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Montag, 24. Oktober 2022

Things we lost (in the fire) - Teil 9: Ölgemälde

Bild ähnlich, nachempfunden mit Midjourney

Im Wohnzimmer meines Elternhauses hing das 40x30 cm große Ölgemälde eines Schiffes, welches von der Silhouette eines Mannes gezogen wird. Das Bild war in den Farben dunkelgrün, schwarz und senfgelb gehalten und hatte einen wilden Himmel. Ich habe als Kind die finstere Szene oft betrachtet und konnte mir nie so recht einen Reim drauf machen, habe mir allerhand Geschichten dazu ausgedacht. Vermutlich stellte die Szene dar, wie ein Kahn an einer breiten Flussmündung stromaufwärts gezogen (getreidelt) wurde.

Nach dem Tod unserer Mutter erbte ich den Ölschinken. Doch irgendwie fand sich in unserer Wohnung keine Stelle, an der ich es hätte (auch ironisch) aufhängen können. Also stand es die letzten Jahre etwas unmotiviert in meinem Teil des gemeinsamen Arbeitszimmers herum. Manchmal betrachtete ich es und überlegte, was meine Eltern bewogen haben mochte, es überhaupt zu erwerben. Die Frage, was mich dazu bewogen hatte, es mit nach Hause zu schleppen, hat sich mir eigenartigerweise nie gestellt. Nun, irgendwie hing ich wohl ein wenig irrational daran, auch wenn es von Anfang an ein Top-Kandidat für jeden Trödel gewesen wäre.

Time to say a last Ahoi.


Inhaltsverzeichnis der gesamten Serie


Donnerstag, 7. Dezember 2017

Queen Mom 30 — Tempo-räre Erbmasse

photo credit: Hans-Michael Tappen Archiv C685 "Hell fließen die Tränerl", Karte (front), 1905 via photopin (license)

Meine Mutter Queen Mom lebte von 2013 an bis 2014 im Johanniter-Altenheim.
Wann immer mein Bruder, TW oder ich zu Besuch kamen, fragten wir, was wir ihr beim nächsten Mal mitbringen sollten. Die Antwort fiel nach kurzem Überlegen immer gleich aus: „Och, Tempo-Taschentücher!“
Die Jahreszeiten flogen nur so dahin. Wir Verwandten brachten fein Woche für Woche unsere Großgebinde Tempos mit. Das Johanniter-Altenheim bekam einen Anbau. Das Johanniter-Altenheim bekam einen weiteren Anbau. Meine Mutter verstarb. Mein Bruder und ich saßen mit der Heimleitung Frau Birte Schweineweich-Przybicky in ihrem Büro und besprachen die Auflösung des Zimmers meiner Mutter.
„Wir nehmen dann jetzt alles mit“, sagten wir.
„Haben Sie einen Tieflader dabei?“, fragte Frau Schweineweich-Przybicky humorlos.
Wir verstanden nicht. Frau Schweineweich-Przybicky stand wortlos auf, strich ihren Rock glatt und führte uns zum neuen „Lager-Anbau I“. Der 15 x 12 m umfassende Innenraum war bis zur Decke hoch mit Tempo-Taschentüchern gefüllt.
Wir Geschwister bekamen Augeninnendruck.
„Anbau II ist nur zu einem Drittel voll“, beruhigte sie uns.

Mein Bruder und ich beschlossen, unser Erbe geschwisterlich untereinander aufzuteilen.
In einer Nacht- und Nebelaktion, in der ein arg zweckentfremdeter Ziehharmonika-Linienbus namens „Sonderfahrt“ *zwinkerzwinker* und die Sieben Zwerge eine Rolle spielten, verschaffte ich mein Erbteil nach Wuppertal. Der Dachboden unseres Mietshauses, den ohnehin nie jemand verwendete, war plötzlich zu 100% wärmeisoliert, dito unser kompletter Keller. In unserer Wohnung gab es keine Schublade oder Ritze, die nicht von Tempotaschentüchern übergequollen wäre. Die Tempopackung in meiner Hemdtasche trug etwas auf.
„Wir brauchen nie wieder Taschentücher kaufen!“, freute ich mich.
„Och, Quatsch!“, sagte die beste Ehefrau von allen, „Sowas sagst du doch ständig, und dann hält es nicht mehr lange.“
Ich kicherte etwas irre vor mich hin.

Der Herbst kam. Die Blätter fielen und die Erkältungssaison war eröffnet.
„Hatschu!“, sagte die Gattin, nahm ein Tempo, schneuzte hinein und warf es weg.
„Gesundheit!“, sagte ich.
Es wurde März.
„Bringst du bitte Taschentücher vom Einkaufen mit?“, bat sie.
Mir wurde schwarz vor Augen.
Es war wohl dank meiner besseren Hälfte doch nur eine Tempo-räre Erbmasse gewesen.