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Sonntag, 5. Mai 2019

Große ru24-Verlosung zur Primark Eröffnung in Wuppertal!



"Ich kaufe einfach lieber teure Markenklamotten als bei
Primark, weil ich mich moralisch überlegen fühle, wenn ich
höhere Gewinnmargen für die gleiche Kinderarbeit zahle."
@akira86, Twitter


AUF 4.500 m² VERKAUFSFLÄCHE BIETET DER PRIMARK WUPPERTAL AB SOFORT AUF ZWEI STOCKWERKEN SEINE WAREN AN:
  • Parterre: "BANGLADESH"
  • 1. Stock: "VIETNAM, INDIEN & NEPAL"


GROSSE ru24-VERLOSUNG


JEDE 100. KUNDIN DES WUPPERTALER PRIMARK KANN BEI EINEM UMSATZ AB 10,00 EUR (z.B. 2 Jeans) IM ERÖFFNUNGSMONAT EINEN EINJÄHRIGEN AUFENTHALT IM EXOTISCHEN BANGLADESH GEWINNEN!!! 
(Es gelten die fortlaufenden, durch 100 teilbaren Kassenbon-Nummern xx-00100 bis xx-02000, der Rechtsweg ist ausgeschlossen)
WIR FREUEN UNS AUF UNSERE MAXIMAL 20 GEWINNERINNEN!!!

  • DU BIST EINE GEWINNERIN?
  • 02.10.2019: Fliege ab Düsseldorf bequem 2. Klasse nach Bangladesh!
  • Erlebe bereits bei der Ankunft am Flughafen in Dhaka den prekären Charme der Rückständigkeit!
  • Unser freundlicher Shuttle-Service fährt dich und die 19 weiteren Gewinnerinnen mit einem liebevoll wieder und wieder behelfsmäßig restaurierten Bus zu eurer zukünftigen Wirkungsstätte! Auf einer alten Kiste sitzend könnt ihr durch mit Klebeband geflickte, fettige Fenster dem bunten Treiben auf den Straßen zusehen! Fahrräder, Mofas, Rikschas, Lastkarren und alte Busse erzeugen einen unbeschreiblichen Tumult! Die Feinstaubbelastung ist schon jetzt nicht von schlechten Eltern, dagegen ist Gelsenkirchen ein Luftkurort! Präge dir alles ein, denn in den nächsten 365 Tagen wirst du nur 52 halbe Tage frei haben!
  • Jetzt heißt es nähen, bis es brennt! Man erwartet von dir, nach einer kurzen Anlernphase, einen Arbeitsschritt an 250 T-Shirts pro Stunde zu nähen (z.B. das Annähen eines Ärmels), das sind 14,4 Sekunden pro Teil. Klingt unglaublich? Na, du wirst dich wundern! Toilettengänge während der Arbeitszeit sind von nun an Sozialromantik aus Science Fiction-Filmen.
  • Schluss mit dem leidigen Individualismus! Werde eine von 3,5 Millionen Ausgebeuteten in einer von über 7.000 Fabriken! Du arbeitest von 8.00 Uhr bis 22.00 Uhr und verdienst damit 5.100 Taka pro Monat (ca. 50,00 €) (Link).
  • Warum bei der Ausbeutung deiner Arbeitskraft Schluss machen? Erlebe vielleicht erstmalig in deinem Leben das archaische Gefühl des Ausgeliefertseins! Schläge und sexuelle Übergriffe können hier jede treffen, senke zu deinem eigenen Schutz den Blick, den Kopf, sei einfach bienenfleißig!
  • Warst du früher schon einmal einsam? Ob im siebten Stockwerk der Textilfabrik mit seinen 300 Frauen, mit 50 Frauen im Waschraum, zu 70 in der über-rustikalen Unterkunft, wo Frauen, Mädchen und Kinder schon fast übereinander schlafen, auf dem archaischen Donnerbalken ohne Sichtschutz oder auf der Straße: Begriffe wie "Einsamkeit", "Alleinesein", "Einzelgängerisch" sind hier so grotesk deplatziert wie "Arbeitsschutz", "Luxus", "Individualität" oder "sexuelle Selbstbestimmung".
  • Amöbenruhr? Scharlach? Skorbut? Erlerne am eigenen Leib faszinierende Krankheiten, die in unserer modernen Welt längst als "Folklore aus Urgroßmutters Zeiten" gelten. Natürlich werden dir Krankheitstage großzügig vom Lohn abgezogen! Und sei bitte vorsichtig: Krüppel füttert hier keiner durch.
  • An deinem freien halben Tag pro Woche (der jederzeit je nach Auftragslage -- oder auch mal einfach so, ohne Angabe von Gründen -- entzogen werden kann) kannst du die Schönheiten der Stadt besichtigen. Miete dir für einen halben Tagslohn (80 Taka) eine Rikscha und fahre raus aus dem Industrieslum, mitten hinein ins dampfende Herz der Metropole! Beobachte am Fluss, wie Kinder für das Zementwerk Steine klopfen! Oder vielleicht läßt du dir für einen viertel Monatslohn in einem nach Verwesung stinkenden Hinterhof den vereiterten Backenzahn ziehen, der dich seit Wochen nicht schlafen läßt.

Wie schnell doch so ein Jahr vergeht! Wenn du nach deinem PRIMARK-Erlebnisjahr wieder in Deutschland ankommst, werden deine Familie und Freunde aus dem Staunen nicht mehr herauskommen! Du sprichst fließend Bengali, kannst ein komplettes T-Shirt in 1 Minute nähen und in unter 1,2 Sekunden falten. Zeige allen stolz deine 23 cm lange Blinddarmnarbe, die noch immer nässt!

Stehe in Zukunft mit einem Protestplakat vor dem PRIMARK und versuche hohle, kleine Turbokapitalismus-Bitches davon abzuhalten, für einen Appel & ein Ei minderwertige Klamotten zu kaufen, die in Sklavenarbeit enstanden sind.


Weiterführende Links: krass, heftig, unglaublich.


Samstag, 25. Februar 2017

Bürogeplänkel 61 - Ablenkung ist alles


Foto: Leroy Becker vom 25.02.2017, 12:30 Uhr
Seit "Altweiber" (letzten Donnerstag) werde ich als Wuppertaler in der Firma von Kollegin Kathi gedizzt, weil der Narrenruf der Wuppertaler Karnevalisten "Wuppdika!" ist.
Tsts! :P
"Wuppdika!", ruft sie mir hinterher -- na klar, dizzt mal ruhig den Wuppertaler, der sich für Karneval so brennend interessiert wie für Fußball oder den sog. "Rennsport". Gottlob findet sich in Wikipedia eine recht umfangreiche "Liste der Narrenrufe" (hier)  -- und da ist "Wuppdika!" echt die kleinste Sorge:

Schnarragagges!   Heidenei Narrenzunft Kißlegger Hudelmale 
Allamoschee!  Effeltrich
Häbberla Mäh!  Neustadt an der Aisch
Alekerch Schepp Schepp!  Altenkirchen (Westerwald)
Edscha Awoa un Ella Uhu!  Ediger-Eller
Knolli Knolli Schabau!  Scharmede
Kattfiller!  Attendorn

OK. Wem das noch nicht reicht, dem sei gesagt: Das oben eingebettete Bild zeigt die Kaffe- und Milch-Ausgabedüsen unseres hochheiligen Jura-Kaffee-Vollautomaten im Büro von unten und wie sie wirklich sind: ECHT SCHLIMM HART VERRANZT.
Würg!
Was ist dagegen schon "Wuppdika"?

Ablenkung ist alles.


Samstag, 5. November 2016

Son Hals im Drogeriemarkt

photo credit: Press Clipping Makedonija Интернационалниот дрогериски ланцес DM Drogerie Markt сега и во Македонија via photopin (license)

Sobald ich einen DM oder Rossmann-Drogeriemarkt betrete, habe ich sofort son Hals! WTF muss der Schuppen alles in 70-fach da haben, wozu braucht es 70 bekackte Sorten Nagellackentferner oder Conditioner oder Concealer, Schnullewupp oder Watte-Puschel-Schisselamengs? Durch das groteske Überangebot an allem kann ich nämlich meinen harmlosen Herren-Kram (Aufsteckbürsten für die elektrische Zahnbürste, Schauma Shampoo "Mann", Axe irgendwas mit "Black", Nivea After Shave und dieses Gedöns-Haargel) nicht finden. Einen Männer-DM könnte man in einer Telefonzelle betreiben! Nun renne ich wieder hin und her wie ein geköpftes Huhn und versuche die Artikel oder eine Angestellte zu finden. Der komplette Rossmann in der Rathaus-Galerie in Wuppertal-Elberfeld wird aber leider von einer einzigen Kassierkraft betrieben, die natürlich von Kasse 1 nicht weg kann, weil ja 13 Frauen mit der Gelassenheit von Hindu-Kühen an der Kassenschlange anstehen und ihre 99 Watte-Puschel-Schisselamengs schon aufs Band gelegt haben. Jeden Scheiß gibt's hier in 70-fach, aber nur eine einzige (1) Angestellte! Manchmal verharre ich etwas in der Fotoabteilung, um meinen Puls zu beruhigen. 
In der Regel verschwinde ich wieder unverrichteter Dinge, halsig bis Meppen.
Zur Entspannung gehe ich dann vielleicht noch zum Saturn oder Media Markt.

Meine Kollegin Andrea indes liebt DM oder Rossmann, schon wegen der 70 Sorten Watte-Puschel-Schisselamengs. Aber wenn Andrea in den Saturn oder Media Markt "gehen muss", dann hat sie schon im Eingangsbereich sofort son Hals! Manchmal läuft sie dann rüber zu den Föns und Haarglättern, um ihren Puls etwas zu beruhigen.

Ich erkenne ein Muster.


Dienstag, 20. September 2016

Männeridentität, wiederhergestellt

photo credit: Flohmarktfest Stötteritz 2016 via photopin (license)
Am Sonntag waren wir mit einem befreundeten Pärchen auf dem Trödelmarkt am Schusterplatz nahe dem Ölberger Kunst- und Kulturmarkt am Otto-Böhne-Platz. Wir zogen getrennt los und grofelten durch die Auslagen des Trödels. Nach kurzer Zeit entdeckte ich vier etwa sechs cm große Porzellanhasen, die das Stück auch nur 0,50 € kosteten. Ich sackte sie ein. Me-ga-schnäpp-chen!
GRUNDGÜTIGER!! WAS FÜR AUSSERGEWÖHNLICH HERVORRAGENDE PORZELLANHASEN!!!
Nach einer Weile traf ich meine Frau.
"Na, hast du schon was?", fragte sie.
Ich berichtetet stolz von den AUSSERGEWÖHNLICH HERVORRAGENDEN PORZELLANHASEN.
"Äh, wir haben doch schon weiße Porzellanhasen!", befremdete sie sich. Meine Argumente verfingen nicht. "Ostern?", versuchte ich noch.
Kurzum kam mein Kumpel Eliseo ums Eck.
"Na, haste schon was?", fragte er.
Ich erzählte von den AUSSERGEWÖHNLICH HERVORRAGENDEN PORZELLANHASEN.
"Ist was los mit dir?", fragte er besorgt.
*seufz*
Ich kaufte zur Beruhigung aller Anwesenden die Uncut Blu-Ray von "Das Ding aus einer anderen Welt", 1982, mit Kurt Russell, fett FSK 18, ein AUSSERGEWÖHNLICH HERVORRAGENDER SF-SCHOCKER.
Alle wieder glücklich.
Läuft.


Donnerstag, 5. Mai 2016

Die Philosophie des Fliegenfischens


Wir Wuppertaler hatten von Donnerstag bis Sonntag Besuch von Chrissis Freundin B. aus Kanada. Nach ausufernden Schwebebahnfahrten und Hardtanlagenbesichtigungen incl. diversen Open-Air Kaffetrinken stand noch Köln nebst Dom auf dem Programm.
Doch was möchte der Gast? B. wollte gerne einen Angelbedarf-Laden aufsuchen und Fliegenfischen-Köder kaufen, als Geschenk für einen in Kanada lebenden Fliegenfischer. Alles, was ich über Fliegenfischen weiß, ist, dass da Männer in spacken Angelhosen im flachen Wasser stehen und malerisch mit ihren Angeln herumfuchteln und Leinen in der Luft herumschnörkeln wie Anno 1992 in "In der Mitte entspringt ein Fluss" (Wikipedia).
Ich gab zu bedenken, dass kanadische Angelsportgeschäfte mit Sicherheit opulenter ausgestattet seien, als lokale Köder-Katen, aber Argumente fallen nicht immer auf fruchtbaren Boden. Ich googlete mir also den einzigen Laden Wuppertals (Webseite) und am nächsten Tag fuhren wir (B., meine Frau und ich) dort hin.
Als wir die Tür des Geschäfts öffneten, erstarben im Inneren alle Gespräche. Die Anwesenden glotzten die Damen an, als habe stahlend Galadriel, Herrin des Goldenen Waldes einen ohne Lizenz betriebenen, nichtswürdigen Troll-Schankbetrieb betreten. Ein Scherge spurtete sofort umher, um alle Aschenbecher einzusammeln, die in dieser Männerdomäne so selbstverständlich wie bei Mad Men (Link) herumstanden.
Wir verdeutlichten der Tresenkraft (Pflegestufe II) unser Anliegen, derweil hatte der Büttel im Hintergrund keuchend alle 23 vollen Ascher eingesammelt. Er verstaute sie mit dezentem Scheppern.
"Ja, et kommt vorallm drauf an wannse un wose!", dampfte der Fachmann die Philosophie des Fliegenfischens eloquent zusammen. Er kam rum und führte uns zu einem Schrank mit mindestens drei dutzend Schubladen, die allesamt vollgestopft waren mit Döskes voller kleinteiligem, buntem Firlefanz. Die Auswahl war wuchtig.
Aha.
Sobald Männer im Spiel sind, reicht es ja nicht, es kompliziert zu machen. Nein, es muss wieder eine scheiß Wissenschaft draus gemacht werden! Das gilt fürs Grillen, das Atommodell und natürlich auch fürs Fliegenfischen.
Wir krosten also durch die Auswahl der winzigen, bunten, borstigen Dingerskes (Abb.), die allesamt irgendwelche lokalen Insekten in diversen Stadien ihres illustren Werdeganges von der Larven-Wiege bis zur Bahre nachbildeten.
"Der ist hübsch!", sagte B. über ein orange-braun gestreiftes Winz-Gezwirbel.
In der Zwischenzeit konnte ich mich im Laden etwas umsehen. Fische ködern war also ein arg kleinteiliges, ziemlich buntes und vor allem zubehörintensives Gedöns -- wie das wohl primitive Kulturen hinbekommen haben mit dem Fischefangen, so ganz ohne Neonschwimmer, Blinker und orange-braun gestreiftes Winz-Gezwirbel zu 1,99 €?
Nach einer Weile hatte B. eine kleine aber feine Kollektion zusammen, sie zahlte, wir verschwanden.
Während wir ins Auto stiegen, wurden im Inneren des Shops klim!, klim!, klim! die Aschenbecher wieder verteilt.
So eine Aufregung für die Angeljungs!


Samstag, 13. Februar 2016

St. Florian in Wuppertal

photo credit: razorwire via photopin (license)
Wuppertal bekommt eine Forensik, sagt das Land NRW. Eine Forensik ist eine Mischform aus Gefängnis und Therapieeinrichtung für kriminelle Straftäter und hier mangelt es bundesweit an Plätzen. Entweder weden also die Kriminellen in Deutschland immer bekloppter oder die Bekloppten immer krimineller -- "man weiß et nich", hätte de Mutter gesagt.
Somit kommt eine solche Einrichtung also definitiv nach Wuppertal, nur wohin?
Anwohner, die in der Umgebung infragekommender Grundstücke leben, sind not amused, sie speien ganz nach Anwohnerart reflexartig Gift & Galle. Egal, was kommt, seien es Windkraftanlagen, ein Golfplatz, ein Jungendknast, ein IKEA Homepark oder die für Wuppertal geplante Seilbahn -- der Anwohner kriegt es einfach nicht verpackt!
Und jetzt auch noch eine Forensik!

Natürlich sagt keiner der Protestierenden die Wahrheit, nämlich dass sich alle um den Wertverfall ihrere Eigenheime sorgen, wenn als Nachbarn plötzlich schizoide Kannibalen & Kollegen einziehen. Stattdessen behauptet man, es ginge um Kinder und Umwelt. Am meisten leiden immer die Kinder! Es werden also verlogene Elterninitiativen gegründet, die Gören bekommen Pappschilder in die Patschehände gedrückt und es werden die Umweltverbände bemüht. Eigentlich wird alles und jeder instrumentalisiert, wenn es nur zielführend erscheint. Das Motto ist immer das beliebte St.-Florians-Prinzip: "Heiliger Sankt Florian / Verschon' mein Haus / Zünd' and're an!" So wollen die Anwohner Wuppertal-Lichtscheids die Forensik lieber auf der "Kleinen Höhe" bei Velbert angesiedelt sehen, die Anwohner der "Kleinen Höhe" und die Velberter haben natürlich total ganz dolle andere Pläne.

Wuppertal versucht seine aus dem Ruder laufenden Bürger mit einer schon grotesk anmutenden Überfülle an Informationen zu umarmen. "Die Welt" schreibt:
"Es ist nur der Auftakt", sagt Alexandra Szlagowski, Sprecherin der Stadt. Die bergische Kommune plant eine regelrechte Informationsoffensive über das Vorhaben, das eigentlich keiner in der Nachbarschaft haben möchte. "Wir werden auch Fahrten anbieten, damit Bürger sich einen Maßregelvollzug ansehen können", kündigt die Sprecherin an. Auf der Internetseite der Stadt stehen seit einigen Tagen Bebauungspläne und Telefonnummern der Ansprechpartner in der Verwaltung. (Quelle)
Hallo?
Informationsoffensive? Busfahrten? Besichtigungen? Vielleicht auch noch Geschenkkörbe für alle und eine Konfettiparade? Ja gehts denn noch?
Da können alle mal sowas von total froh sein, dass ich kein Politiker bin, denn ich würde das wie Anno 1960 (oder wie Putin) regeln: Planen, bauen, fertig. Wem der Shit nicht passt, der kann gerne woanders heulen, das Land ist groß. Wie wär's mit einem Umzug nach Dresden, dem Sammelbecken aller Enttäuschten? Auf einer PEGIDA-Demo würde ein weiteres wirres Plakat (à la "Ich möchte ohne Angst hier leben", Quelle) auch nicht weiter ins Gewicht fallen.
Allerdings: wiedergewählt würde ich wohl nicht.
Ach so.


Mehr dazu: Blogbeiträge

Montag, 25. Mai 2015

Baumarkt

photo credit: shades via photopin (license)

Zwingen mich die Umstände, einen Baumarkt zu betreten, dann habe ich auch gleich schon "son Hals". Ja, es ist etwas Persönliches.
"Ein Baumarkt ist in der Regel ein großflächiger Supermarkt, der sich auf Materialien für Heimwerker spezialisiert hat. Bekam man früher beispielsweise Werkzeuge und Nägel ausschließlich beim Eisenwarenhändler, Farben und Tapeten im Farbenfachgeschäft, Holz beim Holzhändler und Baustoffe im Baustoffhandel, so kann man heute in einem Baumarkt fast alles an einem Ort bekommen." (Wikipedia)
Genau das ist nämlich das Problem.
Wenn de Vatter früher ein Dösken Spax-Schrauben und ein paar Eisenbeschläge brauchte, dann ist er zu "Bodo Schilkowski" in der Stadt gegangen. Der hatte da einen Eisenwarenladen. Da hat er sich an den Tresen gestellt und Bodo, angetan mit einem grauen Kittel hat ihn bedient. Ein Schwätzchen war auch noch drin. Es wurden nur Waren verkauft, die auch etwas taugten. Manchmal musste Bodo noch in den Keller gehen, aber der hatte immer alles vorrätig. Es war auch nicht gerade billig, aber die Qualität stimmte und nach fünf Minuten hatte de Vatter seinen Kram zusammen und ist wieder gegangen.
Wenn de Vatter früher renovieren wollte, dann ist er zu "Ewald Hombrecher" in der Nachbarschaft gegangen und hat Wandfarbe gekauft, Abtönfarbe und auch noch die Tapetenrollen dazu. Ewald hat ihm gesagt, wie viel er von was braucht und der hatte per se auch nur Farben und Tapeten im Haus, die auch etwas taugten. Et war auch nicht billig zu nennen, das Ganze, aber nach kaum zehn Minuten hatte de Vatter alles und trollte sich.
Wenn de Vatter was mit Elektrik machen wollte un mit dem antiken Krempel, den er im Keller herumfliegen hatte, nicht mehr weiterkam, dann ist er zu "Hartmut Biesenbach" in der Stadt gegangen. Der hatte da ein Elektrogeschäft. Da hat er sich an den Tresen gestellt und Hartmut hat ihn dann bedient. Der bürgte noch für die Qualität seiner Ware. Preiswert war anders, aber nach fünf Minuten hatte de Vatter alles zusammen und ist wieder abgezogen.

Was bietet stattdessen die Moderne?
Bigger is better. Der neueste Baumarkt in Wuppertal hat 18.100 m², das sind scheiß 1,81 Hektar! In Läden groß wie 2,53 Fußballfelder rennt man sich nun also die Hacken wund. Die Abteilungs-Tresen sind in aller Regel verwaist, oder, falls irrtümlich "bemannt", von Kunden belagert wie mittelalterliche Burgen. Trifft man irgendwo "unterwegs im Markt" glücklicherweise einen Mitarbeiter an, ist der mit 75%iger Wahrscheinlichkeit von einer ganz anderen Abteilung und kennt sich keinesfalls aus, mit 25%iger Wahrscheinlichkeit ist er nur irgendein Konsument im zufällig gerade zum Baumarkt farblich passenden Polohemd. Man sucht sich seinen Krempel also wohl oder übel selbst zusammen, Es bleiben jede Menge Fragen offen. Schade dass man keine Snickers dabei hat, weil es mal wieder etwas länger dauert. Vieles, was man findet -- wenn man es denn findet -- wirkt wie in großer Eile aus minderwertigen Materialien in asiatischen Sweatshops zusammengekloppt, es sei denn, es steht "Made in Germany" drauf, dann ist es aus Rumänien. Der 15%-Coupon aus der Zeitung, den man dabei hat, gilt nur für Malerei-Zubehör, nicht für Malerfarben. Am liebsten würde man ja jetzt alles stehen lassen -- wenn man den Scheiß nicht brauchen würde. Man bezahlt einen überraschend hohen Betrag und flieht.
Zu Hause stellt man dann spätestens beim dritten Überstreichen der Wand fest, das Alpinaweiß zwar die bestbeworbene aber bei weitem nicht die Farbe mit der besten Qualität ist -- eigentlich logisch, wenn man drüber nachdenkt.

Was ich stattdessen großartig fände:
Ein Back-to-the-roots-Fachmarktzentrum, das nicht nur so heißt, sondern wo Bodo (im grauen Kittel), Ewald und Hartmut immer hinter ihren jeweiligen Tresen stehen, ihre Kunden richtig beraten, bedienen und mit ihrem guten Namen für die Qualität der Waren stehen. Dann darf's gerne auch mal etwas mehr kosten und ich verzichte auch total freiwillig auf für Erwachsene ohnehin völlig unwürdige Sammelpunkte, Payback- und Rabatt-Coupon-Schnullewupp & -Schnickes wie bei OBI & Co.


Freitag, 22. Mai 2015

ru History: SoftRAM (1995)

photo credit: scenes from the 5x86 PC build via photopin (license)

Für alle, die 2014 und 2015 über hohe Hardwarepreise im PC-Bereich klagen (Bericht).

1992 habe ich bei Atelco in Wuppertal meinen ersten PC gekauft: Es war ein 468-DX33 mit 4 MB RAM und einer 80 MB großen Festplatte (Blogbeitrag). Jahrelang habe ich mit dem Teil herumgezaubert und die Festplatte war nicht einmal halb voll... :D
Wegen irgendwelcher bizarrer Details der Windows 3.11-Speicherverwaltung war nur ein Teil des mit 4 MB ohnehin nicht gerade opulenten Arbeitsspeichers verwendbar. Dazu kam, dass einmal verwendeter Arbeitsspeicher auch nicht einfach so wieder "freigegeben" wurde, auch wenn man die Anwendung beendete. Bei mir lief später permanent eine kleines Tool namens "Memmaker", welches nur den einen Job hatte: unbenutzten Speicherplatz wieder freigeben.
Wollte man etwas Anspruchsvolleres spielen als "Minesweeper", musste man für viele Spiele (wie für das großartige "Day of the Tentacle" oder den Knaller "Sam & Max hit the Road") eine Bootdiskette erstellen, den Rechner mit im Laufwerk steckender Diskette neu booten, die dann mit speziellen Einstellungen in der autoexec.bat den Speicherplatz anders freigab.
Irgendwann in 1995 war das alles nicht mehr schön.
Mehr Arbeitsspeicher musste her!
Doch ach! Ein Erdbeben hatte in Japan einfach ein paar Chip-Fabriken platt gemacht, die Preise stiegen unaufhörlich, ein einziges (also 1) MB RAM Arbeitsspeicher kostete zu der Zeit satte 100 DM, eine vernünftige Aufrüstung hätte somit 400 DM gekostet.
Heul!
Da kam die Firma Syncronys Softcorp mit ihrem Programm SoftRAM (ab Windows 3.0) gerade richtig! Das Programm versprach, alle kritischen Speichersituationen auf einmal zu beheben und den Arbeitsspeicher in Echtzeit zu komprimieren, sodass aus 4 MB sofort 8 MB wurden!
Shut up and take my money!
Der Aktienkurs des heilsbringenden Unternehmens schoss durch die Decke wie ein Senkrechtstarter, vertausendfachte sich binnen kürzester Zeit. Dann der Absturz: All die auf der Packung aufgedruckten Versprechen waren komplett gelogen, die Anwendung ein Placebo ohne jede Wirkung (Artikel c't 12/95), die Syncronys-Aktie zerbröselte zu einen Penny-Stock.

Alles Gute kommt zu dem, der warten kann: Irgendwann gingen die Preise für RAM dann auch mal wieder runter.


Freitag, 1. Mai 2015

Discos

photo credit: Brodus' Disco Ball via photopin (license)

Hier in der Provinz des Bergischen Landes sind Diskotheken beliebt, schon weil es wenige davon gibt. Das Publikum ist anspruchslos und diese wenigen Ansprüche werden von den Läden keinesfalls übererfüllt. Viele meiner Freunde sind in den Jahren mit geradezu manischer Regelmäßigkeit in Discos gegangen, als gäbe es dort etwas zu finden. In aller Regel fand man nichts. Ich war schon immer mehr der Kneipentyp, denke ich, aber was sollte ich machen -- ich wurde einfach mitgeschleppt.


Der Viehhof (80er Jahre), Remscheid. Der Laden hieß eigentlich "Vieringhauser Hof". Hier war ich nur ein- bis zweimal, es muss ca. 1984 oder '85 gewesen sein. Der Laden von mittlerer Kneipengröße wurde im Inneren von maximal zwei Fahrradbirnchen "illuminiert" -- es war so dunkel wie im Hühnerarsch. Lediglich die Tanzfläche wurde mit Schwarzlicht ausgeleuchtet. Das macht gruselige Augen und man ist irgendwie immer flusig. Junge Frauen in weißen Herrenoberhemden sehen indes geradezu blendend aus! Die im Dunkeln sich haltenden Besucher rauchten zuhauf "Kräuterzigaretten". Drogenfahnder ließen sich hier lange Zeit nicht sehen, weil die schon nach zwei Stunden atmen in dem Schuppen ihre nächsten UK (Urinkontrolle) nicht mehr bestanden hätten.

Das Exit (1986-2005), Solingen, Bild, lag unterhalb der Müngstener Brücke. Exit, hieß es, weil die höchste Eisenbahnbrücke Deutschlands mit 107 m ein beliebter Absprungpunkt für Selbstmörder ist. Selbst wenn man oben steht und sich dann nicht traut zu springen -- irgendwann kommt der Zug. Der Eintritts-Token des Exit, gut für ein Freigetränk, zeigte ein kleines Männchen, welches von einer stilisierten Brücke springt. Im Exit selbst war es etwas heller als im Viehhof. Musikalisch war der Laden recht breit aufgestellt, ich freute mich immer auf Anne Clarkes "Our Darkness" und "Sleeper in Metropolis". Sonntags war Indie/Gruftie-Abend, dann rückten "die Schwatten" mit ihren Leichenwagen an, um auf der Tanzfläche vor und zurück zu wandern. Ein Bekannter von mir hatte das Innere der Disco mal bei normaler Beleuchtung gesehen: Er schwor, sich nie-nie-niemals wieder auf sein "Lieblingssofa" dort zu setzen, welches in Wirklichkeit -- bei Licht betrachtet -- ein nichtswürdiges, übel verkeimtes und hart verranztes Teil gewesen war.

Das Erpel, eigentlich RPL, also vielmehr "Rockpommel's Land" (Link) (Gevelsberg), gibt es seit 1984. Von außen ist es eine lächerliche Kaschemme, innen rockt es reichlich. Ich bin mit meinen (damaligen) Metalfreunden 1987/88 wohl einige Male dort gewesen, die Jungs -- gewandet in schwarze Stretch-Jeans, Metalshirt (Venom, Posessed, Slayer) -- headbangten, mosthen und airguitarten sich mit wilder Mähne einen zurecht. Da ich ja noch nie wirklich auf analoge Musik gestanden hatte, wartete ich notgedrungen mit der Gelassenheit einer Hindu-Kuh auf das einzige Synthesizer-Lied des Abends: Judas Priest "Turbolover" (Link - *grusel!*). Kaum jaulten die ersten Klänge davon durch den Laden, johlte und buhte allerdings jeder Kern-Metaller, denn Judas Priest verwendete im 1986er Album "Turbo" Gitarren-Synthesizer. Wie kommerziell war das denn?
Ich war nicht die Zielgruppe des Erpel.

Das Tarm-Center (Link) in Bochum (1986-2003) war ein megalomanischer Popperschuppen mit dem Feature "Lasershow". Hoch auf den Boxen tanzten wie Aufzieh-Äffchen profilierungsneurotische Herren mit bloßem Oberkörper, Leuchtstäbe in den Händen und Trillerpfeifen im Mund - Irx! Es spielte grausamer Mainstream-Mist und die Getränke kosteten [alles]. ES WAR UNGLAUBLICH LAUT. Auch die etwas lahme Lasershow konnte nicht darüber hinwegtäuschen, das ich in keiner Weise auch nur ein kleines bisschen die Zielgruppe dieses Ladens war.

Wo früher in Wuppertal das Rockoko (90er Jahre) stand, ist heute der Gäste-Parkplatz des Ada. Die Disco fand in einer kleinen Fabrikhalle Platz, die Tanzfläche war unten, oben war sie rundherum mit Galerien versehen. Die Toilette wurde nur zu besonderen planetaren Konstellationen geputzt (Uranus und Neptun in Konjunktion), eine zerdepperte Kloschüssel wurde gar nie repariert. Der leicht reizbare DJ spielte auch mal 15x hintereinander "Smells like teen spirit" von Nirvana, vermutlich weil der Pöbel seine Künste nicht zu schätzen wusste und ohnehin tanzte, egal was man ihm vorsetzte -- und wie oft. Zwischendurch konnte man gegenüber einen Döner essen gehen oder etwas feiner nach Nebenan ins Hasret, das heute das Marines beherbergt. Wirklich gut laufende Läden bei Null Instandhaltungskosten werden i.d.R. eines Tages wegen Gier in Tateinheit mit Steuerhinterziehung geschlossen, so auch hier.

Seit 1988 gibt es in Remscheid die Diskothek namens "Déjà-vu", die sich vereinfacht für das juvenile Bergvolk des Bergischen Landes "DEJA WÜ" schreibt. Ich bin um 1993 mal dort gewesen und habe mit Freunden und Bekannten einen Abend verbracht. Woher der Name kam, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Der Laden war winzig. In den Dunkelzonen an den Wänden drückten sich reglos in speckige Wildlederjacken gewandete Gestalten herum, die Striche auf ihren Bierdeckeln sammelten wie heutzutage fleißige Hausfrauen ihre PAYBACK-Punkte. Sobald aber "ihr Lied" lief, zum Beispiel Melissa Etheridge's "Bring Me Some Water", dann lösten sie sich von der Wand und sprangen genau ein Lied lang wie die Derwische auf der Tanzfläche herum -- jeder bei einem anderen, "seinem" Lied.
Aus Gründen, die für mich heute im Dunkeln liegen, habe ich 15 Jahre später, also um 2008 herum, den Laden wider besseres Wissen noch einmal aufgesucht. Wenig hatte sich verändert, außer dass man in den ohnehin beengten Schuppen nun auch noch ein Raucheraquarium eingezogen hatte, durch welches die Süchtigen mit blutunterlaufenen Tiefseefisch-Augen auf die Tanzfläche starren konnten, derweil sie Steuergelder verinhalierten. In den Dunkelzonen an den Wänden sah man schwach die Silhouetten möglicherweise neuer üblicher Verdächtiger kauern. Plötzlich spielte es Melissa Etheridge's "Bring Me Some Water", sofort löste sich mit einem schmatzenden Geräusch Freund Sonne von 1993 von der Wand und sprang genau ein Lied lang mit seiner mittlerweile endspeckigen Wildlederjacke auf der Tanzfläche herum. Wow! Wie traurig, wie tragisch! Aber in diesem Augenblick hatte ich ein prachtvolles Déjà-vu!
Daher also.


Montag, 2. März 2015

ru24 future 2: Flucht aus Wuppertal, der Stadt ohne Wiederkehr (2018)

photo credit: Schwebebahn - Suspension Railway - Wuppertal via photopin (license)

21. Juli 2014: Sperrung der B7
Erstmalig in der Geschichte der Bundesrepublik beschließt eine Stadt für eine Großbaustelle eine Bundesstraße für geplante 3 Jahre vollständig zu sperren. Es sollen - wen wundert's in Anbetracht des Hauptstadtflughafens und der Elbphilharmonie - fast sieben Jahre werden.

25. September 2014: Sperrung der Autobahnauffahrt "Katernberg"
Rückblickend wirkt die Sperrung der Autobahnauffahrt "Katernberg" auf der A46 zusätzlich zur Vollsperrung der B7 für 18 Tage wie ein Ausblick auf kommende Sensationen.

ab Februar 2015: Sperrung des Kiesbergtunnels (L70)
Straßen NRW testet hier erstmalig, wie weit man in einer Stadt gehen kann. Geplant sind fünfmonatige Sanierungsarbeiten, um die "abgelaufene Betriebsgenehmigung" des Tunnels wieder zu erneuern. Das die mal abläuft, damit hatte ja niemand rechnen können! Millionen werden in das Projekt gebuttert. Doch ach! Die Mikrofrakturen in den tragenden Strukturen und durch saures Grundwasser zersetzter Stahlbeton machen einen Neubau notwendig (geplanter Baubeginn: 2027). Dafür sind in der stillgelegten Ruine jetzt die Fluchtwege chefmäßig gekennzeichnet und man kann Verkehrsfunk empfangen - wenn einem der Sinn danach steht.

ab August 2017: Ausbau der A46 am Sonnborner Kreuz
Mit ganzen drei Arbeitern und ebenso vielen Dixi-Klos startet der sechsspurige Ausbau der A46 mit Flüster-Asphalt am Sonnborner Kreuz. Der Bauarbeiter Jürgen "Jolle" H. beginnt versehentlich mit der Vollsperrung der Autobahn. "Et war so 'n Reflex, ich war in Gedanken. So läuft dat doch normalerweise in Wupatal", so H. später in einem Interview mit dem Leitmedium BUNTE.

der 30.08.2017
Als am Autobahnkreuz Wuppertal Nord ein Tankwagen, gefüllt mit dem radioaktiven Nervengas "Nukleo-Phosgen H", havariert, ist die Stadt auf beiden Seiten von der A46 abgeschnitten. Das THW rechnet wegen der extrem aufwendigen Dekontamination in doppelten Schutzanzügen mit "etwa 36 Monaten" Vollsperrung. Die Ladung des LKW war angeblich für die "zivile Nutzung in einem Schwellenland" vorgesehen, so Pressesprecherin Imogen Krummrhein-Paziwicky von BAYER.

Herbst 2017
Straßen NRW beginnt wie jedes Jahr, etwa 30 Baustellen auf den Ausfallstraßen rund um Wuppertal aufzumachen - weil sie es können. Doch die Verkehrs-Infrastruktur war bereits am Limit. Die Summe der Baustellen und Engpässe führt dazu, dass man die Stadt nun nur noch über zwei (2) ampelgeregelte Einbahnstraßen erreichen kann. Leider führt keine Straße mehr hinaus. "Eine kleine Planungsschwäche", wiegelt Horst Krempel vom Bauplaungsamt in Radio Wuppertal ab. Der ADAC verteilt derweil Decken und Tee, kapituliert aber bereits nach wenigen Tagen vor der Flut der Menschen, die die Stadt nicht mehr verlassen können. "Wir erleben den Beginn einer humanitären Katastrophe", so Wulfhart Wessels von den 'gelben Engeln'.

Winter 2017/18: Einrichtung von Notunterkünften im Kiesbergtunnel
Immer mehr Ronsdorfer, Radevormalder, Remscheider, sogar Düsseldorfer stranden in der "Stadt ohne Wiederkehr", wie die "Schwebebahnstadt" jetzt in den Medien genannt wird. Wuppertaler, die auswärts arbeiten, verlieren ihre Jobs. Längst ist jede Straße mit parkenden Autos vollgestellt. Auf jeden Wuppertaler kommen nun 1,2 Gestrandete. Nachdem alle Sporthallen überfüllt sind, richtet die Stadt Notunterkünfte im ohnehin leeren Kiesbergtunnel ein. Der hat chefmäßig gekennzeichnete Fluchtwege und man kann Verkehrsfunk hören. Die Medien berichten täglich. Bei dem ARD-Spendenmarathon eine Woche vor Weihnachten 2017 sammelt Günther Jauch 1.785.548 € für die Eingeschlossenen. Am 24.12.2017 wird die kleine Hope Schliepkötter, das erste "Tunnelbaby" geboren. Sie wiegt 3.698 g.

ab März 2018
Die Lage wird zunehmend prekärer. Skrupellose Schlepperbanden schlagen Kapital aus dem Elend der Eingekesselten. Ausreisewillige werden mit Versprechungen geködert, sie für 5.000 EUR pro Kopf die Wupper hinab zu schiffen. Im Morgengrauen werden die Elendsgestalten auf improvisierten Flößen oder bereits leck geschlagenen Ruderbooten zusammengepfercht. In den seit Wochen leeren Augen liegt ein Hoffnungsschimmer. Doch treibend auf den eisigen Fluten der Wupper schaffen es viele nur bis Solingen-Unterburg, dem "Lampedusa des Bergischen Landes", wie es nun in den Medien genannt wird.


Freitag, 20. Februar 2015

Allein unter Memmen

Originalfoto

Die einzigen Frauen, die Pappkartons zerreißen können, sind Regina Halmich und Walter ausm Frauenknast aka die Wuppertalerin Kathi Karrenbauer. Alle anderen sind Mädchen und müssen beim Zerreißen von Pappkartons oder Papierschachteln leider passen.
Und die Jungs auch.
Also vermutlich.
Denn wenn ich bei unseren Vier-Mietparteien-Haus die Altpapiertonne öffne, dann sehe ich in dem stets proppenvollen Teil vor allem unzerkleinerte Kartonagen. Fünf Pizzakartons als säuberlicher Stapel. Ganze Schuhkartons. Windelkisten.
Ich glaube, das Schlimmste daran für mich ist, dass ich mich darüber aufrege. Und dann ganz automatisch an 1982 denke, wie mir die blöde Möchtegern-Hausmeisterin Frau Dörner im Haus meiner Kindheit mit ihrem pingeligen Else-Kling-Gemecker auf den Geist gegangen ist.
Bin ich hier jetzt der bekackte Nörgelrentner?
Das ist ja wie in der scheiß Werthers-Echte-Werbung!

Dann will ich lieber glauben, dass ich in Wuppertal "Allein unter Memmen" lebe.


P.S.: Müll trennen können se wenig überraschenderweise auch nicht, die jungen Herrschaften.


Siehe auch: Blogbeitrag


Freitag, 22. August 2014

Phalanx der Dienstleistung (2011)

photo credit: icatus via photopin cc
Als wir Spätsommer 2011 in unsere Wuppertaler Wohnung einzogen, gab es noch einige Mängel, die der Hauseigentümer ausbügeln sollte, unter anderem ein gesprungenes Waschbecken im Bad zu ersetzen.
Ich grofelte gerade durch diverse Kartonagen des kurzum stattgefundenen Umzugs, als es an der Tür schellte, ich blinzelte in den Treppenhausflur. Hier begehrte offenbar eine ganze Reisegruppe Einlass! Aber nein - es war der Hauseigentümer mit drei (3) Klempnern im Gefolge! Meine Herren! Die Handwerker staffelten sich in die Altersgruppen "kurz vor der Rente", "im besten Alter" und "Larvenstadium". Die Eintreffenden stürzten sich quasi zeitgleich ins Bad ohne sich in der Tür zu verkeilen - Profis eben - und begannen zu werkeln - welch beeindruckende Phalanx der Dienstleistung! Mir war, als wirke Orkus, der römische Gott des Klempnerhandwerkes höchstselbst für mich persönlich ein Wunder!
Da fühlte ich mich als Kunde & Mieter richtig ernst genommen!
Ich kam hinzu. Nun befanden sich im Bad zeitgleich drei Klempner, ein Hauseigentümer und ein Mieter (moi). Von dem Gewimmel zuckte mir das Augenlid! Der Klempner-Stammesälteste nahm mich zur Seite, führte mich aus dem Bad, bewunderte die Wohnung, wies auf dieses und jenes Detail hin und sparte nicht mit Lob, sang Hymnen auf den Balkon.
"Darf ich fragen, mit wie viel Personen Sie in diese wunderbare helle und große Wohnung ziehen?", fragte er ehrfürchtig mit einem leichten Timbre in der Stimme.
"Wir sind zu zweit", antwortete ich etwas baff.
"DAS IST LUXUS!!!", begeisterte sich der Handwerker-Senior speichelsprühend, wiederholte den Satz mehrfach.
Da fühlte ich mich als Kunde & Mieter richtig geschmeichelt!
Kurzum quollen Vermieter und allerlei Handwerker aus dem Bad, verabschiedeten sich und verschwanden etwas zu hurtig im Treppenhaus.
Ich ging ins Bad.
  1. Das neue Waschbecken war stark nach vorne geneigt.
  2. Es war dermaßen niedrig angebracht worden, sodass ich bei dem Unterschrank die Beine absägen musste, um ihn überhaupt darunter zu bekommen
  3. Die Silikonmasse zwischen Wand und Becken schien von betrunkenen Irren aufgetragen worden zu sein.
  4. Die Stöpsel-Mechanik funktionierte nicht, war der Stöpsel einmal unten, musste man unters Becken greifen und ihn am Gestänge manuell und mit dem richtigen Schwung wieder herausdrücken, der Hebel im Waschbecken selbst war völlig nutzlos.
Mir dämmerte, dass der Stammesälteste der Blaumänner mit seinen Lobeshymnen auf die Wohnung nur eine Klempnerhandwerks-Nebelkerze gezündet hatte, damit seine Kollegen im Auftrag und unter der Aufsicht des übersparsamen Eigentümers ganz in Ruhe preiswerte, schlampige Arbeit machen konnten.
Da fühlte ich mich als Kunde & Mieter mal so richtig verarscht!


Mehr Klempnerhandwerk: Blogbeiträge


Samstag, 9. August 2014

Massentierhaltung in Wuppertal im dritten Stock

photo credit: John Tann via photopin cc

Momentan generiert unser Küchenabfall täglich ca. 40 Drosophilas vulgo "Fruchtfliegen", von mir aus naheliegenden Gründen "Sophies" genannt. Momentan schwärmen sie besonders eifrig in kleinen Wolken herum, denn nicht nur die Obstschale lädt anscheinend zum Herumtollen ein. Auch der Grüne-Punkt-Müll ist zurzeit ein Disneyland en miniature. Gerade treten die Kleinen wirklich als Massentier auf.
Sind wir zu Hause jetzt also Massentier-Halter?
Wahrscheinlich greift spontan irgendeine verschwurbelte EU-Richtlinie. Ich werde auf jeden Fall 218 Millionen Euro an Fördergeldern für meinen Mastbetrieb hier im Dritten Stock in Wuppertal beantragen - way cool!

Damit es den Kleinen bei uns in der Zwischenzeit nicht langweilig wird (während die bürokratischen Mühlen mahlen) und sie sich die Augen rot weinen müssen, habe ich in einem Müslischälchen für ein schickes Badeparadies mit Chill-out-Bereich und Schnorchel-Area gesorgt:
50 ml weißer Balsamico-Essig (oder Obstessig)
50 ml Wasser
1 TL Flüssighonig
1 Tropfen Spüli
alles vorsichtig miteinander verrühren
Schon stürzen sich die Sophies vom Rand in die sauren Fluten, planschen, tollen, schnorcheln, die meisten tauchen überraschend lange unter - wow! Die Winzlinge können ja ewig die Luft anhalten - und es werden immer mehr!
Ich bin beeindruckt.
Wenn jetzt noch die EU-Gelder kommen, dann will ich mich nicht beklagen.


Mehr "Fruchtfliege": Blogbeiträge


Mittwoch, 16. Juli 2014

Mein Freund Rolf (1991 bis 1999)

photo credit: Tobias Lindman via photopin cc

Freunde sind ein rares Gut! Wer einen Freund sein Eigen nennen darf, der halte an ihm fest!


[wahre Geschichte, alle Namen sind geändert]
1991 studierte ich für zwei Semester Wirtschaftswissenschaften an der Uni Wuppertal. Fast bei meiner ersten Raucherpause dort lernte ich Rolf kennen. Er war sechs oder sieben Jahre älter als ich (knapp über 30) und war ein ziemlicher Vogel. Vermutlich deswegen waren wir uns auf der Stelle sympathisch und freundeten uns an. Ich lernte im Laufe der Zeit auch seine Wuppertaler Freundin Karla kennen, eine Lehramtsstudentin.

Nach einiger Zeit hatte Rolf keine Lust mehr zum Studieren. Ihn zog es in seine alte Wahlheimat Berlin zurück, zumal seine Beziehung zu Karla kränkelte. Er wollte in Berlin mit seinem alten Freund Hans zusammenziehen, einem der ganz großen Womanizer des auslaufenden Jahrtausends. Ich half bei dem Umzug und mit einem picke-packe-vollen 2,8-Tonner, der 75 km/h Spitze fuhr, erreichten wir Berlin bei Sonnenaufgang.

Ostberlins Fassaden waren braun, grau oder braungrau, die unebenen Bürgersteige voller Hundescheiße, die Treppenhäuser seit dem Krieg (dem von 1914-18) nicht mehr renoviert worden. Wir schleppten Rolfs Polinten in den fünften Stock (was bei normaler Stockwerkhöhe mindestens der siebte Stock gewesen wäre). Dann tauchte ausgeschlafen, adrett gekleidet und gut gelaunt der Womanizer mit seinem Hab und Gut auf. Er hatte sich reichlich Hilfe kommen lassen: Birte, Selena, Maria, Xandra und die Alex. Die schweren Sachen mussten also wieder »die Jungs« schleppen. Nachdem alles oben war, muss ich kurz tot gewesen sein. Als ich nach einer Adrenalinspritze mitten ins Herz wieder zu Bewusstsein kam, gingen wir einen Döner essen. Der 2,8-Tonner machte auf dem Rückweg leer nun ganze 85 km/h Spitzengeschwindigkeit! Yay! Es war wie ein Rausch!

Von nun an telefonierten wir in loser Folge und ich besuchte Rolf jährlich in Berlin.
Die Freundschaft zwischen Rolf und Hans war mittlerweile zerbrochen, weil Rolf Hans’ brasilianischer Freundin »Nachhilfe« gegeben hatte. Ich konnte mir das schon vorstellen, wie das gelaufen war mit der »Nachhilfe«. Bei unseren Telefonaten erfuhr ich, dass auch andere Freundschaften Rolfs »aus Gründen« in die Brüche gegangen waren. Ich dachte mir meinen Teil.
Irgendwann sagte er während eines dieser Gespräche zu mir: »Henning, du bist mein bester Freund!« Ich fand das ziemlich unheimlich, wir sahen uns doch nur einmal im Jahr! Aber vermutlich war ich der »last man standing« – der Einzige, der übrig geblieben war.

Rolf, der in Berlin zwischen kurzen Phasen regulärer Beschäftigung sein Dasein als Lebenskünstler und Sozialbetrüger fristete, lernte seine Freundin Michaela kennen. Sie war Krankenschwester im nahen Urban-Klinikum, sie zogen zusammen. Michaela war eine freundliche, fröhliche und im Gegensatz zu ihrem Freund wunderbar bodenständige Person. Sie machte es immer zu einer Freude, in Berlin zu Besuch zu sein.
Die beiden wohnten in Bezirk Kreuzberg, Hobrechtstraße, die vom Hermannplatz abging. Am Hermannplatz trieb sich arg viel »Volk« (aka »trunkener Pöbel« & »multipel Abhängige«) herum. Am Kottbusser Damm »Kotti« gab es etliche türkische Gemüseläden, hie und da ein orientalisches Brautmodengeschäft und altdeutsche Butzenglas-Kneipen. In den Nebenstraßen und der Umgebung reihte sich Bar an Szenelokal, wie die heute noch hoch famose »Ankerklause«.

Einmal rief er mich an, nun sei es aber an der Zeit, dass ich ihn besuchte! Ich fragte: »Wie lange denn?«, er: »Total egal, Hauptsache du kommst!« Mit ihm musste ich ja nichts abklären, er war ja eh in keinem Arbeitsverhältnis. Also suchte ich mir ein Reisebüro und buchte für 300,00 DM eine Zugfahrt zweiter Klasse Hin/Rück nach Berlin. Dann, wieder zu Hause, rief ich ihn an: »Mission completed!« - »Wann genau kommst du?«, fragte er aufgeregt. Ich teilte ihm die Eckdaten der Woche mit, die ich gedachte nach Berlin zu reisen. Stille breitete sich aus. »Waaas? Eine ganze Woche? Bist du irre? Das geht doch nicht! In der kleinen Wohnung?«, schlug es mir entgegen. Ich war perplex. Das Gespräch wurde noch ungemütlich. Die Tickets ließ ich verfallen, umbuchen ging nicht, deshalb waren sie »so günstig« gewesen.
Soviel zu dem Thema.

Ein Jahr drauf rief er mich an, nun sei es aber wirklich ganz arg dringend an der Zeit, dass ich ihn mal wieder besuchen käme! Ich war zurückhaltend und vorsichtig geworden und fragte: »Wie lange denn GENAU?« - »Hey! Pfeif drauf! Hauptsache du kommst!« Ich suchte ein Reisebüro auf und buchte eine Zugfahrt, natürlich keine ganze Woche. Telefonisch teilte ich ihm mit, an welchen fünf (5) Tagen ich gedachte, nach Berlin zu reisen. Das, was jetzt kam, kannte ich schon. »Waaas? Fünf Tage? Das geht nicht!« Das Gespräch wurde noch reichlich ungemütlich. Ich gab ihm Tiernamen und legte auf. Die Tickets verfielen wie die vorherigen. Ich verbrachte einen deprimierenden Urlaub zu Hause, während draußen der September-Monsun das Bergische Land in eine Schlammwüste verwandelte.

Eine Weile hört ich nichts von Freund Sonne. Dann, eines Tages, schellte das Telefon und Rolfs Freundin Michaela war an der Strippe, was per se ungewöhnlich war. Das nachfolgende Gespräch dauerte etwa zwei Stunden.
Das war passiert:
Rolf hatte vom Amt eine Umschulung zum Serveradmin (oder Vergleichbares) bezahlt bekommen und musste nun brav einige Zeit in diesem Job arbeiten. Nach fast 20 Monaten (!) hatte er aber keinen Bock mehr, jeden Tag früh aufzustehen. Zudem hatte sein Chef ihn fast zehn Monate lang nicht bezahlt. Vor Gericht bekam er Recht, nun hatte er auf einmal einen Batzen Geld, den das Amt aber anrechnen würde, wenn er sich jetzt arbeitslos meldete. So verfiel er auf einen genialen Plan: Er würde die Kohle chefmäßig verjubeln!
Rolf begann, im Internet zu recherchieren. Irgendwie landete er dabei auf Foren, in denen sich junge Frauen aus Zweite- und Dritte-Welt-Ländern für »Herren« interessierten. Hey! Junge Frauen fand er auch toll! Dort traf er erstmals virtuell auf Jacqi. Sie war ein junges, lebenslustiges Ding aus einem Dorf irgendwo in Mittelamerika. Rolf, dessen Hormone seinen Realitätssinn zuweilen umnebelten, verabredete sich mit ihr in eben diesem mittelamerikanischen Land und buchte sich Flugtickets.
Seiner Partnerin, mit der er seit Jahren zusammenlebte, sagte er nur: »Ich mache Urlaub!«
Michaela wunderte sich nur, ahnte aber nichts.

Rolf nahm alles Geld, was er hatte und ließ es in Landeswährung wechseln. Er flog über den Atlantik, kam an einem palmenumstandenen Flughafen an. Er fuhr mit einer rumpelnden Eisenbahn so weit es ging. Dort nahm er ein fragwürdiges Taxi. Jacqui erwartete ihn in ihrem Dorf.
Sie muss ihm gut gefallen haben, denn schon am nächsten Tag ging Rolf zum örtlichen Schneider und ließ Maß nehmen. Zwei Tage später hielt er bei Jacquis Vater in einem Maßanzug aus feinstem Zwirn  – auf Knien um die Hand seiner Tochter an. Der Alte war hocherfreut, seinen Augenstern an einen europäischen Multimillionär zu geben und willigte ein. In Villariba wurden große Hochzeitsvorbereitungen anberaumt, von denen man in Villabajo nur träumen konnte (Youtube). Das Paar wurde mit großem Ritus vermählt, es wurde drei Tage lang gefeiert. Rolf haute die Kohle raus wie ein betrunkener Seemann. Bald stellte er fest, dass er mehr Geld benötigen würde, wenn er noch ein Flugticket für seine Braut würde zahlen müssen. Vom Postamt aus rief er seine Tante in Bochholt an und schilderte ihr die Situation. Die fragte, ob er noch alle Latten am Zaun habe und legte auf. Dann rief Tantchen umgehend Rolfs Partnerin in Berlin an. Die arme, treue Michaela, die sich bis zu diesem Augenblick in einer intakten Beziehung wähnte, fiel aus allen Wolken!
Noch an diesem Abend begann sie, ihr Hab und Gut von seinem zu trennen. Schon zum Ende der nächsten Woche zog sie in eine andere Wohnung, verschwand auf Nimmerwiedersehen.

Rolf hat die Kohle für Jacquis Ticket noch zusammenbekommen. An einem sehr kalten, sehr grauen Novembertag sind die Frischvermählten durch Schneematsch und angefrorene Hundescheiße gestapft, um in einer geplündert aussehenden, ungeheizten Wohnung in Berlin-Kreuzberg anzukommen. Die 45 Pflanzen waren zum größten Teil verdorrt. Im Briefkasten stauten sich Werbeflyer und Rechnungen, die Monatsmiete stand aus.
Vermutlich hat Freund Sonne schon am kommenden Tag Stütze beantragt.

So wird sich die lebenslustige Jacqui ihr Leben mit dem deutlich älteren europäischen Multimillionär nicht vorgestellt haben.


Einige Wochen später rief Rolf mich an, ich müsse ihn mal dringend wieder besuchen.
Ich erklärte ihm, dass Michaela mich bereits ins Bild gesetzt habe und dass es zu einem Besuch meinerseits wirklich keine Veranlassung mehr gebe. Ich wünschte ihm ein schönes Leben und legte auf.


Freunde sind ein rares Gut! Wer einen Freund sein Eigen nennen darf, der halte an ihm fest!*
*) Ausnahme: Der Freund hat heftig einen an der Klatsche.


Dienstag, 14. Januar 2014

Restaurantkritik 6: Vapiano Wuppertal


photo credit: ifranz via photopin cc
"Der Name Vapiano leitet sich aus dem italienischen Sprichwort: »Chi va piano va sano e va lontano« ab. Das heißt auf Deutsch: Wer alles im Leben locker und gelassen angeht, lebt gesünder und länger." (Vapiano über Vapiano)
In Wuppertal hat Ende 2013 ein Vapiano eröffnet. Es handelt sich um "ein deutsches Unternehmen der Systemgastronomie, das italienische Speisen nach dem Fast-Casual-Prinzip anbietet" (Wikipedia).
"Fast Casual", das ist ist quasi "Fast Food, aber mit Wohlfühl-Socken".
Sicher, sicher.
Menschenmassen pilgerten von nun an zu diesem Ort, Parkplätze wurden umkämpft, es wurde um Warteschlangenplätze vor dem Eingang gestritten, es kam zu Oberarm-Konflikten zwischen Body-Buildungsbürgern.
Im Januar 2014 beschlossen auch wir, mal zu viert dort hinzugehen.
Am Eingang bekommt jeder von einem Mädchen eine Chipkarte, auf die der gesamte Verzehr aufgebucht wird. Das Ambiente ist modern und aufgeräumt (wenn man sich das Heuschrecken-Gäste-Gewusel wegdenkt). Dann ist man mitten drin im Gewusel der Massen. Falls man einen Sitzplatz findet, kann man sich dann für Pizza oder Pasta oder Salat an verschiedenen Schlangen des Tresens der "Showküche" getrennt für Pizza, Pasta, Salat anstellen. Alkoholische Getränke wie Bier, aber auch Nachtisch gibt es an einem Bar-Tresen, sodass man öfter mal Schlange stehen muss, bis man alles zusammen hat. Wer Pizza bestellt, bekommt einen handygroßen Funkmelder mit, der blinkt und vibriert, sobald die Pizza abholbereit ist.
Die Arbeit hinter dem Tresen der "Showküche" hat etwas von einer Vorhölle, es wirkt wie "McDonald's-Tresenkräfte im x2-Bildsuchlaufmodus". (Ich denke, dass verbrauchte, ausgebrannte Mitarbeiter aus dem Vapiano ausgeworfen werden wie rauchende, leer geschossene Hülsen aus einer Schrotflinte. Das Firmenmotto muss für die hier Angestellten ein ziemlicher Hohn sein.)
Nachdem alle Gäste nun hinreichend lange Schlange gestanden haben, nach Möglichkeit jeder in mehreren, parallelen Schlangen, trudeln die vier Restaurantbesucher nach und nach am gemeinsamen Sitzplatz ein, ihr Kantinen-Tablett aus Blech in Vorhalte.
Frage: Isst man, wenn es noch warm ist, aber die Anderen noch nicht da sind? Oder essen alle erst, wenn der Letzte ankommt? In diesem Fall wäre das Essen des ersten am Tisch Eintreffenden insgesamt nur noch zwei Grad wärmer als ein Speiseeis.
Als wir die Lokalität verließen, stellte ich verblüfft fest, dass ich mittels dieses ganzen vollkommen aberwitzigen Aufwandes (auf beiden Seiten) eine Pizza (3-), ein Bier (OK) und einen Nachtisch (4+) zu mir genommen hatte. Die Endsumme für die letztendlich bestenfalls arg durchschnittlichen Gerichte war OK.

Fazit:
Das ist wohl eher was für die Mittagspause. Abends, wenn es "schön/romantisch/feierlich etc." sein soll, geht man doch lieber zu einem "richtigen Italiener", da bekommen auch alle ihr Essen (fast) gleichzeitig und das Ambiente ist gemütlich bis familiär. Und da kann man im Gegensatz zum Vapiano auch reservieren.
Zusätzlich zu dem ganzen Geraffel stellen die Vögel dort auch noch ihre Pasta selbst her und züchten ihre eigenen Kräuter, als hätten sie nicht schon genug zu tun. Irgendwie wirkt der Laden auf mich wie eine gastronomische Rube-Goldberg-Maschine (Wikipedia), welche
"... mit Absicht eine bestimmte Aufgabe auf zahlreichen unnötigen Umwegen und in komplizierten Einzelschritten auf umständliche Art und Weise ausführt." (a.a.O.)

Mehr Restaurantkritik: Blogbeiträge
Tipp: Die bizarren Leserkommentare zur Eröffnung des Vapiano: Link


Dienstag, 24. Dezember 2013

Wunder der Weihnachtszeit 3


Eigentlich geht ja nichts darüber, sich Heiligabend Mittag noch kurz vor Ladenschluss in den Einzelhandel zu stürzen. Ich mache das seit Jahren und habe es noch nie bereut. Gerade der Satiriker kann hier als teilnehmender Beobachter ganz dufte das Verhalten seiner Mitmenschen an den Definitionsrändern untersuchen.
Doch ach!
Alles ging recht zivilisiert zu, keine Spatengesichter, Hackfressen und auch keine Oberarmkonflikte um den letzten Kanister Glühwein an Rudis Reste-Rampe.
Verdammt...
Ich betrat den EDEKA in der Rathaus-Galerie. Hier waren die einzige Herausforderung drei Omas mit Rollatoren, die 1) nur ein Drittel so schnell gingen, wie man selbst, 2) Gänge verstopften und 3) entweder überraschend stehenblieben oder erratisch abbogen. Das war so eine Art Pac-Man mit langsamen Geistern, aber als Videospielidee auch nicht zu verachten. *vormerk*
Ich bekam alles, was ich kaufen wollte, stand eine Viertelstunde an und war wieder draußen...
Verdammt...
Als ich am Karlsplatz auf den Bus wartete, stand da eine Frau, leicht abgerissen. Sie lachte lauthals, wieder und wieder. Zuerst dachte ich, sie telefoniere mit Woody Allen, aber da war kein Hörer oder Headset. Nein, sie war mal sowas von grandios gut drauf, dass sie unausgesetzt Tränen lachte!
Ich ging die mir bekannten Drogen durch, kam aber am Ende darauf, dass sie wohl einen Weihnachts-Elf geraucht haben müsse, um dermaßen abnorm gut drauf zu kommen.
Wow!
War ich nicht gerade in diesem allerprofansten Moment Zeuge des Wunders der Vorweihnachtszeit geworden?
Wunder schafft die Weihnachtszeit.
Vor dem Dorf, darin verschneit
jeder Hof und jedes Haus,
Vogelbeerbaum, Nacht für Nacht
hundert Lichtlein trägt, entfacht,
die da leuchten weit hinaus.
Achtet seiner Herrlichkeit
niemand auch im Wintergraus,
bläst der Wind doch keins ihm aus,
alle strahlen dicht gereiht -
Wunder schafft die Weihnachtszeit.

(Martin Greif, 1839 - 1911)
Meine Güte!


Mehr "Wunder der Weihnachtszeit": hier.


Dienstag, 17. Dezember 2013

Nichtswürdige Winz-Gebäcklinge

Milchkaffee by manu&emma
Milchkaffee, a photo by manu&emma on Flickr.

Ich sage es mal klar und deutlich: 1984 bekam man bestenfalls mal einen Cappuchino als Alternative zu Kaffee. Wenn man den "Cappu" dann auch noch "auf dem Land" bestellte (z.B. in 5608 Radevormwald oder 5600 Wuppertal), dann bekam der unglückliche Besteller eine Tasse schwarzen Kaffee plus Sprühsahne plus 0,07 g Kakaostäubchen oben drauf. Ein widerliches, nichtswürdiges "Heißgetränk nach Art Cappuchino", das mir mehr als einmal die Schuhe ausgezogen hat! Das Beste daran war mit Sicherheit das Plätzchen, das die Bedienung natürlich "von Hand" auf die Untertasse gelegt hatte, ein "echtes" Danish Butter Cookie aus einer runden Blechdose von Aldi, Lidl & Co. Mein persönliches Highlight waren immer die Kringel oder Bretzelförmigen mit den Zuckerkristallen rundum.
Ich hatte mal eine Freundin, die ließ die Cookies unverständlicherweise aus sog. "hygienischen Gründen" immer liegen - Muahahaha!!! - gerne, ich esse auch zwei! Bald setzte sich aber leider wegen solcher hyperhygienischen Mäkelliesen deshalb der eingeschweißte Spekulatius durch, trotz der prozentualen Übermacht der Jahreszeiten Frühling bis Herbst - man bemühe sich einmal des Gedankens ob dieser Tatsache!
Die Jahreszeiten flogen nur so dahin, und Cafés und Bars schafften sich sündhaft teure Lattepressomaschinen an. Geräte mit Brühgruppen, die auf so wohlklingende Namen wie "Faema E61" hören (Link). Von nun an gab es sogar diverse Espressi (einfach, doppelt, Macchiato), Ristretti, italienischen Kaffee, Milchkaffee, Latte Macchiato und ECHTEN Cappuchino. Und natürlich weitere 45 coffeeinhaltige Nischenspezialitäten, die man gar nicht für möglich halten würde - bis hin zu Heißgetränken aus Kaffebohnen, die schon von einem katzenartigen Viech verdaut worden waren - vor dem Röstvorgang...
Eigentlich hätte jetzt für immer alles ganz wunderbar sein können - die Moderne war angebrochen!
Doch ach! Nun kamen irgendwelche sehr, sehr kranken Schnösel auf die Idee, Amarettinis an den Untertassenrand zu legen.
Amarettinis.
Brrr!
Hallo?
In der Giotto-Werbung von Anno Hassenichtgesehen heißt es: "Giotto: Kleiner dürfen sie wirklich nicht sein!" Eben! Und ein Amarettini ist nur halb so groß wie so eine schon per se völlig beknackte "Minigebäckkugel"!
Ein solches bösartiges Winz-Gebäcktteil zerstäubt beim Zerbeissen zu einer zementartigen Masse, die einen ganzen Backenzahn wirklich vollständig verstopft, so dass man minutenlang total autistisch mit der Zunge dran rumporkeln muss. Geschmacklich bekommt man währenddessen eine vage Vorstellung davon, wie sich degenerierte Schergen der chemischen Industrie "Marzipan" vorstellen. Meistens hat man nach diesem niederschmetternden Erlebnis dann auch noch zwei bis drei weitere dieser nichtswürdigen Winz-Gebäcklinge auf dem Tellerchen liegen - würg!
Danke!
Toll!
Fuck.
Von der Nichtswürdigkeit dieser fiesen Kackteile her würden sie indes wunderbar zu dem 1984er sog. "Cappuchino" passen...
Boah!
Mir wird schlecht.
Hallo?
Geht denn nicht wenigstens wieder ein singuläres "Danish Butter Cookie" wie in der guten, alten Zeit, mein Gott, ja, gerne auch "von Hand"!?
Büttö!!!


Samstag, 14. September 2013

'nine fourteen' im Netto Wuppertal-Elberfeld

http://goo.gl/KdnW4Y
Eigentlich bin ich an der Supermarkt-Schlange erst zweimal von aufgeregten Fremden angesprochen worden. Das erste Mal war am 11.09.2001. Der Mann vibrierte förmlich hinter mir herum, tappte mir dann auf die rechte Schulter. Noch während ich mich umdrehte, sprudelte er mich voll: "Gottogott, haben Sie heute schon ferngesehen? Gehen Sie sofort nach Hause und schauen Sie fern!!!"
Ich tat wie mir geheißen, der Rest ist Geschichte.
Das war 'nine eleven' im Penny Radevormwald (Blogbeitrag).

Heute war ich im Netto in Wuppertal. Ich hatte zwei Hokkaido-Kürbisse auf dem Band und Salzstangen. Der Typ hinter mir vibrierte förmlich. Dann platzte es aus ihm heraus: "Ey, heute ist David Hasselhoff bei Big Brother!!!", Freund Sonne hatte etliche Alkoholika für das Großereignis auf dem Band.
Ich überlegte kurz.
"Hä, ich dachte, der is tot?"
"Neee!!!", sagte der Mann vehement.
"Ach so, das war ja Patrick Swayze!", fiel es mir wieder ein.
"Ey, Mann, der is sowas von cool, der David Hasselhoff!"
"Top Typ!", sagte ich mit Daumen hoch und verließ den Laden.
Das war 'nine fourteen' im Netto Hochstr., Wuppertal-Elberfeld.


Mittwoch, 28. August 2013

Photogeschwurbel

http://goo.gl/YwVnVy
Seit einiger Zeit gibt es bei Facebook eine Gruppe "Photogeschwurbel" (Name geändert). Hier treffen sich Photointeressierte (alles mit ph) aus Wuppertal und Umgebung zum Austausch von Photowissen und gelegentlichen Treffen bis hin zu Phototouren und Coachings. Am besten hat man eine digitale SLR für 800,00 EUR aufwärts, besser investiert man mit allem Schnickes an Zubehör bis zu dem 5-fachen. In der Gruppe posten die Vögel (bzw. Phögel) dann ihre Photos mit ph:

Da ist zum Beispiel „Gerhard K.“, der fotografiert am liebsten grausam nichtssagende Gebäude wie die „Sparkassenfiliale Remscheid-Hasten“ oder „marodes Stadthaus Wuppertal-Cronenberg“. Und weil das alles so lähmend uninteressant ist, fummelt er einen fetten HDR-Effekt drauf, bis die Bilder vor Unnatürlichkeit quietschen - als würde man sie durch digitales Bonbonpapier betrachten.
Tipp: Leider wissen das wohl nur Profis: HDR rockt, aber nur, wenn man es nicht sieht.

Da sind die Frauen „Sabine H.“, „Wiebke S.“ und „Ingrid V.“, sie knipsen tapfer was das Zeug hält, am aller-aller-aller-liebsten Gräser mit unscharfem Hintergrund (selektive Unschärfe). Aber wenn es dann darum geht, dass sie ihre Bilder zeigen, dann zieren sich die Damen. Da basteln sie vor der Veröffentlichung im Forum lieber tapfer pastellfarbene Rahmen um die Bilder oder verbauen bis zu sechs ihrer Fotos zu einer Art lavendelfarbener Gräser-Fotoalbumseite, ganz so, als sei ein einzelnes, „nacktes“ Bild es nicht wert, überhaupt gezeigt zu werden.
Tipp: Seid selbstbewusster.

Dann ist da „Martha R.“, die weniger Wert auf das Fotografieren an sich, aber mehr Wert auf trickreiche Bildbearbeitung legt. Da sie von Letzterem leider genauso wenig Schimmer wie von Ersterem hat, postet sie in einer Tour ihre ihre drastischen Fehlversuche wie gewagten Fragen: „Wie kriegt man das hin, dass Gesichter noch unnatürlicher aussehen als mit dem Photoshop Plasticky-Plugin (bei alle Knöpfe auf 10)?“
Tipp: Das alles interessiert doch kein Schwein. Ansonsten gilt das Gleiche wie für HDR, Madame.

Der Rest postet Fotos von übersichtlich bekleideten 17-jährigen M(o)/(ä)dels – Kunststück! Da kommen in aller Regel gelungene Bilder bei herum, es sei denn, man verreißt die Kamera auf den auf der Couch sitzenden, gelbe und unregelmäßige Zähne zeigenden Nackmull.
Tipp: Manchmal ist weniger mehr, aber in diesem Falle ist es gegebenenfalls umgekehrt.

http://goo.gl/mbDOlm (Billoknipse)
Dann kam der große Tag, der erste Photowalk! Es ging zur Henrichshütte nach Hattingen. Ächzend und schwer beladen wie die Sherpas trafen die Photo-Walker am Parkplatz des Industriedenkmals ein. Um ihre Hälse hingen riesige Spiegelreflexkameras mit megalomanischen Tele-Objektiven, auf den original-Tragegurten stand in der Regel CANON oder NIKON. Um noch einige, wichtige Kamera-Zentimeter dazu zu bekommen, waren auf die großen Zoom-Objektive trutzige Sonnenblenden gesteckt worden - trotz sehr übersichtlichen Sonnenscheins. Die ohnehin wulstigen Chassis der Kameras waren mit Zusatz-Batteriegriffen versehen, die nochmal die Klobigkeit des Ganzen um bis zu 45% zu steigern wussten. Nicht kleckern - KLOTZEN!!! Objektivrucksäcke und Profi-Stative waren Pflicht, nicht Kür. Im Grunde waren alle (bis auf wenige) schon vom Equipment her bereit, jahrelang als Kriegsberichterstatter im Gebirge verlorenzugehen. Nur ein paar Looser und Hungerleider trauten sich ernstlich, mit ihren Billoknipsen oder sogar mit dem Handy hier aufzulaufen - tsts!!! Grundgütiger - die haben ja Nerven...
Nach dem Ablichten diverser Nasen und des ehemaligen Stahlwerks traf man sich im Restaurant. Ihre schwarzen, gummierten Riesenkameras legten alle vor sich auf die SEHR lange Artus-Tafel. Gottogott: Es sah aus wie ein grotesker Schwanzvergleich im Lack-und-Leder-Swingerclub - irgendwie eklig.

Kaum zerstreuten sich die Massen, posteten kurz darauf die Ersten in der Facebook-Gruppe "Photogeschwurbel" ihre an dem Tag geschossenen Bilder:
Gerhard K. hatte einen schmerzhaften HDR-Effekt auf jeden rostigen Tank gelegt, den er hatte ablichten können.
Sabine H., Wiebke S. und Ingrid V. hatten total hübsche Fotos von Gräsern vor rostigen, unscharfen Tanks gemacht. Dann hatten sie vage fliederfarbene Rahmen drumherum gebastelt oder Fotoalbumseiten draus gebaut. Voll total nett! Echt!
Martha R. hatte ihre 1.200-EUR-Kamera auch irgendwo hin gehalten, ihre Ergebnisse hatte sie mit diversen Photoshopfiltern zu Antoni Gaudís LSD-Träumen verunstaltet und noch ein Dutzend schlecht ausformulierter Fragen dazu gestellt, die kein Schwein interessierten.
Die Übrigen hatten an der Henrichshütte heimlich ihre 17-jährigen Töchter oder Nichten ausgepackt und diese teilentkleidet vor industriellem Verfall posieren lassen - you can't go wrong with that!


Dito: (Blogbeitrag)


Sonntag, 7. Juli 2013

Sonntagmorgen in Wuppertal

http://goo.gl/VHcHT
Sonntagmorgen in Wuppertal.
Et is herrlich, de Sonne scheint, Bombenwetter.
Um 9.00 Uhr verläßt der Jäger das Haus, um Brötchen zu jagen.
Das geht fix, easy hin, easy rein, easy wieder zurück! Rein in den Smart und los!
Nur schade, dass der bekackte Bäcker gar nicht auf hat an diesem Sonntag. Toll, sowas muss man sich als Bäcker erst mal leisten können.
Was für ein Penner!
Also zum Plan-B-Bäcker. Nach 100 m gerate ich an eine Straßensperre. Is klar. Tsts! Die Wuppertaler! Ich wende. Der gewiefte Jäger kennt ja auch die Schleichwege, also, ums Eck, Haken geschlagen, nochmal ums Eck und... Straßensperre. Wuppertal, Wuppertal! Gewendet, Haken geschlagen, ganz anderen Weg, Ampel, Ampel, übern Berg, hintenrum zurück, geparkt. 400 m zum Bäcker gelaufen, indes: Der Voll-Kack-Bäcker Myska muss Sonntags also auch nicht aufhaben, sicherlich aus Gründen. Mittlerweile dürfte die Liebste daheim auf den Jäger des Hauses fluchen und mit einem rasch erkaltenden Milchkaffee vor einem leeren Tellerchen seiner Rückkehr harren.
Der Jäger ruft zu Hause an: "Et gibbt nix, ich bin aber dran! In jedem Dreckskaff gibts 'nen Bäcker mit Sonntagsöffnung [ich denke dabei an meine Heimatstadt] nur hier nicht!", die Liebste seufzt, wie nur Liebste es tun.
Eine Passantin schleppt ein Blech Backwaren am telefonierenden Jäger vorbei, ihn durch ihre bloße Anwesenheit mit Hohn und Spott zu überziehen.
Der Jäger beendet harsch das Gespräch.
"Gibt es in Wuppertal IRGENDWO einen Bäcker, der Sonntags auf hat?", blafft der Jäger überraschend genervt der ihm unbekannten Frau hinterher. Dass die Worte "bekacktes Dreckskaff" und "Scheißbäcker" nicht drin vorkommen, ist das letzte Zugeständnis an gesellschaftliche Konventionen. Eigentlich wäre die Frau eine leichte Beute mit ihrem Blech, geht es dem Jäger durch den Kopf...
"Ist sich Oppél, dorrt rrechts!", sagt die Frau, zeigt nach links und geht weiter.
"Ah! Danke."
Das Smartphone weiß et aber auch nich. Vielleicht "Hoppel?" Da muss ich ausgerechnet jetzt Frau Migrationshintergrund fragen! Nach einer Weile kommt die Google-App drauf: "Meinten Sie 'Oebel'?" Sicher, sicher... Ich renne den halben Kilometer zum Auto, fahre um den Pudding herum (natürlich incl. Ampel, Straßensperre, Ampel und weitere Umwege) - da kommt mir in der Einbahnstraße ein Bus entgegen, der langsam hinter einer zu Fuß gehenden Frau her fährt. Die überaus verwegen heimblondierte Person im weißem Polohemd, 70er-Jahre Pilotenbrille und Cargo-Hosen winkt mich unfreundlich-hektisch zur Seite, ich halte sie erst mal für eine paramilitärische Parkraumbewirtschaftungs-Meduse. So eine ist ja wohl kaum weisungsbefugt, mich irgendwohin zu winken. Ich fahre trotzdem zur Seite, schon wegen dem Bus. Im rechten Außenspiegel sehe ich es dann: Auf der Rückseite des Shirts der Frau steht groß "Ordnungsamt" - na da steht's ja gut. Plötzlich wuselt es überall auf den Bürgersteigen von allerlei Jungvolk von THW, Polizei, Ordnungsamt incl. aller Warnwesten tragenden Schülerlotsen von ganz NRW, schlagartig ist es schwarz von Menschen. Nachdem Bus und Meduse fort sind, komme ich... TADAAA!!! ... an eine Straßensperre.
Hallo?
Fuck!
Wasn???
Ein Warnwesten-Brauseknilch winkt mich in die Winz-Gasse zur Rechten. Es reicht. Ich kurbele die Scheibe herunter.
"Ist das hier hier die scheiß Zombie-Apokalypse?", schreie ich.
"Schwebebahnlauf! Hier geht nichts mehr. Sie müssen umkehren!"
Grundgütiger!
'Schwebebahnlauf' - WTF???
Ich stelle den Smart irgendwie ab, laufe die 600 m zum Oebel, kaufe Brötchen, laufe zurück. In der Zwischenzeit hat man Wuppertal vollkommen abgedichtet. Hermetisch. Ich fahre los. Einbahnstraße, nur rechts abbiegen möglich, Einbahnstraße, ich stehe wieder an der gleichen Straßensperre wie eben. Brauseknilch winkt nach rechts. Habe ich was übersehen? Einbahnstraße, nur rechts abbiegen möglich, Einbahnstraße, ich stehe wieder an der Straßensperre. Brauseknilch winkt.
Hallo?
Fuck!
Wasn???
Es reicht schon wieder. Ich kurbele die Scheibe herunter. Frage das Warnwesten-Jüngelchen an der Winz-Gasse: "Wie zum Teufel soll ich denn aus der Nummer wieder rauskommen?"
"Oh, das weiß ich nicht, ich bin doch aus Düsseldorf!", sagt er.
Toll!!
Düsseldorf! Ja dann ist ja gut! Wenn er aus der scheiß Landeshauptstadt kommt, dann drehe ich doch glatt noch ein paar Dutzend Runden!
Aber irgendwann, nach vier weiteren Rundfahrten ummen Block, ist dann auch mal gut.
Help yourself. Klimaanlage nen Zacken höher gedreht. Ich fahre 50 m gegen eine Einbahnstraße, dann 400 m durch eine Fußgängerzone, dann 300 m über eine Busspur und voilá, da liegt es fast schon in Sichtweite, das gelobte Land, wo Milchkaffee und Squeeze-Flaschen-Sommerblüten-Honig fließen!
Wow.
Das waren jetzt mindestens 4 Punkte in Flensburg.
Die Liebste schließt mich in die Arme wie einen späten Kriegsheimkehrer, es lag wohl auch an ihrem Hunger.

"Fix, easy hin, easy rein, easy wieder zurück" hat an diesem Sonntagmorgen 75 Minuten gedauert.
Respekt, Wuppertal.