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Dienstag, 5. Juni 2018

ru24 Special: Portugal von A-Z (Teil 3 von 3)

Porto
Nepp
1) Nochmal: niemals ein Restaurant betreten, vor dem Hanseln stehen, die dazu auffordern.
2) In Lissabon und auch Porto gibt es Läden für Touristen, die ausschließlich eingedoste Sardinen mit poppigem Design zu je 7,50 € verkaufen. Da muss man schon mit dem Klammerbeutel gepudert sein, um hier seine Mitbringsel zu kaufen.
Und nein: Es gibt gar keine „Piermont-Sardinen“.

Ich nehm' den Nachtbus, Nachtbus, Nachtbus.
ÖPNV
Busse und Straßenbahnen sind das Mittel der Wahl zur Fortbewegung in der Stadt. 10 Minuten Verspätung sind nichts, worüber man sich hier aufregt. Auch bei einer Viertelstunde schauen die am Bushäuschen wartenden Einheimischen nicht einmal auf ihre Armbanduhr. Auf die ikonische Straßenbahn 28, die an einer bestimmten Haltestelle alle 8 Minuten halten sollte, kam mal in einer Dreiviertelstunde nur einmal und war so voll wie die Tokioter U-Bahn zur Rush Hour.
Busse und historische Straßenbahnen kacheln zentimetergenau durch enge Gassen und wenn irgendwo mal wieder einer lässig die Straße überquert oder ein Auto mit dem Warnblinker herumsteht, dann wird halt unaufgeregt gehupt bis der Vogel sein Gefährt wegsetzt. Businsassen haben einen dicken Nerv, regen sich wenn aber spektakulär im Kollektiv auf — wie Truthähne. Es klingt dann auch so. Pro: Der Nachtbus ist so voll, dass man gar nicht umkippen kann.
In Porto sollte man die Straßenbahn unbedingt bis zur Endstation fahren. Die Bahn wendet nicht, sondern fährt rückwärts wieder zurück. Zuvor wandert der Fahrer mit einem Einhängesitz und einer Kurbel in der Hand von ehemals vorne (jetzt hinten) zum neuen Vorne. Alle Sitzlehnen im Waggon werden zur Freude aller mit großem Hallo herumgeklappt, dann geht es wieder los in die Gegenrichtung.
Dickes Plus: Keine Musikanten in öffentlichen Verkehrsmitteln, das ist den Vögeln vermutlich nicht verlässlich genug.

Parks
In den Parks leben rabiate Tauben, rabiate Enten und zuweilen extrem rabiate Gänse. Der mit Abstand beste Park Lissabons ist der Jardim da Estrela direkt gegenüber der Basílica da Estrela. Im Teich gibts neben dem vorgenannten Federvieh sogar Wasserschildkröten! Yay! Im günstigen Café gibt‘s schattige Plätzchen am Teich, wechselnde Tagesgerichte und WLAN. Gegebenenfalls  klappt beim nächsten Besuch sogar die Toilette wieder. Gegebenenfalls.

Pastéis de Belem/Nata
Pastéis de Nata
Mönche, die ihre Schlüpper ausschließlich mit Eiweiß stärkten, hatten deswegen große Mengen Eigelb übrig und erfanden somit als Abfallprodukt eine süße Eiersahnecreme auf knusprigem Blätterteig, die berühmten Pastéis de Belém. Sie werden in der ganzen Stadt von Pastelarias (Bäckereien) als „Pastéis de Nata“ vertrieben und sind der Himmel auf Erden. Das Original-Rezept ist natürlich geheim... Da man mindestens ein Pastéis de Nata pro Tag essen sollte, bietet man in Portugal unglaublich günstige Kombis „Nata plus Espresso“ zu 1,00 € an. Yay!

Porto
„Pittoresk“ ist ja in der Regel nur ein Euphemismus für „verelendet“ und „heruntergekommen“. Porto aber ist so dermaßen schön und würdevoll gealtert, wie es Filmstars oft nicht tun. Bevor der ganze Laden rundumsaniert und durchgentrifiziert wird und die Häuser Plastikhaustüren und Kiesgärten bekommen, sollte man sich dieses Juwel in seiner gebrochenen, romantisch verwahrlosten Pracht dringend einmal ansehen, bevor es zu spät ist.

Sintra (Weltkulturerbe)
Eine einst sicher schöne Stadt, dermaßen vom Tourismus gezeichnet, als hätte eines Tages ein Wanderzirkus beschlossen, vor Ort zu bleiben, um dann auf Teufel komm‘ raus zu metastasieren. Hier haben wir die teuersten Kaffeeheißgetränke unserer Reise zu uns genommen: Einen etwas muffig schmeckenden Milchkaffe und einen wirklich grottenüblen Cappuccino. Ggf. war das der Denkzettel des Etablissements dafür, dass wir nicht feudal haben auffahren lassen.
Etwas fahl flohen wir diesen Ort.

Tauben
Tauben
Lissabon, deine Tauben scheissen nicht gerne im Dunkeln.

Telefon
Handy-Telefonate (oder das hier beliebte FaceTime) sind in Portugal buchstäblich endlos. Einmal begonnen, dauern sie IMMER bis zum Ende der Akkulaufzeit. Nur portugiesische Omas fassen sich kurz. Dabei brüllen sie mit der Stimme von Sophia Petrillo von den „Golden Girls“ ins Telefon und lachen wie Dämonen.

TV
Sobald der portugiesische Mann einen Fernseher mit Fußballspiel erblickt, erstarrt er wie ein Reh im Scheinwerferlicht und ist auch, wenn er mitten im Weg steht, nicht mehr ansprechbar.
True Story.



FAZIT
Selten war mir ein Urlaubsland auf Anhieb so sympathisch wie Portugal.
Wenn man am ersten Urlaubstag ein Lokal mit defekter Toilette besucht, kann man sicher sein, dass die Toilette auch am letzten Urlaubstag noch nicht funktioniert. Vieles wirkt unorganisiert, chaotisch und als Deutscher möchte man ständig etwas verbessern, und seien es die Abläufe aus Bestellen und Ausgabe ein einem Café -- was einem gleichzeitig die Augen öffnet, wie deutsch man eigentlich ist.
Wir werden wiederkommen, denn Portugal ist auf seine charmante Art wunderbar unperfekt.
Wer mehr darauf steht, dass jemand jeden Morgen mit einem Poliertuch das Dallmayer Prodomo-Schild am Café poliert, sollte nach Bayern fahren.

Dienstag, 20. Oktober 2015

76

photo credit: evil snickers, charging via photopin (license)

Wenn ich zum ersten Mal ein neues Restaurant betrete, bestelle ich ein Gericht, zum Beispiel die Nummer 76. Schmeckt es mir wirklich ganz vorzüglich, dann werde ich, so lange dieses Restaurant existiert, immer wieder die 76 essen. Warum sollte ich einen Reinfall mit der 56 erleben oder Pech haben mit der 33?
Mal ehrlich: Alles Andere wäre doch verrückt! :D
Die Liebste, die über solches autistisches Gebaren nur den Kopf schüttelt, ordert jedes Mal etwas anderes, sagt aber dann in 2/3 der Fälle: "Ich hätte besser auch das bestellt, was du hast".

Es gibt Schokoriegel, die sind einfach perfekt.
Snickers ist seit 1930 im Handel. Mars ist von 1932. Kitkat gibt es seit 1975. WTF sollte man daran ändern? Mal ehrlich: Alles Andere wäre doch verrückt! Sollte man meinen. Leider scheint die Lebensmittelbranche hier völlig anderer Meinung zu sein. Also tauchen in unserem Bürokiosk ständig diese geschmacksverirrten Look-Alikes auf: Snickers "Intense Choc", KitKat "Dark Chocolate", Corny Müsliriegel mit Bananengeschmack (wuäh!), Twix "White" oder "Cappuchino" und leider völlig daneben: "Hanuta Milch + Crispies" -- das können sich die Herrschaften von Ferrero wirklich sonstwo hinstecken!
Natürlich bleiben diese Krampen immer bis zuletzt übrig im Kiosk. Am Ende wird man vor der Neubefüllung des Kiosks quasi gezwungen, diesen Schwachsinn angewidert und unter Protest herunterzuwürgen.
ICH WILL DIE SECHSUNDSIEBZIG!!!


Dienstag, 14. Januar 2014

Restaurantkritik 6: Vapiano Wuppertal


photo credit: ifranz via photopin cc
"Der Name Vapiano leitet sich aus dem italienischen Sprichwort: »Chi va piano va sano e va lontano« ab. Das heißt auf Deutsch: Wer alles im Leben locker und gelassen angeht, lebt gesünder und länger." (Vapiano über Vapiano)
In Wuppertal hat Ende 2013 ein Vapiano eröffnet. Es handelt sich um "ein deutsches Unternehmen der Systemgastronomie, das italienische Speisen nach dem Fast-Casual-Prinzip anbietet" (Wikipedia).
"Fast Casual", das ist ist quasi "Fast Food, aber mit Wohlfühl-Socken".
Sicher, sicher.
Menschenmassen pilgerten von nun an zu diesem Ort, Parkplätze wurden umkämpft, es wurde um Warteschlangenplätze vor dem Eingang gestritten, es kam zu Oberarm-Konflikten zwischen Body-Buildungsbürgern.
Im Januar 2014 beschlossen auch wir, mal zu viert dort hinzugehen.
Am Eingang bekommt jeder von einem Mädchen eine Chipkarte, auf die der gesamte Verzehr aufgebucht wird. Das Ambiente ist modern und aufgeräumt (wenn man sich das Heuschrecken-Gäste-Gewusel wegdenkt). Dann ist man mitten drin im Gewusel der Massen. Falls man einen Sitzplatz findet, kann man sich dann für Pizza oder Pasta oder Salat an verschiedenen Schlangen des Tresens der "Showküche" getrennt für Pizza, Pasta, Salat anstellen. Alkoholische Getränke wie Bier, aber auch Nachtisch gibt es an einem Bar-Tresen, sodass man öfter mal Schlange stehen muss, bis man alles zusammen hat. Wer Pizza bestellt, bekommt einen handygroßen Funkmelder mit, der blinkt und vibriert, sobald die Pizza abholbereit ist.
Die Arbeit hinter dem Tresen der "Showküche" hat etwas von einer Vorhölle, es wirkt wie "McDonald's-Tresenkräfte im x2-Bildsuchlaufmodus". (Ich denke, dass verbrauchte, ausgebrannte Mitarbeiter aus dem Vapiano ausgeworfen werden wie rauchende, leer geschossene Hülsen aus einer Schrotflinte. Das Firmenmotto muss für die hier Angestellten ein ziemlicher Hohn sein.)
Nachdem alle Gäste nun hinreichend lange Schlange gestanden haben, nach Möglichkeit jeder in mehreren, parallelen Schlangen, trudeln die vier Restaurantbesucher nach und nach am gemeinsamen Sitzplatz ein, ihr Kantinen-Tablett aus Blech in Vorhalte.
Frage: Isst man, wenn es noch warm ist, aber die Anderen noch nicht da sind? Oder essen alle erst, wenn der Letzte ankommt? In diesem Fall wäre das Essen des ersten am Tisch Eintreffenden insgesamt nur noch zwei Grad wärmer als ein Speiseeis.
Als wir die Lokalität verließen, stellte ich verblüfft fest, dass ich mittels dieses ganzen vollkommen aberwitzigen Aufwandes (auf beiden Seiten) eine Pizza (3-), ein Bier (OK) und einen Nachtisch (4+) zu mir genommen hatte. Die Endsumme für die letztendlich bestenfalls arg durchschnittlichen Gerichte war OK.

Fazit:
Das ist wohl eher was für die Mittagspause. Abends, wenn es "schön/romantisch/feierlich etc." sein soll, geht man doch lieber zu einem "richtigen Italiener", da bekommen auch alle ihr Essen (fast) gleichzeitig und das Ambiente ist gemütlich bis familiär. Und da kann man im Gegensatz zum Vapiano auch reservieren.
Zusätzlich zu dem ganzen Geraffel stellen die Vögel dort auch noch ihre Pasta selbst her und züchten ihre eigenen Kräuter, als hätten sie nicht schon genug zu tun. Irgendwie wirkt der Laden auf mich wie eine gastronomische Rube-Goldberg-Maschine (Wikipedia), welche
"... mit Absicht eine bestimmte Aufgabe auf zahlreichen unnötigen Umwegen und in komplizierten Einzelschritten auf umständliche Art und Weise ausführt." (a.a.O.)

Mehr Restaurantkritik: Blogbeiträge
Tipp: Die bizarren Leserkommentare zur Eröffnung des Vapiano: Link


Freitag, 31. Mai 2013

Restaurant - denn du bist Deutschland!

http://goo.gl/rMKA2
Wie man ein Restaurant oder eine RestoBar mit 20 Tischen in Deutschland eröffnet und betreibt:

1)
Grafikdesigner (für Logodesign, Corporate Identity & Speisekarte), Texter (für Speisekarte & Web), Webdesigner - Quatsch! Das kann man doch alles selbst viel billiger mit Paint & Word! Und Webseiten kann irgendwie der Uwe. Das gesparte Geld investiert man am besten in eine allmächtige Lattepressomaschine die mit 130 dB(A) im Gastraum Milch aufschäumt.
2) Man schafft maximal 15, besser nur 12 Speisekarten an, die man dann im Folgenden bewacht, wie einen Goldschatz. Jeder, der etwas bestellen möchte, muss nach einer Bedienung rufen. Findet der Gast endlich Gehör, muss die Bedienung wieder zurück zum Karten-Drachenhort und vorsichtig eine vorbeibringen. Am besten hält die Bedienung die Karte dabei die ganze Zeit fest umklammert, damt sie sie sofort wieder mitnehmen kann. Pro Sitzplatz einfach eine Karte am Tisch vorzuhalten - Quatsch! Wo käme man dahin?
3) Eine große Kreide-Tafel mit Tagesgerichten schafft Atmosphäre. Noch mehr Atmosphäre gibt es, wenn das Kritzelkratzel keine Sau lesen kann und die Gäste von Tisch zu Tisch darüber diskutieren, ob es wirklich "Saurierklößchen in Himbeerschlamm" gibt oder nicht.
4) Mehrere Gerichte für Vegetarier? Quatsch! "Beilagensalat" reicht doch für unsere kleinen Exoten!
5) Die Tische sollten bis auf das Tischtuch immer vollständig leer sein. Benötigen Gäste etwas, können sie ja winken, rufen, implodieren oder herumirren und fragen. Salz & Pfeffer, Zucker, Süßstoff & Milch, Essig & Öl, Karaffe mit Leitungswasser & Gläser, Servietten & Besteck oder einfach nur das W-Lan-Passwort - von selbst bekommt ein Gast so etwas nicht - wo käme man dahin? Wir sind doch nicht die scheiß Heilsarmee!
6)
Das gesamte Restaurant betreibe man komplett mit minder befähigten, aber dafür für Herren optisch aufreizenden Schülerinnen und Studentinnen - außer die Küche, da halte man sich am besten 80 Stunden die Woche eine gelernte 400 EUR-Kraft, an der Kette.
7) Abkassieren kann leider nur die Mathe-Studentin. Möchten Gäste ihr Geld loswerden, winken sie der Bedienung, die dann wiederum die Kassierbevollmächtigte herbeirufen muss, die sich aber vielleicht gerade an Tisch 12 an eine Speisekarte klammert, siehe 2).
8) Kartenzahlung? Muahahaha!!! Nur Bares ist Wahres. Sollen die Spacken doch sehen, wie sie ihr Bargeld zusammengekratzt bekommen!

Wenn man alle diese Punkte beherzigt, dann wird es mit der Lokalität ganz sicher klappen - denn du bist Deutschland!


Freitag, 10. Mai 2013

Restaurantkritik 5 - Schwartz's (Montréal, Kanada)

Wann immer wir am SCHWARTZ'S DELI, Saint-Laurent Boulevard 3895, Montréal vorbeikamen, standen Menschenschlangen vor dem Laden.
Dann kam er, der große Tag und wir gingen selbst  hin. Keine Schlange. Wir traten ein. Da waren zwei freie Plätze direkt ganz vorne. Ein Kellner nickte uns nicht unfreundlich zu, wir setzten uns. Das war gutes Karma! Kurz drauf kamen Leute rein, denen ziemlich eindeutig verklickert wurde, dass sie mal schön draußen Schlange stehen müssten und überhaupt!

Der Laden: weiße Plattendecke wie im Büro, Neonlicht. Hoch profanes Mobiliar, Holz-Imitat, Stahlrohrstühle, Kunstleder, Papierplatzdeckchen. Aber was woanders schäbig wirken würde, war hier eine charmante, irgendwie schangelige Zeitreise in vergangene Jahrzehnte. Es gab einen langen Tresen mit Barhockern an der einen Wand und Tische für bis zu vier Personen an der anderen Wand. Wenn man nur zu zweit ist, bekommt man ohne Rückfrage ein anderes Pärchen dazugesetzt. In einem Kabuff direkt neben dem Eingang saß ein Kassierer und stierte etwas blutunterlaufen in die Menge. By the way: Keine Kreditkarten! Nur Bares ist Wahres!
Was man bei SCHWARTZ'S DELI unbedingt bestellen muss: Smoked meat sandwich, Pommes (fries), Gewürzgurke (dill pickle), Krautsalat (coleslaw) und eine Cherry Cola (Cott's Black Cherry Soda). Nur so ist es wirklich authentisch.

Das Essen:
Was man bei SCHWARTZ'S DELI bekommt: Sehr viel erstklassiges, wunderbar gewürztes Räucherfleisch (mit sehr wenig Sandwich), einen Teller Pommes, eine riesige, 'interessant' eingelegte Gewürzgurke, sahnigen Krautsalat und eine unfassbar synthetisch schmeckende 50er-Jahre Cherry Cola (mit Strohhalm aus der Dose), die das ganze Zeitreise-Erlebnis indes perfekt abrundete.

Die Bedienung: war flott und aufmerksam, achtete aber penibel darauf, dass die Gäste es sich nicht zu gemütlich machen im Deli, also nix mit Espresso bestellen und noch ewig rumquatschen - es musste Platz geschaffen werden für die Schlange stehenden potentiellen Gäste draußen auf der Straße!
Wir legten unser Trinkgeld auf den Tisch, zahlten beim Kassenwart die angenehm angemessene Rechnung und waren rundum zufrieden.


Schwartz's | Montreal Hebrew Delicatessen
www.schwartzsdeli.com

Geöffnet:
Mo - Mi: 8:00 - 0:30
Do, So: geschlossen
Fr: 8:00 - 1:30
Sa: 8:00 - 2:30


Montag, 5. April 2010

Lifestyle 34 - tapferer Mann


China-Restaurant Zollhaus
Originally uploaded by inyucho
Mit Bärbel war ich vor längerer Zeit im China-Restaurant "Sonnenschein" in Remscheid-Lennep (Link). Das Essen dort ist gut, das Ambiente ist etwas schlicht, aber das wird durch die geradezu ausufernde Freundlichkeit des Personals mehr als wett gemacht.
Wir bestellten Stäbchen zum Essen.
Während das anfangs mit den Stäbchen ganz prima klappte (solange ich noch dicke Brocken Klebreis und Schweinebällchen auf dem Teller hatte), wurde es gegen Ende des Essens immer beschwerlicher und beschwerlicher. Ich kämpfte mit den immer kleinteiliger werdenden Resten, obsiegte aber zuletzt - nach einer harten halben Stunde des Kampfes! Ich ließ die Stäbchen aus der mittlerweile deformierten Hand fallen und lehnte mich zufrieden und gut geplauzt nach hinten - geschafft!
Ich bewegte die Finger, um wieder Blut und Form in meine Rechte zu bekommen.
"Frau Sonnenschein", eine etwa fünfzigjährige Chinesin, huschte heran und bedachte uns mit ihrem breitesten Lächeln, dann wandte sie sich an mich.
"Das wal sehl tapfel!", lobte sie, während sie das schmutzige Geschirr aufstapelte.
Ich grinste stolz wie ein Honigkuchenpferd.
"Wil hätten längst einen Löffel genommen!", ergänzte sie, und schwirrte mit dem Geschirr davon.
Sie ließ mich fassungslos zurück.

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Sonntag, 17. Januar 2010

Restaurantkritik 3 - Additive zum Wohlfühlen


Coa
Originally uploaded by splorp
Geht man zu McDonald’s, so ist das für jemanden, der sich zum Thema Ernährung schon einmal Gedanken gemacht hat, ein kalkuliertes Risiko. Auch kann man dann mit Freude in einen Donut beißen, auch wenn man weiß, dass man sich gerade eine Riesenmenge gehärteter pflanzlicher Fette reinzieht, die bekanntermaßen das Risiko eines Herzinfarktes um bis zu 70% steigern können. Denn: Wenn man davon Kenntnis hat, und es trotzdem macht, ist es ja in Ordnung. Das ist wie beim Rauchen.
Anders ist es, wenn man davon ausgeht, dass man sich sogar Gutes tut
In Wuppertal-Elberfeld hatte ein Asiate eröffnet – coa® asian feelgoodfood. Den Laden gibt es auch in Mannheim, 3x in Frankfurt und Berlin.
Schaut man sich die Homepage auf coa.as an (Link), geht einem das Herz auf: ein dufter Laden, gar mit Philosophie:
„Energie entfalten mit gesunden, aromatischen Zutaten – gesundes und leichtes Essen, schnell serviert – in Ruhe genießen. feelgoodfood!“, „Ehrliche asiatische Küche“
und, wenn man mit der Maus auf das rote "Qualität"-Feld geht, steht da sogar wortwörtlich:
"Auf den Zusatz von Geschmacksverstärkern und Zusatzstoffen verzichten wir gänzlich."
Hey: Zu schön um wahr zu sein!
Eines Abends kam ich spazierengehenderweise dort vorbei, traf eine bunte Schar rauchender Köche vor den Laden an und fragte gleich noch mal nach. Strahlend wurde mir berichtet, dass alle Zutaten „grundsätzlich ganz natürlich“ seien.
Fein, fein!
Wochen später trat ich an, um mit der aller-allergischten Person die ich kenne, dort zu speisen. Das Interieur war modern asiatisch, die Karte las sich wundervoll, die Bedienungen waren eine Augenweide.
Auf der Speisekarte fand sich überraschenderweise indes extrem marginal und in Arial 0,8 der Hinweis, dass man sich eine separate „Karte der Zusätze“ geben lassen könne – der Lupe an meinem Schweizer Offiziermesser sei Dank. Wir baten darum. Wir bekamen ein sehr dicht bedrucktes Blatt, einen Beipackzettel der Risiken und Nebenwirkungen. Diese Karte der Additive las sich arg abenteuerlich: Allgegenwärtiges Mononatriumglutamat (= Geschmacksverstärker) war nur die Spitze des Eisberges.
Wir hätten gehen sollen.
Nach langem Hin & Her fand sich exakt ein (1) Gericht und sogar ein (1) Koch, der bereit war, Nahrung versuchsweise ohne Chemiebaukasten zuzubereiten. Allerdings gelang es diesem Pionier nicht, „das positive Lebensgefühl, dass wir mit exotischen Speisen verbinden“ in der zubereiteten Nahrung unterzubringen. Mehr noch: trotz gegenteiliger Zusicherung war Natriumglutamat enthalten - bei meiner Begleitung löste das Essen allergische Reaktionen aus.
„Was bei coa® serviert wird, folgt einer ebenso einfachen wie einleuchtenden Idee: das Beste aus den Küchen Ostasiens in bester Qualität und unverfälschter Zubereitung.“
Ich bin mir mittlerweile sicher, die bekommen nichtmal ein Schälchen weißen Reis hin ohne Bleichungsmittel, Rieselhilfe und Antioxidanzien.
Das ist schon verdammt dreist.

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Freitag, 15. Januar 2010

Restaurantkritik 2 - Auf dass Dunkelheit mich umfange


Schwarz
Originally uploaded by thomasreinke2
In Köln (dito Berlin & Hamburg) gibt es ein Dunkelrestaurant, die "Unsicht-Bar" (Link).
"Ein Erlebnis der besonderen Art", heißt es da.
Zu vier Freunden reservierten wir im Oktober 2009 Plätze für Januar 2010 - vorher war kein Tisch zu bekommen.
"Was die Dunkelheit erfährt, wird das Licht nie sehen" -
jaja, sicher, sicher.
Wir kamen im hinreichend beleuchteten Foyer des Restaurants an, wählten "blind" unsere Speisen: Man bekommt nur gesagt, dass das Menü "mit Huhn" oder "mit Lamm" etc. ist, der Rest ist, naja, eine kulinarische Überraschung.
Wir hängen unsere Mäntel auf Haken, legen alles Leuchtende ab und gehen zu einer Schleuse, wo wir von einem der blinden Kellner (Sebastian) begrüßt werden. Der führt die Gruppe via Polonaise durch eine absolute Finsternis zu ihren Plätzen. Unterwegs berühre ich irgendwelche Menschen und diverses Mobiliar. Unbeholfen plumpse ich auf meinen Stuhl. Ich ertaste mir mein Tischset, die Position von Messer, Gabel und Löffel, meine Sitznachbarin.
Gespräche insgesamt fallen schwer. Man spricht einfach in den Raum hinein, kann nonverbale Reaktionen nicht einmal erahnen. Gestik, Mimik und Blicke sind nicht das Mittel der Wahl. Auch kann man sich nicht abendfüllend über die wabernde Finsternis, die man vor Augen hat, unterhalten.
Dann kommt die Vorspeise.
Der Salat zeigt sich unbeeindruckt von meinem Gestocher, es zeitigt einfach keine Wirkung. Die Gabelzinken schmecken ein bissi nach Essig & Öl. Messer & Gabel fallen somit flach. Man sieht ja nix. Mit dem Esslöffel in der Rechten und mit den tastenden Fingern der Linken machte ich mich an mein Essen.
Ich hatte im Grunde seit meiner Babyzeit nichts mehr gegessen, was ich nicht vorher sehen konnte, ich musste an die Kühlschrank-Szene aus "9 1/2 Wochen" denken - aus dem Jahre 1986 (*staun*) mit Mickey Rourke und Kim Basinger.
Kapernäpfel sind auf jeden Fall ein schockierendes Erlebnis.
Gefüllte Minipaprikas auch.
Serranoschinken mit seiner ultimativen salzigen Labbrigkeit erst recht!
Dann umfängt die Gruppe wieder die etwas schweigsame Stille der Finsternis, während an den anderen Tischen - an wie vielen auch immer - ganze Gruppen etwas zu laut und zu fröhlich miteinander scherzen.
"Durch den freiwilligen Verzicht auf den Sehsinn werden die anderen Sinne in hohem Maße sensibilisiert und intensiviert. Sie werden sich ohne visuelle Signale orientieren und dabei ein Menü erlesener Qualität genießen können."
Hmmm.
Das Hauptgericht schmeckt sehr gut! Ich löffle mein Lammfilet, froh, dass mich dabei niemand sieht. Der Teller ist übersichtlich gefüllt, was man natürlich auch nicht sehen kann. Erst ganz zum Schluß bemerke ich, dass ich den Teller überhaupt falsch eingeschätzt und immer einen mondsichelförmigen Bereich rechts ausgespart habe. Hier gibt es noch ein undefinierbares Gemüse zu finden.
Ratespiel: "Was the f*** ist das?" - meine Sitznachbarin fütterte alle mit auf die Gabel aufgespießten gurkigen Scheibchen, eine Herausforderung, die alle insgesamt fünf Minuten in Atem hält - niemand möchte sich ein Auge ausstechen (lassen), es wird ja später wieder gebraucht. Niemand kommt dahinter, was das für ein Gemüse sein soll.
Wasserkastanie? Schierling? Knetmasse?
Danach: Gespräche über die Konsistenzen des Essens.
Nachtisch: das Eis fand ich schon nach 5 Minuten, nachdem ich etwas hilflos in den heißen Pflaumen herumgerührt hatte.
"Sie werden in der unsicht-Bar nicht Reduktion und Verzicht, sondern eine bewusste Bereicherung der Sinne erfahren."
Geht so.
Eher nö.
Doch: Als ich wieder draußen war, an der Kasse stand, und für mich alleine für das Menü plus ein (1) Mineralwasser 46,00 EUR bezahlt habe, umfing mich kurz und heftig tatsächlich Dunkelheit! Welch eine Bereicherung für die Sinne!

Fazit: Weil man nix sieht, ist ein Dunkelrestaurant theoretisch recht günstig mit grottenhässlichen Flohmarkt-Restposten von 70er-Jahre-Geschirr, psychedelischen Tischdecken, Papierservietten mit Osterdeko, Sperrmüllmobiliar und einer Schar Blinder zu betreiben, die das alles am Laufen halten - und das alles bei sensationell niedriger Stromrechnung und fulminanter Preisgestaltung.
Der Onkel macht bloß Spaß.
Aber ich glaube trotzdem nicht, dass einer von uns Vieren noch einmal da hingeht.

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