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Montag, 27. Juli 2015

ru History - Flaunt It (1986)



Die Band Sigue Sigue Sputnik wurde 1983 von Tony James gegründet, einem ehemaligen Generation X-Gitarristen von Billy Idol. Den Namen der Band hatte man nach Marketing-Gesichtspunkten von einer Moskauer Streetgang übernommen, über die die Zeitung Herald Tribune in einem Artikel Anfang 1980 geschrieben hatte. Als Bandmitglieder hatte man Anfangs die bis dahin noch unbekannte Annie Lennox im Auge, konnte sich aber nicht mit der Idee einer Frontfrau anfreunden, auch Andrew Eldritch war im Gespräch, dieser musste sich aber um seine immer bekannter werdende Band Sisters of Mercy kümmern. Zuletzt fanden sich als Bandmitglieder einige unbekannte Vögel ein, die James nach Optik gecastet hatte, nicht nach Befähigung -- Hauptsache schrille Klamotten, Tattoos, Piercings und schroffe Haare (Bandbild).

1986 erschien das erste Album "Flaunt It" (Cover), übersetzt: "Wer hat, der hat", ein Kracher!
Nachdem ich die erste Auskopplung Love Missile F1-11 bei "Formel 1", moderiert von Peter Illmann, gesehen hatte, rannte ich gleich in den Plattenladen, um die die LP zu bestellen. Ich bin bis heute der einzige Mensch, den ich kenne, der sich die Scheibe damals gekauft hat. Ähem.
"Sigue Sigue Sputniks erste Single „Love Missile F1-11“ ist mit nichts zu vergleichen, was die letzten 30 Jahre an Rock & Roll hervorgebracht haben. Gewehrfeuer und Explosionen, Fragmente von Mozart, verrückte, donnerartige Gitarren-Breaks, rückwärtslaufende Vocals und tonnenweise Hall, dies alles in einem Song, der sich alle paar Sekunden verwandelt und dem Zuhörer nicht den Hauch einer Chance lässt, sich zu langweilen. Songzeilen wie "a U.S. bomb cruises overheard / there goes my love, rocket-red" spielen auf Sex und Atomkrieg an." (englischspr. Quelle)
Als Besonderheit hatte man auf dem Album die Räume zwischen den Songs als Werbeblöcke versteigert, sodass unter anderem "L'Oreal Studio Line"-Werbung oder speziell in Deutschland ein Clip für "Tempo, das neue deutsche Monatsmagazin" zwischen zwei Liedern zu hören ist.
Bei den Briten brauchte es etwas mehr als das: Um die Scheibe zu promoten, machte SSS ein Video dazu, in dem sich explodierende Raketen mit fetten, onanierenden Männern abwechselten, und hey! Das skandalverwöhnte Londoner Publikum war auch gleich begeistert und zog nach der Vorführung des Videos auf der Record-Release-Party zufrieden ab, obwohl die Show noch im vollen Gange war. Endlich: Nun hatte die Band ihren Ruf weg und wurde von den britischen Medien oft nur noch „Sick Sick Sputnik“ genannt.
Der Song hielt sich 1986 in Deutschland 15 Wochen auf Platz 3 der Singlecharts, in UK 9 Wochen. (Wikipedia)
"In ihrem Bestreben, die ultimative Rock & Roll-Fantasy zu erschaffen, waren Sigue Sigue Sputnik überaus erfolgreich. Zum einen ist es (das Album) voller gefährlicher futuristischer wie comicartiger Bildwelten, aber zum anderen, wenn man genau genug hinhört, hat es überraschenderweise trotzdem oft etwas zu sagen." (a.a.O.)
Auch die zweite Auskopplung aus dem Album, "21st Century Boy", war erfolgreich.

Sonntag, 21. September 2014

Zurück in die Zukunft

photo credit: if i only had a cassette player via photopin (license)
Früher war ja angeblich alles besser. Mittels dieses Irrglaubens sammelt sich die AfD (»Alternative für Deutschland«) an den Rändern von Parteien und Gesellschaft ihre Wähler zusammen.

Natürlich ist die Gegenwart reich an Irrungen und Wirrungen, aber – hey! Das war sie schon immer!

Die 80er waren ja nicht nur lecker Bananarama & Miami Vice: Die Achtzigerjahre, das waren Vanilia-Hosen, die kaum einem standen, Schulterpolster und Betonfrisürkes! Ich schaffte am Zauberwürfel nicht mal eine Seite, egal, wie lange ich an dem Kackteil herumkurbelte! Waldsterben war ein Riesenthema, sodass der Begriff »the waldsterben« sogar als Lehnwort in die amerikanische Sprache aufgenommen worden ist. Wenn gewisse Chemiewerke nachts ihre Abwässer in den Rhein kippten, haben Leute schon in den verseuchten Fluten stehend ihre Fotos entwickelt – weil sie es konnten. Auch gab es eine permanente unterschwellige Bedrohung durch Atomwaffen des Warschauer Paktes. Sogar unser »Freund«, der frische Franzos, hatte seine atomaren Mittelstreckenraketen freundlicherweise allesamt auf den chemisch verseuchten Rhein gerichtet, größer war die Reichweite nämlich nicht. Et war nämlich so überaus herrlich in den 80ern! Dass wir alle mal durch so einen Mist wie in »War Games« (1983) draufgehen würden, unseren »The Day After« (1983) vielleicht noch erleben mussten, das schien Gewissheit. Wir lebten in permanenter, unterschwelliger Prä-Apokalypse. Besonders schrecklich: Zwischen 1985 und 1989 hatte Modern Talking fünf Nummer-Eins-Hits in Deutschland (Link)! Reichlich Sex mit häufig wechselnden Partnerinnen hätte mich easy über das Schlimmste hinwegtrösten können, aber dummerweise kam AIDS auf (Wort des Jahres 1987) und es wurde ein bissi hysterisch. Keiner wusste 100% genau, wie & wo man sich anstecken konnte, man konnte es ja nicht googeln. Ich kann mich erinnern, mal in die Stadtbücherei gegangen zu sein, um mich in einem aktuellen Lexikon über die Immunschwächekrankheit zu informieren. Später allerdings konnte man angeblich »auch mal ’ne Tasse verwechseln« (O-Ton), aber es blieb eine Grund-Unsicherheit. 1986 nach Tschernobyl kam Gemüse mit Bequerel-Angaben drauf in den Handel, zum praktischen Selber-Entscheiden, ob die Strahlenbelastung von z.B. 2250 Bq pro Kilo durch Jod-131 für einen noch OK ist oder nicht. 1989 hat Helmut »Birne« Kohl die Wiedervereinigung durchgepeitscht, damit er als »Kanzler der Einheit« in die Geschichte eingeht. Dafür hat er allen »blühende Landschaften« versprochen. Die Option eines »Dritten Weges« (die DDR erst einmal als eigenständigen Staat zu erhalten) wurde zugunsten von sehr schnell schal werdendem Pathos und zu großer Eile verworfen. DAS wäre nämlich eine ECHTE Alternative für Deutschland gewesen, damals vor 25 Jahren.
Dafür wählen die Bewohner der betroffenen Landschaften nun vermehrt AfD – und so schließt sich elegant der Kreis.

»Life's what you make it« (Talk Talk, 1986): Also ran ans pralle Leben! Unkomplizierter wird's nämlich nicht mehr. Außer später im geschönten Rückblick 25 Jahre später von 2039 aus gesehen.
»Früher« ist gut für Anekdoten, aber zumindest ich möchte es nicht zurück.
Außerdem gabs ja nicht mal WLAN.


Samstag, 25. Mai 2013

ru24 History 47: Hochfrequentes Gekreische (1986)

http://goo.gl/Wd5wA
1986 war ich mit Kumpel M. auf Teneriffa (Kanaren) in einer Hotelanalge namens Bahia Parque. Den Urlaub hatten meine Eltern bezahlt, ich sag mal, es war jetzt alles nicht ganz so übel. Das Hotel lag etwas entlegen inmitten von Bananenplantagen, im Meer konnte man zwar wegen einer hammermäßig starken Strömung nicht schwimmen, aber sonst, hey! Deutsche waren nicht zu viele dort, die meisten anderen hier absteigenden Touristen waren zu diesem Zeitpunkt reichlich unverständlich sprechende Walliser (möglicherweise aus Caerdydd) und minimal  verständlicher sprechende Briten aus anderen Teilen des Vereinigten Königreichs.

An unserem ersten Abend vor Ort beschlossen Kumpel M. und ich nach dem Abendessen, mal die hoteleigene Disco zu besuchen. Wir waren jung und bretzelten uns etwas auf. Bei mir bedeutete das, dass ich mir die Haare bürstete, was unterm Strich bedeutete, dass ich keinen Deut anders aussah als vorher. Ich hatte ein nicht zu bändigendes Medusenhaupt, seinerzeit. Kumpel M. war da etwas ausgebuffter: Er schlüpfte in eine schwarzweiße Leoparden-Röhrenjeans, was bei [deutschen] Metals in den 80ern durchaus im Rahmen der Möglichkeiten lag. Dazu kamen passendes Shirt mit japanischen Schriftzeichen, Kangaroos-Turnschuhe, die Haare wurden möglichst stachelig hochgestylt und los gings.
Wir betraten die Disco. Anwesend waren vielleicht gerade mal 50 Jugendliche. Dann brach plötzlich das ohrenbetäubende, hochfrequente Gekreische einer Massenpanik aus! Menschen strömten quiekend wie Schweine aber mit maximalem Abstand zu uns an uns vorbei in Richtung Ausgang, es war eine Stampede aus dem Nichts!!! Sekunden später standen wir zwei alleine in der Hoteldisco. Die Discokugel drehte sich etwas verhalten, es spielte "Frankie Goes to Hollywood - Rage Hard".
"Hä?", fragten wir uns gleichzeitig.
Blut rauschte in unseren Ohren.
Hinter dem DJ-Tresen kauerte der Plattenaufleger und deutete mit zitterndem Finger auf Kumpel M.s Hose.
"The trousers! Gay! Gay! ... Not good! ... AIDS!!!", winselte er.
Uns ging auf, dass das  hochfrequente Gekreische der Massenpanik nichts anderes gewesen war als ein einziger, durchgehender Schrei: "A-A-A--I-I-I--D-D-D--S-S-S!!!"
OK, Kumpel M. hatte mit seiner Leoparden-Hose also eine AIDS-Massenhysterie ausgelöst...
Worauf man nicht sofort kam: Die vorwiegend britischen Jugendlichen hielten ihn nur aufgrund seines Beinkleids für 1) schwul, 2) selbstverständlich HIV-infiziert und 3) etwa so hochgradig infektiös wie einen Ebola-Fall.
Jetzt spielte es "Genesis – Invisible Touch".
M. verschwand in Windeseile im Hotelzimmer und zog sich sehr schnell um.
Mit anderen Hosen konnte er den Fall dann noch aufklären.


Donnerstag, 29. November 2012

ru24 History 42: Nakamichi Dragon RX-505 (1986)

http://goo.gl/asqXX
1986 (alle Blogbeiträge) war nicht nur das Jahr der Tschernobyl-Katastrophe (Blogbeitrag). Es war das "Internationale Jahr des Friedens". Die Saatkrähe (lat. Corvus frugilegus) war der Vogel des Jahres. Joseph Beuss und Lilly Palmer starben. (Quelle) "9 1/2 Wochen" (Link) mit Kim Basinger und Mickey Rourke lief in den Kinos. In der (auch nach 25 Jahren überraschend zeitlosen) Designerhütte von "Börsenmakler John" (Rourke) konnte man für Sekunden sehen, wie ein Kassettendeck "Nakamichi Dragon RX-505" (Filmausschnitt) spektakulär den Auto-Reverse machte, indem es selbsttätig die Kassette umdrehte. Hier ist es vernünftig zu sehen: Link (beim RX-202).
Das war 1986 hochgradig elektrisierend!
Et gab ja sonst nix!
Irgendwann klärte auch mich ein HiFi-Freak auf: Beim normalen Auto-Reverse wird der Tonkopf beim Richtungswechsel des Bandes um einige Millimeter vor bzw. zurück bewegt, um die auf dem Band gegenüberliegende Spur auszulesen. Hierbei entstünden mit der Zeit "gewisse Toleranzen" = Ungenauigkeiten (der Fachmann spricht vom "Azimutfehler"), die das Klangerlebnis schmälerten. Bei Nakamishi stehe der Kopf felsenfest, weil die Kassette gedreht werde.
Sa-gen-haft!!!

Das Gerät stand seinerzeit ganz oben auf allen Jungs-Wunschlisten, knapp gefolgt von einem Dual- oder Thorens-Subchassis-Plattenspieler (Link). Heute wäre es nur noch eine Kuriosität, wie ein dressierter T-Rex, der einen Salto rückwärts machen kann.
Aber cool.


Mittwoch, 28. November 2012

ru History 41: Kohle verdienen (1986)

http://goo.gl/Ik5CK 
1986 war ich also noch in der kaufmännischen Ausbildung bei einem Ford-Händler (Blogbeitrag).
Eines Tages schleppte eine alte Frau, die sich kaum selbst auf den Beinen halten konnte, ihren noch viel gebrechlicheren Gatten in die Austellunghalle. Der Ehemann litt unter einer Art Schüttellähmung, war halb blind und Ende 80. Mein Ausbilder, eine Art aufgeschwemmter Mr. Burns, begann auf der Stelle, sich dämonisch die Hände zu reiben. Seine Pupillen verformten sich in Dollarzeichen. Wieselflink scharwenzelte er in die Halle, um ohne Verzug mit dem Verkaufsgespräch zu beginnen.
90 Minuten später war der Kaufvertrag unter Dach und Fach. Der Vertrag ging weder über eine Krankentrage oder über einen Rollstuhl, weit gefehlt! Es sollte ein Ford Scorpio Ghia mit 110 KW/150 PS sein, sicher, sicher. Der Wagen musste wegen der Sitzhöhenverstellung bestellt werden, damit der greise Fahrer überhaupt übers Lenkrad schauen konnte. Beim Leisten der Unterschrift musste der alte Mann mit der Linken seine Schreibhand festhalten.
Als die Gattin ihn hinausgeschleppt hatte, fragte ich meinen Ausbilder, was er denn denke, wie lange das wohl gut gehen sollte. Er zuckte nur verzückt mit den Schultern, kalkulierte bereits mit in die Ferne gerichteten Blick etwaige Folgeaufträge durch, die kaum auf sich warten lassen würden.
Nach einer Weile wurde der Wagen geliefert, fertiggemacht und abgeholt. Opi und Omi tuckerten mit 22 km/h vom Hof, der fette Mr. Burns blinzelte dem Wagen begeistert hinterher, rieb sich die Hände.
Es dauerte wirklich nur drei Wochen.
Der Scorpio Ghia war Totalschaden. Was aus etwaigen Unfallbeteiligten geworden ist, habe ich leider nicht erfahren. Mein Ausbilder nahm sich mit Dollarblick sofort der Alten an, konnte aber leider nur noch einen Fiesta mit Zusatzpaket "Fahrersitzhöhenverstellung" an den verwirrten Tattergreis bringen, was für eine Niederlage!

Klar: Bevor der Deutsche Greis das Fahren aufgibt, muss es schon noch mehr als nur "ein paar" Tote geben.
Und solange man Kohle damit verdienen kann, ist es doch OK - 'wir' verkaufen ja auch Waffen in alle Welt und - hey! - zivile Opfer kann doch es immer mal geben.


Montag, 18. Juni 2012

ru History 39: Krüger (1986)

bit.ly/KvMw9L 
1986 war ich mit Kumpel Michael auf Lanzarote.
Et war herrlich! Die Sonne knallte, wir knallten uns von morgens bis zum späten Nachmittag in die Sonne und Abends zogen wir um die Häuser und ließen die Korken knallen - wir waren 19 und das waren die 80er.
Eines Tages stolperten wir über ein Zigaretten-Kuriosum, eine Schachtel Krüger (Bild). Keine Ahnung, warum die auf den Kanaren Kippen verkaufen, die Krüger heißen.
Mein Vater hatte während meiner Kindheit auf unseren Spanien-Urlauben gerne Celtas (Bild) und UN-X-2 (Bild) geraucht (sprich "U-En-Ekis-Dos"). Auch hatte ich schon einen spanischen Klempner gesehen, der ganz fachgerecht Mechánicos (Bild) rauchte. Wir waren jung, also waren wir Experimenten durchaus aufgeschlossen! Also erwarben wir eine Schachtel Krüger (sprich: "Krucher").
Der Tabak in diesen filterlosen Dingern war so schwarz wie Teerpappe und arg grob geschnitten. Beim Versuch des ersten Zuges hatte man das Gefühl, es ramme einem jemand ein Stück Stahlwolle in den Schlund. Inhalieren über diesen Punkt hinaus war gar nicht möglich, es sei denn, man hätte ad hoc eine Rauchvergiftung provozieren wollen! Roth Händle "ohne" (Bild) oder Schwarzer Krauser waren Gesundheitsprodukte dagegen! Fasziniert und angewidert schmissen wir die Teile weg. Die Schachtel steckten wir ein - als Scherzartikel für zu Hause.
Eines schönen Urlaubsabends auf der Terrasse des Bungalows, der Bacardi-Cola floss in Strömen, die 1,25 l-Flasche Bacardi war schon bedenklich leer, da gingen auch noch unsere Duty-Free-Marlboros zur Neige. Aber - hihi - wir hatten ja noch Krüger! Und hey! - *paff-paff* - hihi! - so schlimm waren die gar nicht. *kicher*
Der Abend wurde dann noch lustiger, die Kippen haben wir weggedampft.
Am Morgen weckte mich ein lautes, zweistimmiges, ganz und gar schreckliches Fiepen und Rasseln - das Geräusch unserer verschleimten Krüger-Lungen.
Wir hörten uns an wie Freddy Krueger (nach dem Brand) - aha!
Eigentlich wären wir in diesem Augenblick reif für Thomas Manns Lungensanatorium "Zauberberg" gewesen.
Nur unsere Jugend rettete uns über das Schlimmste hinweg.


Donnerstag, 26. April 2012

ru History 36 - Super-GAU (1986)

http://bit.ly/An5HCe 
Heute vor 26 Jahren.
"Die Katastrophe von Tschernobyl (auch: Super-GAU von Tschernobyl) ereignete sich am [Samstag, den] 26. April 1986 im Kernkraftwerk Tschernobyl nahe der Stadt Prypjat, Ukrainische Sowjetrepublik, als Folge einer Kernschmelze und Explosion im Kernreaktor Tschernobyl Block 4. Sie gilt als die schwerste nukleare Havarie und als eine der schlimmsten Umweltkatastrophen aller Zeiten." (Link)

1986, das war das Jahr 9 vor Internet.
Das gabs für Hans & Franz nämlich erst ab ca. 1995.
Also, wie immer, wenn von "damals" die Rede ist: Et gab ja nix!
Kein Twitter, kein Facebook, kein SPON, kein Wikipedia!
Die Leute hatten ja nicht einmal Handys - geschweige denn Geigerzähler.
Die Informationen, die man bekam, waren widersprüchlich und verwirrend, allerlei Einheiten wie Bequerel, Curie, Sievert etc. (Link) verschleierten mehr, als dass sie aufklärten. Also saß man vor der Glotze oder schaute in die Zeitung. Bei uns zu Hause gab es leider nur die "Bergische Morgenpost". Die "BM" liest Queen Mom bizarrerweise noch heute, natürlich "wegen der 'besseren' Todesanzeigen" - im Vergleich zum Konkurrenzblatt "Remscheider Generalanzeiger" ("RGA")...

Grenzwerte für Spinat und allerlei Gemüse wurden ausgegeben.
Pilze und Wild galten plötzlich als zu belastet, um noch "Nahrung" genannt zu werden. Wir als Familie stellten daraufhin für immer das Pilzesuchen ein, Stockschwämmchen und Hallimasch: ade!
Wildpilze sind noch heute belastet, über ein Vierteljahrhundert später (Link).

In der Schule war der Super-GAU natürlich Top-Thema.
Das war ja alles sehr verstörend.
Da wird man als "Kind der 80er" während des Kalten Krieges mit der absoluten Gewissheit groß, eines Tages in einem Atomkrieg zu sterben - und dann das! Der unsichtbare Fallout erzeugte so eine Art "The Day After"-Light-Stimmung - der Film war drei Jahre zuvor im Kino gelaufen.

Am Tage des größten Fallouts, es war der erste schöne, warme Tag des Jahres, saß ich mit meinem damaligen Schulfreund Frank auf der Terrasse seines Elternhauses. Wir trugen unsere Ray-Ban(!)-Sonnenbrillen und strahlten in den wundervollen, blauen Himmel zurück, anstatt uns im Haus zu verschanzen.
19-jährige Jungs können überraschend  □ trotzig / □ hirnrissig sein (Zutreffendes bitte ankreuzen).

Ich war in Jahrgangsstufe 12 des Radevormwalder Gymnasiums "THG", mein Erdkunde-LK-Lehrer hieß Blocksiepen. Aus aktuellem Anlass hatten wir am Dienstag, den 29. April 1986 eine Doppelstunde lang nur über die Havarie gesprochen.
Am Ende der Stunde sagte Blocksiepen: "Ich nehme einen Geigerzähler aus der Physik mit nach Hause. Wenn die Strahlenbelastung zu hoch sein sollte, dann komme ich nicht!"
Schön!
Am Mittwoch fehlte Blocksiepen, ebenso den Rest der Woche.
Das fühlte sich gefährlich an!
Die Woche drauf fehlte er weiterhin.
DAS fühlte sich wirklich VERDAMMT gefährlich an!!!
In der dritten Woche tauchte Freund Sonne wieder auf und behauptete, eine Grippe gehabt zu haben.
Sicher, sicher.


Mittwoch, 2. November 2011

ru24 History 27/Automobiles 15: Eine wichtige Lektion (1986)

http://bit.ly/uGS65N
Anno 1986 schrieb ich etwa acht Bewerbungen, um eine Lehrstelle zu bekommen.
Ich bekam eine.
Heute werden alle sagen: "BOAH!!! NUR ACHT???"
Leute, Leute, Leute!
Ich sag nur "2-8-0": Schreibt mal im Zweifingersuchsystem acht Bewerbungen auf einer mechanischen Schreibmaschine mit Zero Tolerance. Wenn ihr einen Tippfehler in Zeile 30, 20 oder zehn macht, heißt es: Neu machen, Trottel! Also, um es mal so auszudrücken: Wenn man den Aufwand hochrechnet, dann waren das so ganz circa 113,4 heutiger PC-Bewerbungen.
OK, also, ich bekam eine kaufmännische Lehrstelle bei einem Ford-Händler.
Cool war: Schon ein halbes Jahr später fuhr ich einen gebrauchten, haselbraunmetallicfarbenen Opel Kadett D.
Nicht so cool war: die Lehrstelle.
Meine Pausen verbrachte ich im Pausenraum zusammen mit den rustikalen Gesellen aus der Schrauberwerkstatt.
Das macht hart, glaubt mir.
Eines Tages teilte ich ihnen eine Beobachtung mit: "Jungs. Keiner von euch fährt Ford. Alles Opel und Japaner. Wie kommt das eigentlich?"
"Komm mit!!!", brüllte einer.
Die verölten Gestalten und ich sprangen auf wie ein Mann, Butterbrotdosen voller Graubrot-mit-Bierwurst-Stullen schlitterten zur Seite, Kaffee mit Fettaugen schwappte, wir hasteten die Treppe hinauf in die Halle.
Auf einer noch nicht hochgefahrenen Hebebühne stand ein recht neuer Ford Escort Baujahr 1985.
"Mach ma de Fahrertür auf un zu!", befahl einer der Schrauber.
Ich tat wie mir geheißen.
Tür auf.
Tür zu.
Die Gesellen blickten mich triumphierend an.
Einer drückte einen Knopf, der Wagen fuhr auf der Hebebühne genau so weit in die Höhe, dass die Räder so gerade den Boden nicht mehr berührten.
"So. Getz nochma!", sagte er.
Die Tür war wie verschlossen.
Der Schrauber nickte im Triumph.
"Pass ma auf! Ne Karre, die sich so verzieht, die fahren wir nich, klar?"
Thema durch.
Tage danach fuhr ich zu Opel und schaute dort auf den Angestellten-Parkplatz.
Bei Opel fuhren sie Ford, Japaner und BMW.
Aha!

Wenn man sich mit etwas sehr gut auskennt, dann kennt man damit auch all seine Fehler. Allerlei konkurrierende Produkte, über die man weniger weiß, müssen demzufolge besser sein, als dieser Schrott.
Ein Trugschluß.
Elegant zusammengeschnurrt lautet das: Woanders ist auch scheiße*.

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*) Das ist universell anwendbar auf nahezu ALLES: Hardware, Software, soziale Netzwerke, Jobs, Baumärkte, Krankenkassen etc., etc. - und manche sagen, sogar auf Beziehungen.

Freitag, 15. Januar 2010

Restaurantkritik 2 - Auf dass Dunkelheit mich umfange


Schwarz
Originally uploaded by thomasreinke2
In Köln (dito Berlin & Hamburg) gibt es ein Dunkelrestaurant, die "Unsicht-Bar" (Link).
"Ein Erlebnis der besonderen Art", heißt es da.
Zu vier Freunden reservierten wir im Oktober 2009 Plätze für Januar 2010 - vorher war kein Tisch zu bekommen.
"Was die Dunkelheit erfährt, wird das Licht nie sehen" -
jaja, sicher, sicher.
Wir kamen im hinreichend beleuchteten Foyer des Restaurants an, wählten "blind" unsere Speisen: Man bekommt nur gesagt, dass das Menü "mit Huhn" oder "mit Lamm" etc. ist, der Rest ist, naja, eine kulinarische Überraschung.
Wir hängen unsere Mäntel auf Haken, legen alles Leuchtende ab und gehen zu einer Schleuse, wo wir von einem der blinden Kellner (Sebastian) begrüßt werden. Der führt die Gruppe via Polonaise durch eine absolute Finsternis zu ihren Plätzen. Unterwegs berühre ich irgendwelche Menschen und diverses Mobiliar. Unbeholfen plumpse ich auf meinen Stuhl. Ich ertaste mir mein Tischset, die Position von Messer, Gabel und Löffel, meine Sitznachbarin.
Gespräche insgesamt fallen schwer. Man spricht einfach in den Raum hinein, kann nonverbale Reaktionen nicht einmal erahnen. Gestik, Mimik und Blicke sind nicht das Mittel der Wahl. Auch kann man sich nicht abendfüllend über die wabernde Finsternis, die man vor Augen hat, unterhalten.
Dann kommt die Vorspeise.
Der Salat zeigt sich unbeeindruckt von meinem Gestocher, es zeitigt einfach keine Wirkung. Die Gabelzinken schmecken ein bissi nach Essig & Öl. Messer & Gabel fallen somit flach. Man sieht ja nix. Mit dem Esslöffel in der Rechten und mit den tastenden Fingern der Linken machte ich mich an mein Essen.
Ich hatte im Grunde seit meiner Babyzeit nichts mehr gegessen, was ich nicht vorher sehen konnte, ich musste an die Kühlschrank-Szene aus "9 1/2 Wochen" denken - aus dem Jahre 1986 (*staun*) mit Mickey Rourke und Kim Basinger.
Kapernäpfel sind auf jeden Fall ein schockierendes Erlebnis.
Gefüllte Minipaprikas auch.
Serranoschinken mit seiner ultimativen salzigen Labbrigkeit erst recht!
Dann umfängt die Gruppe wieder die etwas schweigsame Stille der Finsternis, während an den anderen Tischen - an wie vielen auch immer - ganze Gruppen etwas zu laut und zu fröhlich miteinander scherzen.
"Durch den freiwilligen Verzicht auf den Sehsinn werden die anderen Sinne in hohem Maße sensibilisiert und intensiviert. Sie werden sich ohne visuelle Signale orientieren und dabei ein Menü erlesener Qualität genießen können."
Hmmm.
Das Hauptgericht schmeckt sehr gut! Ich löffle mein Lammfilet, froh, dass mich dabei niemand sieht. Der Teller ist übersichtlich gefüllt, was man natürlich auch nicht sehen kann. Erst ganz zum Schluß bemerke ich, dass ich den Teller überhaupt falsch eingeschätzt und immer einen mondsichelförmigen Bereich rechts ausgespart habe. Hier gibt es noch ein undefinierbares Gemüse zu finden.
Ratespiel: "Was the f*** ist das?" - meine Sitznachbarin fütterte alle mit auf die Gabel aufgespießten gurkigen Scheibchen, eine Herausforderung, die alle insgesamt fünf Minuten in Atem hält - niemand möchte sich ein Auge ausstechen (lassen), es wird ja später wieder gebraucht. Niemand kommt dahinter, was das für ein Gemüse sein soll.
Wasserkastanie? Schierling? Knetmasse?
Danach: Gespräche über die Konsistenzen des Essens.
Nachtisch: das Eis fand ich schon nach 5 Minuten, nachdem ich etwas hilflos in den heißen Pflaumen herumgerührt hatte.
"Sie werden in der unsicht-Bar nicht Reduktion und Verzicht, sondern eine bewusste Bereicherung der Sinne erfahren."
Geht so.
Eher nö.
Doch: Als ich wieder draußen war, an der Kasse stand, und für mich alleine für das Menü plus ein (1) Mineralwasser 46,00 EUR bezahlt habe, umfing mich kurz und heftig tatsächlich Dunkelheit! Welch eine Bereicherung für die Sinne!

Fazit: Weil man nix sieht, ist ein Dunkelrestaurant theoretisch recht günstig mit grottenhässlichen Flohmarkt-Restposten von 70er-Jahre-Geschirr, psychedelischen Tischdecken, Papierservietten mit Osterdeko, Sperrmüllmobiliar und einer Schar Blinder zu betreiben, die das alles am Laufen halten - und das alles bei sensationell niedriger Stromrechnung und fulminanter Preisgestaltung.
Der Onkel macht bloß Spaß.
Aber ich glaube trotzdem nicht, dass einer von uns Vieren noch einmal da hingeht.

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