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Freitag, 16. November 2012

Bergisch

http://goo.gl/PrjBp
In Wuppertal zu leben, ich sach mal, et is nicht dat Selbe wie in Radevormwald. Wann immer ich nach Rade komm, vor allem Donnerstags, um mit Queen Mom de Einkäufe zu machen -- wat soll ich sagen, ich häng den Ureinwohnern anne Lippen, et is mir wie Balsam!
Lippenbalsam sozusagen.
"Et geht meck dürch un dürch!", wie man hiererorts im letzten Jahrhundert zu sagen pflegte. Un: "Et schlött meck innen Lief!"

So kam ich nich umhin, vor em EDEKA et Gespräch mitzukriegen, bei dem et arg Bergisch (Link) zuging:
"Na, Günther, wie isset?"
"Gott, Herbert, wie sollet denn sein?"
"Na, du hatts doch Probleme mitm, na..., Dinges!"
"Ach, dat Gelumpe hamse mir doch als Meterware rausgeschnibbelt!"
"Och! Doll! Hass auch abgenommen! Un wat machen de Blagen?"
"Och de Große is am studieren, de Kleng macht ne Ausbildung bei de Ruckebiers Gerda."
"Jut! Aber eck mutt jetz noch wat beiholen für de Brigitte!"
"Gehse gleich nach et?"
"Jau!"
"Denn grüß et!"
"Bis denne!"


Mehr sowat: (Blogbeitrag)


Mittwoch, 9. Mai 2012

Radevormwald, eine braune Brutstätte?

http://bit.ly/ICgvsf
42477 Radevormwald hat wieder Medienpräsenz - als braune Brutstätte (Link).
Radevormwald war schon wegen des bis dahin tragischten Eisenbahnunglücks der BRD in 1971 in den Medien (Link), wegen zahllosen Drogenrazzien und jetzt eben wegen Rechtsradikalen, die "die Gnade der späten Geburt" (Link) als persönliches Unglück erachten, Narren, die sie sind.

Die Stadt Radevormwald liegt inmitten der grünen Hügel des Bergischen Landes 20 km entfernt von Wuppertal, ebenso weit weg von Lüdenscheid (wo wirklich niemand hin will) und 10 km von Remscheid (das immer gruseliger wird).
Es ist eine ganz normale, langweilige Kleinstadt mit 22.526 Einwohnern, Tendenz sinkend.
Der Fernsehpfarrer Jürgen Fliege (Link) kommt aus Radevormwald. Der elektrische Currywurstschneider wurde hier erfunden (Blogbeitrag) - Respekt! Und die zweitälteste Jugendherberge der Welt steht hier.
So weit, so unspektakulär.
Ich habe bis letzten Sommer 44 Jahre am Stück dort gelebt und, ja, man konnte dort prima leben. Dort zu wohnen hatte den Vorteil, dass die Miete so dermaßen unanständig niedrig war, dass ich mich kaum traute zuzugeben, dass ich für die 50 m² Genossenschaftswohnung mit Gartenparzelle nur 165,00 EUR zahlte. Der Sonnenuntergang am Küchenfenster war Bombe! Ich parkte direkt vor dem Haus am Bürgersteig. Jahrelang schloss ich mein Auto nicht einmal ab, trotzdem kam nie etwas weg, was man von Wuppertal, meinem neuen Wohnort, nicht gerade sagen kann.
Ich bin dort auf die Realschule (Blogbeiträge) und das Gymnasium (Blogbeiträge) gegangen, dort waren Gewalt und Drogen nie wirklich ein Thema, letzteres eher bei den in die Provinz strafversetzten Lehrern des Theodor Heuss Gymnasiums.

Die Innenstadt von "Rade" hat mittlerweile viel Leerstand. Es gibt ein schönes Eiscafé am Neumarkt und ein tolles Kino. Einen Woolworth (sprich: Woll-wott). Und einen McDonald's. Die zwei bis drei Kneipen, die man hätte aufsuchen können, werden von schnöseligen, ortsansässigen Handwerksmeistern / Fabrikantensöhnen mit komplizierten Brillengestellen und riesigen Angeberautos belagert. Sie haben ihre Gattinnen dabei, die mal Beauty of the Class von 198x waren. Menschen, die gezwungen waren, ihre Freizeit in diesem eklen Umfeld zu verbringen, dauerten mich seit jeher, aber hey: Zum Wohnen war es toll.

Ausländerfeindlichkeit ist mir ein paar Mal untergekommen. Ein einziger (1) Skinhead war mir seit der Jugend namentlich bekannt, ich habe ihn seit 15 Jahren nicht mehr gesehen, vielleicht hat er sich für Führer, Volk und Vaterland zu Tode gesoffen. Auch kannte ich einen Gleichaltrigen, der mal einen Ausländer angegriffen hatte. "Was für ein Spinner!" war hier die einhellige Meinung aller, mit denen ich darüber gesprochen habe. Einmal habe ich durch ein Fenster in einer Wohnung eine Reichskriegsfahne hängen sehen. Und vor zwei Jahren habe ich an Straßenschildern und Bushaltestellen ein paar proNRW-Sticker mit durchgestrichenem Moscheen-Symbol abgeknibbelt.
Und ja: Es gibt/gab eine Internetseite www.radeisgeil.de, tatsächlich eine "Seite für Deutsche Patrioten", sprich: Eine Seite von IDIOTEN für IDIOTEN, was man aber schon weiß, ohne die Seite überhaupt aufrufen zu müssen.
Aber ehrlich: "braune Brutstätte" geht anders.

Mit ihrer Nazivergangenheit hat sich die Stadt seit jeher schwer getan.
Sieht man sich im Stadtnetz die Radevormwalder Stadtgeschichte an "Vom Ursprung bis heute - Damals: Ein historischer Rückblick" (Link), sieht selbst der geschichtliche Laie, dass das Dritte Reich an diesem wind- und wetterumtosten Weiler des Bergischen Landes offenbar absolut ereignislos vorübergezogen ist. Die wackeren Radevormwalder waren vermutlich alle im Widerstand, bis sie dann vom Ami aus heiterem Himmel beschossen worden sind...
Na klar.
 Am 09.12.2003 überflog ich die Überschriften im Radevormwalder Teil der "Bergischen Morgenpost" (BM). Eine verleitete mich ausnahmsweise dazu, weiterzulesen: "Mehrheit Bauausschuss - Straßen nicht nach NS-Gegnern". Ich zitiere:
"Mit den Stimmen von CDU, UWG und FDP (Gegenstimme SPD) wurde gestern im Bauausschuß beschlossen, die Namen der Straßen im Neubaugebiet Laaker Felder nicht nach Radevormwalder Gegnern des NS-Regimes zu benennen, sondern nach Getreidearten."
Das ganze Gerangel hier (ab Punkt 3 b) - es lohnt sich.
Am Text einer alternativen Gedenktafel (Link) wurde so lange herumgedoktert, bis sie endlich harmlos genug daherkam, vermutlich hätten sie am liebsten "... gehänselt" geschrieben. Die Namen der Widerstandskämpfer fehlen.
Vergangenheitsbewältigung at it's best...
Es muss in Radevormwald wohl noch eine ganze Menge Vergangenheit bewältigt werden. Ein paar tapfere Leute haben schon damit angefangen (Literatur).

Vielleicht sind die Nazi-Probleme der Gegenwart dem bisherigen, völlig unwürdigen Umgang mit der NS-Vergangenheit der Stadt geschuldet.
Idealerweise lässt man den Stadtrat bei einer zukünftigen Aufarbeitung komplett außen vor.



Mehr Radevormwald: (Blogbeiträge)


Montag, 30. April 2012

Heimat 19/History 37 - Hausbesuche (1976)

http://goo.gl/cWxU6 
Dr. Stavenhagen war ein HNO-Arzt nach dem Geschmack meiner Eltern: Er machte auch Hausbesuche.
Er war älter als Gott. Bei seinen Visiten parkte er grundsätzlich diagonal in der Einfahrt. Er war ein schrulliges, geschrumpftes Männlein, glatzköpfig, krumm, übersät mit Altersflecken. Die Augen waren ein trübes Hellblau auf dunklem Elfenbein, die Hände waren knotig. Es hieß, er trage von einer Kriegsverletzung eine Metallplatte im Kopf. Seine Stimme, die er wie eine Luftschutzsirene aus der Nase presste, mochte dies bestätigen.
Er führte einen schwarzen Arztkoffer mit sich, aus dem er ein Stethoskop und den Kopfspiegel fischte, allesamt rissige, mit Klebeband geflickte, angelaufene Artefakte aus vergangenen Tagen. Zumeist blieb es dabei, daß er mir mit einem eklig schmeckenden, hölzernen Spatel im Rachen herumfuhrwerkte, bis ich einen Brechreiz kaum noch unterdrücken konnte. Alternativ legte er mir die gichtige Hand auf die von Fieber heiße Brust, versetzte meinen Körper in Starre, um dann wieder zu verschwinden.
Wir Kinder sahen ihn oft, wir hatten uns auf Mittelohrentzündungen spezialisiert - ein "hausgemachtes" Problem in einer Familie, in der beide Eltern rauchten (mehr Info).

Einmal nasaldröhnte Dr. Stavenhagen mir gegenüber: »Spräch näch so dürch dü Nose!« (eine recht skurrile Situation, die zum Widerspruch einlud, aber er hatte ja Metall im Schädel...). Er überredete meine Eltern, dass meine Polypen entfernt werden müssten. So ging eines schönen Tages in 1978 Queen Mom mit dem elfjährigen ich zu seiner Praxis in der Ispingrader Str., Radevormwald. Die Sprechstundenhilfe war Frau Stavenhagen. Sie war nicht wesentlich jünger als der Gatte und trug als Insignien ihres Alters einen Haarknoten und ein grün-braun-gelb-geblümtes Sommerkleid. Sie saß an einem arg überquellenden Tisch.
Das angrenzende Wartezimmer war quadratisch, es wurde von einem einzigen Nordfenster mit Blick durch Tannen spartanisch belichtet. An der Wand stand ein verstimmtes Klavier. Die ausliegenden Zeitungen waren älter als ich.
Das Behandlungszimmer nebenan lag bis auf den Lichtschein einer 40 W-Schreibtischlampe im Dunkeln. Der Schreibtisch gab dem Wort »überhäuft« eine fantastische, völlig neue Dimension. Ich musste mich auf den Behandlungsstuhl setzen, der aussah wie ein elektrischer Stuhl ohne Elektrik. Der Doktor scharwenzelte unauffällig heran, während er meiner Mutter dies und das zutrötete und schlang angelegentlich einen Lederriemen um mein linkes Handgelenk und die Stuhllehne. Hallo? Kurz drauf war ebenso mein rechter Arm gefesselt. Lächelnd tropfte der Arzt eine Flüssigkeit auf ein Tuch und drückte mir das Ganze ins Gesicht - Äther!
Ich hatte eine sehr intensive, rein grafische, in Graustufen gehaltene Vision von langen, zweidimensionalen Pendeln mit unterschiedlich geformten Pendelmassen (Kreis, Quadrat, unregelmäßiges Vieleck). Sie »kämpften« pendelnd gegeneinander, das eine von rechts, das andere von links. Eines gewann immer wieder gegen alle Anderen, die Verlierer zerbrachen oder stoben davon.
Irgendwann kam ich wieder zu mir. Stavenhagen zeigte mir eine braune Bakelit-Nierenschale, in der blutiger Quabbel schwappte. Strahlend wies er auch auf den blutverschmierten Haken, mit dem er mir das Zeugs aus der Nase gerissen hatte.
Wir gingen, Mutter stützte mich. Im Wartezimmer saßen bleichesten Antlitzes diverse Patienten, sie starrten mich an wie eine Marienerscheinung.
Ich war arg heiser.
»Du hast die ganze Zeit über geschrien wie am Spieß!«, sagte Mom kurz drauf. Das erklärte die Blicke im Wartezimmer.
Ich hatte keinerlei Erinnerung an Schreie.

Hey: Warum sollte man seine Kinder einer zeitgemäßen, nicht-traumatisierenden Medizin aussetzen, wenn man hie und da auch Hausbesuche haben kann?


Mehr: (Blogbeitrag)


Dienstag, 27. Juli 2010

Undezente Geschäfte


cannabis stencil
Originally uploaded by duncan
Mir direkt gegenüber in einer Dachwohnung wohnt der vielleicht faulste Dealer westlich vom Pecos.
Er hat es in fünf Jahren nicht über sich gebracht, seine Haustürklingel reparieren zu lassen, sodass seine Botenjungen - die ich Lolek und Bolek nenne - immer ohrenbetäubende Pfiffe ausstoßen müssen, um sich bemerkbar zu machen. Dies tun sie mitten auf der Straße stehend. Spätestens jetzt weiß die halbe Gegend bescheid. Wenn Lolek und Bolek sich nicht Gehör verschaffen konnten, beginnen sie mit starkem Akzent, den Dealer ihres Vertrauens zu rufen: "Dhomasch! --- Dhomasch!!!"
Hey! Es gibt auch im Baumarkt selbstklebende Funk-Haustürklingeln zu kaufen. Ich habe schon mal überlegt, als mir das mit der Pfeiferei etwas zu viel wurde, ihm eine zu schenken, aus guter Nachbarschaftlichkeit. Aber er hätte es vermutlich nicht geschafft, sie anzubringen. Er hat ja auch kaum Zeit, so ohne Job, als von Hartz IV lebender Nachtmensch quasi.
Wenn Lolek und Bolek Glück haben, streckt Thomas K. nach dem ersten Pfiff seinen Kopf zum Fenster heraus um zu schauen, was so geht. Schnell wird man sich mit einigen Fingerzeichen handelseinig. Jetzt könnte Thomas K. Lolek oder Bolek die Tür öffnen, oder er könnte herunterkommen. Doch das wäre ja mit minimalen Mühen verbunden. Stattdessen ist es doch viel bequemer, die Ware in ein Papierchen zu wickeln und aus dem Fenster in den Vorgarten zu werfen! Lolek oder Bolek krauchen dann durch die Botanik und sacken die Droge im Papierchen ein.
Nur doof, dass in dem Haus außer "Dhomasch" noch ein halbes Dutzend andere Menschen leben, die das an den Fenstern alles live mitbekommen. Ganz zu schweigen von den ganzen Leuten, die gegenüber wohnen. Zuletzt ziehen die Kuriere auf jeden Fall zu Fuß oder mit BMX-Rad los in Richtung Stadt, das Zeugs zu verticken.
Letzten Dienstag haben Lolek oder Bolek zwar das Papierchen finden können, aber der wertvolle erdbraune Inhalt war in den erdbraunen Vorgarten geplumpst.
Total doof!
"Dhomasch" hatte in seiner Dach-Kemenate ausgeharrt, um dann Punkt Mitternacht mit einer starken Taschenlampe das Gartenstück total unauffällig Zentimeter für Zentimeter zu ergrellen. Ich habe ihm kichernd ein wenig bei seinen Bemühungen zugesehen, musste aber dann doch schlafen gehen. Da hatte der Vogel endlich mal was getan für sein Geld!
Ein Drogenhund hätte ihm sicher ganz toll weiterhelfen können!

Wirklich doof, dass Dealerei von Dezenz lebt.
"Dhomasch" ist in seinem "Job" so unauffällig wie ein Marktschreier.
Ich will ja glauben, der Vogel vertickt nur Shit.
Verpfeifen würde ich ihn, weil er so unglaublich blöd ist.
Weil er so faul ist.

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Mittwoch, 7. April 2010

Heimat 18/Restaurantkritik 4 - Unentschieden


Waffeln
Originally uploaded by Astrid Walter
Wenn jemand meint, dass das Bergische Land, geschweige denn Radevormwald entlegen liegt, der sollte einfach mal den Ortsteil Filde (Link) aufsuchen. Dort gibt es auch das Landhaus Filde. Wer von den beiden für das jeweils Andere namensgebend war, verlor sich im Nebel der Geschichte.
Im Landhaus Filde kann man prima Kaffee trinken, vor allem aber Bergische Waffeln essen. Die Bergische Waffel ist mit Milchreis bedeckt, der Milchreis wird mit einem Gemisch aus Zimt & Zucker bestäubt. Übrigens: Anders kann man Waffeln gar nicht essen! Ich schwöre! Vergesst diesen Heiße-Kirschen-mit-Sahne-Irrglauben mal ganz schnell.
Also.
Es war ein wirklich wunderbarer, sonniger Nachmittag, wir ergatterten einen Sitzplatz draußen und blinzelten grinsend in die Sonne. Bald fiel ein mächtiger Schatten auf uns - der Wirt! Riesig ragte er auf, ein Monument, weißhaarig, bärig, bärbeißig!
"Wat krieg'n Sie?", bellte er, wir atmeten auf, heute hatte er anscheinend verhältnismäßig gute Laune.
"Ich hätte gerne die Bergische Waffel und einen Kakao", sagte meine Begleitung.
Der Hüne schnaubte.
"Kakao mit Sahne oder ohne Sahne?", blaffte er.
"Mit", piepste meine Gegenüber.
"Und Sie?", bedrohte mich dieses Monument der Dienstleitung.
"Ich nehme auch die Waffel und einen Kakao!", sagte ich.
Sein Blick funkelte bedrohlich, er atmete aus, auf eine Art und Weise, die keinen Zweifel daran ließ, wie leid er es war, sich mit Minderbemittelten abzugeben.
"Kakao: Mit Sahne --- ohne Sahne!?"
"Ich hätte gerne ohne Sahne."
"Ja, wat denn nu?", herrschte er uns an, fassungslos rauschte er von dannen.
Puh!
Aber: Was können wir Penner uns auch nicht auf das gleiche Getränk einigen!
Nach fünf Minuten knallte er uns zwei Tassen mit Kakao ohne Sahne hin und ein Tellerchen Sahne zur Sahne-Selbstbedienung, das so kernig auf dem Tisch aufkam, dass es noch drei Runden drehte, bevor es zur Ruhe kam.
Wir zuckten zusammen, machten uns dann aber rasch über unsere Bergischen Waffeln und den Kakao mit/ohne Sahne her - es war herrlich!

Summa summarum: Landhaus Filde kann ich nur empfehlen!

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Donnerstag, 1. April 2010

Heimat 17/History 10: Frau Stinder (1978)


Union Jack Vintage Linen
Originally uploaded by geishaboy500
Rock'n'Roll Realschule 3. (und letzter) Teil
5. Klasse, der erste Englischunterricht meines Lebens. Meine neue Lehrerin Frau Stinder ist bereits über 50, sie spricht nur englisch. Ihre Haare sind grau. Sie trägt karierte Kleidung im Grundton grün/braun, der Kragen ihrer gestärkten, weißen Bluse ist so scharf, mit ihm könnte man Schlagadern auftrennen - wenn ihr der Sinn danach stünde. Sie trägt überknielange, karierte Faltenröcke und blickdichte, fleischfarbene Strumpfhosen sowie beige Halbschuhe.
Frau Stinder, hat keinen Vornamen, die Worte "Frau-Stinder" sind eine untrennbare Einheit, die keinerlei Ergänzung mehr bedarf.
Da waren diese Learning-English-Workbooks, DIN-A4, rot (Klasse 5) und grün (Klasse 6), bis unter den Rand voller Grammatikspielchen, Lückentexten und Kreuzworträtseln, ganz, ganz dolle spannend für den Zwölfjährigen an sich.
Frau Stinder hatte einen bizarren Fetisch: Sie gab fast ausschließlich Hausaufgaben aus dem Workbook auf - und das nicht zu knapp - und niemals keine Hausaufgaben. Die Workbooks wurden in Phase 1 mit Bleistift geführt - wichtig! In der nächsten Englischstunde wurden die Hausaufgaben dann in der Klasse kontrolliert, die Korrekturen mit Radiergummi und Bleistift gemacht (Phase 2). War die ‘Lesson’ komplett abgeschlossen, wurden die Workbooks eingesammelt, Frau Stinder korrigierte dann mit grünem Stift (Phase 3) und teilte sie wieder aus. Die Schüler hatten nun die Korrekturen und alle anderen Texte mit Füller (blau) im Workbook nachzuziehen (Phase 4), die Fehler-Sätze mussten zusätzlich separat im Hausheft genau dreimal richtig geschrieben werden:
I shall not waste ink and paper and time.
I shall not waste ink and paper and time.
I shall not waste ink and paper and time.
Zum guten Schluss wurden die tintenkorrigierten Workbooks UND die Haushefte zur Endkorrektur eingesammelt und abermals korrigiert, diesmal in rot (Phase 5).

Natürlich gab es in dieser rigiden Kette mannigfaltige Möglichkeiten für zwölfjährige, nur so mittel disziplinierte Jungs, zu versagen, sei es,
1) die Hausaufgaben zu vergessen,
2) das Nachkorrigieren mit Bleistift zu vergessen,
3) das Nachziehen mit Tinte zu vergessen,
4) bei der Klassenkorrektur nicht richtig aufzupassen,
5) Bleistift nicht wegzuradieren "unter" dem Tintentext
6) Teile des Workbooks einfach freizulassen, obwohl die letzte Korrekturphase bereits abgeschlossen ist und an den leeren Stellen schon allein aus diversen Gründen mehrfach hätte etwas stehen müssen,
7) das Workbook zu Hause zu lassen, oder zu tun als ob,
etc., etc.
Mühlinghaus & Meskendahl waren die Namen, die Frau Stinder fast immer und in jeder nur denkbaren Phase entsetzt nannte und dabei die aufgeschlagenen „Workbooks des Grauens” vor den staunenden Augen der Klasse preisgab: „Seht euch diese Workbooks an: Myh...ling...house u-hund Mes...ken...daaahl!!!”, dann Einträge in ihr gefürchtetes rotes Büchlein machte.
Noch heute habe ich den angewiderten Singsang ihre Stimme im Ohr, so, als würde ein als Frau verkleideter Mann mit zu schriller Frauenstimme über Fäkalien sprechen.

Wenn ich Volker Meskendahl heute treffe, vielleicht auf dem Parkplatz eines Radevormwalder Supermarktes, dann sagen wir meist nur diese drei Worte „Myh...ling...house u-hund Mes...ken...daaahl”, in dieser speziellen Betonung und Tonlage zueinander, lachen ein wenig irr und gehen dann wieder unseren Verrichtungen nach, ohne groß weitere Worte gewechselt zu haben.

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P.S.: Wie ich zähneknirschend zugeben muss habe ich in diesen zwei Jahren tatsächlich fast schon unanständig viel gelernt :)

Samstag, 27. März 2010

Heimat 16/History 9: Herr Hermes (1979)

Rock'n'Roll Realschule Teil 2
Der mit weitem Abstand wohl faulste Lehrer meiner gesamten Schullaufbahn hieß Hermes, wie der Götterbote.
Es war auf der Realschule Radevormwald (Link), die 5. und 6. Klasse, ich war 11 bzw. 12. Hermes war mein Klassenlehrer und ganz nebenbei ein gefürchteter Choleriker.
Er betrat wie immer leicht verspätet das Klassenzimmer.
Er hatte buchstäblich nichts dabei außer seiner Kleidung, immerhin.
»Hat mal einer einen Kuli?«, fragte er, jemand reichte ihm einen.
Hermes öffnete das Klassenbuch und redigierte erst einmal 10 Minuten darin herum. Dabei schnauzte und herrschte er all die an, die dort Einträge wegen Fehlens, Rügen, fehlender Hausaufgaben etc. bekommen hatten – ein unbeherrschter, ja fast wahnsinniger Gott. Einmal hat er eine Mitschülerin wegen Schulschwänzens dermaßen angebrüllt, dass das Kind, das neben ihr saß, vor Angst zu weinen anfing.
Nach diesem Ritual ließ er sich im Erdkundeunterricht von einem Schüler ein Seydlitz-Erdkundebuch geben und fragte: »Was haben wir das letzte Mal gemacht?« – Alle nuscheln durcheinander, mit angespannter Mine sucht Hermes im Buch.
»Hm, dann malt mal die Klimakarte auf Seite 68 ab, ich bin gleich wieder da« – und verschwand. Hermes saß jetzt ernstlich eine halbe Stunde lang im Lehrerzimmer herum, las die Tageszeitung und trank Kaffee. Minuten vor Unterrichtsende tauchte er wieder auf, kontrollierte die Zeichnungen und gab den Rest als Hausaufgabe auf.
Alternativ hatte er den Video-Raum geblockt, wo irgendetwas annähernd zum Thema Passendes geschaut wurde, notfalls seine Urlaubsbilder (kein Scherz).

Nach einer solchen sogenannten »Unterrichtsreihe« kam der gefürchtete Hermes-Nullachtfünfzehn-Test:
»So, alles vom Tisch, nur 2 Blätter und ein Stift!« – Klasse: »Ächz!«
Er nahm das Erdkundebuch eines Schülers, blätterte darin herum und stellte nach Gusto irgendwelche Fragen. Die Antwort musste dann niedergeschrieben und sofort mit dem anderen Blatt zugedeckt werden. Wenn jemand beim Nachbarn spickte, explodierte Hermes in einem gewaltigen Ausbruch, viele bekamen dann vor lauter Stress gar nichts mehr auf die Reihe.
Ein beliebter Schülerwitz aus dieser Zeit zum Thema »Hermes« lautete: »Frage 8: Wie heißt der chinesische Bauer auf Seite 75?«
Nach 10 Fragen wurde alles noch einmal durchgegangen, indem er die Antworten vom Klassenbesten nahm und daraus sehr frei die Fragen reformulierte (dieser Schüler konnte nichts korrigieren). Die Blätter wurden eingesammelt und von der sogenannten Lehrkraft sofort korrigiert, d.h., er verbrachte die nächste halbe Stunde damit, mit seinem Rotstift Striche und Noten auf die Blätter zu kritzeln. Dann verteilte er schäumend die Werke, indem er die Namen aufrief, und man sich seinen „Test” einzeln vorn am Lehrerpult abholen musste. Wenn alle »Tests« auf diese Art und Weise verteilt waren, nahm er sein rotes Notenbüchlein, las alphabetisch die Namen der Schüler vor und ließ sich vom jeweiligen Schüler die Note sagen, die er dann in sein Büchlein eintrug. Dieses Vorgehen stellte sicher, dass damit auch eine ganze Unterrichtsstunde verballert wurde. Wer sehr mutig war, konnte beim Angeben der eigenen Note ein »Minus« unterschlagen und hoffen, dass es Hermes nicht auffiel.
In diesem Stil durfte er auch Mathematik, Musik und andere Fächer unterrichten.
Verjährt so eine Scheiße eigentlich?

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Freitag, 26. März 2010

Heimat 15/History 8: Frau Verhoye (1981)


Drapeau français
Originally uploaded by zigazou76
Rock'n'Roll Realschule Teil 1
In der siebten Klasse der Realschule (Link) bekam ich Französischunterricht. Die Französischlehrerin war Frau Verhoye (sprich: Weh-roo-áh!) und sie ließ bereits bei der ersten Unterrichtsstunde auf sich warten.
Etwa fünf Minuten nach Unterrichtsbeginn hastete sie in den Raum. Sie war blondiert und touppiert, sie trug ein Kostüm und hochhackiges, farblich zur Kledage passendes Schuhwerk.
"Vite! Vite!", rief sie affektiert, als sie in den Klassenraum stürmte. Ihre allererste Amtshandlung bestand grundsätzlich darin, sich in dem Spiegel über dem Waschbecken zu schminken. Wir Kinder waren fasziniert und nahmen Haltung an, denn Anno 1981 stand man noch stramm hinter den Stühlen, sobald das Lehrpersonal den Raum betrat. Frau Veroye fuhr ein goldenes Mercedes Cabrio und war mit einem belgischen Schokoladenfabrikanten verheiratet - eine, die es geschafft hatte...
"Bonjour chers étudiants!", singsangte sie nasal.
"Gu--ten Mor--gen Frau Weh--roo--ááh!", brüllten wir.
"Asseyez-vous", sagte sie als nächstes.
Wir lernten mit der Zeit dass wir anschließend im Chor "Nous nous asseyons!" zu brüllen hatten. Etwa 25 Jahre später erfuhr ich durch Zufall, dass das "Wir setzen uns" heißt.
Mit der Zeit erlernten manche von uns die Grundzüge der obskuren Sprache Französisch. Und weil Frau V. absolut immer zu spät zum Unterricht kam, lernten wir quasi en passent, dass "Vite! Vite!" = "Schnell, schnell" bedeutet.
Die Jahreszeiten flogen nur so dahin, ich entdeckte mein fehlendes Talent = Nullbock, wählte Französisch ab und wandte mich dem naturwissenschaftlichen Zweig zu, der meinen Neigungen eher entsprach. Kurz drauf schrieb ich die einzige EINS meiner Schullaufbahn: In Biologie bei einem Sexualkunde-Test.

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Mittwoch, 10. März 2010

Heimat 14/History 6 - allerchristlichst (1971 & 72)


Poor Teddy-pola02
Originally uploaded by [ henning ]
Der meinem Elternhaus am nächsten liegende Kindergarten war der Katholische Kindergarten St. Marien in der Blumenstraße. Ich war seinerzeit zwar nicht katholisch, dafür meine Mutter praktisch denkend, sie meldete mich dort an.
Et war 1971, et gab ja nix anderes.
Vor allem aber gab es Gebete, Gesang, Vorlesungen aus der Kinderbibel, das komplette Indoktrinationsprogramm, für das man so genannte Sekten so verachtet, als so genannter Christ.
Gefügig gemacht wurden wir mit bösen Blicken, Drohungen, Strafen. Die Strafen für Fünfjährige waren perfide und lähmend: Erbsen-Bohnen-Linsen-Sortieren zum Beispiel. Man bekam eine große Schüssel voller Hülsenfrüchte und musste diese nach Sorten trennen. Wenn man fertig war, wurde vor den Augen des kleinen Zwangsarbeiters alles wieder durcheinander gerührt. In der Ecke stehen war auch eine "beliebte" Strafe, die RAF-Sympathisanten nannten das zu der Zeit "Isolationsfolter" und bezogen sich auf Stuttgart-Stammheim. Besonders unbeliebt war das "Bibellesen": Man bekam eine reine Text-Bibel in die Hand gedrückt und musste eine längere Zeit darin "lesen", mit 5 ein echtes Problem.

Irgendwann kam unserer Gruppenleiterin auf die großartige Idee, uns Kinder "den Heiland am Kreuz" malen zu lassen. Der Vorstellungshorizont von Fünfjährigen zum Thema römischer Folterinstrumente war ein klitzekleines bissi begrenzt. Ich malte also ein Männlein am Gerüst, Punkt, Punkt die Augen und fetter Bogen SMILE!!! den Mund - fertig!
Dann habe ich auch noch Ärger dafür bekommen.

Wenigstens geschlagen wurden wir damals nicht, das war ja kein katholisches Internat.

Heute bin ich froh.
Ich bin damals so überaus wirkungsvoll resistent gemacht worden, so dass ich als Erwachsener niemals in die Verlegenheit gekommen bin, mich irgendeinem Glauben zuzuwenden.

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Montag, 8. Februar 2010

Heimat 13 - Schicksale

Immer wenn ich in meiner Heimatstadt vom Parkhaus durch den EDEKA gehe, komme ich auf diesem Weg an einer nichtswürdigen Aufbäckerei vorbei, eine Art Pseudobäcker auf 30 m². Meistens ist dort nur eine einzige Frau mit roten Mützchen und rotem Schürzchen. Sie muss springen, wenn die Aufbackautomaten die Rohlinge (hier mehr dazu) auf ein fünffaches ihres Volumens aufgeblasen haben und sie ist auch gleichzeitig die Kellnerin für die drei Stehtische.
Dort neben den Stehtischen sitzt ein Mann in seinem Elektro-Rollstuhl. Neben ihm in Kopfhöhe sein Kaffee. Er sitzt dort wie eine Installation, sechs Tage die Woche, augenscheinlich von morgens bis abends. Laut seiner Aufkleber ist er Deutscher, hat ein Herz für Kinder und ist im Verein der Behinderten und Rollstuhlfahrer. Sein Job ist es, der einzigen Bäckereifrau von früh bis spät eine Frikadelle mit Senf an die Backe zu labern.
Ich bin nicht in der Lage zu entscheiden, welches dieser beiden Schicksale schrecklicher ist.

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Donnerstag, 7. Januar 2010

Heimat 12 - Nö


2006-06-20 Happy days I
Originally uploaded by [ henning ]
Als ich seinerzeit in meine Wohnung zog, begab es sich, dass sich das Anbringen der Küchenhängeschränke etwas verzögerte. Plötzlich war es 22:01 Uhr. Es waren noch zwei Löcher zu bohren, dann wäre alles fertig gewesen. Als ich den Bohrer ansetzte, kam mahnendes Klopfen aus der Nachbarwohnung. Mist! Um es mir nicht schon beim Einzug mit der mir noch unbekannten Nachbarschaft zu verscherzen, musste ich leider meinen helfenden Bruder nach Hause schicken.
Ich sollte diese spezielle Nachbarin noch kennenlernen.
So lag ich eines Tages auf meinem Liegestuhl auf meiner Gartenparzelle und genoss die Sonne. Die Nachbarin, gepflegt, Mitte bis Ende 50, scharwenzelte angelegentlich heran und zwang mir dann ein Gespräch auf, das ich mir im Anschluss in etwa notiert habe:
"Ich bin ja direkt raus, ich sach immer, wat ich denke. Da kommen se normalerweise alle prima mit klar. Ich bin ja nich von hier, mein Mann, der kam von hier. Der hatte nen Tumor hier an der Stelle im Kopf, der hat mich nachher nich mehr erkannt. Meine Verwandschaft sitzt alle in Essen, die wollten auch immer, dat ich zu denen zieh, nach'm Tod von mein'm Mann, da sind die Leute auch viel herzlicher wie hier, nich so stur, aber ich sach denen immer: ich bleib, hier hab ich mein Garten un alles.
Die Herbstzeitlosen – herrlich! Hanä, abber dat macht alles auch viel Arbeit, manchmal weiß ich ja nich, wenn de Blagen hier alles kaputttrampeln, da könnt ich reinhauen. Sind ja auch viel Türkenblagen un so, die kennen so wat ja alle nich. Da kann mer ja nix sagen, sons hasse direkt de ganze Sippe am Hals, mit em Messer un alles.
Bäh, kuckense!, de Türken, die ham schon wieder en Blag angesetzt, jedes Jahr dat gleiche, wat anders können die auch nich! Un et Treppenhaus sieht aus! Un en Fernseher ham die laufen - Tag un Nacht, in einer Lautstärke!, aber alles son fremdländisches Geplärre, die ham ja ne Riesenschüssel am Dach! Wir ham sowat nich. Wir könn uns so wat gar nich leisten. Un die verdammten Blagen von denen machen einen unglaublichen Lärm und Dreck, dat is denen doch ganz egal, die hauen bald sowieso wieder ab, un wir können solange sehen. Im Garten machen die ja nix, reine gar nix, kuckense, dat blüht jetz schon alles widder, un wir kriegen de Samen ab, dat wird doch alles hergeweht – kuck, da fliecht schon wat! Löwenzahn un so, noch und nöcher. Dat is denen sowat von egal. NIX machen die, NIX!
Ich weiß gar nich, ob die überhaupt deutsch sprechen. Ich würd ja gerne doch mal in so ne Wohnung kucken. Die von de Wohnungsbaugenossenschaft, die tun immer nur ein Ausländer in jedem Haus, könnense sich ja vorstellen, wie dat sons alles aussäh. Gott-o-gott-o-gott! Da könnste sons nie widder vernünftig drin leben. Dat käm ALLES runter, in Nullkommanix, ALLES!
"
Ich raunte hie und da ein paar Entsetzenslaute, die sie als Zustimmung fehlinterpretierte. Lautäußerungen meinerseits waren in diesem Monolog ohnehin nicht vorgesehen. Dann rauschte sie davon.
Für diese Nachbarin schob ich den Regler meiner Menschenbewertungsskala ein klitzekleines bissi nach unten.

Nun hat einer der grenzdebilen Trolle, die sie für die grobe Gartenarbeit einsetzt, Ende Oktober ihren Benzinrasenmäher draußen hinter dem Gartenhäuschen stehen lassen, anstatt ihn wieder in den Keller zu schieben.
Jedes Mal, wenn ich aus dem Toilettenfenster sehe, betrachte ich den Mäher im Wandel der Jahreszeiten - zurzeit mit Schneehaube - und denke so bei mir: "Autsch, das tut dem jetzt mal gar nicht gut!"

Die Überlegung wäre, die Nachbarin davon in Kenntnis zu setzen.
Doch ich sage mir lächelnd jeden Tag auf's Neue: Nö.

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Mittwoch, 30. Dezember 2009

Heimat 11 - Innovation


Flesh
Originally uploaded by Zanthia
F: Wie lange benötigt man, um in der Bibel eine obskure Stelle zu finden?

A: 0,56 Sekunden: Aufschlagen, mit dem Finger irgendwohin zeigen.

*kicher*

Aber es soll noch über 100 Stellen in der Bibel geben, die auch heute noch im Rahmen unserer Lebenswirklichkeit einen gewisse Gültigkeit haben...
Äh, so sagt man zumindest.
So auf die Schnelle habe ich leider nichts finden können. Ich habe wild herumgeblättert, quer gelesen und ausschließlich ein einziges Knurren, Heulen, Gezeter und wirres Gerede gefunden, fast so, als wäre man versehentlich im falschen Chatroom ("Besessene only") gelandet.
Aber hier kommt deutscher Erfindergeist zum Einsatz!
Und das in der Stadt, in der der elektrische Currywurstschneider erfunden wurde! (Blogbeitrag)
Neulich beim Zahnarzt fiel mein Blick beim "Termin machen" am Tresen auf ein Tellerchen mit Give-Away-Erfrischungstüchern. Allen gemeinsam war, dass sie Bibelsprüche trugen.
Hey! Genau mein Ding!
Ich steckte mir zwei ein, um sie zu Hause eingehender zu inspizieren.
Also: Die Firma Telliton GmbH aus 42477 Radevormwald, meiner Heimatstadt, hat eine Innovation aus dem Startloch gelassen: Testamint! (Link).
Produktbeispiele:

Einzeln verpackte Bonbons: "Wenn mein Volk, das meinen Namen trägt, sich besinnt und umkehrt und zu mir betet, dann will ich vom Himmel hören, alle Schuld vergeben und ihr Land heilen." 2.Chronik 7.14
Ist das nicht ein klitzekleines bissi wuchtig auf einem singulären Bonbon?
"Schokis: Ich bin der Weg, ich bin die Wahrheit und ich bin das Leben. Ohne mich kann niemand zu Gott kommen." Evangelium des Johannes 14.6
Naja, so in etwa empfinde ich schon beim Verzehr von größeren Mengen von Schokolade...
Na gut, es gibt ja noch die Erfrischungstücher und viele andere Artikel...
OK, sicher eine gute Sache das.
*hüstel*

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Montag, 21. Dezember 2009

Heimat 10 - Winterdienst


Kein Winterdienst
Originally uploaded by Florian Demmer
Natürlich habe ich laut Hauskalender nur Winterdienst, wenn es sich auch lohnt.
Nachdem mich das pingelige, nachbarschaftliche Gekratze ab 6.15 Uhr zermürbt hatte, schwinge ich mich mit rotgeäderten Augen aus dem Bett, dann schwinge auch ich den Schieber.
Im Anschluß daran mache ich mich an die Befreiung meines Autos. Der Wagen steht ca. 100 m weiter die Straße rauf als sonst. Der Gehweg vor dem Haus an dem ich parke, ist penibel auf eine Breite von 59,4 cm (2x Länge A4) geräumt, akkurat!
Rentner, vermutlich.
Ich stakse also durch den von Schneepflügen mutwillig zusammengeschobenen Mist rund um mein Auto und entschneee es (hübsch so mit drei e!). Dabei sind auch wohl im Eifer des Gefechts 2,3 g Flöckchen auf den geräumten Bereich geraten. Während ich also noch an der Frontscheibe herumkratze, öffnet sich hurtig die Tür des zum Bürgersteig gehörigen Domizils. Da hätte ich natürlich schon beim Parken drauf achten müssen: Niemals vor dem Haus deutscher Spießer-Rentner! So Leute hängen ja ständig am Fenster.
"Sie machen den Bürgersteig voll", quakt der rüstige Herr, perfekt rasiert im gebügelten Freizeitanzug (sprich: "Yogga"). Ich stutze, lasse von meiner unerquicklichen Tätigkeit ab, schaue mich um.
Ah, 2,3g, die die mit dem Lineal gezogene Akkuratesse nun grotesk verunstalten!
Hihi!, denke ich noch.
"Ah, ja, Entschuldigung", sage ich stattdessen. 'Ehre das Alter' und so. Das reicht aber nicht. Der Herr beobachtet jetzt mit geschultem Auge jede meiner Bewegungen, wartet wohl drauf, dass ich mit einem Matchbox-Schneeschieber das Micro-Desaster wieder richte, in mir brodelt es, ein genetisches Erbe väterlicherseits.
"Wenn es jetzt zu schneien anfängt, stellen Sie sich dann mit 'nem Schirm auf den Bürgersteig?", frage ich meines Erachtens völlig berechtigterweise.
"Unverschämtheit!", blökt der Koronargefährdete, er mache hier nicht alles so ordentlich, damit jemand alles wieder voll mache.
Alles!
2,3 g!
"Ich ruf' beim Ordnungsamt an!", zetert die hinzugekommene Gattin.
"Ich bitte darum!", belle ich zurück.
"Außerdem können Sie ja demnächst woanders parken", poltert der Gatte.
*brodelbrodel*
"Sie können ja auch umziehen!", schlage ich nur logisch vor.
"Dat is' Eigentum, dat is' nich' zur Miete ... Unverschämtheit, murmelmurmel", kreischt die Gattin. Das Rentnerehepaar entfleucht ins Haus, man glotzt nun aus den Fenstern, und beobachtet mich, als schändeten draußen die Hell's Angels diverses Nutzvieh.

Im Grunde können sie mir dankbar sein, weil ich für mindestens drei Tage Abwechslung in ihr ansonsten ereignisloses Dasein gebracht habe.


Samstag, 12. Dezember 2009

ru24 Mysterium 3/Heimat 9: Voodoo

Als ich in meine Wohnung zog, wohnte unter mir ein Herr. Der Herr war Ende 50, allein stehend, er war Träger einer mächtigen Jaruzelski-Hornbrille und trug, wenn er in den Garten ging um etwas auszuzupfen, einen Cord-Hut mit Delle und einen grauen Kittel. Alles in allem sah er aus wie "der Trainer" (Link), der Kumpel von Herbert Knebel. Sobald er den Garten betrat, stöpselte er einen Kassettenrecorder an den Hausstrom. Dieser spielte dann auf Auto-Reverse urdeutsche Volksmusik. Wenn ich mein Küchenfenster "auf Kipp" hatte, was im Sommer quasi immer der Fall war, dann drang "Im Grunewald ist Holzauktion" zu mir herauf und fraß an meinem Gehirn. Dann kam der "Zillertaler Hochzeitsmarsch", danach die "Bergvagabunden" und "Unter dem Doppeladler". Um mein Gehirn in Sicherheit zu bringen, seine strukturelle Integrität zu wahren, musste ich das Fenster schließen, geradezu ideal um zu schwitzen und ein bisschen zu ersticken.
Die Hochsommer-Wochenenden waren am schlimmsten!
Eines Tages stand ich am mal wieder geschlossenen Fenster und starrte mit blutunterlaufenen Augen in den Garten, der unter einem perfekten, blauen Himmel da lag. Zwei Kohlweißlinge gaukelten durch die Luft. Alle Rasenflächen waren perfekt manikürt. Der Herr Nachbar hatte eine Leiter an sein rustikales Gartenhäuschen gestellt, um es neu zu decken. Die Leiter hinauf wankte er nach oben, an der Kante rang er um Gleichgewicht, schwang ein Bein über die Kante, derweil die Leiter den Kontakt zum Dach kurzzeitig verlor, dann eierte er über das Dach, schlitterte von hier nach da, hämmerte herum, stieg dann die kippelnde Leiter wieder hinab.
Von der Arbeitssicherheit her war das ein Traum! Ich beobachtete das eine Weile.
"Fall doch vom Dach und brich dir den Hals, Trottel!", murmelte ich, meinte es aber nicht wirklich ernst. Dann verließ ich das Haus.
Als ich am nächsten Tag heimkam und die Haustür aufschloss, öffnete sich gleichzeitig die Wohnungstür des Herrn, allerdings stand da ein mir fremder Mann.
"Sie sind der Herr M.?", fragte er.
"Ja. Und Sie?"
"Das ist die Wohnung von meinem Bruder. Der ist gestern vom Gartenhäuschen gefallen und hat sich den Hals gebrochen! Er liegt im Krankenhaus!"
Leise spielte im Hintergrund meines Kopfes die Melodie von "Twiligt Zone" (Link).
"Ah!", sagte ich, während mein Rückgrat vereiste, "Gute Besserung!"

Einen Monat später war er tot. Er hatte sich geweigert, sich operieren zu lassen und war im Krankenhaus an einer Bettlungenentzündung gestorben.

Hüte dich vor deinen Wünschen, denn sie könnten in Erfüllung gehen.

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Freitag, 4. Dezember 2009

Heimat 8 - Letztes Aufbäumen

Man kann meiner Heimatstadt Radevormwald vieles nachsagen. Doch dass hier etwas "los" ist wohl kaum. Wenn man etwas unternehmen möchte, fährt man in der Regel nach Remscheid, Wuppertal oder weiter weg nach Köln oder Düsseldorf.
Nun möchte eine kleine Stadt aber auch gerne Publikum anziehen, gerade zum urst wichtigen Jahresendgeschäft.
Da hat sich der Radevormwalder ("Rader") Einzelhandel gedacht, es muss mal wieder eine Weihnachtsbeleuchtung her, die Stadt in ein festliches Strahlen zu hüllen, sie dadurch für den Konsumenten so attraktiv zu machen, wie für den Gläubigen einen Wallfahrtsort! *fanfarenklang*
Nach endlosen Diskussionen und Spendenaufrufen, diversem kleinstädtischem Häckes und allerlei Bambule war es dann so weit: Radevormwald, die Stadt auf der Höhe, bekam wieder eine Weihnachtsbeleuchtung!
Jubel und Applaus waren wie immer gedämpft.
Um ehrlich zu sein, die neue, allerfestlichste Illumination fiel mir erst sehr spät auf. Das lag dran, dass wenn einem ein Glühwürmchen durchs Bild flog, die Beleuchtung gegen das Gleißen des Insekts quasi verlosch.
Nun. Es handelt sich um Lichterketten mit gefühlten 20 12-Watt-Glühbirnen. Darüber angebracht ein buckliger Schnörkel mit weiteren 20 Birnchen und rechts und links davon, in einer Art Pseudofraktur, der Schriftzug "Rade lebt" (Abb. oben).
*hüstel*
Das ist jetzt mal so ein Sache...
Ich glaube, man hätte sich keine wirkungsvollere Maßnahme einfallen lassen können, einen todesähnlichen Zustand wirklich noch schmerzhafter hervorzuheben.
Wäre man noch ein klitzekleines bisschen halbherziger vorgegangen, dann hätte man auf dem Markt ein (1) rotes Grablicht aufgestellt.
Vielleicht nächstes Jahr.

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Donnerstag, 3. Dezember 2009

Heimat 7 - Zuschlag


frisör
Originally uploaded by diebmx
Meine Frisörin habe ich schon seit bestimmt 15 Jahren. Immer wenn ich den winzigen Laden betrete, dann strahlt sie mich an und sagt: "Ah! Ich hatte die Tage noch an Sie gedacht, es war wieder Zeit!"
Genau.
Denn plötzlich hatte ich mich wie ein Bewohner von "Kommune 7" gefühlt: Kommunarde, Bombenleger und Mattenkaiser in einer Person = "Langhaariger". Natürlich ist das Empfinden ein wenig übertrieben. Bissi. In Wirklichkeit sind es vielleicht 3,00 cm zu viel.
Aber wen interessiert schon die Wirklichkeit?
Dann ist es endlich so weit: "Dienstag ist Herrentag" bei meinem kleinen Frisör. Ein "Herrenhaarschnitt ohne Häckes" kostet aus diesem Grund schlanke 6,50 EUR incl. MwSt.
Doch dieses Mal war es anders.
Ich betrete den Laden wie immer - *palim-palim* - sage "Hallo!" und strahle. Auf "meinem Platz" sitzt schon ein "Herr" und bekommt von der Nummer Zwei des Ladens die Haare geschnitten.
"Das sieht blöd aus", sagt er, Kerl, ca. Ende dreißig.
Die Chefin rollt mit den Augen und weist mir einen anderen Platz zu.
"Das ist hier zu kurz!", meckert der Typ.
Nummer Zwei murmelt etwas Rettendes.
"Beim letzten Mal sah ich schrecklich aus, hier voll das Loch, da zu lang, und hier überall zu kurz!", moppert der Querulant.
"Ah, hmm!", sagte Nummer Zwei und hält ihm den Spiegel hin.
"Hier noch was, aber nicht wieder total schief!", queruliert der Herr weiter.
Interessanter Typ, denke ich.
"Einmal Murmel abfräsen!", sage ich.
"Wie immer?", fragt die Chefin.
"Nein, dieses Mal möchte ich ein Leopardenmuster gefärbt haben und hinten schweißen Sie mir bitte Haare an!"
Chefin lacht und holt ihr Equipment.
'Murmel abfräsen lassen' geht rasant, so dass ich noch vor dem Querulanten fertig bin und zahlbereit an der Kasse stehe, das Portemonnaie gezückt.
"Einen Moment noch!", säuselt die Chefin.
Aha?
"Sieht scheiße aus!", grollt der schwierige Herr, zieht seine Jacke an und geht zu Kasse.
"14,50 EUR", singt die Chefin, wirft mir dabei einen warnenden Blick zu.
Der Kerl zahlt 15,00 EUR und trollt sich grollend. *palim-palim* macht die Ladentür
"Hä? Was war denn DAS?", frage ich.
"Für Sie macht das 6,50 EUR wie immer", strahlt die Frisörin.
"???"
"Der Vogel meckert immer ununterbrochen, der kommt aber auch immer wieder. Da nehmen wir halt grundsätzlich einen Zumutungszuschlag!", freuen sich Chefin und Nummer Zwei.
Ach so.


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Donnerstag, 12. November 2009

Heimat 6/History 4 - Herr Kielbasa (1976)


its done
Originally uploaded by motograf
Anno 1976 wechselte ich innerhalb meiner Heimatstadt Radevormwald von der "Gemeinschafts-Grundschule Stadt" zur "Lindenbaumschule". Der Wechsel hatte mit einem organisatorischen Winkelzug meiner Grundschullehrerin Frau Hübner zu tun. In der "Lindenbaumschule" wehte plötzlich ein ganz, ganz anderer Wind, konkret: Der Konrektor, Herr Kielbasa, ein seltsam wurstiger Mann, rannte nämlich ausschließlich mit einer Zigarre zwischen den Wulstlippen durch das Gebäude.
Heute käme er dafür wahrscheinlich nach Guantanamo oder zumindest in einen Hochsicherheitsknast und die einmalige Außerkraftsetzung des Art. 102 des Grundgesetzes (Abschaffung der Todesstrafe) wäre zumindest ein paar Monate lang in allen Medien heiß in der Diskussion. 1976 aber war das voll OK und der Herr Kielbasa, der wie eine Dampflok ständig dichten, beißenden Qualm hinter sich herzog und die Grundschule waren untrennbar miteinander verbunden.

Jetzt bin ich wirklich rein zufällig darüber gestolpert: "a kielbasa" bedeutet auf amerikanischem Englisch "a smoked sausage of Polish origin (Link)" = "eine Räucherwurst polnischer Herkunft" - das passt sowas von perfekt!

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Mittwoch, 11. November 2009

Heimat 5/History 3 - "Dort oben leuchten die Sterne, da unten leuchten wir!" (1973)


Martinszug Buxheim
Originally uploaded by Bux
Anno 1973, ich war 6, bin ich mit Mama zum Martinszug gegangen.
Tatsächlich war ich mit meiner im Kindergarten gebastelten, vage kubistischen Laterne in etwa so hoch wie ein Erwachsener. Die Laterne war aus schwarzem Karton, aus dem ich schiefe Rauten und unregelmäßige Vielecke herausgeschnitten hatte, hinter die ich mit Klebstoff verklebtes Transparentpapier geklebt hatte. In der Laterne glomm ein Fahrradbirnchen an einem langen Kabel, das bei jedem Schritt herumpendelte und im Laterneninneren irrlichtete. Es waren geburtenstarke Jahrgänge, die Straße wimmelte, war schwarz von Gören und ihren Eltern. Flankiert wurde das Ganze von Fackelträgern der Freiwilligen Feuerwehren. Blechbläser begannen feierlich zu spielen. Es wurden die einschlägigen Lieder gesungen:
Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin
ritt durch Schnee und Wind,
sein Roß das trug ihn fort geschwind.
Sankt Martin ritt mit leichtem Mut:
sein Mantel deckt' ihn warm und gut.
Als Höhepunkt, kurz vor Versagen der langgezogenen Stabbatterie im verchromten, längsgeriffelten Griff, trafen sich die diversen Martinszüge auf dem Kirmesplatz. Dort, hoch zu Ross, endlich - Sankt Martin himself!
Doch ach!
Der so genannte Sankt Martin war in Wirklichkeit ein reitendes, etwa 16jähriges Mädchen vom Reithof Pieper!
Ich bin sicherlich nicht das einzige Kind, das an diesem Abend traumatisiert nach hause gekommen ist!

Vergleichbar ist das vielleicht nur, wenn in einem modernen, radikalfeministischen Haushalt des Dritten Jahrtausends am 06.12. die Weihnachtsfrau aufscheint - ohne die phallischen Insignien Rute und Sack, dafür mit einer großen Muschel voller Geschenke.



Dienstag, 20. Oktober 2009

Heimat 4 - Niederhagelsiepen


2pac
Originally uploaded by REDRUM (AYS)
Ich entdeckte die Schändung bei einem Spaziergang!
Doch erst einmal: Man erreicht Niederhagelsiepen (Link) vom "Stadtkern" Radevormwalds aus, indem man in Richtung "Ispingrade" fährt, dann am Schild "Kaffekanne" (tatsächlich ein Ortshinweisschild) links abbiegt, den Motor abstellt und die Kupplung durchtritt. Man schlägt dann mit Tempo 90 in einem Salzkasten der Stadtwerke ein, mitten in Niederhagelsiepen. Dreieinhalb windschiefe Fachwerkhäuser schmiegen sich in einer Senke in eine Kurve. Das ganze Ensemble jetzt nur "pittoresk" zu nennen wäre eine Untertreibung, so, als hätte man seinerzeit Lolo Ferrari (Link) lediglich "drall" genannt. Von dem einzelnen Haus in der Innenseite der Kurve erzählt man sich, daß der Besitzer einmal irgendwann nach Kriegsende eine Ausschreibung gemacht habe, daß derjenige, der einen Rechten Winkel im Haus finde, 1.000,- DM Belohnung bekäme. Gegen Abend wird er ein Geschwader mit Geodreiecken bewaffneter Mathe-LK-Nerds (Link) herausgeworfen haben, die allesamt ein Schnütchen/Schüppchen zogen.
Die Anwohner Niederhagelsiepens sind mittlerweile aufgrund des Juchzens einiger weniger geriatrischer Wanderer dermaßen in Ekstase geraten, daß sie nur noch protzige Blumen pflanzen, drei mal täglich vor dem Haus kehren und ihre schiefen Habitate ebenso oft mit Leselupen nach Fliegendreck absuchen. Sicher geht man auch Sonntags in die Kirche.
Sicherlich.
Und: Niederhagelsiepen ist auch im Winter "gaaanz HERRLICH!" - O-Ton Mutter...
Inmitten all der Pracht nun - die Schändung!
Da hat doch wahrhaftig ein Kid auf den besagten Salzkasten in der Kurve "2PAC" gesprüht. Ausgerechnet Tupac Amaru Shakur (Link), der 1996 gemeuchelte Gangsta-Rappa! Der Umgebung nach wäre doch ein "PB16" (für seine aktuelle, geriatrische Heiligkeit, Link) weitaus angemessener gewesen.
Benedikt XVI. hilf!
Tsts!

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Sonntag, 20. September 2009

Heimat 3 - 513. Pflaumenkirmes

In meiner Heimatstadt Radevormwald im Bergischen Land findet dieses Wochenende die 513. Pflaumenkirmes statt. Ein guter Grund, die Innenstadt weiträumig zu umgehen, wenngleich es dort solche Retro-Leckereien wie den "Eis-Neger" gibt. Hierbei handelt es sich um ein Softeis, dass in Schokolade getaucht wird. Der Name des Produktes mag 1944 noch den sprachlichen Standards genügt haben, doch in Zeiten von "Political Correctness" erfreut diese Art von Hartleibigkeit, mit der dieses Produkt seinen Namen so überaus starrsinnig behält, mein Herz.
Das ist irgendwas wie bei diesem gallischen Dorf.
Apropos "sprachliche Standards".
Ich stand gestern beim Penny an der Kasse, vor mir ein Rentner, der gerade seinen Kram zusammenpackte. Beim Weggehen frage er die Kassierin: "Na, gehense gleich auch nache Kirmes?"
Mir ging das Herz auf! Heimat! Nirgendwo sonst würde man das so fragen!
Die Kassiererin gestand mir, dass sich bereits dutzende Kunden smalltalkenderweise danach erkundigt hatten.
"Viel Spaß denn auffe Kirmes!", wünschte ich ihr.

Nache, nachen, nachet - drei Beispiele:
"Kommse vonne oder gehse nu nache Birgit?"
"Nee, nu geh ich nachen Horst."
"Nachet Klärchen warste äwwer nu ewig nich gegangen!"

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