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Mittwoch, 26. Dezember 2012

Queen Mom 22 - Überexotisch

http://goo.gl/0IZ3j 
Heiligabend Abend - et ist schon feierlich!
Meine Freundin Chrissi un ich sind bei meim Bruder zum Essen eingeladen. De Chrissi wollte ja un-un-unbedingt wat Selbstgebackenes mitbringen. Da hat se Muffins gemacht, hatte mich aber vorher gefragt, ob QM (Queen Mom) un TW (Tante Waltraud) sowat kennen. Ich war in mich gegangen. Positiv! Kannten se beide, TW nannte sogar Muffins-Backformen ihr eigen, ich hatte se vor Jahren mal besorgt.
Als wer reinkommen, sind QM un de TW schon da, weil wir warn ja vier Minuten zu spät dran. Et is ne Bullenhitze inne Hütte, da könnste glatt Affen großziehen. De Mutter is zufrieden. De Bruder is wat unglücklich mit den von ihm gekochten Speisen, aber et is Quatsch - et is alles lecker.
Dann kommt et zum Nachtisch.
Nu soll et also Eis und Muffins dazu geben. Im Prinzip ne ganz solide Idee. De Chrissi verteilt se. Et waren hoch professionell aussehende Zimt-Marmor-Muffins mit Weihnachts-Deko-Ornament. De Mutter kuckt, als verteile jemand mit ner Kelle Galeerenquallen. De Tante nimmt et Muffin hoch und kuckt drunter.
"Wat is et?", fragt se.
De Chrissi erklärt et.
"Ah-hmmm!", sacht de Tante arg vage, als habe man ihr gerade "Nacktschneckenkekse" erklärt..
"Aber Tantchen, du has doch de Formen!", sach ich.
De Tante erinnert sich nich. Se mümmelt dat Küchlein mechanisch wech, eher so dat Pflichtprogramm - wat wech is is wech.
De Mutter kratzt mitm Nagel wat von ihrem Muffin ab un probiert et. Dann schiebt se dat Küchlein von sich.
"Puh! Ich schaff et nich!", sacht se un löffelt ihr Eis weiter.

Hach, et is doch immer wieder herrlich, wenn man versucht, bei den Damen etwas "Exotik" int Spiel zu bringen!


Sonntag, 11. April 2010

ru24 History 11 - Mein Opa isst (1974)

Als Kind war ich oft bei der Oma (Jg. 1902).
Ich saß am Tisch in der Stube mit einem Buch für erste Leseversuche. Als Hintergrundgeräusch gab es das Ticken einer Wanduhr und das stete, gleichförmige Bullern des Ölofens. Es war so heiß, dass man hätte Affen großziehen können. Aus irgendwelchen Gründen hatten Oma und ich bereits gegessen. Sie rannte nebenan in der winzigen, schlauchförmigen Küche hin und her und lärmte mit ihren verbeulten Aluminium-Topfdeckeln. Opa (Jg. 1900) unterhielt im angrenzenden Gebäude einen kleinen, unfassbar veralteten Betrieb, in dem er herumknösterte, obwohl er schon Mitte 70 war. Dies war ein Ort, der angefüllt war mit Geistermaschinen und Maschinengeistern, ein rostiges, spinnenwebiges und staubiges Imperium der Schatten, antik in jedem seiner glanzlosen Details.
Um 13.00 Uhr hörte man unten im Gebäude eine Tür schwer ins Schloss fallen. Großmutter drehte dann mit der hektischen Betriebsamkeit noch einmal auf. Im nahen Treppenhaus hörte man beständige, schlurfende Schritte näherkommen, näher und näher - tapp, schlurf, tapp, schlurf - ein wenig wie in Gruselfilmen, die ich damals aber noch nicht kannte. Irgendwann ging knarrend die Tür auf und Großvater himself betrat den Raum.
Seine Aura war die eines Großinquisitors.
Die Raumtemperatur sank um 7 Grad.
»Mahlzeit!«, sagte er und meinte es auch so.
Es roch ganz intensiv nach Tuppix-Handwaschpaste aus der grünen Tube mit dem roten Schraubverschluss. Er hängte seine Schiebermütze an den Haken, seinen grauen, hundertfach geflickten Arbeitskittel befestigte er darunter. Jetzt konnte ich sein »Gott-mit-uns«-Koppelschloss sehen, das man ihm Anno 45 beim Volkssturm zur Wehrmachts-Uniform spendiert hatte. Er trug dieses Ding seit 30 Jahren als Gürtel, allerdings keinesfalls aus politischer Überzeugung, sondern »weil es noch gut war«.
Wortlos setzte sich Opa hinter den Tisch, legte die Hände flach auf die Tischplatte und wartete. Oma hastete heran und brachte einen Teller Kartoffeln mit Gemüse und eine Gabel. Der Großvater betete lautlos und griff zur uralten Silbergabel. Das Besteckteil war so alt wie die Großeltern selbst. Es war völlig abgegessen, sodass die Zinken ungleich lang waren – wie die Finger einer Hand.
Das ihm gegenüber sitzende, siebenjährige Kind, das beizeiten gelernt hatte, dass man »nicht mit seinem Essen spielt«, beobachtete fasziniert das nun nachfolgende Schauspiel: Er nahm die Gabel zur Hand und begann, die Kartoffeln zu zerstampfen. Er machte dies mit absolut gleichförmigen, langsamen Bewegungen. Er drehte den Teller um 180°, zerstampfte nun das Gemüse. Dann begann er, den Teller um jeweils 30° zu drehen und hob stampfenderweise das Gemüse unter die Kartoffeln. Binnen fünf Minuten zerquetschte, zermalmte er dieses sein Essen zu einer absolut gleichförmigen, pastösen Masse. Nun ebnete er die Pampe ein, verteilte sie gleichmäßig auf dem Teller. Er drehte die Gabel herum, sodass die Zinken nach unten wiesen. Nun zog er mit dem Besteckteil horizontale, parallele Linien in sein Essen, fein ordentlich von oben nach unten, bis alles vollständig liniert war. Dann drehte er den Teller um 90° - aus der Lineatur wurden nun Karos gemacht.
Sein Essen war nun noch etwa geschätzte zwei Grad wärmer als Zimmer-Temperatur.
Zuletzt drehte er die Gabel wieder in der Hand und nahm damit eine Fläche von 4 x 9 Karos auf, führte sie zu Mund. Er kaute jeden seiner 36-Karo-Bissen endlos, gelassen und stupide zugleich. Zuletzt schabte er mit schrecklichem Gequietsche die letzten Reste der Mahlzeit auf dem Steingut-Teller zusammen, aß sie und legte die Gabel hin.
Oma materialisierte am Tisch, den Teller abzuräumen.
»War lecker. Wat war dat?«, fragte Opa.

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Freitag, 15. Januar 2010

Restaurantkritik 2 - Auf dass Dunkelheit mich umfange


Schwarz
Originally uploaded by thomasreinke2
In Köln (dito Berlin & Hamburg) gibt es ein Dunkelrestaurant, die "Unsicht-Bar" (Link).
"Ein Erlebnis der besonderen Art", heißt es da.
Zu vier Freunden reservierten wir im Oktober 2009 Plätze für Januar 2010 - vorher war kein Tisch zu bekommen.
"Was die Dunkelheit erfährt, wird das Licht nie sehen" -
jaja, sicher, sicher.
Wir kamen im hinreichend beleuchteten Foyer des Restaurants an, wählten "blind" unsere Speisen: Man bekommt nur gesagt, dass das Menü "mit Huhn" oder "mit Lamm" etc. ist, der Rest ist, naja, eine kulinarische Überraschung.
Wir hängen unsere Mäntel auf Haken, legen alles Leuchtende ab und gehen zu einer Schleuse, wo wir von einem der blinden Kellner (Sebastian) begrüßt werden. Der führt die Gruppe via Polonaise durch eine absolute Finsternis zu ihren Plätzen. Unterwegs berühre ich irgendwelche Menschen und diverses Mobiliar. Unbeholfen plumpse ich auf meinen Stuhl. Ich ertaste mir mein Tischset, die Position von Messer, Gabel und Löffel, meine Sitznachbarin.
Gespräche insgesamt fallen schwer. Man spricht einfach in den Raum hinein, kann nonverbale Reaktionen nicht einmal erahnen. Gestik, Mimik und Blicke sind nicht das Mittel der Wahl. Auch kann man sich nicht abendfüllend über die wabernde Finsternis, die man vor Augen hat, unterhalten.
Dann kommt die Vorspeise.
Der Salat zeigt sich unbeeindruckt von meinem Gestocher, es zeitigt einfach keine Wirkung. Die Gabelzinken schmecken ein bissi nach Essig & Öl. Messer & Gabel fallen somit flach. Man sieht ja nix. Mit dem Esslöffel in der Rechten und mit den tastenden Fingern der Linken machte ich mich an mein Essen.
Ich hatte im Grunde seit meiner Babyzeit nichts mehr gegessen, was ich nicht vorher sehen konnte, ich musste an die Kühlschrank-Szene aus "9 1/2 Wochen" denken - aus dem Jahre 1986 (*staun*) mit Mickey Rourke und Kim Basinger.
Kapernäpfel sind auf jeden Fall ein schockierendes Erlebnis.
Gefüllte Minipaprikas auch.
Serranoschinken mit seiner ultimativen salzigen Labbrigkeit erst recht!
Dann umfängt die Gruppe wieder die etwas schweigsame Stille der Finsternis, während an den anderen Tischen - an wie vielen auch immer - ganze Gruppen etwas zu laut und zu fröhlich miteinander scherzen.
"Durch den freiwilligen Verzicht auf den Sehsinn werden die anderen Sinne in hohem Maße sensibilisiert und intensiviert. Sie werden sich ohne visuelle Signale orientieren und dabei ein Menü erlesener Qualität genießen können."
Hmmm.
Das Hauptgericht schmeckt sehr gut! Ich löffle mein Lammfilet, froh, dass mich dabei niemand sieht. Der Teller ist übersichtlich gefüllt, was man natürlich auch nicht sehen kann. Erst ganz zum Schluß bemerke ich, dass ich den Teller überhaupt falsch eingeschätzt und immer einen mondsichelförmigen Bereich rechts ausgespart habe. Hier gibt es noch ein undefinierbares Gemüse zu finden.
Ratespiel: "Was the f*** ist das?" - meine Sitznachbarin fütterte alle mit auf die Gabel aufgespießten gurkigen Scheibchen, eine Herausforderung, die alle insgesamt fünf Minuten in Atem hält - niemand möchte sich ein Auge ausstechen (lassen), es wird ja später wieder gebraucht. Niemand kommt dahinter, was das für ein Gemüse sein soll.
Wasserkastanie? Schierling? Knetmasse?
Danach: Gespräche über die Konsistenzen des Essens.
Nachtisch: das Eis fand ich schon nach 5 Minuten, nachdem ich etwas hilflos in den heißen Pflaumen herumgerührt hatte.
"Sie werden in der unsicht-Bar nicht Reduktion und Verzicht, sondern eine bewusste Bereicherung der Sinne erfahren."
Geht so.
Eher nö.
Doch: Als ich wieder draußen war, an der Kasse stand, und für mich alleine für das Menü plus ein (1) Mineralwasser 46,00 EUR bezahlt habe, umfing mich kurz und heftig tatsächlich Dunkelheit! Welch eine Bereicherung für die Sinne!

Fazit: Weil man nix sieht, ist ein Dunkelrestaurant theoretisch recht günstig mit grottenhässlichen Flohmarkt-Restposten von 70er-Jahre-Geschirr, psychedelischen Tischdecken, Papierservietten mit Osterdeko, Sperrmüllmobiliar und einer Schar Blinder zu betreiben, die das alles am Laufen halten - und das alles bei sensationell niedriger Stromrechnung und fulminanter Preisgestaltung.
Der Onkel macht bloß Spaß.
Aber ich glaube trotzdem nicht, dass einer von uns Vieren noch einmal da hingeht.

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