Posts mit dem Label Bergisches Land werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Bergisches Land werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 4. Juni 2016

Seuchenvögel

photo credit: Winter Viruses and How to Beat Them via photopin (license)
Wie jeden Mittwochabend schob ich mich letzte Woche durch den Radevormwalder Penny-Markt. Ich grofelte gerade vorne durch die Obstauslagen (man muss ja immer reichlich von dem Zeug für die Fruchtfliegen mit nach Hause nehmen), als ich das Gekläffe hörte.
Irritiert blickte ich mich um und sah eine junge Mutter, die in ihrem Einkaufswagen zwei hart verrotzte Gören in den Laden schob. Der etwa Fünfjährige stand im Wagen, der circa Dreijährige saß in dem Kinderklappsitz. Die beiden Virenschleudern husteten bellend wie die Seehunde und niesten wie die Sittiche, das natürlich alles, ohne je eine Hand vor den Mund zu halten. Durch ihre unterschiedliche Anbringungshöhe und das ständige, leuchtturmartige Schwenken ihrer rotzverklebten Köpfe, verteilten sie ihre Gaben fast schon überoptimal. Wenn das der Ausbruch einer tödlichen Seuche war, dann war das Ende der Welt sehr nah! Noch niemals zuvor hatte ich mir so sehnlich einen Chemturion-Anzug (Abb.) oder wenigstens das Outfit eines mittelalterlichen Pestarztes (Abb.) gewünscht!
Ich versuchte etwas linkisch immer mindestens 12 m strategischen Abstand zu halten, dabei schmiss ich etwas abgelenkt wahllos Lebensmittel in meinen Wagen. Mit der anderen Hand googlete ich die Nummer einer deutschen Seuchenschutzbehörde, aber natürlich fand ich in der Aufregung nur das amerikanische CDC & seinen europäischen Ableger ECDC. Das europäische Zentrum für Seuchekontrolle in Solna, Schweden hatte gerade das West-Nil-Fieber im Angebot, wenn ich es richtig interpretierte. Das half jetzt auch nicht weiter!
Zwischendurch sah ich aus der Ferne, wie die Mutter ihren beiden Seuchenvögeln aus einer Wasserflasche zu trinken gab, sie quasi nachlud -- vielen Dank dafür! Das sputumhaltige Kläffen und feuchte Rotzen verfolgte mich durch den ganzen Laden. Wenn die Mutter ihre Seehunde von der Leine gelassen hätte, dann wäre im Penny sicherlich eine Panik ausgebrochen.
Eine Ein-Mann-Panik.

Erst zu Hause, die Patienten Null waren bereits über alle Berge des Bergischen Landes, entdeckte ich das für die kleinen Schleudern in Deutschland zuständige Robert-Koch-Institut (RKI), gut versteckt auf der sechsten oder siebten Google-Trefferseite, aber da war es natürlich schon zu spät.

Mein linkes Auge juckt.
Habe ich heute leicht überhöhte Temperatur?
Von der Inkubationszeit her passt es.

Gottogott.


Dienstag, 31. Mai 2016

Mit Flip-Flops durch das ganze Jahr

photo credit: geta and tabi socks via photopin (license)

Seit einigen Wochen bin ich stolzer Besitzer von Flip-Flops.
Nach anfänglichem Befremden über das Flippen & Floppen läuft es jetzt sehr gut. Und da ich als Minimalist nicht für jede Jahreszeit unterschiedliche Hausschuhe haben möchte, überlegte ich mir bereits das Flippen & Floppen im urst fußkalten Bergischen Land für die Zeit zwischen dem 1. November und dem 20. März.
Die Idee war, ein paar Tabi-Socken (Link) zuzulegen.
Hey! Yeah!
Was bin ich doch für ein Fuchs!
Doch halt... Was würde meine Frau dazu sagen? Bevor ich also spontan die Bestellung in die Tat umsetzte, ließ ich mein theoretisches Vorhaben als Testballon bei den Kolleginnen im Büro steigen.
Doch ach! Ich blickte in verständnislose, leere Gesichter, die mir quasi pantomimisch mitteilten "Hä? Da greift doch sofort die "Socken in Sandalen"-Todesregel, ist also total verboten!!"
*seufz*
Ich sag mal so: Crocs darf ich auch schon nicht tragen...

Frauen sind toll, sie machen aber auch viel Probleme.


Freitag, 1. Mai 2015

Discos

photo credit: Brodus' Disco Ball via photopin (license)

Hier in der Provinz des Bergischen Landes sind Diskotheken beliebt, schon weil es wenige davon gibt. Das Publikum ist anspruchslos und diese wenigen Ansprüche werden von den Läden keinesfalls übererfüllt. Viele meiner Freunde sind in den Jahren mit geradezu manischer Regelmäßigkeit in Discos gegangen, als gäbe es dort etwas zu finden. In aller Regel fand man nichts. Ich war schon immer mehr der Kneipentyp, denke ich, aber was sollte ich machen -- ich wurde einfach mitgeschleppt.


Der Viehhof (80er Jahre), Remscheid. Der Laden hieß eigentlich "Vieringhauser Hof". Hier war ich nur ein- bis zweimal, es muss ca. 1984 oder '85 gewesen sein. Der Laden von mittlerer Kneipengröße wurde im Inneren von maximal zwei Fahrradbirnchen "illuminiert" -- es war so dunkel wie im Hühnerarsch. Lediglich die Tanzfläche wurde mit Schwarzlicht ausgeleuchtet. Das macht gruselige Augen und man ist irgendwie immer flusig. Junge Frauen in weißen Herrenoberhemden sehen indes geradezu blendend aus! Die im Dunkeln sich haltenden Besucher rauchten zuhauf "Kräuterzigaretten". Drogenfahnder ließen sich hier lange Zeit nicht sehen, weil die schon nach zwei Stunden atmen in dem Schuppen ihre nächsten UK (Urinkontrolle) nicht mehr bestanden hätten.

Das Exit (1986-2005), Solingen, Bild, lag unterhalb der Müngstener Brücke. Exit, hieß es, weil die höchste Eisenbahnbrücke Deutschlands mit 107 m ein beliebter Absprungpunkt für Selbstmörder ist. Selbst wenn man oben steht und sich dann nicht traut zu springen -- irgendwann kommt der Zug. Der Eintritts-Token des Exit, gut für ein Freigetränk, zeigte ein kleines Männchen, welches von einer stilisierten Brücke springt. Im Exit selbst war es etwas heller als im Viehhof. Musikalisch war der Laden recht breit aufgestellt, ich freute mich immer auf Anne Clarkes "Our Darkness" und "Sleeper in Metropolis". Sonntags war Indie/Gruftie-Abend, dann rückten "die Schwatten" mit ihren Leichenwagen an, um auf der Tanzfläche vor und zurück zu wandern. Ein Bekannter von mir hatte das Innere der Disco mal bei normaler Beleuchtung gesehen: Er schwor, sich nie-nie-niemals wieder auf sein "Lieblingssofa" dort zu setzen, welches in Wirklichkeit -- bei Licht betrachtet -- ein nichtswürdiges, übel verkeimtes und hart verranztes Teil gewesen war.

Das Erpel, eigentlich RPL, also vielmehr "Rockpommel's Land" (Link) (Gevelsberg), gibt es seit 1984. Von außen ist es eine lächerliche Kaschemme, innen rockt es reichlich. Ich bin mit meinen (damaligen) Metalfreunden 1987/88 wohl einige Male dort gewesen, die Jungs -- gewandet in schwarze Stretch-Jeans, Metalshirt (Venom, Posessed, Slayer) -- headbangten, mosthen und airguitarten sich mit wilder Mähne einen zurecht. Da ich ja noch nie wirklich auf analoge Musik gestanden hatte, wartete ich notgedrungen mit der Gelassenheit einer Hindu-Kuh auf das einzige Synthesizer-Lied des Abends: Judas Priest "Turbolover" (Link - *grusel!*). Kaum jaulten die ersten Klänge davon durch den Laden, johlte und buhte allerdings jeder Kern-Metaller, denn Judas Priest verwendete im 1986er Album "Turbo" Gitarren-Synthesizer. Wie kommerziell war das denn?
Ich war nicht die Zielgruppe des Erpel.

Das Tarm-Center (Link) in Bochum (1986-2003) war ein megalomanischer Popperschuppen mit dem Feature "Lasershow". Hoch auf den Boxen tanzten wie Aufzieh-Äffchen profilierungsneurotische Herren mit bloßem Oberkörper, Leuchtstäbe in den Händen und Trillerpfeifen im Mund - Irx! Es spielte grausamer Mainstream-Mist und die Getränke kosteten [alles]. ES WAR UNGLAUBLICH LAUT. Auch die etwas lahme Lasershow konnte nicht darüber hinwegtäuschen, das ich in keiner Weise auch nur ein kleines bisschen die Zielgruppe dieses Ladens war.

Wo früher in Wuppertal das Rockoko (90er Jahre) stand, ist heute der Gäste-Parkplatz des Ada. Die Disco fand in einer kleinen Fabrikhalle Platz, die Tanzfläche war unten, oben war sie rundherum mit Galerien versehen. Die Toilette wurde nur zu besonderen planetaren Konstellationen geputzt (Uranus und Neptun in Konjunktion), eine zerdepperte Kloschüssel wurde gar nie repariert. Der leicht reizbare DJ spielte auch mal 15x hintereinander "Smells like teen spirit" von Nirvana, vermutlich weil der Pöbel seine Künste nicht zu schätzen wusste und ohnehin tanzte, egal was man ihm vorsetzte -- und wie oft. Zwischendurch konnte man gegenüber einen Döner essen gehen oder etwas feiner nach Nebenan ins Hasret, das heute das Marines beherbergt. Wirklich gut laufende Läden bei Null Instandhaltungskosten werden i.d.R. eines Tages wegen Gier in Tateinheit mit Steuerhinterziehung geschlossen, so auch hier.

Seit 1988 gibt es in Remscheid die Diskothek namens "Déjà-vu", die sich vereinfacht für das juvenile Bergvolk des Bergischen Landes "DEJA WÜ" schreibt. Ich bin um 1993 mal dort gewesen und habe mit Freunden und Bekannten einen Abend verbracht. Woher der Name kam, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Der Laden war winzig. In den Dunkelzonen an den Wänden drückten sich reglos in speckige Wildlederjacken gewandete Gestalten herum, die Striche auf ihren Bierdeckeln sammelten wie heutzutage fleißige Hausfrauen ihre PAYBACK-Punkte. Sobald aber "ihr Lied" lief, zum Beispiel Melissa Etheridge's "Bring Me Some Water", dann lösten sie sich von der Wand und sprangen genau ein Lied lang wie die Derwische auf der Tanzfläche herum -- jeder bei einem anderen, "seinem" Lied.
Aus Gründen, die für mich heute im Dunkeln liegen, habe ich 15 Jahre später, also um 2008 herum, den Laden wider besseres Wissen noch einmal aufgesucht. Wenig hatte sich verändert, außer dass man in den ohnehin beengten Schuppen nun auch noch ein Raucheraquarium eingezogen hatte, durch welches die Süchtigen mit blutunterlaufenen Tiefseefisch-Augen auf die Tanzfläche starren konnten, derweil sie Steuergelder verinhalierten. In den Dunkelzonen an den Wänden sah man schwach die Silhouetten möglicherweise neuer üblicher Verdächtiger kauern. Plötzlich spielte es Melissa Etheridge's "Bring Me Some Water", sofort löste sich mit einem schmatzenden Geräusch Freund Sonne von 1993 von der Wand und sprang genau ein Lied lang mit seiner mittlerweile endspeckigen Wildlederjacke auf der Tanzfläche herum. Wow! Wie traurig, wie tragisch! Aber in diesem Augenblick hatte ich ein prachtvolles Déjà-vu!
Daher also.


Samstag, 3. August 2013

ru24 Wissen: Amsel


Fleeing Blackbird
Originally uploaded by bogenfreund
In Australien gilt die 1890 ausgewilderte Amsel als Schädling.
Für einen ersten Satz finde ich das schon einmal aufpeitschend genug.
In Europa hatte sich die Amsel – der Nationalvogel Schwedens übrigens – noch um das Jahr 1800 herum ausschließlich im Fichtendickicht verschanzt. Das war nicht so dumm, denn sie stand damals noch auf dem Speisezettel, vornehmlich gebraten. Nun ist die Amsel von der Bauweise her eher ein schneller Snack, wenn's beim Dorfschulzen mal wieder länger dauerte. Mit der Zeit geriet das Amselbraten wieder aus der Mode, es fand sich Nahrhafteres, wie z.B. "gefüllte Perlhuhnbrust mit Waldpilzfarce". Das war quasi der Startpfiff für die sich im Geäst verbergende Amsel, testweise vorsichtig hervorzulugen. Sie steckte den Schnabel aus dem Fichtenwald und begann, den Stadtrand zu inspizieren. Die Städte waren ohnehin gerade dabei, sich ein Mikroklima zuzulegen, dito Parkanlagen, Armen- bzw. Schrebergärten und künstliche Beleuchtung, das traf sich also gut. 1820 kam es zu einer ornithologischen Sensation: Das erste Amselpärchen brütete in Bamberg quasi urban. 1830 zog Augsburg nach, 1850 Stuttgart, 1875 Chemnitz, 1880 Berlin (im Tiergarten). Um 1900 wimmelte es überall in den Stadtgebieten von ihnen, die Städte waren plötzlich sprichwörtlich "schwarz vor Amseln". Seitdem trällern sie von Dachfirsten, grofeln auf 0,80 m breiten Grünstreifen nach Gewürm und moppern, wenn ihnen etwas nicht passt.

Wenn ich morgens zur Arbeit fahre, passiert es mindestens zweimal, dass eine Amsel haarscharf vor meinem Wagen die Straße überquert. Das sieht ungefähr so aus: eine Landstraße inmitten der grünen Hügel des Bergischen Landes. Mal ist rechts Wald und links eine Talsperre, mal ist es andersherum. Oder etwas anders. Schwarzweißgefleckte Milchkühe, ein paar Strommasten, Gras. Die Straße ist frei von Fahrzeugen. Blätter rascheln, Gras wiegt sich im Wind. Ein Blatt fällt auf die Straße. Nach wie vor passiert nichts. Man hört ein Auto näherkommen. Es kommt näher. Noch näher. Sehr nah. Da ist es! Eine Amsel kreuzt die Fahrbahn, das Auto braust knapp an ihr vorbei. Der Fahrer flucht, weil ihn fast eine Amsel gerammt hätte. Dann passiert wieder zwei Minuten lang gar nichts, außer, dass wieder ein Blatt auf die Straße fällt. Bis zum nächsten Wagen. Die dazu passende Amsel macht sich im Gesträuch schon einmal warm.


Freitag, 16. November 2012

Bergisch

http://goo.gl/PrjBp
In Wuppertal zu leben, ich sach mal, et is nicht dat Selbe wie in Radevormwald. Wann immer ich nach Rade komm, vor allem Donnerstags, um mit Queen Mom de Einkäufe zu machen -- wat soll ich sagen, ich häng den Ureinwohnern anne Lippen, et is mir wie Balsam!
Lippenbalsam sozusagen.
"Et geht meck dürch un dürch!", wie man hiererorts im letzten Jahrhundert zu sagen pflegte. Un: "Et schlött meck innen Lief!"

So kam ich nich umhin, vor em EDEKA et Gespräch mitzukriegen, bei dem et arg Bergisch (Link) zuging:
"Na, Günther, wie isset?"
"Gott, Herbert, wie sollet denn sein?"
"Na, du hatts doch Probleme mitm, na..., Dinges!"
"Ach, dat Gelumpe hamse mir doch als Meterware rausgeschnibbelt!"
"Och! Doll! Hass auch abgenommen! Un wat machen de Blagen?"
"Och de Große is am studieren, de Kleng macht ne Ausbildung bei de Ruckebiers Gerda."
"Jut! Aber eck mutt jetz noch wat beiholen für de Brigitte!"
"Gehse gleich nach et?"
"Jau!"
"Denn grüß et!"
"Bis denne!"


Mehr sowat: (Blogbeitrag)


Mittwoch, 9. Mai 2012

Radevormwald, eine braune Brutstätte?

http://bit.ly/ICgvsf
42477 Radevormwald hat wieder Medienpräsenz - als braune Brutstätte (Link).
Radevormwald war schon wegen des bis dahin tragischten Eisenbahnunglücks der BRD in 1971 in den Medien (Link), wegen zahllosen Drogenrazzien und jetzt eben wegen Rechtsradikalen, die "die Gnade der späten Geburt" (Link) als persönliches Unglück erachten, Narren, die sie sind.

Die Stadt Radevormwald liegt inmitten der grünen Hügel des Bergischen Landes 20 km entfernt von Wuppertal, ebenso weit weg von Lüdenscheid (wo wirklich niemand hin will) und 10 km von Remscheid (das immer gruseliger wird).
Es ist eine ganz normale, langweilige Kleinstadt mit 22.526 Einwohnern, Tendenz sinkend.
Der Fernsehpfarrer Jürgen Fliege (Link) kommt aus Radevormwald. Der elektrische Currywurstschneider wurde hier erfunden (Blogbeitrag) - Respekt! Und die zweitälteste Jugendherberge der Welt steht hier.
So weit, so unspektakulär.
Ich habe bis letzten Sommer 44 Jahre am Stück dort gelebt und, ja, man konnte dort prima leben. Dort zu wohnen hatte den Vorteil, dass die Miete so dermaßen unanständig niedrig war, dass ich mich kaum traute zuzugeben, dass ich für die 50 m² Genossenschaftswohnung mit Gartenparzelle nur 165,00 EUR zahlte. Der Sonnenuntergang am Küchenfenster war Bombe! Ich parkte direkt vor dem Haus am Bürgersteig. Jahrelang schloss ich mein Auto nicht einmal ab, trotzdem kam nie etwas weg, was man von Wuppertal, meinem neuen Wohnort, nicht gerade sagen kann.
Ich bin dort auf die Realschule (Blogbeiträge) und das Gymnasium (Blogbeiträge) gegangen, dort waren Gewalt und Drogen nie wirklich ein Thema, letzteres eher bei den in die Provinz strafversetzten Lehrern des Theodor Heuss Gymnasiums.

Die Innenstadt von "Rade" hat mittlerweile viel Leerstand. Es gibt ein schönes Eiscafé am Neumarkt und ein tolles Kino. Einen Woolworth (sprich: Woll-wott). Und einen McDonald's. Die zwei bis drei Kneipen, die man hätte aufsuchen können, werden von schnöseligen, ortsansässigen Handwerksmeistern / Fabrikantensöhnen mit komplizierten Brillengestellen und riesigen Angeberautos belagert. Sie haben ihre Gattinnen dabei, die mal Beauty of the Class von 198x waren. Menschen, die gezwungen waren, ihre Freizeit in diesem eklen Umfeld zu verbringen, dauerten mich seit jeher, aber hey: Zum Wohnen war es toll.

Ausländerfeindlichkeit ist mir ein paar Mal untergekommen. Ein einziger (1) Skinhead war mir seit der Jugend namentlich bekannt, ich habe ihn seit 15 Jahren nicht mehr gesehen, vielleicht hat er sich für Führer, Volk und Vaterland zu Tode gesoffen. Auch kannte ich einen Gleichaltrigen, der mal einen Ausländer angegriffen hatte. "Was für ein Spinner!" war hier die einhellige Meinung aller, mit denen ich darüber gesprochen habe. Einmal habe ich durch ein Fenster in einer Wohnung eine Reichskriegsfahne hängen sehen. Und vor zwei Jahren habe ich an Straßenschildern und Bushaltestellen ein paar proNRW-Sticker mit durchgestrichenem Moscheen-Symbol abgeknibbelt.
Und ja: Es gibt/gab eine Internetseite www.radeisgeil.de, tatsächlich eine "Seite für Deutsche Patrioten", sprich: Eine Seite von IDIOTEN für IDIOTEN, was man aber schon weiß, ohne die Seite überhaupt aufrufen zu müssen.
Aber ehrlich: "braune Brutstätte" geht anders.

Mit ihrer Nazivergangenheit hat sich die Stadt seit jeher schwer getan.
Sieht man sich im Stadtnetz die Radevormwalder Stadtgeschichte an "Vom Ursprung bis heute - Damals: Ein historischer Rückblick" (Link), sieht selbst der geschichtliche Laie, dass das Dritte Reich an diesem wind- und wetterumtosten Weiler des Bergischen Landes offenbar absolut ereignislos vorübergezogen ist. Die wackeren Radevormwalder waren vermutlich alle im Widerstand, bis sie dann vom Ami aus heiterem Himmel beschossen worden sind...
Na klar.
 Am 09.12.2003 überflog ich die Überschriften im Radevormwalder Teil der "Bergischen Morgenpost" (BM). Eine verleitete mich ausnahmsweise dazu, weiterzulesen: "Mehrheit Bauausschuss - Straßen nicht nach NS-Gegnern". Ich zitiere:
"Mit den Stimmen von CDU, UWG und FDP (Gegenstimme SPD) wurde gestern im Bauausschuß beschlossen, die Namen der Straßen im Neubaugebiet Laaker Felder nicht nach Radevormwalder Gegnern des NS-Regimes zu benennen, sondern nach Getreidearten."
Das ganze Gerangel hier (ab Punkt 3 b) - es lohnt sich.
Am Text einer alternativen Gedenktafel (Link) wurde so lange herumgedoktert, bis sie endlich harmlos genug daherkam, vermutlich hätten sie am liebsten "... gehänselt" geschrieben. Die Namen der Widerstandskämpfer fehlen.
Vergangenheitsbewältigung at it's best...
Es muss in Radevormwald wohl noch eine ganze Menge Vergangenheit bewältigt werden. Ein paar tapfere Leute haben schon damit angefangen (Literatur).

Vielleicht sind die Nazi-Probleme der Gegenwart dem bisherigen, völlig unwürdigen Umgang mit der NS-Vergangenheit der Stadt geschuldet.
Idealerweise lässt man den Stadtrat bei einer zukünftigen Aufarbeitung komplett außen vor.



Mehr Radevormwald: (Blogbeiträge)


Samstag, 8. Oktober 2011

Queen Mom 8 - Pätschkes

http://bit.ly/pKGZE0
2005 war ich mit Queen Mom (seinerzeit 79) unter anderem für einen Tag auf La Isla Margarita, Venezuela. In Sichtweite des Hafens La Guardia wurden wir ausgeschifft und mit Shuttlebooten an Land gebracht. 
Am Kai ankerten Schiffe, die mit Tauwerk an eisernen Pollern festgezurrt waren. Die schiefe Sitzgelegenheit dieser Taue nutzten zahlreiche Pelikane, ein skurriler Anblick.
Queen Mom, die mich als Geh-Hilfe nutzte, hielt inne und wies auf die schrägen Vögel.
"Dat die da mit ihren komischen Pätschkes überhaupt sitzen können", sagte se.
Pätschkes! Hach! Da geht einem als Bergischen Jungen echt dat Herz auf, gerade in der Fremde! Un et gibt Momente, da muss man Queen Mom einfach drücken.

Info: Der Diminutiv des Bergischen Landes führt zu so wunderbaren Wörtern wie Wäffelkes, Schläppkes, Äutekes, Schlüsselkes, Herzkes und natürlich Pätschkes - den Patschefüßen von Seevögeln.


Mehr "AIDA mit QM": Blogbeiträge


Montag, 26. April 2010

ru24: Automobiles 13 - Wertigkeit

Ein befreundeter Polizeibeamter erzählte mir einmal im Vertrauen, dass das Land NRW bei Polizei-Fahrzeug-Neubestellungen bei VW die "guten, serienmäßigen" Sitze in den Dienstfahrzeugen aus Kostengründen gegen Billigsitze tauschen ließe.
In diesem Gebaren des Landes zeigt sich die Wertigkeit des Staatsbeamten: 250,00 EUR einsparen bei einem Dienstfahrzeug scheint für ein Bundesland reizvoller zu sein, als die langfristige körperliche Unversehrtheit der Fahrzeuginsassen.
Da passte DAS hier wie die Faust aufs Auge:
Unions-Innenexperte Wolfgang Bosbach sagte auf www.spiegel.de folgendes:
“Wer ein Polizeiauto beschädigt, dem drohen fünf Jahre Haft. Wer einen Polizisten verletzt, zwei Jahre. Das ist absolut nicht nachvollziehbar.”
Wer also einmal in die missliche Lage kommen sollte, sich Vollzugsbeamten wiedersetzen zu müssen - wovon ich dringend abraten möchte - dann bitte nur die preiswerten Beamten schrotten, nicht aber das wertvolle Dienstfahrzeug, es handelt sich schließlich um Staatseigentum...
Nun ja.
Realsatire eben.

Bookmark and Share

Mittwoch, 7. April 2010

Heimat 18/Restaurantkritik 4 - Unentschieden


Waffeln
Originally uploaded by Astrid Walter
Wenn jemand meint, dass das Bergische Land, geschweige denn Radevormwald entlegen liegt, der sollte einfach mal den Ortsteil Filde (Link) aufsuchen. Dort gibt es auch das Landhaus Filde. Wer von den beiden für das jeweils Andere namensgebend war, verlor sich im Nebel der Geschichte.
Im Landhaus Filde kann man prima Kaffee trinken, vor allem aber Bergische Waffeln essen. Die Bergische Waffel ist mit Milchreis bedeckt, der Milchreis wird mit einem Gemisch aus Zimt & Zucker bestäubt. Übrigens: Anders kann man Waffeln gar nicht essen! Ich schwöre! Vergesst diesen Heiße-Kirschen-mit-Sahne-Irrglauben mal ganz schnell.
Also.
Es war ein wirklich wunderbarer, sonniger Nachmittag, wir ergatterten einen Sitzplatz draußen und blinzelten grinsend in die Sonne. Bald fiel ein mächtiger Schatten auf uns - der Wirt! Riesig ragte er auf, ein Monument, weißhaarig, bärig, bärbeißig!
"Wat krieg'n Sie?", bellte er, wir atmeten auf, heute hatte er anscheinend verhältnismäßig gute Laune.
"Ich hätte gerne die Bergische Waffel und einen Kakao", sagte meine Begleitung.
Der Hüne schnaubte.
"Kakao mit Sahne oder ohne Sahne?", blaffte er.
"Mit", piepste meine Gegenüber.
"Und Sie?", bedrohte mich dieses Monument der Dienstleitung.
"Ich nehme auch die Waffel und einen Kakao!", sagte ich.
Sein Blick funkelte bedrohlich, er atmete aus, auf eine Art und Weise, die keinen Zweifel daran ließ, wie leid er es war, sich mit Minderbemittelten abzugeben.
"Kakao: Mit Sahne --- ohne Sahne!?"
"Ich hätte gerne ohne Sahne."
"Ja, wat denn nu?", herrschte er uns an, fassungslos rauschte er von dannen.
Puh!
Aber: Was können wir Penner uns auch nicht auf das gleiche Getränk einigen!
Nach fünf Minuten knallte er uns zwei Tassen mit Kakao ohne Sahne hin und ein Tellerchen Sahne zur Sahne-Selbstbedienung, das so kernig auf dem Tisch aufkam, dass es noch drei Runden drehte, bevor es zur Ruhe kam.
Wir zuckten zusammen, machten uns dann aber rasch über unsere Bergischen Waffeln und den Kakao mit/ohne Sahne her - es war herrlich!

Summa summarum: Landhaus Filde kann ich nur empfehlen!

Bookmark and Share

Donnerstag, 21. Januar 2010

Pfand

Ich habe vor etwa sechs Wochen Ordnung in meine Abstellkammer gebracht. Etwa 42 Plastikflaschen wurden wieder zum Supermarkt gebracht, etliche Kilos Altglas in Container sortiert, den Gelben Sack hatte ich zum Grünen Punkt an die Straße gestellt.
Übrig blieben drei (3) Bio-Saft-Pfandflaschen aus dem Bioladen. Ich stopfte sie in eine Rewe-Plastiktüte und legte sie mir in den Beifahrer-Fußraum des Autos. Dort polterten und knisterten sie dann herum. Beifahrer beschwerten sich über die Fremdkörper, allen voran Queen Mom (82).
Wochenlang fuhr ich täglich 2x an dem Bioladen in Remscheid Bergisch-Born vorbei, wann immer ich Zeit gehabt hätte - ausschließlich mittwochs Nachmittags - hatte der Laden zu. Und hey - manchmal habe ich echt einfach nicht daran gedacht!
Die Tüte kam in den Kofferraum. Dort polterten die Flaschen bei jeder Kurve hin und her und machten mich wahnsinnig. Und das Bergische Land ist nicht der Niederrhein, hier geht in punkto Kurven so einiges.
Rumpel-pumpel - tschinggg!
Rabbel-ra-rabbel - dengel!
Klirr-di-klirr - röngeldöngel!

Nach Wochen des geistigen Niedergangs habe ich heute die Reißleine gezogen und bin vor dem Spätdienst zum Bioladen gefahren. Eine ökologisch wertvolle Bioladenangestellte stellte gerade ein Schild auf: "Leckere Bio-Säfte!"
Sie strahlte mich an, ich lächelte etwas säuerlich zurück.
Ich betrat den Laden *palim* und stellte die drei Flaschen auf den Tresen.
"Das war alles?", fragte sie.
Ich nickte.
Von wegen alles! Was ich alles durchgemacht hatte!
Sie tipperte an ihrer Registrierkasse herum und zahlte mir mein Pfandgeld aus.
Fünfundvierzig Cent.




Montag, 18. Januar 2010

Januar: Eine Kritik an der Trostlosigkeit


Spaziergang im Nebel (hell)
Originally uploaded by tigion
Januar.
Das hysterische Wecksignal scheint alte Wunden in meinen Ohren wieder aufzureißen. Der Wecker entgleitet meiner entkräfteten Hand und plumpst hinter den Nachttisch in die Staubflocken. Das Licht, das durch die halb geschlossenen Rolläden funzelt, hat die Farbe von Schimmel. Ein Schrei der Hoffnungslosigkeit entringt sich meiner Kehle.
Ich wanke ins Bad. Der Badezimmerspiegel zeigt im hereinsickernden Licht des Wintertages einen gebrochenen Mann. Die Gesichtszüge sind asymmetrisch verschwollen, die Augen sind nicht einmal auf der gleichen Höhe. Borsten wachsen aus diesem Gesicht heraus wie Fliegenbeine. Quasimodo, der Unfertige.
Im Mund gärt der fahle Geschmack faulenden Laubes, vor dem die Zahnbürste winselnd zurückzuweichen scheint. Zahnpasta verdampft.
Partielle Menschwerdung unter der Dusche.
Die Wohnung muffig und in einem Zustand der Wirrnis zurücklassend, fällt die Tür hinter mir zu. Endgültig, wie es scheinen will.
Der Wagen startet - widerwillig. Landschaft, neblig, regennaß, die vorüberfliegt. Die Scheinwerfer reißen Rinnen in die Watte. Alles um mich herum ist in 256 Grautönen erstarrt, geronnen.
Der Countdown auf der Armbanduhr ist unerbittlich, doch wer wollte hier, in den verfluchten Hügeln, verharren?
08:28 Uhr am Ziel, der Job beginnt.
Wenn ich nach hause fahre, wird es wieder dunkel sein.
Fuck. Fuck. Fuck.


Dienstag, 15. Dezember 2009

ru24: Automobiles 9 - Käptn Peilo


AWE 353
Originally uploaded by realname
Zu dem Thema "Käptn Peilo" ist mir gerade folgende Geschichte eingefallen, so passiert einem Freund vor einigen Jahren.
Soviel sei verraten: Er war da noch unter dreißig...
Freund Sonne fährt also Auto. Es beginnt zu regnen - Surprise, Surprise! im Bergischen Land. Er will den Scheibenwischer betätigen, erwischt aber auf der gegenüberliegenden Seite der Lenksäule den Blinker und blinkt links.
Nach einer Weile bemerkt er, dass der 'Fahrtrichtungsanzeiger' eine Fahrtrichtung ungleich der eigenen angibt, denkt so bei sich "Hey, ich biege ja ab"... und biegt links ab.
Respekt!
Das ist Autofahren, wie Piet Klocke redet.

Bookmark and Share

Dienstag, 8. Dezember 2009

ru24: Automobiles 8 - Free Marcel Kampmann!


Kreuzung
Originally uploaded by Soundmonster
In Europa erzählt man sich einen Witz:
"Es ist tiefste Nacht. Im Umkreis von 10 km ist nur ein einziges Auto unterwegs. Es kommt an eine rote Ampel, hält an und wartet. In welchem europäischen Land befindest du dich?"
Ich fahre sehr oft nachts durch die Menschenleere der Hügel des Bergischen Landes und denke mit gefletschten Zähnen an diesen Witz, mit dem sich Resteuropa über uns Deutsche lustig macht. Dann komme ich an eine rote Ampel. Stehe herum mit laufendem Motor. Der nicht existente Querverkehr hat auch rot, weil nicht existente Fußgänger erst einmal Vorrang haben. Dann springt die Fußgängerampel um auf rot. Einen magischen Moment lang darf niemand nix: rot-rot-rot-rot. Dann bekommt der nicht existente Querverkehr grün. Meine Fingerknöchel am Lenkrad werden weiß. Manchmal brülle ich meinen Frust heraus.
Hört ja keiner.
Irgendwann springt auch meine Ampel wieder um auf grün. Dann fahre ich vor bis zur nächsten Ampel.
In Wermelskrichen sind alle gefühlten 12 Ampeln so geschaltet, dass man an jeder wenigstens mal ganz kurz warten muß. Die Polizei hat mal einen festgenommen, der im Grunde völlig legitim einfach durchgefahren ist. In meinen Augen kein "Verkehrsrowdy", sondern ein verdammter Held! Ich würde ein T-Shirt mit seinem Konterfei tragen, darauf der Text: "Free Marcel Kampmann" oder so.

Vielleicht ist das die Crux, das Wesen des Deutschen: Gezwungen zu sein, sich hündisch an Regeln halten zu müssen, die im Augenblick ihrer Anwendung völlig widersinnig sind.


Donnerstag, 26. November 2009

Der Bergischen Sonne den Strom abgedreht



Originally uploaded by PercyGermany™
Ganz so schlimm ist der November gar nicht hier im Bergischen Land und vermutlich auch nicht in weiten Teilen der Restrepublik. Ich trage nur die halbe Zeit eine Winterjacke und die Sonne kommt auch mal halbtags durch. Trotzdem: irgendwie graut mir vor den kommenden Sensationen des Winters (hier möge jeder an sein eigenes, privates "brrr!" denken) und ziehe intuitiv den Kopf ein.
Gestern oder Vorgestern titelte eine lokale Tageszeitung: "Der Bergischen Sonne den Strom abgedreht" - "Na prima!", dachte ich, "Auch das noch!", "Jetzt wird's ernst!"
Tatsächlich war aber das Freizeitbad "Bergische Sonne" gemeint (Link), das auf die freundlichen Zahlungsaufforderungen der Wuppertaler Stadtwerke nur mit geheimnisvollem Schweigen reagiert hatte.
Natürlich: die "Bad-Geschäftsleitung wies bislang wirtschaftliche Probleme von sich". *kicher*
Aber da sind so Stadtwerke eben nicht kleinlich, die klemmen gleich mal die "Big Five" ab: Strom, Gas, Wasser, Atemluft und Gravitation.
Ach so.

Bookmark and Share

Donnerstag, 1. Oktober 2009

Fahrbahnmarkierungsmaler


Stripe
Originally uploaded by onesevenone
Wenn bei uns im Bergischen Land irgendwo die Straßen neu asphaltiert werden, dann stellen die Bauarbeiter "Markierung fehlt"-Schilder auf. Als würde einem nicht von selbst auffallen, dass der Mittelstreifen fehlt. An diesen Schildern fährt man dann Jahr & Tag vorbei, ohne dass sich mal jemand dazu herablässt, den streifenlosen Umstand zu beheben. Die Jahreszeiten fliegen nur so dahin. Eines Tages, knapp vor dem Tag des jüngsten Gerichts, fährt man die Strecke wieder einmal ab und stellt fest: Hey! Streifen! Die "Markierung fehlt"-Schilder braucht niemand wieder abzubauen, sie sind längst nur noch Erinnerung, orangerote Rostflecken im Gras.
Ich stelle mir vor, dass das alles so lange dauert, weil nur wenige Hochqualifizierte in dieser unserer Republik des Fahrbahnmarkierungsmalens überhaupt mächtig sind, rare, begehrte Genies. Begnadete Künstlernaturen wie sie nun einmal sind, sind sie allzeit von einem Schwarm spärlich bekleideter Musen (Groupies) umgeben. Die Palette in der Linken, den Pinsel in der Rechten visiert das Genie über den Daumen die noch unmarkierte Straße an. Aller Verkehr wurde weiträumig umgeleitet. Ausgeblichenes Absperrband schlänzelt im Wind, am Waldrand äst ein Reh, die Witterung ist beständig, gottlob. Mit dem Pinselhieb des Könners wird er das Weiß auf die Straße bringen.
Wird.
Die Vorbereitung auf diesen ersten Hieb, einer kreativen Entladung gleich, einem schöpferischen Urknall, benötigt nun einmal Zeit. Nur Idioten würden den Begnadeten drängen und damit den Augenblick zerstören, quasi den Moment der Inspiration unter dem schnöden Absatz des Profanen zertreten.
Die mit Federboas behangenen Musen harren am Straßenrand aus und halten die Luft an.
Irgendwo erbricht sich leise ein Eichelhäher ins Gebüsch.

Bookmark and Share

Sonntag, 20. September 2009

Heimat 3 - 513. Pflaumenkirmes

In meiner Heimatstadt Radevormwald im Bergischen Land findet dieses Wochenende die 513. Pflaumenkirmes statt. Ein guter Grund, die Innenstadt weiträumig zu umgehen, wenngleich es dort solche Retro-Leckereien wie den "Eis-Neger" gibt. Hierbei handelt es sich um ein Softeis, dass in Schokolade getaucht wird. Der Name des Produktes mag 1944 noch den sprachlichen Standards genügt haben, doch in Zeiten von "Political Correctness" erfreut diese Art von Hartleibigkeit, mit der dieses Produkt seinen Namen so überaus starrsinnig behält, mein Herz.
Das ist irgendwas wie bei diesem gallischen Dorf.
Apropos "sprachliche Standards".
Ich stand gestern beim Penny an der Kasse, vor mir ein Rentner, der gerade seinen Kram zusammenpackte. Beim Weggehen frage er die Kassierin: "Na, gehense gleich auch nache Kirmes?"
Mir ging das Herz auf! Heimat! Nirgendwo sonst würde man das so fragen!
Die Kassiererin gestand mir, dass sich bereits dutzende Kunden smalltalkenderweise danach erkundigt hatten.
"Viel Spaß denn auffe Kirmes!", wünschte ich ihr.

Nache, nachen, nachet - drei Beispiele:
"Kommse vonne oder gehse nu nache Birgit?"
"Nee, nu geh ich nachen Horst."
"Nachet Klärchen warste äwwer nu ewig nich gegangen!"

Bookmark and Share

Dienstag, 21. Juli 2009

Supersommer 2009


Regenbier
Originally uploaded by Florian Seiffert (F*)
Monsunzeit ist die schönste Zeit. Alle nörgeln, in allen Läden gibt es nur ein Thema, die Leute brauchen nur "Näää!" zu sagen, da weiß man schon, es geht ums Wetter.
Aber man muss auch an die Landwirtschaft denken. Die deutschen Reisbauern werden es danken. Wo sollen wir sonst den Oryza-Reis her bekommen, wenn nicht der wackere Landwirt des Bergischen Landes unermüdlich hinter seinem Wasserbüffel durch die Reisfelder stapfte und sich tennisballgroße Hagelkörner und literweise Wasser auf den leichenblassen Buckel prasseln ließe, derweil recht undezent ein Tornado vorbei defiliert?
Vielleicht tut mal einer was!

Bookmark and Share

Sonntag, 19. Juli 2009

Heimat 1 - Geschnitten, nicht am Stück

In 42477 Radevormwald lebe ich seit meiner Geburt, inmitten der grünen Hügel des Bergischen Landes. Bis vor kurzem hielt ich es für einen uninteressanten, unspektakulären 23.426-Seelen-Ort. 42 Jahre lang habe ich das gedacht. Nun, eine Stadt, in der es diese Überschrift auf die Titelseite des Lokalteils der Bergischen Morgenpost schafft (13.07.09), kann einen eigentlich nicht mehr überraschen: »Elfjähriger bricht sich beim Radfahren den Arm.«
So dachte ich.
Wie ich mich geirrt hatte!
Doch erst einmal zum beliebten Radevormwald-Frage- und Antwortspiel. Viele, die nicht in dieser verregneten Ecke der Republik leben, haben den Ortsnamen irgendwann schon einmal irgendwo gehört. Sie waren nur nicht davon ausgegangen, dass es sich um ein einziges Wort handelt.
»Am Stück?« ist der häufigste Ausruf des Erstaunens darob von Himpelchen oder Pimpelchen.
»Oui. Nicht geschnitten, am Stück.«
Die nächste, meistgestellte Frage ist: »Warum lebst du noch da?«, wobei die Worte ›noch‹ und ›da‹ überaus betont ausgesprochen werden, der Sprecher sich aber nicht wirklich darauf einigen kann, welches der beiden Worte er stärker betonen soll als das Andere.
Was soll ich sagen? Ich hatte seit jeher gedacht, dass das Schicksal mich eines Tages an andere Gestade spült, allerdings ist Karma de facto ein launisches Luder. Als Killer-Argument trumpfe ich mit meinen 190,00 EUR Miete für die 49 m²-Wohnung auf. Die häufigste, total entrüstete Frage, die dann kommt, ist: »Aber doch bitte kalt, oder?«, »Ja«, antworte ich gemeinhin, »aber mit Garten. Und Parkplatz vor der Tür. Und nur 11 km bis zur Arbeit.«
»Und was machst du denn da so?«, wird die nächste Frage abgespult.
»Wohnen. Einkaufen. Kino«, erwidere ich.
»Aber weggehen und Freunde treffen kann man da ja wohl nicht?«, fragt dann Himpelchen oder Pimpelchen suggestiv.
»Weggehen und Freunde treffen mache ich alles in Wuppertal.«
»Aha«, sagt dann einer der beiden, was in der Regel dann nicht sehr überzeugt klingt.
So stereotyp verliefen diese Gespräche immer, bislang.
Doch dann hat sich mein gesamtes Weltbild verändert.
Durch bloßen Zufall bin ich darüber gestolpert, dass an genau diesem Ort vor 46 Jahren eine spektakuläre Erfindung gemacht worden ist. Eine Erfindung, ohne die die Moderne, wie wir sie kennen, vielleicht nie stattgefunden hätte. Voller Stolz darf ich es verkünden: Anno 1963 hat Friedhelm Selbach in Radevormwald den elektrischen Currywurstschneider erfunden.
Geschnitten, nicht am Stück, Baby!!!
Wer hätte jetzt nicht das typische Röngel-döngel-döngel im Ohr?
Wenn mich nun Himpelchen oder Pimpelchen noch mal fragen sollten, warum ich da noch lebe, dann kann ich ihnen entgegenschleudern: »Weil dort eine große Erfindung gemacht worden ist, die auch dein Leben verändert hat!«
Ich denke, das wird in Zukunft als Erklärung voll und ganz ausreichen.

Bookmark and Share