Mittwoch, 23. November 2022

Things we lost (in the fire) — Inhaltsverzeichnis

Midjourney

Things we lost (in the fire) - wie alles begann

Things we lost (in the fire) - Teil 01: Mamiya Seagull 4
Things we lost (in the fire) - Teil 02: Opa Heinrichs Reiseköfferchen
Things we lost (in the fire) - Teil 03: Langspielplatte INXS Kick (1987)
Things we lost (in the fire) - Teil 04: Papas Hohner Mundharmonika
Things we lost (in the fire) - Teil 05: T.W.s Besteck
Things we lost (in the fire) - Teil 06: Fotoalbum Rucksackurlaub
Things we lost (in the fire) - Teil 07: Dukatenbäumchen
Things we lost (in the fire) - Teil 08: Märchenbücher
Things we lost (in the fire) - Teil 09: Ölgemälde
Things we lost (in the fire) - Teil 10: P.M. Erstausgabe (1978)
Things we lost (in the fire) - Teil 11: "Chrom brennt"
Things we lost (in the fire) - Teil 12: Opa Karls Taschenmesser
Things we lost (in the fire) - Teil 13: Anthologie »Gedanken im Netz 2«
Things we lost (in the fire) - Teil 14: Omas Zuckerdose
Things we lost (in the fire) - Teil 15: Kinderbuch von Richard Scarry
Things we lost (in the fire) - Teil 16: "Ding, mit dem man über Landkarten rollt"
Things we lost (in the fire) - Teil 17: Brunsviga
Things we lost (in the fire) - Teil 18: drei Dinge
Things we lost (in the fire) - Teil 19: Chrissis Gastbeitrag
Buddies we lost (in the fire) - Teil 20: Oskar (Ozzy)
Buddies we lost (in the fire) - Teil 21: Sammy

Things we lost (in the fire) — Yin und Yang (Gedanken)
Things we lost (in the fire) — Was ihr selbst tun könnt
Things we lost (in the fire) — Danke (letzter Teil der Serie)



Montag, 21. November 2022

Things we lost (in the fire) — Danke (letzter Teil der Serie)

Thanks to Morvanic Lee @morvanic on Unsplash

Ich kann nicht an das Feuer denken, ohne auch an die Welle der Hilfsbereitschaft zu denken, die uns widerfahren ist. Buchstäblich nahezu jeder, den wir kennen, seien es Schulfreunde, Bekannte, aktuelle und ehemalige Arbeitskollegen und Verwandte haben liebe Worte gesendet und/oder Möbel oder Geld gespendet und/oder ihre Hilfe angeboten. Meine Arbeitskollegen haben neben Geld sage und schreibe siebzehn Urlaubstage gespendet — wie genial, wie unglaublich ist das?

Es gab anfangs eine winzige Hoffnung, dass eine oder sogar beide Katzen das Feuer überlebt haben. Freunde haben recherchiert, Suchplakate erstellt und aufgegangen, mit Passanten gesprochen und sich auf dem Friedhof nach dicken Katzen umgesehen. Es wurde nichts unversucht gelassen und dafür bin ich unglaublich dankbar, auch wenn wir letztendlich die traurige Realität anerkennen müssen.

Die Summe all dessen macht warm ums Herz! 

Ohne meine Chrissi und ihr Social-Media- und Organisationstalent würde ich heute im Keller einer leerstehenden Fischfabrik in Dormagen leben 😉. Durch ihre unermüdlichen Bemühungen haben wir bereits von Kanada aus eine tolle, neue Wohnung gefunden (was ich heute noch total unglaublich finde), die wir am 01.12.22 beziehen werden — Yay!!! — ich habe so ein Glück, sie zu haben.

Am Ende wird alles gut sein.
Und wenn es nicht gut ist, dann ist es nicht das Ende.
Danke euch allen, ihr lieben Menschen, die das mit möglich gemacht haben! Ihr habt für immer einen Platz in meinem Herzen! <3


P.S.: Bloggen werde ich weiterhin, ich habe wieder Spaß daran.
Mir schwebt eine neue Reihe vor, ich bin selbst mal gespannt.  

Freitag, 18. November 2022

Things we lost (in the fire) — Was ihr selbst tun könnt

Thanks to C Dustin @dianamia on Unsplash

Weiterhin zu vervollständigende Liste von Maßnahmen, die Verlusten von Leben, Daten und Dingen vorbeugen können:

Fluchtwege & Rauchmelder
In jedem öffentlichen Gebäude sind sie eingezeichnet, bei euch zu Hause nicht: Fluchtwege. Bitte prüft jetzt eure Fluchtwege. Was könnt ihr tun, wenn das Treppenhaus bereits in Flammen steht? Kommt ihr übers Fenster oder den Balkon zu den Nachbarn oder auf ein Garagendach oder einen anderen Balkon? Von wo aus, von welchem Fenster aus kann euch die Feuerwehr ideal aus dem Gebäude pflücken? Am besten, ihr macht euch das jetzt klar.
Vermieter hängen Rauchmelder auf, weil der Gesetzgeber sie seit 2013 dazu nötigt. Bei uns im Haus wurden von einem Helfershelfer Billo-Rauchmelder von der Resterampe angepappt, sie fielen drei Tage später von der Decke. Wenn dann neun Jahre später die Hütte brennt, ist das Ergebnis erwartbar suboptimal, gelinde gesprochen. Also kümmert euch notfalls bitte selbst darum. Für ein paar Euros mehr gibt es auch Kombinationsgeräte Kohlenmonoxyd- plus Rauchmelder, das ist vielleicht die bessere Wahl. Ein paar Minuten früher oder überhaupt gewarnt zu werden, kann über sehr viel oder alles entscheiden.


Versicherung
Eine Hausratversicherung gehabt zu haben, war die beste Entscheidung ever. Hätte ich auch nicht gedacht. (Achtung: auf jeden Fall mit Unterversicherungsverzicht abschließen, damit ihr im Schadensfall nicht nur Peanuts bekommt). Was die Versicherung zahlt: Eine festgelegte maximale Versicherungssumme. Dafür wollen sie lange Excel-Listen und drölfzig Fotos und Rechnungen und es dauert, aber nach 45 Tagen haben sie schon zwei große Teilzahlungen geleistet. Die Versicherung zahlt auch eine vorübergehende Unterkunft. Und die Entsorgung des Schutts: brennt die Hütte ab, wird eines Tages auch mal der Abraum weggeschafft. Dieser wird -- sehr deutsch -- müllgetrennt, das löhnen dann anteilig Hauseigentümer, Versicherungen und — unversicherte Mieter. Sehr nice, vor allem für die Unversicherten.


Tresor
Vielleicht wiegt man sich mit einem Tresor in falscher Sicherheit. Ist das Treppenhaus erst mal fort, ist ein Tresor im dritten Stock eine ziemlich theoretische Angelegenheit, so wie das Silber auf der Titanic. Wasserdicht sollte er übrigens auch sein. Selbst, wenn er noch da steht, wo ihr ihn abgestellt habt und nicht in die Stockwerke darunter gekracht ist. Vielleicht kann ihn 1,5 Jahre später das Abrissunternehmen bergen. Klingt nicht dolle.


Was wir besitzen, was wir besaßen
Diese Wolke aus Dingen, die uns zu Hause halb bewusst ständig umgibt. Ist sie erst einmal fort, kann man sie im Kopf kaum rekonstruieren. Was genau ist noch mal in der vorletzten Küchenschublade? Macht bitte einmal im Jahr wenigstens einen Videorundgang durch euer Gemäuer, öffnet dabei alle Schubladen und Schränke und haltet einfach alles fest, vom Fußboden bis zur Decke. Es könnte sein, dass ihr eines Tages eine Liste für einen Versicherer schreiben müsst (oder im Falle eines Einbruchs auch für die Polizei). Diese Filme, Fotos und Rechnungen gehören übrigens in die Cloud, zumindest aber außer Haus, sonst nutzt es nichts.


Festplatten
SSD-Festplatten sind übrigens nach einem Brand "etwas besser rettbar" als HDD-Platten. Die Kosten für Festplattenrettung gehen los bei 600,00 € (Festplatte hat ihre Zuordnungstabelle verbummelt) bis open end (Klumpen Schlacke mit Erinnerungslücken). Festplatten bringen wirklich nur etwas, wenn ihr sie nicht im Haus habt, also lagert sie bei (selbstredend woanders wohnenden) Freunden, Verwandten oder Banken und frischt ihre Inhalte turnusmäßig auf.
Das ist nicht praktisch, aber möglich.


Cloud
Ich hatte einen iMac mit einer TimeMachine-SSD und eine iCloud, für die ich bezahlt habe, aber das reicht nicht. Man muss die iCloud auch einrichten, sonst speichert sie einen scheiß. Ich war tatsächlich so naiv anzunehmen, dass es schon „von selbst alles wichtige irgendwie speichert“ (facepalm). Ich hatte auch ehrlich gesagt gar keine rechte Lust, mich damit auseinanderzusetzen, son Gedöns habe ich schon genug bei der Arbeit. Dadurch habe ich das mit der iCloud jetzt auf die harte Tour gelernt. Alle Fotos „vor Apple“ und sehr viele Dokumente sind verloren. Seid einfach schlauer, als ich es war und richtet es JETZT ein.
Es gibt übrigens jede Menge europäische Cloudlösungen, es muss nicht Google Drive sein.


Was in die Cloud gehört
⊛ Eure Videorundgänge von der Wohnung, Fotos vom Interieur
⊛ Rechnungen der teuren Dinge wie Thermomix, KitchenAid, Fernseher, Computer usw.
⊛ Scans aller eurer Versicherungspolicen (dankt mir später)
⊛ Scans aller Zeugnisse
⊛ Scans der Ausweise
⊛ Scans der Testamente
⊛ Ein Passworttresor, auf den euer/eure Partner/in zugreifen könnte, wenn er/sie denn müsste

Macht. Es. Jetzt.


Donnerstag, 17. November 2022

Things we lost (in the fire) — Yin und Yang (Gedanken)

Thanks to Aneta Pawlik @anetakpawlik on Unsplash

Als Kind der 70er spielten wir oft als wilde Horde von einem Dutzend und mehr Kindern auf einem damals noch unbebauten Grundstück, das wir „Die Hohe Wiese“ nannten. Gemeint war das hoch wachsende Gras. Das Areal lag in etwa dort, wo heute in Radevormwald der Penny-Markt steht. Eines Tages entdeckte eines der Kinder in der Erde einen zusammengeschmolzenen Klumpen blauen Glases, von der Größe und den Abmessungen in etwa wie ein Faustkeil. Die obere, gerundete Seite war geschwärzt und blasig, doch wenn durch den mittleren Teil Licht fiel, dann war es von einem mystischen, tief ozeanischem Blau. Es war ein Blau, bei dem das Horn eines Ozeandampfers ertönte, wenn man es sah. Wir Kinder hüteten dieses Objekt wie einen Schatz. Doch eines Tages beschloß einer der Jungs, es mit einem Stein zu zertrümmern und alle anderen vor vollendete Tatsachen zu stellen.
Obwohl das nahezu 50 Jahre her ist, kann ich den Verlust des „Schatzes“ noch heute spüren.
Es ist schon verrückt, wie wir uns auch schon in jungen Jahren an zufällige Objekte klammern können.

Es ist so viel verloren gegangen. Aber es sind nicht nur die guten Dinge vernichtet worden durch den Brand.
Es gab Hemden, die ich nicht mochte (aber meine Frau Chrissi). Es gab ein zwanzig Jahre altes, schwarzweißes Hawaii-Hemd, welches ich auf Teufel komm raus behielt, für das ich aber hätte 40 kg abnehmen müssen, um es tragen zu können. Mein Bürostuhl, 2020 erworben bei Amazon, war ein Möbel das ich verfluchte, sobald ich ihn benutzte — und der hätte sicher noch die nächsten 10 Jahre genervt. Unsere Mikrowelle war ein sehr schlichtes Ding — ich hatte gehofft, dass sie mal den Geist aufgibt, damit wir eine bessere anschaffen können, aber sie hätte aus Frack noch bis zum Sankt Nimmerleinstag durchgehalten. Da war das in Folie eingeschweißte Buch, über das ich in Teil 13 dieser Reihe geschrieben habe. Es gab etliche „Baustellen“, unordentliche Ecken, Nester aus Chaos & Entropie und sich fluffig auftürmende, unsortierte Papierberge — alles eine einzige Mahnung, die ständig Energie kostete, sie zu ignorieren. Auch das ist alles fort, fort wie nie da gewesen.
Es ist immer etwas Helles im Dunkeln und etwas Dunkles im Hellen.

Ich habe oft gedacht, dass ich zu viele Dinge habe. Der Normalbürger besitzt wohl einige tausend Dinge (Web-Artikel). Ich hatte schon sehr viel ausgemistet im Laufe der Jahre, doch es fühlte sich manchmal schon an wie eine Last: „Alles, was du hast, hat irgendwann dich“ (Fight Club). So leicht man Krempel bestellen kann — drei Klicks und morgen ist es da — umso schwerer ist es, das alles wieder loszuwerden. Chrissi und ich hatten zwei Staffeln der Netflix-Serie „Tiny House Nation“ gesehen und ich habe mir dabei oft vorgestellt, wie es wäre, in einem solchen Winzhaus zu leben, ich stellte mir das immer ungemein romantisch-befreiend vor. Mir war aber klar, dass wir unseren Plunder nie-nie-niemals um die erforderlichen 90 % reduziert bekämen.
Surprise.
(Spoiler: Wir ziehen nicht in ein Tiny House.)

Ich habe früher mehr als einmal, in Anbetracht unserer immensen Besitztümer, gesagt: Das beste ist, die Bude brennt mal ab. 
(Spoiler: Es ist großer Mist.)
Dann bitte lieber immer weiter aussortieren.

Heute weiß ich, dass alle Gegenstände, die mir wirklich etwas bedeutet haben, in einen einzigen Umzugskartons gepasst hätten.
Darüber denke ich viel nach in letzter Zeit.


Dienstag, 15. November 2022

Buddies we lost (in the fire) - Teil 21: Sammy


Sammy kam ein Jahr nach Oskar zu uns, diesmal über Bekannte einer anderen Arbeitskollegin. Wir hatten ihn wegen seiner gefleckten Schnute gecastet und weil er alles andere als schüchtern wirkte (merke: sowas wächst sich nicht raus). Er war auf jeden Fall winzig und schlaksig wie ein Marsupilami und hat vom allerersten Tag an bereits als Knirps schon große Charakterstärke gezeigt: Wenn er etwas wollte, bekam er es. So gelang es ihm durch permanente, geheimnisvolle Expansion seines winzigen Körpers, den Platz im Katzenkörbchen für sich alleine zu beanspruchen, Oskar musste dann zusehen, wo er blieb. Platz genug wäre zu diesem Zeitpunkt noch dicke für beide gewesen.

Bereits nach kurzer Zeit hatten wir bei WhatsApp-Nachrichten zwischen Chrissi und mir in seinem Zusammenhang das Smiley „🙄“ so häufig benutzt, dass es am Ende einfach zu Sammy dazu gehörte. Er war schon echt ein Charakter.

Während Oskar uns in der Regel still anpuschelte, um auf sich aufmerksam zu machen, hupte Sammy herum. Wenn ihm etwas nicht passte, lag er wie ein gelangweilter Teenager im Weg herum — aus Protest — und hupte ihn unregelmäßigen Abständen. Man musste dieses Tier einfach lieben! Deswegen nannten wir ihn „die Hupe“.

Sammy war Fan von Wasserspielen. Oft saß er in der Doppelspüle und wartete darauf, dass das im langen Wasserhahn verbliebene Wasser herauslief, um es zu schnappen. Diese Mischung aus wasserscheu und wildem Jäger war schon extrem niedlich.

Sammy wartete abends mehr oder weniger geduldig, bis wir mit dem Essen fertig waren, um sich auf der Couch zuerst von Chrissi nach allen Regeln der Kunst durchpuscheln zu lassen. Danach wechselte er zu mir, lag an meiner Seite und ließ sich kraulen, bis es genug war. 

Die Hupe wird mir fehlen.


Inhaltsverzeichnis der gesamten Serie


Montag, 14. November 2022

Mein Gehirn denkt sich Sachen aus (2)

Midjourney

Ich habe geträumt, dass wir aus der abgebrannten Wohnung nur eines retten konnten: den Mond. Er war jetzt würfelförmig, glomm leicht und es fehlen einige Teile, sodass Schlitze fehlten wie beim unfertigen Todesstern. Wir wohnten jetzt in einem Mies-van-der-Rohe-Bungalow in einem Schilf-Garten — Träumchen! Allerdings nahm der Miniatur-Trabant auch viel Platz weg in der neuen Wohnung. In der Nacht glomm er blass vor sich hin.
Später ist der Wohnzimmer-Mond dann ausgebüxt und machte seinen Job — er illuminierte die Landschaft.


Sonntag, 13. November 2022

Buddies we lost (in the fire) - Teil 20: Oskar (Ozzy)



Wenn man einer Gruppe Menschen signalisiert, man hätte gerne ein Kätzchen, dann dauert es nie lange, bis man mit Flauschmoppels zugeworfen wird. Ich hatte in der Firma solches fallenlassen.

Die Nachbarin meiner Lieblingskollegin hatte beim Einparken in Dunkeln ein weitestgehend schwarzes Kätzchen angefahren, es war angedötscht, hatte eine doppelt gebrochene Hüfte und bedurfte medizinischer Hilfe. So fangen natürlich nicht gerade die idealen Katzengeschichten an. Wir wollten doch ein Kätzchen, keinen Pflegefall! Aber dann wurden wir zu dem Tier gelotst und wenn man dann mal das arme Ding da herumschlingern sieht, tja. Tierarzt hier, Milben entfernen, Tierarzt da, auch mal Samstags zum Tiernotarzt wegen Komplikationen mit der Hüfte. Bangen, dass die Kreatur überlebt.

Wenn Oskar, wie er mittlerweile hieß, uns in der Wohnung mal für 5 Stunden ghostete, also mit den Schatten verschmolz — seine Superkraft — unauffindbar blieb, dann knabberten wir schon Fingernägel, in der Angst, dass er sich verkrochen hatte, um in die ewigen Jagdgründe einzugehen. Oskar focht das nicht an, er gedieh prächtig. 

Wollte ich Oskar auf den Arm nehmen, aber er wollte nicht, dann signalisierte er das, nie sauer, nie unfreundlich. Mehrfach täglich schlitterte er bei einer Hochgeschwindigkeitsverfolgungsjagd, bei der er sich selbst jagte, durch die Wohnung, Kater Sammy brachte sich dann immer vorsichtshalber in Sicherheit. Wenn er mal seine Ruhe haben wollte, dann verschwand er im Schmutzwäsche-Behälter, oder, wie wir es nannten: „Ozzy ist im Darknet“.

Er war geboren für die Schatten, er war der Fürst der Finsternis, Aszendent Fledermaus. MegamüdeTM war sein eingetragenes Warenzeichen, was manchmal sogar zu einer MegamüdeTM-Inception führte, wie im oben eingebetteten Bild (Bild antippen zum Vergrößern). Wenn wir Besuch bekamen, war er der erste an der Tür um alle zu begrüßen. Wenn Kinder dabei waren, legte er sich später immer so niedrig hin, dass sie ihn erreichen konnten. Hatten wir Handwerker, mussten sie ihn ständig zur Seite schieben, denn Oskar war als Inspektor Ozzy immer an vorderster Front mit dabei, Smiley: 🧐.
Ich habe nie einen sozialeren, interessierteren, freundlicheren Kater kennengelernt.

Am Tag unserer Abreise hatte Oskar es sich auf Chrissis schwarzem Koffer gemütlich gemacht, denn auf schwarz war er schließlich unsichtbar. Ich musste beim Packen meines Koffers unzählige Male dort vorbei und konnte es nicht ein einziges Mal unterlassen, den Unsichtbaren auf die warme Stelle zwischen Kopf und Ohr zu küssen, er hat es ohne Murren über sich ergehen lassen.

Das ist meine letzte Erinnerung an ihn. Nichts, was ich schreiben kann, wird ihm gerecht. Oskar war die reinste Seele, die ich kannte.


Inhaltsverzeichnis der gesamten Serie


Samstag, 12. November 2022

Things we lost (in the fire) - Teil 19: Chrissis Gastbeitrag

Kindergeburtstag

Chrissis Gastbeitrag
1990 hatte ich gerade mein Grafikdesign-Diplom in der Tasche und wollte in Kanada durchstarten. Leider gab es eine Rezession und Jobs waren Mangelware. Die Zeitungen waren voll mit Stellengesuchen, aber Angebote gab es nicht. Also beschloß ich abenteuerlustig, mein geliebtes Montreal zu verlassen, um in Hamburg ein Praktikum in der Werbeabteilung bei Hapag Lloyd zu machen. Von dort aus waren meine Eltern vor 22 Jahren nach Kanada ausgewandert und meine Oma Ilse lebte noch dort. Wenn die Rezession nach einem Jahr vorbei wäre, würde ich mit besseren Deutschkenntnissen und Auslandserfahrung unterm Arm nach Montreal zurückkehren und schnell einen tollen Job finden!

Am Tag der Abreise bekam ich von meiner lieben Mom ein Fotoalbum — damit ich alle nicht vergesse, wenn ich so lange so weit weg bin. Es enthielt Fotos von mir als Baby, der Schulzeit in Kanada mit Skiausflügen, meine Balettaufführung als Pink Panther, den Tagen ohne Strom und fließend Wasser auf meinem Lieblingsort Ain’s Insel, der wilden Hippiezeit meiner Eltern und viele Fotos von Freunden durch die Jahre. Es gab Fotos von den Katzen Minzipinzi auf dem Geschenketisch meines sechsten Geburtstages und von Psychocat in meiner ersten eigenen Wohnung in Montreal, die ich zusammen mit meiner Schwester Anja bezog.

Die Rezession dauerte tatsächlich sieben Jahre und ich blieb in Deutschland. Ich lebte vier Jahre lang in Hamburg, 17 Jahre in Berlin und elf Jahre lang in Wuppertal und das Album war immer nah und hat mir gezeigt, wo ich herkam — die Menschen, die Orte, die Erlebnisse. Von allen Dingen, die ich verloren habe, ist dieses Album der herbste Verlust.

Ich werde weitere Dinge, die ich im Feuer verloren habe, auf Facebook posten — wer mag, kann von Zeit zu Zeit dort vorbeisehen. Ich freue mich drauf, ab Dezember mit Henning ein neues Zuhause aufzubauen und dort neue Erinnerungen zu schaffen.


Inhaltsverzeichnis der gesamten Serie


Donnerstag, 10. November 2022

Reus, again

photo credit: Marco Reus via photopin (license)

Am Mittwochmorgen, den 01. Juni 2016 musste ich mir im Radio (WDR 5) fünf Minuten lang Geseihere darüber anhören, dass ein gewisser "Reus" nicht mit zur "EM" fahre. "EM", das hatte irgendwie vage mit Fußball zu tun. And a guy called "Reus": Ich wusste zu dem Zeitpunkt gar nicht, dass es diesen Menschen überhaupt gab! Ich fasse die Fakten mal zusammen (8 Sekunden): Jener Reus ist "schon wieder nicht gesund" und darf "auch diesmal nicht mit". Dann hat der Sender noch die Stirn, stammelnden Pöbel in irgendwelchen Freilaufzonen deutscher Städte dazu zu interviewen, wie sie es finden, dass der Jogi Löw diesen Reus aussortiert hat wie einen alten Hamster.
Gottogott!!

Ich hatte diese sinnlose Begebenheit schon fast vergessen, als mir heute Morgen auf WDR5 mitgeteilt wurde, dass jener Reus, der mittlerweile schon beachtliche 33 Jahre alt ist, nun verletzungsbedingt nicht mit zur WM nach Katar fahre. „WM“, das hat irgendwie vage mit Fußball zu tun und „Katar“ was mit Husten. Also, nach allem, was ich bislang gehört habe — und das war wirklich nicht viel — ich hätte es geahnt, dass der junge Herr malade ist. Eigentlich hätte ich getippt, das alle weitaus fachkundigeren Beteiligten als ich sich das auch hätten denken können. Doch für die Ballfreunde auf www.ran.de war es „ein Schock“.
Is klar …

Butter bei de Fische: Der Reus hat offenbar schon als Kind gekränkelt. Das mit dem Ballspiel war vielleicht gar nicht so gut für seine krummen Haxen, vielleicht hätte er besser eine überwiegend sitzende Tätigkeit ausüben sollen, in einem Pförtnerhäuschen oder „was mit IT“, so wie ich.
In zwei Jahren ist wieder EM.
Ich tippe auf „gelben Schein“ statt gelbe Karte, aus Gründen.


Sonntag, 6. November 2022

Things we lost (in the fire) - Teil 18: drei Dinge

Am 04.07.1953 heirateten meine Eltern. Bei den Dingen, die sie geschenkt bekamen, war auch eine überraschend filigrane Bowleschale aus geschliffenem Glas mit feinem floralen Muster. Dazu gehörte eine Bowle-Kelle und die Tassen. Bei den Parties seinerzeit gab es keine Vegetarier und Veganer. Auch musste augenscheinlich nie jemand noch fahren und meine Eltern mischten höllische Gebräue zusammen in dieser Bowleschale. Nachdem die Gäste ihren zweiten Bowlebecher intus hatten, herrschte immer spontan „Bombenstimmung“ (Zitat Queen Mom). Die bald 70 Jahre alte Bowleschale stand bei uns Wohnzimmer auf dem Midcentury (sic!) Modern-Schrank und beinhaltete einige mattsilberne Weihnachtsdeko-Kugeln, was sich summa summarum als zeitlose Installation entpuppt hatte. Tschüss, du alte Partygranate!

***

Mein Vater war noch voll analog aufgewachsen und benutzte für Berechnungen in seinem technischen Beruf bis in die 70er-Jahre hinein einen Rechenschieber. Papa hat mir die Bedienung einige Male gezeigt, aber es war ein komplexes Hilfsmittel, das auch viel Mathekenntnisse voraussetzte. Beispiel: 60 x 250 wurde als 2,5 x 6 = 15 abgelesen und die drei fehlenden Nullen schlafwandlerisch im Kopf angehangen. Brutal! Die gesamte Bedienung setzte unterm Strich einiges an Mathe-Know-how, Tricks & Kniffe und gute Kenntnisse im Schätzen voraus. Die 80er-Jahre hatten mich natürlich bereits durch den Schul-Taschenrechner Texas Instruments TI30 LCD versaut — allzu ausgebufft war ich nicht. Den Rechenschieber hatte ich fein in der Antiken-Schublade aufbewahrt und manchmal schob ich etwas ratlos damit herum. Ade.

***

Seinerzeit vor unerhörten 50 Jahren habe ich den allerchristlichsten Kindergarten St. Marien (Blogbeitrag) in der Blumenstraße in Radevormwald besucht. Eines Tages schien dort ein Kinderfotograf auf und lichtete uns ab. Heute säße der deswegen wegen drölfzig Datenschutzverbrechen im Knast. Meine Mutter hätte dieses dort entstandene Bild auch in 2x 50 Jahren nicht erworben, denn wir fotografierten schließlich selbst usw. usf., aber Tante Waltraud (TW) kaufte das schwarzweiße Bild und ließ es professionell rahmen. Das (wirklich sehr sweete) Kindergartenfoto von mir stand dann die nächsten Jahrzehnte bis zu ihrem Tod auf TWs Nachttisch. Nachdem ich es geerbt hatte, schaute ich mein damals noch brillenloses ich mit dem breiten Milchzahnlächeln hie und da an. War ich das? Immer noch? (Siehe „das Schiff des Theseus“). Jetzt ist es fort wie alle anderen analogen Fotos und alle digitalen Fotos aus der Zeit vor Apple.


Inhaltsverzeichnis der gesamten Serie


Dienstag, 1. November 2022

Things we lost (in the fire) - Teil 17: Brunsviga

Quelle: Wikipedia

Im Bureau (nur in frz. Schreibweise) meines Urgroßvaters (mütterlicherseits) F. W. Fieseler gab es einen massiven Eichenschreibtisch und dazu passenden Rollschrank. Technisch ausgestattet war es mit einer mechanischen Index-Schreibmaschine AEG Mignon No. 4 (YouTube), mit der man mit einem Zeiger auf einem Buchstabenbrett zeigen musste, welcher Buchstabe getippt werden sollte. Auch gab es eine Brunsviga A-Rechenmaschine mit Glöckchen (Lexikon). Diese wurde damals beworben mit dem Slogan „Gehirn von Stahl“ und über Vertreter verkauft wie heutzutage Vorwerk-Artikel. Später bekam das Bureau noch einen schwarzen Bakelit-Fernsprecher dazu, Rufnummer 309 — mehr Technik geht ja kaum!

Alle diese wunderbaren Artefakte aus einer anderen Zeit existierten noch, als ich Kind war und mit der Schreibmaschine und auch mit der robusten Rechenmaschine ließ sich bei Oma trefflich spielen, etwas einstellen, wo herumdrücken und herumkurbeln geht ja bei Kindern immer. Später erbte ich das Telefon und auch das massive Rechenwunder und es stand als Ausstellungsstück bei uns im Wohnzimmerschrank.

Nun sind sie leider fort — Adieu!


Inhaltsverzeichnis der gesamten Serie