Mittwoch, 8. Juli 2015

ru History: Schlimme Schlager meiner Kindheit (1972, 1979)

photo credit: THE PIRATES - Die geheimen Sportsocken (27. Februar 2010) via photopin (license)


Die Schlager meiner Kindheit waren die Schlimmsten.
Ich möchte das als aufpeitschenden, ersten Satz mal so stehen lassen.
In den Siebzigern war Englisch noch voll ausländisch, die Zeiten von "Casual Socks" (ext. Link) lagen noch in weiter Ferne. Frauen trugen "Schlüpper", Männer trugen Feinripp-Unterbuxen und verteilten nach der Rasur großzügig "Irisch Moos" auf ihrem Gesicht -- et gab ja nix. Selbst das Wort "Hit" war in "Schlager" übersetzt worden, der natürlich deutschsprachig war. Musik war eine gänzlich analoge Angelegenheit, schon deshalb hörten die Leute viel mehr Radio als heute -- am Arbeitsplatz, im Auto, zu Hause. "Die Hitparade" im ZDF mit Dieter Thomas Heck war Pflichtprogramm. Eigentlich spielte überall Schlagermusik.

Ich möchte hier meine ganz persönliche Negativ-Liste schlimmer Schlager der 70er (ext. Quelle) vorstellen:

Roberto Blanco - Der Puppenspieler von Mexiko (1972)
Refrain: "Der Puppenspieler von Mexico, war einmal traurig und einmal froh". Das ist mal ein schönes Beispiel für eine einwandfrei ausgeprägte manisch-depressive Persönlichkeitsstörung -- Chapeau! Das Lied selbst (ext. Quelle) existiert womöglich nur, weil "froh" sich irgendwie auf "Mexiko" reimt. Wäre Roberto Blanco Österreicher -- dann wäre vielleicht vieles ganz anders gekommen:
"Dem Marillenpflücker aus dem Tschad, war's einmal wohl, mal war's ihm fad."

Karel Gott - Babicka (1979)
Karel Gott, die "goldene Stimme aus Prag" genannt, machte in den 70ern Musik für Leute, die um die Jahrhundertwende herum geboren waren. Außer "Biene Maja" (1976). Der überzeugte Kommunist hat zu der Zeit wohl kaum jemals ein Lied geträllert, zu dem man nicht landauf, landab in den Altenheimen abgehottet hätte. Mit "Babicka" (ein Lied über seine Omma) hat er gewieft seine Zielgruppe bedient.
Ich danke auf jeden Fall Gott dafür, dass er nicht auch noch die Titelmelodie von Captain Future gesungen hat.

Michael Holm - El Lute (1979)
Dieser im sonnigen, vordemokratischen Spanien angesiedelte Schlager gehört zur Gattung der sog. "Tränenzieher" und basiert auf einer wahren Begebenheit (ext. Quelle). Der Text soll emotional labile Personen zu Tränen rühren. Alle anderen rührte der Text zum Not-Auswurf der gerade zurückliegenden Mahlzeit. "Er hat nie das Licht der Sonne gesehen, sie nannten ihn El Lute. Was er wollte, war nur ein Zuhaus' und mehr Brot, und ein Ende von Hunger und Not". (ext. Quelle)
Gottogott.

Manuel & Pony und Anke Engelke - Das Lied von Manuel (1979)
Dieser perfide Tränenzieher aus dem Schlager-Höllenjahr 1979 ist der Beweis, dass Menschen sich ändern können, zumindest, was Anke Engelke angeht (Youtube). Der Liedtext handelt zusammengefasst vom kastilischen (spanischen) Manuel, den niemand im Plattenbau leiden kann. Doch Manuel singt, um Geld für die herzkranke Hannelore zusammenzukriegen, damit diese in den USA not-operiert werden kann. Dann können Manuel plötzlich alle voll leiden. (Text)
Das vom Kastratenchor wieder und wieder gekreischte "Maria Dolores!!!" ist hochfrequent und plombenlösend. Deshalb ist dieses Lied mein akustische-Folter-Geheimtipp für Guantanamo und überall sonst, wo gefoltert wird.
Gottogottogott.

Jonny Hill - Ruf Teddybär Eins-Vier (1979)
Setzten alle bisher hier genannten Interpreten auf eine wie auch immer geartete Art von Exotik (Mexiko, oder weitaus niedriger aufgehangen, Tschechoslowakei & Spanien), setzte Hill in diesem schlimmen Tränenzieher alles auf die Behindertenkarte (Youtube), was ihm prompt eine Goldene Schallplatte einbrachte. Hill, der 1940 in Österreich als Feri Gillming (!) das Licht der Welt erblickte, ist auch bekannt für den Hit "Auf einem Seemannsgrab blüh'n keine roten Rosen".
Gottogottogottogott!


Um ein Haar hätte ich den Schlimmsten aller Schlager-Schocker vergessen (will meinen: für immer erfolgreich verdrängt):

Andrea Jürgens - Und dabei liebe ich euch beide (1978)
Wozu brauch es eines Kastratenchors, wenn man eine Elfjährige singen lassen kann? Dieses Lied ist zu hart für Guantanamo! Bis zu diesem hochnotpeinlichen und gleichzeitig hochfrequenten Tränen- & Plombenzieher der Extraklasse hatte ich mir als Kind über eine Trennung meiner Eltern niemals zuvor Gedanken gemacht. Danke Andrea für die schlaflosen Nächte!
Schlimmes Video: Youtube.
Dagegen ist so ein Roberto Blanco doch echt human.


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