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Dienstag, 28. März 2017

Brötchen aus altem Getreide -- reloaded

photo credit: maltehempel_de Brot und Brötchen via photopin (license)

Als ich heute morgen zu einer gottserbärmlich frühen Zeit den Bäcker nahe meines Arbeitsplatzes betrat, ahnte ich es noch nicht. Ich stellte mich halbwegs gerade vor den Tresen und schaute den hin- und herhuschenden Theken-Maiden zu, beiläufig striff mein Blick die Schlagzeile der BILD, aber da stand überraschenderweise irgendein Schwachsinn. *kicher*
Ich wippte ein wenig herum, versuchte erfolglos die Winz-Preisschilder an den fernen Brötchen-Schütten zu entziffern, da kam ich aber auch schon dran.
"Ich hätte gerne vier Dinkel-Kürbis-Brötchen", sagte ich.
Die Aufback-Maid tütete meine Backlinge ein, dann tippe sie etwas in ihre Kasse.
Ich kroste im Portemonnaie derweil etwas Kleingeld zusammen.
"Das macht  3,28 €", sagte sie.
So genanntes "Kleingeld" war in dieser Situation völlig bedeutungslos!
"Bitte!?", quakte ich.

*** UNTERBRECHUNG ***
Ich will hier den Rat einer mir sehr nahe stehenden Person befolgen und mich nicht kleingeistig über hohe Preise beklagen. Auch sei es hier nicht statthaft, zu behaupten, dass ein Bäcker, der z.B. vor der Jahrtausendwende 1,64 DM für ein Brötchen verlangt hätte (und 6,56 DM für derer vier), vom aufgebrachten Mob zu Recht gebrandschatzt worden wäre. Solches zu äußern geht ziemlich an der Sache vorbei, denn wir leben im Jetzt -- und jetzt ist 2017!
*** UNTERBRECHUNG ENDE ***

'Mit dem Bezahlen ist man das meiste Geld los', sagte schon der große Karl Valentin.
Ich zahlte also den Betrag (vereinbart wurde Ratenzahlung nach einer SCHUFA-Auskunft), riet aber den wackeren Aufbäckersfrauen, doch direkt 1,50 € pro Dinkel-Kürbis-Brötchen zu verlangen, da sich das viel leichter rechne als 0,82 € je Backling, zumal Lufthansa-Piloten -- offenbar die Zielgruppe dieses Backwerks -- den Unterschied gar nicht bemerken würden.
"Na, die Brötchenpreise sind sehr genau kalkuliert!", konterte die Aufbäckersfrau.
Ich ging zum Lachen auf die Knie.



Also: Wie kommt es zu diesem Preis eines Dinkel-Kürbis-Brötchens? Ich habe rastlos recherchiert und folgende mögliche Ursachen isolieren können:
  • Spekulationen auf steigende Getreidepreise durch entmenschte Banken,
  • der wachsende antiquarische Wert von alten Getreidesorten wie Dinkel, Einkorn und Emmer
  • Missernten durch Kürbiskern-Käferfraß,
  • harte Diskalkulie beim Kalkulationspersonal des Bäckers (mein Favorit) oder schlicht 
  • Gier, bzw.
  • mehreres/alles gleichzeitig.
"Man weiß et nich!", hätte de Mutter gesagt.

Ich für meinen Teil werde nun die einzig logische Konsequenz aus der Sache ziehen: Ich werde Lufthansa-Pilot.



Erster Teil "Brötchen aus altem Getreide", siehe Blogbeitrag.



Samstag, 31. Mai 2014

Das Grundnahrungsmittel »Brot« erwerben

photo credit: Thomas Hawk via photopin cc
Ich gehöre noch einer Generation an, die noch Bäckereien betritt, um das Grundnahrungsmittel »Brot« zu erwerben. Gerne auch fürs Büro. Vermutlich aber nicht mehr lange. Weil im Supermarkt gibt es auch Brot, aber keine Aufbäckerinnen, was sich mehr und mehr als Plus herausstellt.

Ich stehe also in der so called Bäckerei, die in Wirklichkeit nur eine schnöde Aufbäckerei ist. Ich warte in der Schlange am Tresen und versuche mich während dieser Zeit verzweifelt daran zu erinnern, wie das Brot hieß, das ich vorletztes Mal gekauft habe. Denn das vom letzten Mal war ja nix, aber wie das hieß, weiß ich ja auch nicht mehr. Dann bin ich dran.
»Bittä!«, sagt die Aufbäckerin aka Bäckereifachverkäuferin.
»Ich hätte gerne ein Graubrot!«, sage ich.
»Ham wer nich!«, sagt die Verkaufsmeduse. War klar. WTF ist heutzutage eigentlich mit Bäckereien los? Die können ja nicht mal mehr ›Graubrot‹!
»Umm!«, sage ich, die Wangen aufblasend. Eigentlich möchte ich schlicht und ergreifend ein »Graubrot« käuflich erwerben. Aber so einfach wird es einem ja nicht gemacht. Hier gibt es Elsässer Brot, Überfelder Roggen, Udenhausener Bauernbrot, Ardenner Laib, Berner Wichtel, Sauerländer, Siegerländer, Ur-Eifeler Bauernbrot, Prümtaler Vollkorn fein, Aargauer, Petite Parisienne und viele mehr. Lieber Gott! Ich will doch gerade gar nicht verreisen!
»Ich hätte gerne etwas, was an ›Graubrot‹ herankommt. Ein Brot mit einem Roggenanteil größer 50%. Es soll ein kräftig schmeckendes, dichtes und festes Brot sein - und das meint kleine Bläschen statt großer Blasen im Teig.«
(Glaubt mir, ich weiß schon, warum ich das so genau sage ...)
Es macht ›klack‹, als die Holzaugen der Aufbäckerin mit den aufgemalten Pupillen plötzlich nur Augenweiß zeigen. Hinter ihrer Stirn beginnen drei riesige Zahnräder in Familie-Feuerstein-Optik unrund ineinanderzugreifen, das macht malmende Geräusche. Eine Weile passiert nichts. Die hinter mir in der Schlange Stehenden beginnen unruhig zu hüsteln, derweil Madame ›kalkuliert‹.
Es macht wieder ›klack‹, die Pupillen der so genannten Fachkraft fixieren mich nun wieder.
»Nehmen S'e ’n Hallschlager!«, sagt sie unvermittelt, wischt sich beiläufig mit dem Gummihandschuh angesammelten Speichel aus dem Mundwinkel.
Ich nehme also ein Hallschlager.
Im Büro stellt sich dieses Hallschlager dann als ein fluffiges Weizenbrot mit riesigen Blasen heraus, das ich im Grunde sofort in die Tonne werfen könnte.
Warum?
WARUUUM?

Liebe Bäckereien:
1) Ich will mir fürs Büro gerne ein Graubrot kaufen. Und wenn ihr selbst das schon nicht mehr drauf habt, dann lasst es besser ganz sein.
2) Dann die Namen. Ich kann in 1.000 Eisdielen der Republik gehen und ein Vanille-Eis kaufen, einfach so. Ganz ohne Häckes. Ein Vanille-Eis heißt ja auch nicht in der Innenstadt »Tropic« und fünf Häuser weiter »Yellow Mellow« und in Hessen »Bäbbelsche«. Gehe ich in 1.000 Bäckereien der Republik und will ein Graubrot kaufen, dann müsste ich mir dazu auch noch mindestens drei Dutzend Fantasienamen für die ganzen Graubrot-Look-Alikes und -Pretenders merken.
3) Zuletzt die Aufbäckerinnen. FACEPALM. Die haben es sehr oft leider mal gar nicht drauf. Die könnten einem auch nicht vernünftig Wurst verkaufen. Und auch keine Schuhe. Besser, sie lassen es ganz, das mit dem Verkaufen. Ich will wieder Bäckerei-Fachverkäuferinnen statt ungelernter Aufbäckerinnen. Wie früher.


Update: Neuer Bäckereibesuch, neues Glück. Diesmal haben mir die Medusen ein "Überfelder" angedreht, das ist so was wie ein "Hallschlager", nur nicht ganz so fluffig. Geht auch gar nicht!

Update 2: Nun haben sie mir ein "Altdeutsches Brot" verkauft, das geht schon zu 50% in die richtige Richtung, aber leider kein Vergleich zu einem Graubrot. Ich bleib dran. "Roggenbrote kommen bei uns immer Nachmittags rein." Sicher, sicher.


Mehr Bäckerei: Blogbeiträge


Dienstag, 9. Juli 2013

Brötchen aus altem Getreide (2009)


Bäckerei am Abend
Originally uploaded by Libär
Letztens war ich in einer Bäckerei. Das zumindest ist der Euphemismus ("Schönfärbewort") für den Laden, der eigentlich nur ein "Industrie-Rohling-Aufback-Shop" ist, der sich noch zu allem Überfluss im OBI-Markt Wermelskirchen eingezeckt hat.
Dort gab es nicht einmal Kürbiskernbrötchen, man stelle sich das einmal vor!
Stattdessen werden irgendwelche Frauen angelernt, Industrie-Rohlinge, die aussehen wie blasse Maden, in einen Ofen zu stecken und aufzubacken, bis es piepst. Ganz große Sache! Das kann man mit Knack & Back auch zu einem Viertel des Preises zu Hause haben. Leider bin ich schreckhaft und fürchte mich immer zuckenden Auges und bebender Wange vor dem Moment, an dem das Verpackungs-Rohr mit den Brötchen aufpoppt. Eines Tage bekomme ich noch mal einen Herzriss vom Knacken & Backen.
Sei's drum: so genannte "Bäckereien", in denen es nicht einmal Kürbiskernbrötchen gibt, sollten es quick & dirty mit einer Abrissbirne zu tun bekommen. Eröffnen sollte dort – auferstanden aus Ruinen – eine richtige, altmodische Bäckerei. Ein lichtdurchfluteter Ort, wo mit echtem Mehl (!) gebacken wird und wo es auch Kürbiskernbrötchen gibt, am liebsten mit im Boden eingebackenen Sonnenblumenkernen. Und einen richtigen Bäcker soll es dort geben, mit einer schwarzweiß karierten Hose, weißem T-Shirt und einer weißen Mütze, dessen Händedruck mit Leichtigkeit Mittelhandknochen zermalmt. Auch darf eine liebliche, rothaarige Bäckerstochter dort ein wenig kokett herumscharwenzeln und ggf. an einem Lutscher lutschen, wenn ihr der Sinn danach steht.
Jetzt war ich aber schon einmal in dieser zum Shop degenerierten Bäckerei, ich wippte ein wenig auf den Fersen und blies angesichts des REIN AUF VOLUMENS getrimmten Angebots fragend die Wangen auf. Hier gab es titanische Muzen und elefantöse Puddingbretzeln, gigantische Krapfen und megalomanische Berliner mit Zuckerguss in Leuchtfarben. Die blonde Aufbäckerin aber war gottlob freundlich und hilfsbereit, sie kannte mein Problem sicher schon. Sie empfahl mir als Alternative zu den Kürbiskernbrötchen ein Dinkelbrötchen mit dem Zusatz: "Dinkel, das ist eine alte Getreideart". Hört, hört. Das ist ja fast wie bei Spinat, das ist eine alte Gemüseart! Oder wie bei Apfel, das ist eine alte Obstart! Ich nahm zwei dieser kissenartig aufgeblähten, dunkelbraunen Brötchen mit Körnern aus altem Getreide oben drauf – ein schrecklicher Fehler. In der Firma angekommen nahm ich den Binford-Trennschleifer zur Hand, trennte die Backlinge angetan mit Splitterschutzweste und Schutzbrille auf, strich dann Butter und Marmelade darauf. Die Brötchenhälften schnitten mir beim Reinbeißen in die Mundwinkel, die auf dem Brötchen festgebackenen Körner gaben mir während des Kauens ein Gefühl, als würde ich auf einer Handvoll Lego herummalmen. Nur irgendwie härter. Ich aß die Teile auf, man muss schließlich an hungernde Waisenkinder in aller Welt denken, bevor man solche sog. Nahrungsmittel ihrer tatsächlichen Verwendung zuführt: Türen damit abschleifen.
Vier Tage später waren meine Mundwinkel noch nicht verheilt, Fremde sprachen mich auf der Straße darauf an.
Kollege Raimund berichtete mir, auch ihm sei Ähnliches schon vor Jahren beim Zivildienst widerfahren, sein ganz privates "Nahtoderlebnis mit einem Körnerbrötchen".
Das alles ist nicht so schön.

Aufgepasst ihr Abrissbirnen: Es gibt viel zu tun – packen wir's an!