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Montag, 30. Januar 2017

To make America great again

photo credit: claudia.schillinger Amersfoort via photopin (license)


Ich betrat die Bäckerei durch den Haupteingang.
Anders als in den letzten Monaten oder Jahren lagen in der Teilchenauslage noch immer ganze sechs Amerikaner herum, trotz fortgeschrittener Tageszeit -- eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit.
"Ist seit Trump die Nachfrage nach Amerikanern zurückgegangen?", fragte ich die sich mir zuwendende Bäckereifachverkäuferin.
Sie nickte stumm, die Augen niedergeschlagen, als sei ihr das Thema irgendwie peinlich.
Na, eigentlich war das ja zu erwarten gewesen. Ich überlegte.
"Vielleicht sollte man den Durchmesser verdoppeln, sie so groß machen wie Frisbees", schlug ich vor.
Es arbeitete in ihr, dann leuchtete Begreifen in ihren Gesichtszügen.
"To make America great again!", hauchte sie begeistert.
"Ganz genau!"


Dienstag, 9. Juli 2013

Brötchen aus altem Getreide (2009)


Bäckerei am Abend
Originally uploaded by Libär
Letztens war ich in einer Bäckerei. Das zumindest ist der Euphemismus ("Schönfärbewort") für den Laden, der eigentlich nur ein "Industrie-Rohling-Aufback-Shop" ist, der sich noch zu allem Überfluss im OBI-Markt Wermelskirchen eingezeckt hat.
Dort gab es nicht einmal Kürbiskernbrötchen, man stelle sich das einmal vor!
Stattdessen werden irgendwelche Frauen angelernt, Industrie-Rohlinge, die aussehen wie blasse Maden, in einen Ofen zu stecken und aufzubacken, bis es piepst. Ganz große Sache! Das kann man mit Knack & Back auch zu einem Viertel des Preises zu Hause haben. Leider bin ich schreckhaft und fürchte mich immer zuckenden Auges und bebender Wange vor dem Moment, an dem das Verpackungs-Rohr mit den Brötchen aufpoppt. Eines Tage bekomme ich noch mal einen Herzriss vom Knacken & Backen.
Sei's drum: so genannte "Bäckereien", in denen es nicht einmal Kürbiskernbrötchen gibt, sollten es quick & dirty mit einer Abrissbirne zu tun bekommen. Eröffnen sollte dort – auferstanden aus Ruinen – eine richtige, altmodische Bäckerei. Ein lichtdurchfluteter Ort, wo mit echtem Mehl (!) gebacken wird und wo es auch Kürbiskernbrötchen gibt, am liebsten mit im Boden eingebackenen Sonnenblumenkernen. Und einen richtigen Bäcker soll es dort geben, mit einer schwarzweiß karierten Hose, weißem T-Shirt und einer weißen Mütze, dessen Händedruck mit Leichtigkeit Mittelhandknochen zermalmt. Auch darf eine liebliche, rothaarige Bäckerstochter dort ein wenig kokett herumscharwenzeln und ggf. an einem Lutscher lutschen, wenn ihr der Sinn danach steht.
Jetzt war ich aber schon einmal in dieser zum Shop degenerierten Bäckerei, ich wippte ein wenig auf den Fersen und blies angesichts des REIN AUF VOLUMENS getrimmten Angebots fragend die Wangen auf. Hier gab es titanische Muzen und elefantöse Puddingbretzeln, gigantische Krapfen und megalomanische Berliner mit Zuckerguss in Leuchtfarben. Die blonde Aufbäckerin aber war gottlob freundlich und hilfsbereit, sie kannte mein Problem sicher schon. Sie empfahl mir als Alternative zu den Kürbiskernbrötchen ein Dinkelbrötchen mit dem Zusatz: "Dinkel, das ist eine alte Getreideart". Hört, hört. Das ist ja fast wie bei Spinat, das ist eine alte Gemüseart! Oder wie bei Apfel, das ist eine alte Obstart! Ich nahm zwei dieser kissenartig aufgeblähten, dunkelbraunen Brötchen mit Körnern aus altem Getreide oben drauf – ein schrecklicher Fehler. In der Firma angekommen nahm ich den Binford-Trennschleifer zur Hand, trennte die Backlinge angetan mit Splitterschutzweste und Schutzbrille auf, strich dann Butter und Marmelade darauf. Die Brötchenhälften schnitten mir beim Reinbeißen in die Mundwinkel, die auf dem Brötchen festgebackenen Körner gaben mir während des Kauens ein Gefühl, als würde ich auf einer Handvoll Lego herummalmen. Nur irgendwie härter. Ich aß die Teile auf, man muss schließlich an hungernde Waisenkinder in aller Welt denken, bevor man solche sog. Nahrungsmittel ihrer tatsächlichen Verwendung zuführt: Türen damit abschleifen.
Vier Tage später waren meine Mundwinkel noch nicht verheilt, Fremde sprachen mich auf der Straße darauf an.
Kollege Raimund berichtete mir, auch ihm sei Ähnliches schon vor Jahren beim Zivildienst widerfahren, sein ganz privates "Nahtoderlebnis mit einem Körnerbrötchen".
Das alles ist nicht so schön.

Aufgepasst ihr Abrissbirnen: Es gibt viel zu tun – packen wir's an!


Sonntag, 7. Juli 2013

Sonntagmorgen in Wuppertal

http://goo.gl/VHcHT
Sonntagmorgen in Wuppertal.
Et is herrlich, de Sonne scheint, Bombenwetter.
Um 9.00 Uhr verläßt der Jäger das Haus, um Brötchen zu jagen.
Das geht fix, easy hin, easy rein, easy wieder zurück! Rein in den Smart und los!
Nur schade, dass der bekackte Bäcker gar nicht auf hat an diesem Sonntag. Toll, sowas muss man sich als Bäcker erst mal leisten können.
Was für ein Penner!
Also zum Plan-B-Bäcker. Nach 100 m gerate ich an eine Straßensperre. Is klar. Tsts! Die Wuppertaler! Ich wende. Der gewiefte Jäger kennt ja auch die Schleichwege, also, ums Eck, Haken geschlagen, nochmal ums Eck und... Straßensperre. Wuppertal, Wuppertal! Gewendet, Haken geschlagen, ganz anderen Weg, Ampel, Ampel, übern Berg, hintenrum zurück, geparkt. 400 m zum Bäcker gelaufen, indes: Der Voll-Kack-Bäcker Myska muss Sonntags also auch nicht aufhaben, sicherlich aus Gründen. Mittlerweile dürfte die Liebste daheim auf den Jäger des Hauses fluchen und mit einem rasch erkaltenden Milchkaffee vor einem leeren Tellerchen seiner Rückkehr harren.
Der Jäger ruft zu Hause an: "Et gibbt nix, ich bin aber dran! In jedem Dreckskaff gibts 'nen Bäcker mit Sonntagsöffnung [ich denke dabei an meine Heimatstadt] nur hier nicht!", die Liebste seufzt, wie nur Liebste es tun.
Eine Passantin schleppt ein Blech Backwaren am telefonierenden Jäger vorbei, ihn durch ihre bloße Anwesenheit mit Hohn und Spott zu überziehen.
Der Jäger beendet harsch das Gespräch.
"Gibt es in Wuppertal IRGENDWO einen Bäcker, der Sonntags auf hat?", blafft der Jäger überraschend genervt der ihm unbekannten Frau hinterher. Dass die Worte "bekacktes Dreckskaff" und "Scheißbäcker" nicht drin vorkommen, ist das letzte Zugeständnis an gesellschaftliche Konventionen. Eigentlich wäre die Frau eine leichte Beute mit ihrem Blech, geht es dem Jäger durch den Kopf...
"Ist sich Oppél, dorrt rrechts!", sagt die Frau, zeigt nach links und geht weiter.
"Ah! Danke."
Das Smartphone weiß et aber auch nich. Vielleicht "Hoppel?" Da muss ich ausgerechnet jetzt Frau Migrationshintergrund fragen! Nach einer Weile kommt die Google-App drauf: "Meinten Sie 'Oebel'?" Sicher, sicher... Ich renne den halben Kilometer zum Auto, fahre um den Pudding herum (natürlich incl. Ampel, Straßensperre, Ampel und weitere Umwege) - da kommt mir in der Einbahnstraße ein Bus entgegen, der langsam hinter einer zu Fuß gehenden Frau her fährt. Die überaus verwegen heimblondierte Person im weißem Polohemd, 70er-Jahre Pilotenbrille und Cargo-Hosen winkt mich unfreundlich-hektisch zur Seite, ich halte sie erst mal für eine paramilitärische Parkraumbewirtschaftungs-Meduse. So eine ist ja wohl kaum weisungsbefugt, mich irgendwohin zu winken. Ich fahre trotzdem zur Seite, schon wegen dem Bus. Im rechten Außenspiegel sehe ich es dann: Auf der Rückseite des Shirts der Frau steht groß "Ordnungsamt" - na da steht's ja gut. Plötzlich wuselt es überall auf den Bürgersteigen von allerlei Jungvolk von THW, Polizei, Ordnungsamt incl. aller Warnwesten tragenden Schülerlotsen von ganz NRW, schlagartig ist es schwarz von Menschen. Nachdem Bus und Meduse fort sind, komme ich... TADAAA!!! ... an eine Straßensperre.
Hallo?
Fuck!
Wasn???
Ein Warnwesten-Brauseknilch winkt mich in die Winz-Gasse zur Rechten. Es reicht. Ich kurbele die Scheibe herunter.
"Ist das hier hier die scheiß Zombie-Apokalypse?", schreie ich.
"Schwebebahnlauf! Hier geht nichts mehr. Sie müssen umkehren!"
Grundgütiger!
'Schwebebahnlauf' - WTF???
Ich stelle den Smart irgendwie ab, laufe die 600 m zum Oebel, kaufe Brötchen, laufe zurück. In der Zwischenzeit hat man Wuppertal vollkommen abgedichtet. Hermetisch. Ich fahre los. Einbahnstraße, nur rechts abbiegen möglich, Einbahnstraße, ich stehe wieder an der gleichen Straßensperre wie eben. Brauseknilch winkt nach rechts. Habe ich was übersehen? Einbahnstraße, nur rechts abbiegen möglich, Einbahnstraße, ich stehe wieder an der Straßensperre. Brauseknilch winkt.
Hallo?
Fuck!
Wasn???
Es reicht schon wieder. Ich kurbele die Scheibe herunter. Frage das Warnwesten-Jüngelchen an der Winz-Gasse: "Wie zum Teufel soll ich denn aus der Nummer wieder rauskommen?"
"Oh, das weiß ich nicht, ich bin doch aus Düsseldorf!", sagt er.
Toll!!
Düsseldorf! Ja dann ist ja gut! Wenn er aus der scheiß Landeshauptstadt kommt, dann drehe ich doch glatt noch ein paar Dutzend Runden!
Aber irgendwann, nach vier weiteren Rundfahrten ummen Block, ist dann auch mal gut.
Help yourself. Klimaanlage nen Zacken höher gedreht. Ich fahre 50 m gegen eine Einbahnstraße, dann 400 m durch eine Fußgängerzone, dann 300 m über eine Busspur und voilá, da liegt es fast schon in Sichtweite, das gelobte Land, wo Milchkaffee und Squeeze-Flaschen-Sommerblüten-Honig fließen!
Wow.
Das waren jetzt mindestens 4 Punkte in Flensburg.
Die Liebste schließt mich in die Arme wie einen späten Kriegsheimkehrer, es lag wohl auch an ihrem Hunger.

"Fix, easy hin, easy rein, easy wieder zurück" hat an diesem Sonntagmorgen 75 Minuten gedauert.
Respekt, Wuppertal.