommst!« Mit ihm musste ich ja nichts abklären, er war ja eh in keinem Arbeitsverhältnis. Also suchte ich mir ein Reisebüro und buchte für 300,00 DM eine Zugfahrt zweiter Klasse Hin/Rück nach Berlin. Dann, wieder zu Hause, rief ich ihn an: »Mission completed!« - »Wann genau kommst du?«, fragte er aufgeregt. Ich teilte ihm die Eckdaten der Woche mit, die ich gedachte nach Berlin zu reisen. Stille breitete sich aus. »Waaas? Eine ganze Woche? Bist du irre? Das geht doch nicht! In der kleinen Wohnung?«, schlug es mir entgegen. Ich war perplex. Das Gespräch wurde noch ungemütlich. Die Tickets ließ ich verfallen, umbuchen ging nicht, deshalb waren sie »so günstig« gewesen.
Soviel zu dem Thema.

Ein Jahr drauf rief er mich an, nun sei es aber wirklich ganz arg dringend an der Zeit, dass ich ihn mal wieder besuchen käme! Ich war zurückhaltend und vorsichtig geworden und fragte: »Wie lange denn GENAU?« - »Hey! Pfeif drauf! Hauptsache du kommst!« Ich suchte ein Reisebüro auf und buchte eine Zugfahrt, natürlich keine ganze Woche. Telefonisch teilte ich ihm mit, an welchen fünf (5) Tagen ich gedachte, nach Berlin zu reisen. Das, was jetzt kam, kannte ich schon. »Waaas? Fünf Tage? Das geht nicht!« Das Gespräch wurde noch reichlich ungemütlich. Ich gab ihm Tiernamen und legte auf. Die Tickets verfielen wie die vorherigen. Ich verbrachte einen deprimierenden Urlaub zu Hause, während draußen der September-Monsun das Bergische Land in eine Schlammwüste verwandelte.

Eine Weile hört ich nichts von Freund Sonne. Dann, eines Tages, schellte das Telefon und Rolfs Freundin Michaela war an der Strippe, was per se ungewöhnlich war. Das nachfolgende Gespräch dauerte etwa zwei Stunden.
Das war passiert:
Rolf hatte vom Amt eine Umschulung zum Serveradmin (oder Vergleichbares) bezahlt bekommen und musste nun brav einige Zeit in diesem Job arbeiten. Nach fast 20 Monaten (!) hatte er aber keinen Bock mehr, jeden Tag früh aufzustehen. Zudem hatte sein Chef ihn fast zehn Monate lang nicht bezahlt. Vor Gericht bekam er Recht, nun hatte er auf einmal einen Batzen Geld, den das Amt aber anrechnen würde, wenn er sich jetzt arbeitslos meldete. So verfiel er auf einen genialen Plan: Er würde die Kohle chefmäßig verjubeln!
Rolf begann, im Internet zu recherchieren. Irgendwie landete er dabei auf Foren, in denen sich junge Frauen aus Zweite- und Dritte-Welt-Ländern für »Herren« interessierten. Hey! Junge Frauen fand er auch toll! Dort traf er erstmals virtuell auf Jacqi. Sie war ein junges, lebenslustiges Ding aus einem Dorf irgendwo in Mittelamerika. Rolf, dessen Hormone seinen Realitätssinn zuweilen umnebelten, verabredete sich mit ihr in eben diesem mittelamerikanischen Land und buchte sich Flugtickets.
Seiner Partnerin, mit der er seit Jahren zusammenlebte, sagte er nur: »Ich mache Urlaub!«
Michaela wunderte sich nur, ahnte aber nichts.

Rolf nahm alles Geld, was er hatte und ließ es in Landeswährung wechseln. Er flog über den Atlantik, kam an einem palmenumstandenen Flughafen an. Er fuhr mit einer rumpelnden Eisenbahn so weit es ging. Dort nahm er ein fragwürdiges Taxi. Jacqui erwartete ihn in ihrem Dorf.
Sie muss ihm gut gefallen haben, denn schon am nächsten Tag ging Rolf zum örtlichen Schneider und ließ Maß nehmen. Zwei Tage später hielt er bei Jacquis Vater in einem Maßanzug aus feinstem Zwirn  – auf Knien um die Hand seiner Tochter an. Der Alte war hocherfreut, seinen Augenstern an einen europäischen Multimillionär zu geben und willigte ein. In Villariba wurden große Hochzeitsvorbereitungen anberaumt, von denen man in Villabajo nur träumen konnte (Youtube). Das Paar wurde mit großem Ritus vermählt, es wurde drei Tage lang gefeiert. Rolf haute die Kohle raus wie ein betrunkener Seemann. Bald stellte er fest, dass er mehr Geld benötigen würde, wenn er noch ein Flugticket für seine Braut würde zahlen müssen. Vom Postamt aus rief er seine Tante in Bochholt an und schilderte ihr die Situation. Die fragte, ob er noch alle Latten am Zaun habe und legte auf. Dann rief Tantchen umgehend Rolfs Partnerin in Berlin an. Die arme, treue Michaela, die sich bis zu diesem Augenblick in einer intakten Beziehung wähnte, fiel aus allen Wolken!
Noch an diesem Abend begann sie, ihr Hab und Gut von seinem zu trennen. Schon zum Ende der nächsten Woche zog sie in eine andere Wohnung, verschwand auf Nimmerwiedersehen.

Rolf hat die Kohle für Jacquis Ticket noch zusammenbekommen. An einem sehr kalten, sehr grauen Novembertag sind die Frischvermählten durch Schneematsch und angefrorene Hundescheiße gestapft, um in einer geplündert aussehenden, ungeheizten Wohnung in Berlin-Kreuzberg anzukommen. Die 45 Pflanzen waren zum größten Teil verdorrt. Im Briefkasten stauten sich Werbeflyer und Rechnungen, die Monatsmiete stand aus.
Vermutlich hat Freund Sonne schon am kommenden Tag Stütze beantragt.

So wird sich die lebenslustige Jacqui ihr Leben mit dem deutlich älteren europäischen Multimillionär nicht vorgestellt haben.


Einige Wochen später rief Rolf mich an, ich müsse ihn mal dringend wieder besuchen.
Ich erklärte ihm, dass Michaela mich bereits ins Bild gesetzt habe und dass es zu einem Besuch meinerseits wirklich keine Veranlassung mehr gebe. Ich wünschte ihm ein schönes Leben und legte auf.


Freunde sind ein rares Gut! Wer einen Freund sein Eigen nennen darf, der halte an ihm fest!*
*) Ausnahme: Der Freund hat heftig einen an der Klatsche.


Freitag, 24. Januar 2014

Tipp aus dem Stasi-Museum

NSA_Field_Station_006 by Sven_71
NSA_Field_Station_006, a photo by Sven_71 on Flickr.

Fun-Fact: Wer im Stasi-Museum Berlin mit dem privaten Handy telefoniert oder eine SMS schreibt, wird mit dem allergrößten Selbstverständnis abgehört.
Von den Amis und den Briten.

Natürlich sitzt da keiner mehr wie Ulrich Mühe seinerzeit im Kabuff ("Das Leben der anderen"), hört sich alles an und macht sich mit Bleistiftstummel und Kladde seine Notizen. Denn dazu müssten die amerikanischen Geheimdienste ja eine zweite Erde im Keller haben und jeder der 7,2 Milliarden Bewohner dort jobbt wacker als Stasi-Scherge.
Da diese total verlockende Aussicht leider nicht zu realisieren ist, müssen stattdessen mathematische Algorithmen die Hekatomben an Gelaber und pubertärem SMS-Geschreibsel, geWhatsAppe und ge-E-Maile nach Verdächtigem durchwuseln.

Das Budget nur der USA für Geheimdiensttätigkeit beträgt insgesamt 50 Milliarden US$ per Anno.
Doch manchmal ist weniger mehr.
Vielleicht stellen die Geheimdienste (NSA, MI6 & Co.) den allzu bemühten Brute-Force-Versuch der Vorab-Entdeckung von Terror-Spacken mal ganz ein -- klappt ja eh nicht, wie man prima am Bostoner Marathon-Massaker sehen kann.
Vielleicht nutzt man stattdessen das Hinschmalz von 100.000 Analysten und 100 Super-Duper-Computern ein bissi sinnstifender dafür, aus dieser Welt einen lebenswerteren Ort zu machen -- dann hört das Terror-Gespacke nämlich ganz von selbst auf -- total die Überraschung!
Ist nur ein Tipp.


Donnerstag, 24. Januar 2013

WC Sitz "Madrid Slow Motion, Panda"

http://goo.gl/ae7qu
Im OBI-Baumarkt gibt es einen WC Sitz "Madrid Slow Motion, Panda", alternativ auch das Modell "Madrid Slow Motion, Dolphin" (Bild).
Muahaha!
Was für ein scheiß Name für einen Klodeckel!
1) Gibt es wohl auch einen WC-Sitz "Berlin", oder nimmt man dazu nur ausländische Hauptstädte? "Ankara" und "Mogadischu" geht nicht wegen etwaigem Verdacht auf Ausländerfeindlichkeit. "Paris" geht nicht wg. des deutsch-französischem Freundschaftsvertrag (Élysée-Vertrag) von 1963, der solches vermutlich ausdrücklich regelt (= verbietet). "Bukarest" und "Sofia" sind zu runtergerockt. "Lima" ginge noch. Vielleicht auch "Minsk" und "Caracas", aber das war's dann auch schon...
2) Der "Slow Motion"-Part rührt daher, dass das dritte Jahrtausend technische Neuerungen parat hält, die keine Sau braucht, wie z.B. einen federgebremsten Deckel, der sich via "Absenkautomatik" total sanft absenkt. "Drauf geschissen" wäre jetzt eine Spur zu unflätig, es geht aber eindeutig in die richtige Richtung.
3) Kitschige Airbrush-Delfine auf dem Klodeckel sehen zwar bekackt 80er-Jahre-mäßig aus, passen aber wenigstens noch zur maritimen Badezimmer-Gesamtthematik des seit 30 Jahren nicht mehr renovierten Bads. Aber Pandas? Herrgott! Wieviel Bambus-Deko-Schnickes soll man denn herankarren, damit DAS passt?

Man verberge sein Antlitz bitte manuell und nicht "via Absenkautomatik".


Mittwoch, 18. Juli 2012

Mütze

bit.ly/Oav0pF 
Berlin. Wir rannten uns die Hacken wund, Sightseeing und Freunde treffen und so.
An der Schönhauser Allee, nördlich des Senefelderplatzes im Ortsteil Prenzlauer Berg lag der/die/das/ein LAPIDARIUM - so stand es fett dran.
Also die machen da also "irgendwie in Steinen".
Sah aus wie ein Friedhof.
War wohl ein Friedhof.
Also rein, kucken.
Freundin ging vor, ich hinterher.
Anmerkung: Es war keinerlei, wie auch immer geartete Warn-Beschilderung etc. zu sehen!
"MÜTZE AUF!!!", schnauzte mich beim Reingehen die dort herumstehende Frau Bullterrier an.
"Arghl!", schaffte ich gerade noch aufgrund der freundlichen Anrede.
Ich erhaschte einen Blick auf ein Körbchen mit schwarzen, jüdischen Mützchen. Zog rasch so meine Schlüsse. Jüdische Mützchen = Jüdischer Friedhof = mützchenpflichtig (wg. "Religion und so"). Ich griff mir also eine solche Hinterkopfbedeckung (die Kippa heißt) und setzte sie auf. Ich habe ja schließlich kein Problem mit anderen Kulturen, andere Kulturen aber offenbar mit mir.
Etwas unschlüssig, ob ich jetzt meiner Freundin auch ein Mützchen mitbringen sollte, fragte ich die freundliche Frau Bullterrier.
"NEIN, NUR FÜR MÄNNER!!!", brüllte sie.
Sicher, sicher.
Ach so, na klar.
Dankeschön.
Hauptsache, man steht als Voll-Troll da!

Und: Hallo? Nur für Männer?
Chauvi-Verein!


Google Maps: (Link)

Sonntag, 19. Februar 2012

Fragen an ru24: Germany's next Bundespräsident

http://bit.ly/zXw6VI
Hötti E. aus S. fragt: Lieber Dr. Henne, warum kann ich nicht Bundespräsidentin werden?

ru24 antwortet: Weil ich leider der nächste Bundespräsident werden möchte.
Es geht mir nicht ums Geld (199.000 EUR pro Jahr plus "Aufwandsentschädigung" in Höhe von 78.000 EUR per Anno). Es geht mir auch nicht um die schicke Rente (ca. 220.000 EUR pro Jahr), die Dienstwohnung (Schloss Bellevue, 20 Zimmer, ca. 1.000 m²), den lebenslangen Dienstwagen (ich will 'nen handgefertigten VW Phaeton V10-TDI) oder um das für mich lebenslang bereitstehende Büro mit den eigens für mich herumwuselnden Angestellten (wie geil!).
Ich würde das machen, um dem Amt seine Würde zurückzugeben.
Da ich keine reichen Freunde habe (mit den Vögeln gehe ich jedes Jahr campen, siehe Blogbeitrag), bin ich auch nicht sonderlich bestechlich, habe zumindest noch keine Erfahrung damit. Auf dem nationalen und internationalen politischen Parkett bin ich allemal trittsicherer als auf Laminat oder PVC, vor allem in hangenähten Schuhen. Auch würde ich bei BILD und sonstigen Vollspacken nicht auf den AB quatschen ('Rubikon' und so), weil mit Terroristen verhandelt man erst gar nicht.
Ich würde auch nicht wie Köhler beim ersten Pieps zurücktreten.
Außerdem würde ich meine ehemaligen ArbeitskollegInnen finanziell unterstützen (offiziell, mit Quittung und so). Sie haben es nämlich nötig.
Sorry, Hötte!
Aber ich würde dich als meine Nachfolgerin empfehlen.
Bernie wäre dann First Husband.
Und dann gehen wir vier mal ganz schick zelten - vorne, vor Schloss Bellevue auffe Wiese (Bild).

Ach so: Und www.rundumschlag24.de würde Leitmedium.


Freitag, 11. November 2011

Ich sag nur: Ostbahnhof!

http://bit.ly/uz42k1
Bahnreisen kann, um eine Redewendung von Max Goldt zu bemühen, ein "Jumbo-Pläsir" sein.
Wenn einem Fortuna hold ist. (Gemeint ist jetzt die römische Glücks- und Schicksalsgöttin und nicht irgendein Fussball-Quatsch.)
Im Herbst 1999 zum Ende der NRW-Herbstferien hatte ich einen damaligen Freund in Berlin besucht und war nun auf der Heimreise in Richtung Wuppertal.
Ich bin beim Bahnfahren kein Danger-Freak. Ich hatte also eine Fahrkarte mit Sitzplatzreservierung. Und da das nicht meine erste Bahnfahrt von Berlin nach Wuppertal zurück war, stieg Schweinchen Schlau am Ostbahnhof ein. Mit mir zusammen waren noch etwa 15 weitere Reisende im gesamten Zug. Ich tappte durch den leeren Wagen, suchte und fand anhand der Platznummerierung, die auch nach Jahren noch so wirkt, als sei sie von Geistesgestörten ausgewürfelt worden, meinen Sitzplatz, verstaute meinen Kram, holte mein Buch und meine Wasserflasche heraus und fing an zu lesen. Währenddessen lief der ICE in Berlin Zoo ein. Auf diesem Bahnsteig ging es zu wie in Kalkutta zur Rush-Hour, er war ein Vorhof der Hölle. Alles war schwarz vor Menschen, sofort schmierten quietschend einige Gesichter an den Scheiben vorbei und hinterließen hässliche Streifen - die Herren fettige, die Damen bunte. Der Zug wurde von den Andrängenden etwas eingedrückt. Als sich die Türen öffneten, quollen die Heimreisenden sofort wie eine biblische Plage in das gerade noch so stille Reisegefährt.
Staunend legte ich mein Buch zur Seite.
Da die Bahn ja nicht dazu in der Lage ist, die Sache mit der Sitzplatznummerierung für menschliche Gehirne nachvollziehbar hinzukriegen, stiegen nun statistisch gesehen 50% der Hereinströmenden auf der falschen Seite des Waggons ein. Menschen mit riesigen Gepäckstücken, Paketen, Kindern, Hunden brachen sich unter großen Tosen und Lärmen bahn. Gepäckbeladenes Pressfleisch quetschte sich ächzend durch den 63,6 cm breiten Mittelgang, überbreite Rollkoffer scheuerten die Sitzreihen entlang. Taschen bollerten an die Ärmel, Schultern, Köpfe der Sitzenden. Kinder schrien, Hunde bellten. Rufe wurden laut. In der Mitte des Wagens trafen sich die ersten direkten Kontrahenten, die aneinander vorbei wollten, aber nicht konnten.
Hinter ihnen stockte die zuckelnde Menschenkette überhitzter Beladener.
Der Zug war seit längerem angefahren.
Ich hatte mein Buch nicht wieder aufgenommen, sondern starrte auf die Szenen, die sich mir boten. Es war wie Loriots Flugzeug-Sketch auf Droge.
Erstes Kinderweinen machte darauf aufmerksam, dass bei der Stampede beim Besteigen des Zuges Kinder von ihren Familien getrennt worden waren - schrecklich! Am schlimmsten trifft es ja immer die Kinder!
Ein Organisationstalent fing an, Gepäckstücke über Kopf von Mann zu Mann durch den Mittelgang schaffen zu lassen, auf die Art wurden einige Koffer und Taschen von einem Teil des Wagens in den anderen verfrachtet und umgekehrt, was half, zuletzt reichte man das weinende Kind weiter, eine Art juveniles Stage Diving. Die Familienzusammenführung war tränenreich und anrührend.
Eigentlich hätte man nun auch den DB-Schaffner durchreichen können!
Jemand kam auf die Idee, die kläffende Teppich-Hupe vom falschen Ende ebenso zu ihrem Herrchen zu verschaffen. Das klappte gar nicht. Vom Geräusch her klang schon der Versuch, das Vieh hochzuheben, als habe ein Werwolf einen epileptischen Anfall, dann Schluckauf.

Langsam, ganz langsam diffundierten die beiden gegensätzlichen Strömungen aneinander vorbei, jeder Schritt eine Balance- und Kraftakt.
Erst als der Zug Hannover erreichte, saßen alle auf ihren Plätzen und ich konnte endlich zu meinem Buch greifen.

Ich sag nur: Ostbahnhof!

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P.S.: Hier noch ein kleiner aber wichtiger Ratgeber zum Bahnfahren: Blogbeitrag

Donnerstag, 21. Oktober 2010

ru24 History 20: Tautau Obskur (2001)


tattoo'd lady
Originally uploaded by hedonaut
Das neue Jahrtausend war angebrochen, die Moderne quasi.
Auch ich fühlte mich sehr modern.
Beim Besuch eines Freundes in Berlin war es so weit. Gneisenaustraße, zwei U-Bahn-Stationen vom Kreuzberger Hermannplatz entfernt, in dessen Nähe ich wohnte, stieg ich aus. Ich stärkte mich noch etwas bei Barcomis. Dann machte ich mich in der Bergmannstraße auf die Suche nach einem Tattoo- und Piercing-Shop. Ich fragte etwas herum und wurde bald in einer Seitenstraße fündig: TAUTAU OBSKUR.
Naja, der Name hätte mich schon stutzig machen sollen...
Palim!
Ich betrat den mit Flaschen voller Bandwürmern und mit Totenschädeln dekorierten Laden. Hinter dem Tresen standen zwei Grazien, tätowiert und gepierct bis zum Arsch. »Meine«, eine Art Morticia Addams im vampirischer Gewandung begrüßte mich. Ihre langes Haar war mittig gescheitelt, auf der einen Seite weiß wie bei einer Greisin, auf der anderen Seite rabenschwarz. Tattoos flammten aus ihrem üppigen Dekolleté. Ihr Lippenstift war schwarz, ihr Augen-Makeup hätte Daryl Hannah aus »Blade Runner« beeindruckt.
Ich räusperte mich.
»Äh. Ich hätte gerne ein Piercing, so hier am Ohr«, sagte ich. Es ging mir um ein Piercing, das Helix genannt wird - einen Ring durch das Knorpelgewebe der Ohrkante.
Moriticia griff unter den Tresen und beförderte eine Reihe von Ringen aus Chirurgenstahl hervor. Mit dem Ring gings ins Hinterzimmer.
Der Flur war in Augenhöhe behangen mit kleinen Bilderrahmen mit Fotos von Piercings, die bereits in Leuten steckten. Manches davon weigerte sich mein Gehirn zu dechiffrieren.
Moriticia sah es an meinem Blick, sie drehte sich zu mir um.
»Das können wir dir auch machen, das heilt irre gut da
Ich lehnte dankend ab.
Wir erreichten eine Tür, ich musste unwillkürlich an »Zimmer 101« im »Ministry of Love« von »1984« denken. Den Raum beherrschte ein mit grünem Kunstleder bezogener, reichlich runtergerockter Friseurstuhl aus den 50ern und Schränke voller Geräte. Eine Kammer wie geschaffen für politische Folter und Schmerzexpertimente. Ich suchte den Boden nach verräterischen Flecken ab.
»Achso, wir STECHEN die Piercings, ganz klassisch.«
»Ja, klar«, sagte ich, als hätte ich den Hauch einer Ahnung gehabt und setzte mich.
»Willste ’ne Betäubung?«
»Nee, quatsch!«, sagte der ahnungslose Trottel im Behandlungsstuhl.
Moriticia legte allerlei zurecht, unter anderem eine Braunüle, mit der man einem Pferd hätte größere Mengen Blut abnehmen können. Sie zog Latexhandschuhe an und einen Mundschutz. Sie desinfizierte mein Ohr. Ich stellte mir derweil das Schicksal anderer Delinquenten vor. Plötzlich stach sie mir die dicke Nadel durchs Ohr. Der Trottel bedauerte schlagartig und auf die harte Tour, keinerlei lokale Anästhesie genommen zu haben.
Eine Träne stahl sich aus seinem rechten Auge und lief ihm über die Wange, derweil der Schmerz loderte.
Nach ein paar Handgriffen ihrerseits war alles vorbei.
Sie hielt mir einen abgegriffenen Handspiegel hin.
»Sieht gut aus!«, sagte sie, dann: »Wenn das irgendwie komisch ist, dann ist das ’ne Akupunktur-Stelle. Dann kommste wieder, dann stechen wir noch eins daneben. Und du kannst eine Weile nicht auf dem Ohr schlafen. Ich schreib dir mal was zu Desinfizieren auf, dass musste jetzt ein paar Wochen lang jeden Tag machen, wegen der Kruste und so.«
Ich wankte aus dem Laden, mein Ohr pochte, es begann, anzuschwellen.
In der Apotheke kaufte ich mir was zum Desinfizieren.
Als ich bei meiner Bleibe ankam, pochte das Ohr wie verrückt, es war auf die doppelte Dicke angeschwollen.
Das Desinfizieren - autsch!
Nachts drehte ich mich aus versehen auf das Ohr - *winsel*

Das Loch siffte noch drei monatelang herum. Täglich musste ich mit dem Fingernagel Kruste vom Ring abkratzen und ihn drehen. Das Desinfizieren brannte.
Die Schwellung ließ eines Tages ganz nach. Dann entstand an der Rückseite meines Ohres um das Loch herum ein Knorpelwulst wie ein Mondkrater. Der veränderte sich wieder. Ich las in der Zeit solche und ähnliche Texte:
"Der Ohrknorpel gehört zu den härtesten des Körpers, ist aber gleichzeitig eine heikle Stelle was Wundheilung betrifft. Kommt es zu Entzündungen oder anderen Komplikationen, können diese, wegen der speziellen Beschaffenheit des Ohrgewebes, nur schwer bekämpft werden. Schmutz bleibt länger in der Wunde und Heilmittel werden, egal ob innen oder außen aufgetragen, sehr schlecht zur Wunde transportiert. Ist der Ohrknorpel erstmal zerstört, regeneriert er sich nicht mehr, sondern es kommt zum gefürchteten Blumenkohlohr." (Quelle)
Gottogott!
Doch nach einem dreiviertel Jahr normalisierte es sich so weit, dass ich auf meiner einstigen Lieblings-Schlafseite wieder schlafen konnte.
Und irgendwann war es wirklich vorbei.

Ach so: Morticia, Herzchen, ja, ich hätte gerne ganz dringend eine Betäubung!
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Mittwoch, 16. Juni 2010

Lifestyle 36 - Duschen in Berlin

"Menschen, die man generell als genussfähig einstufen kann, verrichten ihre tägliche Körperreinigung nicht gerne wie in einem Gefangenenlager."
Diesen aufpeitschenden ersten Satz möchte ich einfach so mal so stehen lassen.

Es begab sich, dass in den 90ern ein Freund von Wuppertal nach Berlin zog.
Ich half ihm beim Umzug.
Als alles Mobiliar im 4. (gefühlten 6.) Stock endlich parat stand, und ich aus meinem Matratzenkoma erwacht war, "gönnte" ich mir eine Dusche.
Naja, "gönnte" war in dem Fall etwas arg opulent angelegt.
Es gab keine Duschkabine, keinen Duschvorhang.
In einer Wohnung, die gerade bezogen wird, ist das sicherlich verständlich...
Würdelos kauerte ich mich in die Wanne. Was irgendwie ausgesehen haben muss, als verneigte ich mich gen Mekka und würde gleichzeitig versuchen, mich vor Granatsplittern zu schützen. Ich fuhr mit dem Brausekopf mal hier hin, mal dort hin. Da, wo das warme Wasser gerade nicht war, bemächtigte sich meiner eine allumfassende Gänsehaut. In diversen entwürdigenden Posen schäumte ich mich ein, spülte mich ab, fluchte, fror.
"Weichei" werden jetzt viele zischen, die bereits mindestens 25 Jahre in einem russischen Gulag gedarbt haben.
Währenddessen verwandelte sich das Bad in ein Feuchtbiotop, in dem Schilf und Amphibien gediehen wären, wenn man sie nur gelassen hätte. Mein rechter Fuß patschte beim Aussteigen aus der Wanne bereits in Froschlaich. Der Badezimmer-Mülleimer dümpelte auf den Fluten, trieb leise in Richtung Tür, wo die Wassermassen sich unter dem Türspalt brausend in den Flur ergossen.
Wohl dem, der eine Haftpflichtversicherung sein Eigen nennt...
Ich war froh, dem zu fliehen!
Wieder zu Hause duschte ich ausgiebig in meiner neuzeitlichen Duschkabine und genoss das futuristische Leben der Schönen und Reichen des auslaufenden 20. Jahrhunderts!
Ein Jahr später besuchte ich meinen Freund.
Die Wohnung war... wohnlich!
Doch ach!
Von einer Duschkabine, von einem Duschvorhang war nirgends eine Spur! Ich ärgerte mich, gleich vier Tage Berlin gebucht zu haben. Und seitdem mehren sich die Hinweise, dass Berliner so etwas wie Duschkabinen und Duschvorhänge überhaupt gar nicht kennen! Weil sie lieber unwürdig kauern und frieren!
Etliche Hauptstadtbesucher zogen mich seither weinend ins Vertrauen, klagten über ähnliche Zustände in Berlin. Vorsintflutliche Zustände, die ganz automatisch zu nachsintflutlichen Badezimmern führen!!
"Et is doch en Elend inne Welt!", sacht de Mutter immer.
In den Slums von Bombay vielleicht, aber in der Hauptstadt Deutschlands?
Vielleicht sollten wir alle wieder wie nach dem Krieg "Notopfer Berlin"-Briefmarken auf unsere E-Mails kleben, bis alle dort in der Nachkriegsmoderne des dritten Jahrtausends angekommen sind.

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P.S.: Meine Lieblingsberlinerin hat als ehemalige Ost-Kanadierin natürlich Duschvorhang. Was bin ich doch für ein Glückspilz! :)

Freitag, 9. Oktober 2009

ru24 Wissen 5 - Berliner Ballen


Berliner Pfannkuchen
Originally uploaded by *Noema*
Ich bin in dem festen Glauben aufgewachsen, dass Berliner Ballen überall auf der Welt "Berliner Ballen" heißen. Wie denn auch sonst? Irgendwann erfuhr ich, dass Berliner Ballen in Berlin "Pfannkuchen" heißen.
Tsts!
Heißt "Lübecker Marzipan" in Lübeck etwa "Kalbsleberwurst"?
Tsts!!!
Dass die Berliner das "Berliner" ruhig weglassen können, ist mir klar, nur "Ballen" tät's ja auch, man ist ja in Berlin, aber direkt "Pfannkuchen"? Ist das nicht ein wenig schroff? Und: Wie heißen Pfannekuchen dann in Berlin? Ich hoffe nicht "Crêpe", das wäre ja eine Kette ohne Ende! Ich hätte auch Freund Matthi aus Berlin fragen können, doch mit ein wenig gegoogle habe ich es selbst herausgefunden: "Pfannekuchen" heißen in Berlin schlicht "Eierkuchen".
"Berliner Ballen" heißen so nur im Ruhrgebiet und Umgebung.
Was für ein Schock!
In großen Teilen Norddeutschlands, von Mecklenburg über Schleswig-Holstein und Niedersachsen bis nach Westfalen und dem Rheinland sowie in Teilen der Pfalz, in Teilen Baden-Württembergs (vor allem im Westen), im Saarland und in der Deutschschweiz werden sie „Berliner“ genannt. In Aachen heißen sie „Puffel“. "In den südlicheren Teilen Deutschlands, insbesondere Bayern, in Teilen Baden-Württembergs (vor allem im Osten) und in Österreich spricht man von „Krapfen“ (...) In Hessen, Rheinhessen, Westthüringen und Schlesien kennt man sie als „Kreppel“ bzw. „Kräppel“. (Quelle)
Und Pfannekuchen?, fragen Himpelchen und Pimpelchen sofort.
(Gemeint sind Eierspeisen aus Ei, Milch und Mehl, die in der Pfanne gebacken werden)
Die heißen halt
Eierkuchen, regional auch Pfann(en)kuchen, Eierpfannkuchen, Palatschinken, Flädle, Eierpuffer und sogar Omelettes (in Analogie zur Eierspeise Omelett), Crêpes (aus dem Französischen) und Plinsen (nach slawisch bliny). (Quelle)
Alles klar.
Und Brötchen?
Ein anderes mal, ihr Schrippen.
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