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Freitag, 23. Oktober 2015

Automobiles 24: Fußgänger, eine Straße überquerend

photo credit: Kriss Crossing via photopin (license)

Als Kind brachte meine Mutter mir bei, die Straße immer sehr zügig zu überqueren. Das "Überfahren werden" wirke sich nämlich mindestens "arg ungünstig" wenn nicht gar "hoch drastisch" auf das eigene Wohlbefinden aus. Hierbei wurden die "3K" als Schlüsselworte verwendet: "Krankenhaus, Krüppel, Krematorium". Das korrellierte übrigens mit den noch in den 70ern herumfahrenden Autos, die so dermaßen unverformbar waren, dass man damit hätte Häuser einreißen können.

In den folgenden Jahren passierte so Einiges.
Neuwagen punkteten mehr und mehr mit aktiver und passiver Sicherheit. Sog. "Hirschfänger" an Autos wurden verboten. Die Unfallzahlen gingen allgemein zurück. Die nach 1987 geborenen wurden zudem zeitgleich mit der von Manfred Krug beworbenen "Advocard ist Anwalts Liebling"-Werbung groß -- sie wurden immer selbstbewusster. Und: Je mehr der Wohlstand der bundesrepublikanischen Haushalte zunahm, umso mehr Mütter hatten nun ein Auto, mit dem sie ihre Brut in die Schule karren und von dort wieder abholen konnten. Wenn immer man an einer 30er-Zone einer Schule vorbeifährt, sieht man so alles mögliche, vor allem SUVs, aber keinesfalls zu Fuß gehende Schüler. Nach Hause chauffiert, spielten die Blagen dann zur Entspannung im Schneidersitz auf Spielkonsolen Fußball, denn draußen spielen wurde ja dank der Medienhetze der Privatsender immer gefährlicher: "Überall Perverse. Man hört ja so viel." Zu allem Überfluss wurde 2011 die Wehrpflicht abgeschafft.

Letztens schlichen vor mir nach 1997 geborene mit der Behäbigkeit einer Kontinentaldrift über die Straße. Ich stellte den Motor ab. Während ich gemütlich ein Snickers aß, weil es mal wieder "etwas" länger dauerte, und nach meinem Kindle kramte, kam ich drauf: Bei dieser Generation war "Rennen" oder "schnelles Gehen" überhaupt nicht mehr im Repertoire der bipedalen Fortbewegung enthalten. Sie konnten nicht schneller.


Mehr davon: (Blogbeitrag) (Blogbeitrag)

Donnerstag, 26. April 2012

ru History 36 - Super-GAU (1986)

http://bit.ly/An5HCe 
Heute vor 26 Jahren.
"Die Katastrophe von Tschernobyl (auch: Super-GAU von Tschernobyl) ereignete sich am [Samstag, den] 26. April 1986 im Kernkraftwerk Tschernobyl nahe der Stadt Prypjat, Ukrainische Sowjetrepublik, als Folge einer Kernschmelze und Explosion im Kernreaktor Tschernobyl Block 4. Sie gilt als die schwerste nukleare Havarie und als eine der schlimmsten Umweltkatastrophen aller Zeiten." (Link)

1986, das war das Jahr 9 vor Internet.
Das gabs für Hans & Franz nämlich erst ab ca. 1995.
Also, wie immer, wenn von "damals" die Rede ist: Et gab ja nix!
Kein Twitter, kein Facebook, kein SPON, kein Wikipedia!
Die Leute hatten ja nicht einmal Handys - geschweige denn Geigerzähler.
Die Informationen, die man bekam, waren widersprüchlich und verwirrend, allerlei Einheiten wie Bequerel, Curie, Sievert etc. (Link) verschleierten mehr, als dass sie aufklärten. Also saß man vor der Glotze oder schaute in die Zeitung. Bei uns zu Hause gab es leider nur die "Bergische Morgenpost". Die "BM" liest Queen Mom bizarrerweise noch heute, natürlich "wegen der 'besseren' Todesanzeigen" - im Vergleich zum Konkurrenzblatt "Remscheider Generalanzeiger" ("RGA")...

Grenzwerte für Spinat und allerlei Gemüse wurden ausgegeben.
Pilze und Wild galten plötzlich als zu belastet, um noch "Nahrung" genannt zu werden. Wir als Familie stellten daraufhin für immer das Pilzesuchen ein, Stockschwämmchen und Hallimasch: ade!
Wildpilze sind noch heute belastet, über ein Vierteljahrhundert später (Link).

In der Schule war der Super-GAU natürlich Top-Thema.
Das war ja alles sehr verstörend.
Da wird man als "Kind der 80er" während des Kalten Krieges mit der absoluten Gewissheit groß, eines Tages in einem Atomkrieg zu sterben - und dann das! Der unsichtbare Fallout erzeugte so eine Art "The Day After"-Light-Stimmung - der Film war drei Jahre zuvor im Kino gelaufen.

Am Tage des größten Fallouts, es war der erste schöne, warme Tag des Jahres, saß ich mit meinem damaligen Schulfreund Frank auf der Terrasse seines Elternhauses. Wir trugen unsere Ray-Ban(!)-Sonnenbrillen und strahlten in den wundervollen, blauen Himmel zurück, anstatt uns im Haus zu verschanzen.
19-jährige Jungs können überraschend  □ trotzig / □ hirnrissig sein (Zutreffendes bitte ankreuzen).

Ich war in Jahrgangsstufe 12 des Radevormwalder Gymnasiums "THG", mein Erdkunde-LK-Lehrer hieß Blocksiepen. Aus aktuellem Anlass hatten wir am Dienstag, den 29. April 1986 eine Doppelstunde lang nur über die Havarie gesprochen.
Am Ende der Stunde sagte Blocksiepen: "Ich nehme einen Geigerzähler aus der Physik mit nach Hause. Wenn die Strahlenbelastung zu hoch sein sollte, dann komme ich nicht!"
Schön!
Am Mittwoch fehlte Blocksiepen, ebenso den Rest der Woche.
Das fühlte sich gefährlich an!
Die Woche drauf fehlte er weiterhin.
DAS fühlte sich wirklich VERDAMMT gefährlich an!!!
In der dritten Woche tauchte Freund Sonne wieder auf und behauptete, eine Grippe gehabt zu haben.
Sicher, sicher.


Montag, 31. Oktober 2011

ru24 History 26: Frau Hübner (1973-76)

http://bit.ly/uXuddi
Zwischen 1973 und 1975 bin ich in die Städtische Grundschule Radevormwald gegangen. Meine Mom ist damals die ersten Male mitgegangen, kurz drauf durfte und musste ich alleine zur Schule gehen. Mein kurzer Schulweg (290m, keine Straßenüberquerung, Link) führte mich an einer Postfiliale, einer potentiell spannenden Polizeiwache und dutzenden Metern Jägerzäunen vorbei, die je nach Jahreszeit stark nach Carbolineum (Teeröl, Link) rochen, das heute nicht mehr in dem Maße eingesetzt werden darf wie damals. Wäre ich 30 Jahre später geboren worden, hätte mich meine Mom die Winzstrecke wahrscheinlich jeden Morgen und Mittag mit dem SUV gefahren, was heute ja allgemein zum guten Ton gehört (Blogbeitrag).
Meine Grunschullehrerin war Frau Herma Hübner, in meiner Erinnerung sieht sie aus wie ein Ally McBeal-Double - Anfang bis Mitte 30 mit hohen hellbraunen Lederstiefeln, die die knorpeligen Knie freiließen, gelbem Minikleid und Außenwelle. Meine MitschülerInnen hießen Anja, Dorothée, Heike, Arif, Ralph "mit ph" und Georg (Link). Und da 1967 ein sehr geburtenstarker Jahrgang gewesen war, platzte die Klasse mit 40 Schülern aus allen Nähten. Da wurde es auch schon mal laut und es ging recht hoch her. Wenn Frau Hübner meinte, genug geschrien hatte, stellte sie sich in Anwesenheit der Klasse auch schon mal ans offene Fenster neben das Lehrerpult und rauchte sich eine, aber hey: das waren die 70er!
1976 musste die ganze Klasse die Grundschule wechseln, wir gingen dann zusammen noch ein Jahr auf die Lindenbaumschule (Blogbeitrag).
Frau Hübner ist später nach Australien ausgewandert um Schafe zu züchten statt Kinder zu unterrichten, woran wir sicher alle nicht ganz unschuldig waren.
Voll schroff: Ich habe sie seit 35 Jahren nicht mehr gesehen!

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Donnerstag, 19. Mai 2011

ru24 History 23: 1985: Informatik auf dem Gymnasium

1985: Duran Duran waren 4 Wochen auf Platz 1 der Charts mit "The Wild Boys", Murray Head sang sein grandoises "One Night in Bangkok", Paul Hardcastle brachte "19" heraus und Modern Talking hielt sich mit "The first Album" eine grausige Woche lang in den Album-Charts. (Link)

1984 bin ich als Quereinsteiger von der Realschule auf das Gymnasium gewechselt.

Nach den Erfolgen in BASIC-Programmierung auf der Realschule war es naheliegend, auch hier ab 1985 die Informatik-AG zu besuchen. Informatiklehrer war Herr Döhl, von dem man sich erzählte, dass er einmal auf einem Kurstreffen sein Glasauge in sein Bier geworfen habe. Dermaßen ausgelassen habe ich ihn gottlob nie erlebt. Dafür Vollzeit als Spaßbremse. Sein schwarzer Vollbart überwucherte sein Gesicht fast vollständig. Er trug Pilotenbrille, Glasauge, roten Polyester-Pulli und war der eisenharten Überzeugung, dass Informatik-Unterricht »nur was für Jungs« sei. Andrea K. war diejenige in meiner Jahrgangsstufe, die dem zum Trotz am längsten ausgeharrt hat - Respekt dafür! Dominiert wurde der Kurs von BW-Parka-Nerds, gegen die heute die Jungs von »The Big Bang Theory« oder »The IT-Crowd« wie schillernde Popstars wirken.

In meiner ersten Stunde der Informatik-AG erfuhr ich, dass BASIC nur was für Pfeifen war. PASCAL hingegen galt als das einzig Wahre. Tolle Wurst! Begriffe wie GOTO/GOSUB (absolute Sprungbefehle) outeten einen sofort als BASIC-Kleingeist, Begriffe wie PEEK & POKE legten die allzu große Nähe zum Commodore C64 nahe.

Besser also, man hütete seine Zunge, verinnerlichte stattdessen: »Pascal zeichnet sich durch eine strikte (...) Syntax sowie durch den Verzicht auf kontextabhängige Interpretationen des Codes aus.« (Quelle)
*gähn*
Die Unterrichts-Stoffe »Sortier-Algorithmen« und »Langzahl-Arithmetik« erwiesen sich als nicht zu interessant...

Im Informatik-Raum gab es ein Terminal-System aus den späten 70ern, die »Dietz-Anlage« (Link). Auch hier saßen wir zu dritt oder viert an einem einzelnen Schwarzweiss-Terminal. Irgendwo am Ende des Raumes summte schrankgroß der Hauptrechner mit dem Diskettenlaufwerk vor sich hin. 8"-Disketten (20 cm Kantenlänge: passten mit Müh & Not in eine DIN A4-Klarsichthülle) waren das einzige Speichermedium - mit stolzen 180 KB Kapazität. Auch die habe ich nie voll bekommen... Die Programme druckten wir aus auf grünes Computertabellierpapier mit perforiertem Lochrand für den Traktor des kreischenden 9-Nadel-Druckers, dessen Farbband immer bereits recht schwach war.

Unsere Listings mussten wir zu Hause auf eben diesem Computer-Tabellierpapier korrigieren und fortschreiben, in einer Freistunde im Informatikraum abtippen und dann auf Funktion testen. Das Verfahren erwies sich als nicht allzu alltagstauglich.


1987 zeigte mir einer der Nerds aus meinem Kurs eine 3,5"-Diskette.
Ja, Mann, das war mal angewandte Science-Fiction! Wuchtige 1,44 MB in einem so winzig-kleinen, formschönen Ding!

Die Zukunft würde auf jeden Fall weitere Wunder bereithalten!

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Dienstag, 17. Mai 2011

ru24 History 22: 1983: Informatik auf der Realschule

1983: Culture Club sang "Do You Really Want to Hurt Me", Nena "99 Luftballons", Michael Jackson schluckaufte "Thriller", der Flashdance-Soundtrack hielt sich acht Wochen auf Platz 1 der Charts (Link).

Hurra, die Moderne war nun wirklich und endlich angebrochen!
Informatik-AG auf der Realschule, ich war in der 9. Klasse. Hier standen auf 3 kräftig gebauten Tischen, und kräftig gebaut mussten sie sein, drei Apple IIe europlus (Link), zwei davon mit grün-grün-Monitor, einer mit Bernsteinmonitor. Die ersten Personalcomputer, die ich jemals zu Gesicht bekommen habe. Wir saßen zu dritt davor, einer durfte tippen. Schwarze 5 1/4"-Disketten (13 cm Kantenlänge) mit einem Fassungsvermögen von 1200 KB waren das Medium, auf das wir unsere BASIC-Programme speicherten, die schuhkartongroßen externen Laufwerke wurden dazu mit einem Hebel verriegelt. Niemand benötigte mehr als eine Diskette, denn da war ja Platz satt für jahrelanges BASIC-Programmieren! Über 1,00 MB! Das einzige alternative Eingabemedium war keine Maus, sondern an einem der Rechner ein Satz "Paddles", Drehregler, wie man sie schon von "Pong" kannte. Der Marktpreis des Apple IIe war schwindelerregend und lag bei bis zu 5.000 DM. Und weitere Rechner konnte die Schule auf absehbare Zeit ohnehin nicht anschaffen, da Amerika ein Technologie-Embargo verhängt hatte. Man fürchtete, die hochmodernen Rechner würden irgendwie auf die falsche Seite des Eisernen Vorhangs gelangen und SS-20 Interkontinentalraketen als Recheneinheit dienen...
Der Informatiklehrer war gleichzeitig mein Matheleher, Herr Fuchs. Herr Fuchs war sehr kompakt gebaut, trug gerne einen dunkelgrünen Cordanzug, eine gestrickte Krawatte, Brille und Vorhängeschloss-Bart, die überschaubare Menge Haare trug er zumeist offen.

1984 bekamen wir zusätzlich längliche Sharp PC-1401 Taschencomputer (Link). Jetzt hatte endlich jeder seinen eigenen BASIC-Rechner! Ein Gefühl, das man heute vielleicht generieren könnte, wenn man iPhone 4 an alle verteilt. Großartig!!!
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Dienstag, 3. Mai 2011

ru24 History 21: Klausuren schreiben auf dem Gymnasium (1989)

Eine Arbeitskollegin erzählte gerade von der gestern stattgefundenen Abiklausur ihres Sohnes.

Unweigerlich fielen mir da die verzerrten kleinen Gesichtchen meiner weinenden Mitschülerinnen wieder ein, damals in 1989...

Eigentlich gab es bei jeder Klausur ab der Jahrgangsstufe 12 das gleiche Problem: Die Mädchen. Vor den Arbeiten lernten sie im Gegensatz zu ihren männlichen Pendants zwei Wochen lang Tag und Nacht. Zur Klausur erschienen sie übernächtigt mit Äpfeln, isotonischen Getränken und Glücksfetischen, um sich dann gegenseitig durch Auflisten ihres übermenschlichen Lernpensums zu vergewissern, dass sie am aller-allermeisten von allen gelernt hatten. Sie konnten die gesamte Primär-, Sekundär und Tertiärliteratur auswendig, natürlich. In ihren kleinen Köpfchen brummte es wie ein einem Bienenstock. Die Klausur begann, sofort schrieben sie wie besessen. Auswendig gelerntes mit kurzer Halbwertzeit wollte doch unverzüglich aus ihnen herauspurzeln, bevor es wieder in Vergessenheit geriet! Es war wie eine Sturzgeburt kurzzeitig angeeigneten Wissens. Sie pinnten zwanzig, fünfundzwanzig Seiten voll, als gäb's kein Morgen. Die Finger am Stift weiß, das Gesicht voller hektischer Flecken. Jedes Mädchen, das etwas auf sich hielt, gab am Ende der angesetzten Zeit einen ganzen Stapel beidseitig dichtbeschriebenen Papiers ab und huschte aus dem müffelnden Klassenzimmer.

Draußen auf dem Flur brach dann die gesamte mühsam aufrecht erhaltene Fassung der letzten Wochen in Nichts zusammen. Die fleckigen Gesichtchen der Mädchen verzerrten sich grotesk, Tränen rannen plötzlich wie unversiegbar, als hätte jemand einen Wasserhahn geöffnet. Binnen Minuten sahen sonst eigentlich tageslichttaugliche junge Damen aus wie Wasserleichen, die zwei Wochen lang in einem stehenden Gewässer herumgedümpelt waren. Und es war nur eine Frage von Augenblicken, bis eine anfing zu sabbern: »Ich hab' sicher 'ne 6!!!«
Na sicher...
Sie fielen sich wimmernd und greinend in die Arme, heulten sich gegenseitig voll. Blauer Mascara verlief mit dem Lidstrich zu einem maus- bis taubengrauen Brei in Alice-Cooper-Optik.
Ich, der ich nur ein paar Tage je ein paar Stunden gelernt und nur zehn Seiten einseitig beschrieben hatte, trollte mich angewidert, mir die Schreibhand reibend.

Wochen vergingen, in denen sich der bedauernswerte Lehrkörper durch die endlosen Bleiwüsten 30-seitiger Mädchenklausuren pflügen musste, sicherlich mit seinem erbärmlichen Schicksal hadernd.
Dann, eines großen Tages, gab's die Klausuren zurück.
Die Anspannung war kaum auszuhalten.
*trommelwirbel*
Die Mädchen hatten allesamt eine 1 oder 2+.
Surprise, surprise...
Meiner einer hatte eine 3-.

Einmal fing tatsächlich eine an zu heulen, weil sie statt der angekündigten 6 nur eine 1- bekommen hatte. Noch heute bedauere ich es, dem damaligen Impuls nicht nachgegeben zu haben, ihre frisch aufquellende Visage ein klitzekleines bisschen vor die Wand zu hauen.
Nur ein bissi, keine Panik.

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Mittwoch, 28. April 2010

ru24 History 15: Hackethal soll sterben! (1987)

1987. In der Jahrgangsstufe des Theodor-Heuss-Gymnasiums Radevormwald (THG) hatte ich als Mitschüler einen (1) Heavy-Metal-Fan. Er trug ausschließlich tiefschwarze Stretch-Hosen und T-Shirts aus dunkler Materie mit Aufdrucken von Venom, Possessed, Slayer und Voivod. Seine Matte hätte Klingonen vor Neid erblassen lassen, ebenso aber auch sein überaus reizbares, cholerisches Temperament. Dieses ständige Zornbrüllen und Aufwallen war auch seinen Freunden und Bekannten irgendwann mal zu viel. Eine Handvoll Schwachköpfe beschlossen eines Tages, es dem Heavy-Cholerik-Metal mal "zu zeigen". Sie heckten den wenig perfiden und durchaus diskutablen Plan aus, dem Kerl mal "auf die Motorhaube seines Golf zu kacken".
Heiko P., der beeinflussbarste Mensch, den ich je traf, war geradezu ideal zur Durchführung des "Plans", schon nach kurzer Zeit stimmte er begeistert zu, derjenige zu sein, welcher...
Es wurde Abend, es dämmerte. Die Handvoll Rächer machte sich auf den Weg zum Wohnort des Metals, ein stilles Wohngebiet am Rand von Radevormwald. Während sich die Gruppe im Hintergrund hielt und durch Tannengrün schielte, tappte Heiko über den Bürgersteig, hielt immer wieder nach potentiellen Augenzeugen Ausschau. Vorsichtig kletterte er mit seinen Turnschuhen auf die Motorhaube, ließ die Hosen herunter, ging in die Hocke, presste...
In diesem Augenblick sprang ein Fenster an der Wohnung des Metals auf und die Mutter des Cholerikers schrie eine völlig unartikuliert wirkende Folge von Silben - als sei sie besessen!
Heiko floh panisch mit heruntergelassenen Hosen, die Anstifter machten sich aus dem Staub.

Am Ende waren sich auf jeden Fall alle einig, dass die besessene Metal-Mutter "Hackethal soll sterben!" gebrüllt hatte.
Die rätselhafte Sentenz erlangte zu dieser Zeit einige Berühmtheit und wurde sogar zu einem Lied einer lokalen Punk/Metal-Band verarbeitet, dessen Titel und Refrain natürlich "Hackethal soll sterben!" gelautet hatte.

Professor Julius Hackethal (1921-1997) (Link) hat von alledem nie etwas erfahren.


Donnerstag, 1. April 2010

Heimat 17/History 10: Frau Stinder (1978)


Union Jack Vintage Linen
Originally uploaded by geishaboy500
Rock'n'Roll Realschule 3. (und letzter) Teil
5. Klasse, der erste Englischunterricht meines Lebens. Meine neue Lehrerin Frau Stinder ist bereits über 50, sie spricht nur englisch. Ihre Haare sind grau. Sie trägt karierte Kleidung im Grundton grün/braun, der Kragen ihrer gestärkten, weißen Bluse ist so scharf, mit ihm könnte man Schlagadern auftrennen - wenn ihr der Sinn danach stünde. Sie trägt überknielange, karierte Faltenröcke und blickdichte, fleischfarbene Strumpfhosen sowie beige Halbschuhe.
Frau Stinder, hat keinen Vornamen, die Worte "Frau-Stinder" sind eine untrennbare Einheit, die keinerlei Ergänzung mehr bedarf.
Da waren diese Learning-English-Workbooks, DIN-A4, rot (Klasse 5) und grün (Klasse 6), bis unter den Rand voller Grammatikspielchen, Lückentexten und Kreuzworträtseln, ganz, ganz dolle spannend für den Zwölfjährigen an sich.
Frau Stinder hatte einen bizarren Fetisch: Sie gab fast ausschließlich Hausaufgaben aus dem Workbook auf - und das nicht zu knapp - und niemals keine Hausaufgaben. Die Workbooks wurden in Phase 1 mit Bleistift geführt - wichtig! In der nächsten Englischstunde wurden die Hausaufgaben dann in der Klasse kontrolliert, die Korrekturen mit Radiergummi und Bleistift gemacht (Phase 2). War die ‘Lesson’ komplett abgeschlossen, wurden die Workbooks eingesammelt, Frau Stinder korrigierte dann mit grünem Stift (Phase 3) und teilte sie wieder aus. Die Schüler hatten nun die Korrekturen und alle anderen Texte mit Füller (blau) im Workbook nachzuziehen (Phase 4), die Fehler-Sätze mussten zusätzlich separat im Hausheft genau dreimal richtig geschrieben werden:
I shall not waste ink and paper and time.
I shall not waste ink and paper and time.
I shall not waste ink and paper and time.
Zum guten Schluss wurden die tintenkorrigierten Workbooks UND die Haushefte zur Endkorrektur eingesammelt und abermals korrigiert, diesmal in rot (Phase 5).

Natürlich gab es in dieser rigiden Kette mannigfaltige Möglichkeiten für zwölfjährige, nur so mittel disziplinierte Jungs, zu versagen, sei es,
1) die Hausaufgaben zu vergessen,
2) das Nachkorrigieren mit Bleistift zu vergessen,
3) das Nachziehen mit Tinte zu vergessen,
4) bei der Klassenkorrektur nicht richtig aufzupassen,
5) Bleistift nicht wegzuradieren "unter" dem Tintentext
6) Teile des Workbooks einfach freizulassen, obwohl die letzte Korrekturphase bereits abgeschlossen ist und an den leeren Stellen schon allein aus diversen Gründen mehrfach hätte etwas stehen müssen,
7) das Workbook zu Hause zu lassen, oder zu tun als ob,
etc., etc.
Mühlinghaus & Meskendahl waren die Namen, die Frau Stinder fast immer und in jeder nur denkbaren Phase entsetzt nannte und dabei die aufgeschlagenen „Workbooks des Grauens” vor den staunenden Augen der Klasse preisgab: „Seht euch diese Workbooks an: Myh...ling...house u-hund Mes...ken...daaahl!!!”, dann Einträge in ihr gefürchtetes rotes Büchlein machte.
Noch heute habe ich den angewiderten Singsang ihre Stimme im Ohr, so, als würde ein als Frau verkleideter Mann mit zu schriller Frauenstimme über Fäkalien sprechen.

Wenn ich Volker Meskendahl heute treffe, vielleicht auf dem Parkplatz eines Radevormwalder Supermarktes, dann sagen wir meist nur diese drei Worte „Myh...ling...house u-hund Mes...ken...daaahl”, in dieser speziellen Betonung und Tonlage zueinander, lachen ein wenig irr und gehen dann wieder unseren Verrichtungen nach, ohne groß weitere Worte gewechselt zu haben.

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P.S.: Wie ich zähneknirschend zugeben muss habe ich in diesen zwei Jahren tatsächlich fast schon unanständig viel gelernt :)

Samstag, 27. März 2010

Heimat 16/History 9: Herr Hermes (1979)

Rock'n'Roll Realschule Teil 2
Der mit weitem Abstand wohl faulste Lehrer meiner gesamten Schullaufbahn hieß Hermes, wie der Götterbote.
Es war auf der Realschule Radevormwald (Link), die 5. und 6. Klasse, ich war 11 bzw. 12. Hermes war mein Klassenlehrer und ganz nebenbei ein gefürchteter Choleriker.
Er betrat wie immer leicht verspätet das Klassenzimmer.
Er hatte buchstäblich nichts dabei außer seiner Kleidung, immerhin.
»Hat mal einer einen Kuli?«, fragte er, jemand reichte ihm einen.
Hermes öffnete das Klassenbuch und redigierte erst einmal 10 Minuten darin herum. Dabei schnauzte und herrschte er all die an, die dort Einträge wegen Fehlens, Rügen, fehlender Hausaufgaben etc. bekommen hatten – ein unbeherrschter, ja fast wahnsinniger Gott. Einmal hat er eine Mitschülerin wegen Schulschwänzens dermaßen angebrüllt, dass das Kind, das neben ihr saß, vor Angst zu weinen anfing.
Nach diesem Ritual ließ er sich im Erdkundeunterricht von einem Schüler ein Seydlitz-Erdkundebuch geben und fragte: »Was haben wir das letzte Mal gemacht?« – Alle nuscheln durcheinander, mit angespannter Mine sucht Hermes im Buch.
»Hm, dann malt mal die Klimakarte auf Seite 68 ab, ich bin gleich wieder da« – und verschwand. Hermes saß jetzt ernstlich eine halbe Stunde lang im Lehrerzimmer herum, las die Tageszeitung und trank Kaffee. Minuten vor Unterrichtsende tauchte er wieder auf, kontrollierte die Zeichnungen und gab den Rest als Hausaufgabe auf.
Alternativ hatte er den Video-Raum geblockt, wo irgendetwas annähernd zum Thema Passendes geschaut wurde, notfalls seine Urlaubsbilder (kein Scherz).

Nach einer solchen sogenannten »Unterrichtsreihe« kam der gefürchtete Hermes-Nullachtfünfzehn-Test:
»So, alles vom Tisch, nur 2 Blätter und ein Stift!« – Klasse: »Ächz!«
Er nahm das Erdkundebuch eines Schülers, blätterte darin herum und stellte nach Gusto irgendwelche Fragen. Die Antwort musste dann niedergeschrieben und sofort mit dem anderen Blatt zugedeckt werden. Wenn jemand beim Nachbarn spickte, explodierte Hermes in einem gewaltigen Ausbruch, viele bekamen dann vor lauter Stress gar nichts mehr auf die Reihe.
Ein beliebter Schülerwitz aus dieser Zeit zum Thema »Hermes« lautete: »Frage 8: Wie heißt der chinesische Bauer auf Seite 75?«
Nach 10 Fragen wurde alles noch einmal durchgegangen, indem er die Antworten vom Klassenbesten nahm und daraus sehr frei die Fragen reformulierte (dieser Schüler konnte nichts korrigieren). Die Blätter wurden eingesammelt und von der sogenannten Lehrkraft sofort korrigiert, d.h., er verbrachte die nächste halbe Stunde damit, mit seinem Rotstift Striche und Noten auf die Blätter zu kritzeln. Dann verteilte er schäumend die Werke, indem er die Namen aufrief, und man sich seinen „Test” einzeln vorn am Lehrerpult abholen musste. Wenn alle »Tests« auf diese Art und Weise verteilt waren, nahm er sein rotes Notenbüchlein, las alphabetisch die Namen der Schüler vor und ließ sich vom jeweiligen Schüler die Note sagen, die er dann in sein Büchlein eintrug. Dieses Vorgehen stellte sicher, dass damit auch eine ganze Unterrichtsstunde verballert wurde. Wer sehr mutig war, konnte beim Angeben der eigenen Note ein »Minus« unterschlagen und hoffen, dass es Hermes nicht auffiel.
In diesem Stil durfte er auch Mathematik, Musik und andere Fächer unterrichten.
Verjährt so eine Scheiße eigentlich?

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Freitag, 26. März 2010

Heimat 15/History 8: Frau Verhoye (1981)


Drapeau français
Originally uploaded by zigazou76
Rock'n'Roll Realschule Teil 1
In der siebten Klasse der Realschule (Link) bekam ich Französischunterricht. Die Französischlehrerin war Frau Verhoye (sprich: Weh-roo-áh!) und sie ließ bereits bei der ersten Unterrichtsstunde auf sich warten.
Etwa fünf Minuten nach Unterrichtsbeginn hastete sie in den Raum. Sie war blondiert und touppiert, sie trug ein Kostüm und hochhackiges, farblich zur Kledage passendes Schuhwerk.
"Vite! Vite!", rief sie affektiert, als sie in den Klassenraum stürmte. Ihre allererste Amtshandlung bestand grundsätzlich darin, sich in dem Spiegel über dem Waschbecken zu schminken. Wir Kinder waren fasziniert und nahmen Haltung an, denn Anno 1981 stand man noch stramm hinter den Stühlen, sobald das Lehrpersonal den Raum betrat. Frau Veroye fuhr ein goldenes Mercedes Cabrio und war mit einem belgischen Schokoladenfabrikanten verheiratet - eine, die es geschafft hatte...
"Bonjour chers étudiants!", singsangte sie nasal.
"Gu--ten Mor--gen Frau Weh--roo--ááh!", brüllten wir.
"Asseyez-vous", sagte sie als nächstes.
Wir lernten mit der Zeit dass wir anschließend im Chor "Nous nous asseyons!" zu brüllen hatten. Etwa 25 Jahre später erfuhr ich durch Zufall, dass das "Wir setzen uns" heißt.
Mit der Zeit erlernten manche von uns die Grundzüge der obskuren Sprache Französisch. Und weil Frau V. absolut immer zu spät zum Unterricht kam, lernten wir quasi en passent, dass "Vite! Vite!" = "Schnell, schnell" bedeutet.
Die Jahreszeiten flogen nur so dahin, ich entdeckte mein fehlendes Talent = Nullbock, wählte Französisch ab und wandte mich dem naturwissenschaftlichen Zweig zu, der meinen Neigungen eher entsprach. Kurz drauf schrieb ich die einzige EINS meiner Schullaufbahn: In Biologie bei einem Sexualkunde-Test.

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Donnerstag, 12. November 2009

Heimat 6/History 4 - Herr Kielbasa (1976)


its done
Originally uploaded by motograf
Anno 1976 wechselte ich innerhalb meiner Heimatstadt Radevormwald von der "Gemeinschafts-Grundschule Stadt" zur "Lindenbaumschule". Der Wechsel hatte mit einem organisatorischen Winkelzug meiner Grundschullehrerin Frau Hübner zu tun. In der "Lindenbaumschule" wehte plötzlich ein ganz, ganz anderer Wind, konkret: Der Konrektor, Herr Kielbasa, ein seltsam wurstiger Mann, rannte nämlich ausschließlich mit einer Zigarre zwischen den Wulstlippen durch das Gebäude.
Heute käme er dafür wahrscheinlich nach Guantanamo oder zumindest in einen Hochsicherheitsknast und die einmalige Außerkraftsetzung des Art. 102 des Grundgesetzes (Abschaffung der Todesstrafe) wäre zumindest ein paar Monate lang in allen Medien heiß in der Diskussion. 1976 aber war das voll OK und der Herr Kielbasa, der wie eine Dampflok ständig dichten, beißenden Qualm hinter sich herzog und die Grundschule waren untrennbar miteinander verbunden.

Jetzt bin ich wirklich rein zufällig darüber gestolpert: "a kielbasa" bedeutet auf amerikanischem Englisch "a smoked sausage of Polish origin (Link)" = "eine Räucherwurst polnischer Herkunft" - das passt sowas von perfekt!

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