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Mittwoch, 9. Mai 2012

Radevormwald, eine braune Brutstätte?

http://bit.ly/ICgvsf
42477 Radevormwald hat wieder Medienpräsenz - als braune Brutstätte (Link).
Radevormwald war schon wegen des bis dahin tragischten Eisenbahnunglücks der BRD in 1971 in den Medien (Link), wegen zahllosen Drogenrazzien und jetzt eben wegen Rechtsradikalen, die "die Gnade der späten Geburt" (Link) als persönliches Unglück erachten, Narren, die sie sind.

Die Stadt Radevormwald liegt inmitten der grünen Hügel des Bergischen Landes 20 km entfernt von Wuppertal, ebenso weit weg von Lüdenscheid (wo wirklich niemand hin will) und 10 km von Remscheid (das immer gruseliger wird).
Es ist eine ganz normale, langweilige Kleinstadt mit 22.526 Einwohnern, Tendenz sinkend.
Der Fernsehpfarrer Jürgen Fliege (Link) kommt aus Radevormwald. Der elektrische Currywurstschneider wurde hier erfunden (Blogbeitrag) - Respekt! Und die zweitälteste Jugendherberge der Welt steht hier.
So weit, so unspektakulär.
Ich habe bis letzten Sommer 44 Jahre am Stück dort gelebt und, ja, man konnte dort prima leben. Dort zu wohnen hatte den Vorteil, dass die Miete so dermaßen unanständig niedrig war, dass ich mich kaum traute zuzugeben, dass ich für die 50 m² Genossenschaftswohnung mit Gartenparzelle nur 165,00 EUR zahlte. Der Sonnenuntergang am Küchenfenster war Bombe! Ich parkte direkt vor dem Haus am Bürgersteig. Jahrelang schloss ich mein Auto nicht einmal ab, trotzdem kam nie etwas weg, was man von Wuppertal, meinem neuen Wohnort, nicht gerade sagen kann.
Ich bin dort auf die Realschule (Blogbeiträge) und das Gymnasium (Blogbeiträge) gegangen, dort waren Gewalt und Drogen nie wirklich ein Thema, letzteres eher bei den in die Provinz strafversetzten Lehrern des Theodor Heuss Gymnasiums.

Die Innenstadt von "Rade" hat mittlerweile viel Leerstand. Es gibt ein schönes Eiscafé am Neumarkt und ein tolles Kino. Einen Woolworth (sprich: Woll-wott). Und einen McDonald's. Die zwei bis drei Kneipen, die man hätte aufsuchen können, werden von schnöseligen, ortsansässigen Handwerksmeistern / Fabrikantensöhnen mit komplizierten Brillengestellen und riesigen Angeberautos belagert. Sie haben ihre Gattinnen dabei, die mal Beauty of the Class von 198x waren. Menschen, die gezwungen waren, ihre Freizeit in diesem eklen Umfeld zu verbringen, dauerten mich seit jeher, aber hey: Zum Wohnen war es toll.

Ausländerfeindlichkeit ist mir ein paar Mal untergekommen. Ein einziger (1) Skinhead war mir seit der Jugend namentlich bekannt, ich habe ihn seit 15 Jahren nicht mehr gesehen, vielleicht hat er sich für Führer, Volk und Vaterland zu Tode gesoffen. Auch kannte ich einen Gleichaltrigen, der mal einen Ausländer angegriffen hatte. "Was für ein Spinner!" war hier die einhellige Meinung aller, mit denen ich darüber gesprochen habe. Einmal habe ich durch ein Fenster in einer Wohnung eine Reichskriegsfahne hängen sehen. Und vor zwei Jahren habe ich an Straßenschildern und Bushaltestellen ein paar proNRW-Sticker mit durchgestrichenem Moscheen-Symbol abgeknibbelt.
Und ja: Es gibt/gab eine Internetseite www.radeisgeil.de, tatsächlich eine "Seite für Deutsche Patrioten", sprich: Eine Seite von IDIOTEN für IDIOTEN, was man aber schon weiß, ohne die Seite überhaupt aufrufen zu müssen.
Aber ehrlich: "braune Brutstätte" geht anders.

Mit ihrer Nazivergangenheit hat sich die Stadt seit jeher schwer getan.
Sieht man sich im Stadtnetz die Radevormwalder Stadtgeschichte an "Vom Ursprung bis heute - Damals: Ein historischer Rückblick" (Link), sieht selbst der geschichtliche Laie, dass das Dritte Reich an diesem wind- und wetterumtosten Weiler des Bergischen Landes offenbar absolut ereignislos vorübergezogen ist. Die wackeren Radevormwalder waren vermutlich alle im Widerstand, bis sie dann vom Ami aus heiterem Himmel beschossen worden sind...
Na klar.
 Am 09.12.2003 überflog ich die Überschriften im Radevormwalder Teil der "Bergischen Morgenpost" (BM). Eine verleitete mich ausnahmsweise dazu, weiterzulesen: "Mehrheit Bauausschuss - Straßen nicht nach NS-Gegnern". Ich zitiere:
"Mit den Stimmen von CDU, UWG und FDP (Gegenstimme SPD) wurde gestern im Bauausschuß beschlossen, die Namen der Straßen im Neubaugebiet Laaker Felder nicht nach Radevormwalder Gegnern des NS-Regimes zu benennen, sondern nach Getreidearten."
Das ganze Gerangel hier (ab Punkt 3 b) - es lohnt sich.
Am Text einer alternativen Gedenktafel (Link) wurde so lange herumgedoktert, bis sie endlich harmlos genug daherkam, vermutlich hätten sie am liebsten "... gehänselt" geschrieben. Die Namen der Widerstandskämpfer fehlen.
Vergangenheitsbewältigung at it's best...
Es muss in Radevormwald wohl noch eine ganze Menge Vergangenheit bewältigt werden. Ein paar tapfere Leute haben schon damit angefangen (Literatur).

Vielleicht sind die Nazi-Probleme der Gegenwart dem bisherigen, völlig unwürdigen Umgang mit der NS-Vergangenheit der Stadt geschuldet.
Idealerweise lässt man den Stadtrat bei einer zukünftigen Aufarbeitung komplett außen vor.



Mehr Radevormwald: (Blogbeiträge)


Sonntag, 30. Januar 2011

Anti-Fascho-Demo Wuppertal-Elberfeld am 29.01.2011

Mein letzte Demo war schon ein paar Tage her. Es war, glaube ich, eine Lichterkette gegen den Golfkrieg, seinerzeit, 1990 oder so. Aber die Demonstrationen damals hatten ja wenigstens etwas gebracht – vielleicht sogar das absolute 25-Jahres-Maximum im Verkauf von IKEA-Teelichtern.
Jetzt wollten am 29.01. Nazis aufmarschieren in Wuppertal. Einen Tag nach der Befreiung Auschwitzs, einen Tag vor der Machtergreifung 1933 durch Hitler. Schon für den Termin müssten sich die Glatzen eigentlich in Grund und Boden schämen.
Ich stellte mir die Horden rasierter Bomberjacken vor, die mit dramatisch unterdurchschnittlichen IQs und Zähnen wie baufällige Zäune in eine meiner Lieblings-Städte einfielen um die Schuld daran, dass sie keine Jobs hatten, Minderheiten zu geben. Nie-nie-niemals wären sie auf den Gedanken gekommen, dass dieser Umstand allein der Tatsache geschuldet war, dass sie Arschlöcher waren.
Zu drei Erwachsenen und Kind Tom (11) fuhren wir nach Wuppertal-Elberfeld. Es war Kaiserwetter, aber gewiss kein Führerwetter. Um 10.00 Uhr am Kirchplatz gab es eine Bühne mit Reden und Musik, bei Kamps Latte macchiato. Allgemein war die Stimmung gut, es hatten sich 5.000 oder mehr Menschen eingefunden, um Flagge zu zeigen für Toleranz und Demokratie. Bunte Luftballons glühten farbenfroh in der Sonne, es war kein Brauner darunter.
Das Polizeiaufgebot war beeindruckend, Hubschrauber standen am Himmel.
Irgendwann kam Bewegung in die Massen und sie strömten die B7 entlang in Richtung der vermutlich heranmarschierenden Faschos. Eine große Polizeisperre in Höhe der AOK/des Cinemaxx brachte das Ganze zum Stillstand. Das reizende Odeur von CS-Gas lag in der Luft.
Im Grunde begann nun so etwas wie ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Ordnungskräften: Die Gegen-Demonstrierenden suchten die Konfrontation mit den Nazis, die Polizei sperrte alles ab, was die Gruppen irgendwie hätte aufeinandertreffen lassen. In Wuppertal, einer Stadt, die aussieht wie ein Bandwurm, ist das sicherlich leichter als anderswo. Als Teil eines großen Pulks Gegendemonstranten machten wir uns zügig auf, die Polizeisperren weiträumig zu umgehen und irgendwie in den Osten der Stadt zu gelangen.
Unterwegs:
Bärbel: »Komm Tom, lass uns Parolen rufen.«
Tom (11): »PAROLEN!!!«
Doch trotz stundenlangem Gerenne und sehr trickreicher Wegwahl: Immer wieder stießen wir auf Straßensperren um Straßensperren.
Nach mehreren Stunden endlich resignierten wir, denn ohne Hubschrauber war es überhaupt nicht zu schaffen, ein wirklicher Gegendemonstrant zu sein.
Ohne einen einzigen Faschisten gesehen zu haben, fuhren wir wieder nach Hause.
Daheim stand dann im Internet auf der Seite der Wuppertaler Zeitung, dass auf 5.000 Gegendemonstranten 170 Faschos gekommen waren.
Ein Verhältnis von 29:1.
Irgendwie doch ein klarer Sieg.

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