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Dienstag, 1. November 2022

Things we lost (in the fire) - Teil 17: Brunsviga

Quelle: Wikipedia

Im Bureau (nur in frz. Schreibweise) meines Urgroßvaters (mütterlicherseits) F. W. Fieseler gab es einen massiven Eichenschreibtisch und dazu passenden Rollschrank. Technisch ausgestattet war es mit einer mechanischen Index-Schreibmaschine AEG Mignon No. 4 (YouTube), mit der man mit einem Zeiger auf einem Buchstabenbrett zeigen musste, welcher Buchstabe getippt werden sollte. Auch gab es eine Brunsviga A-Rechenmaschine mit Glöckchen (Lexikon). Diese wurde damals beworben mit dem Slogan „Gehirn von Stahl“ und über Vertreter verkauft wie heutzutage Vorwerk-Artikel. Später bekam das Bureau noch einen schwarzen Bakelit-Fernsprecher dazu, Rufnummer 309 — mehr Technik geht ja kaum!

Alle diese wunderbaren Artefakte aus einer anderen Zeit existierten noch, als ich Kind war und mit der Schreibmaschine und auch mit der robusten Rechenmaschine ließ sich bei Oma trefflich spielen, etwas einstellen, wo herumdrücken und herumkurbeln geht ja bei Kindern immer. Später erbte ich das Telefon und auch das massive Rechenwunder und es stand als Ausstellungsstück bei uns im Wohnzimmerschrank.

Nun sind sie leider fort — Adieu!


Inhaltsverzeichnis der gesamten Serie


Samstag, 29. Oktober 2022

Things we lost (in the fire) - Teil 14: Omas Zuckerdose

So in der Art, zumindest schon mal ähnlich

Als Kind war ich oft bei der Oma (mütterlicherseits). Die war Jahrgang 1902, hatte eine „höhere Töchterschule“ besucht und mit dem Henriette Davidis-Kochbuch kochen gelernt, da damals Dr. Oetker noch in einer Apotheke in Bielefeld herumdokterte. Einmal erzählte mir Oma, wie betroffen sie als zehnjähriges Kind der Untergang der Titanic gemacht habe, eine Art 9/11 ihrer Zeit. Bei Oma und Opa zu Hause gab es als Hintergrundgeräusche das Ticken der Wanduhr und das stete, gleichförmige Bullern des Ölofens. Es war immer so heiß, dass man hätte "Affen großziehen können" (Zitat Queen Mom). Nebenan, in der winzigen, schlauchförmigen Küche stapfte und glitt meine Großmutter auf ihren Pantoffeln hin und her und klapperte mit verbeulten Aluminium-Topfdeckeln. Mein Platz war an der Breitseite des Tisches in der Stube mit Blick auf das Fenster. Draußen gab es allerdings nichts zu sehen, denn das Fenster wurde ausgefüllt von der völlig uninteressanten Fassade des Nachbarhauses. Aus diesem Grund schaute ich oft in der Stube umher. Auf einem Regalbrett in über 2.00 m Höhe stand neben anderen dekorativen Keramikdosen eine weiße, keramische Zuckerdose mit passendem, dicken, oben glatten gedrehten Holzdeckel aus den 50er-Jahren. Die zylindrische Dose war bedruckt war sie mit einem breiten Band bestehend aus einem folkloristischen Muster, welches abwechselnd Männlein und Weiblein mit Hut darstellte, dazwischen war es abstrakt floral. Die Farben waren dunkelgrün, dunkelbraun und ein dunkles Lila. Mein Blick blieb immer wieder an dieser Dose haften, sie gehörte wie Oma an diesen Ort. Nachdem meine Oma gestorben war, ging sie in den Besitz von Tante Waltraud (TW) über und als diese von uns ging, erbte ich diese Dose.

Von allen Dingen, die ich besaß, war sie vielleicht der einzige Gegenstand, der es geschafft hatte, sogar in mein Genom eingewoben zu werden. Sie stand für ungezählte Kindheits-Nachmittage mit Oma und die vielen Male, die ich, die wir TW besucht haben. Es gab sie schon seit vor der Mondlandung, sie hatte mich seit den späten 60er-Jahren durch alle Zeiten begleitet.

In unserer Küche war sie zum ersten Mal als Zuckerdose in Benutzung. Ich habe sie behandelt wie ein Fabergé-Ei. Doch jedes Mal, wenn ich sie benutzte, dann strömte aus ihr eine Behaglichkeit vergangener überheizter Nachmittage bei Uhrenticken und Aludeckelgeklapper.

Was soll ich sagen? Was für ein Verlust.


P.S.: Erste intensive Recherchen gehen in Richtung der schwedischen Firma JIE Gantofta und der Designerin Anita Nylund. Ich werde hartnäckig bleiben.


Inhaltsverzeichnis der gesamten Serie


Donnerstag, 2. Juni 2016

Es war ein langer Weg

Originalfoto
Wenn meine Omma, Jahrgang 1902, für ihren Enkel (moi) Schokopudding machen wollte, dann verrührte sie noch 1980 Speisestärke ("Mondamin", Betonung auf der ersten Silbe) und entfettetes van Houten-Kakaopulver und Vanille-Zucker (= Zucker, in dem seit Monaten zwei echte Vanillestangen stecken), gab das ganze in kochende Vollmilch und rührte noch eine Weile weiter, das Ganze aufkochend (Rezept). Der Pudding wurde köstlich und aus heutiger Sicht vielleicht völlig überraschend kam de Omma ohne die Farbstoffe E102, E104 und E110 aus.

Dr. Oetker, der schon seit 1891 sehr erfolgreich Backpulver zu 10 Pfennig je Tütchen verkaufte, übernahm auch die Pudding-Sparte und bereits zwei Generationen später wusste kaum noch ein Mensch, dass man Pudding auch ohne Dr. Oetker-Tütchen herstellen kann. Flankiert wurden Dr. August Oetkers Bemühungen von Julius Maggi und Carl Heinrich Theodor Knorr. Ihnen gemeinsam gelang es, die deutsche Küche von Grund auf zu revolutionieren: Zu Beginn des dritten Jahrtausends ist kaum noch jemand in der Lage, Rührei, Bratkartoffeln, Spaghetti Bolognese und Gulasch zu kochen bzw. Brot, Pfannekuchen und Marmorkuchen zu backen, ohne die Additive der Lebensmittelindustrie dazuzukippen.
Verhaltenen Applaus dafür!

400 Artikel (Link) bietet mittlerweile allein der Doktor an. Und es ist für alle was dabei: Das Backpulver für die Omi gibt es immer noch, und für die mental völlig Verrotteten der fünften Dr.-Oe-Generation gibt es im TK "Our Original Pizzaburger", Geschmacksrichtung "Hot Dog" (Bild oben).

178 Jahre Knorr, 126 Jahre Maggi, 125 Jahre Dr. Oetker: Es war ein langer Weg, aber ihr seid ihn gegangen.

Ausblick auf kommende Sensationen: Dr. Oetkers "Our Original Wan-Tan-Burger", Geschmacksrichtung Crème brûlée, "Maggi Fix für Schinkenbrote mit Gürkchen", "Knorr Fix für Spiegelei" und im praktischen Tetrapak "Knorr Fix für 1l kochendes Wasser".
Da geht noch was.


Samstag, 7. April 2012

Bubble-Tea

http://bit.ly/I9GYir
Eines der Highlights meiner Kindheit in den 80ern war der Slush-Puppie-Stand auf dem Marktplatz in Radevormwald. In einen Becher gestoßenes Eis gab es einen schrillbunten Sirup dazu, das Ganze wurde durch einen dicken Strohhalm genuckelt. Danach war die Zunge blau, rot, grün, gelb. Ich nahm immer das Grüne.
Ha! SO fühlte sich die Moderne an!
Seltsamerweise weiß ich nicht mehr, wonach das Zeug eigentlich geschmeckt hat. Ich denke, es ging ohnehin vordergründig um die Farbe, nicht um den Geschmack. Ich tippe aber mal auf "Waldmeister", eine Geschmacksrichtung, die, wenn man sie denn wieder populär machen wollte, als "evil master of the woods" verkaufen müsste.
Den Slush-Puppie-Stand im Rader Stadtzentrum gibt es schon ewig nicht mehr.

Dafür eröffnen jetzt allerorten Bubble-Tea-Läden.
Bubble-Tea ist ein Milchshake mit Tee und Alginat-Kugeln, die man durch dicke Strohhalme nuckelt.
In Berlin kann man keine 15 Schritte mehr machen, ohne an einem solchen Laden vorbei zu kommen (Link). Jetzt haben die Bubble-Tea-Läden sogar bis in die bergische Provinz nach Wuppertal hinein metastasiert und somit meine Aufmerksamkeitsschwelle überschritten.
Also gut!
De Omma hatte damals immer eine sumpfdotterblumengelbe Packung Sidroga "Blasen- und Nierentee" herumstehen. Das aufgebrühte Teegetränk schmeckte irgendwo zwischen "Irx!" und "Argh!", aber es ging so gerade noch herunter. Ein trendiges Modegetränk wäre das nimmer geworden, selbst nicht auf Englisch ("evil bladder- and kindney-tea").
Aber mit Ommas Blasentee hat der Bubble-Tea wohl wenig bis kaum etwas zu tun...

In Wuppertal-Elberfeld gibts am Neumarkt jetzt gleich zweimal die Möglichkeit, Bubble-Tea zu genießen. Ein Bubble-Tea-Marktstand und ein Bubble-Tea-Laden - keine 100 Meter voneinander entfernt - ringen um Bubble-Kundschaft. Das muss echt unheimlich rocken!
Abgesehen davon, dass die Plempe nichts enthält, was ein Körper braucht (Link), er pro Liter bis zu 2.000 kcal enthält (Link), man neben den Farb- und Geschmacksstoffen noch weitere, unerfreulichere Chemikalien darin finden kann (Link) und die Kügelchen von Kleinkindern eingeatmet werden können (Link), scheint der Tee TOTAL GESUND zu sein (Herstellerseite) - surprise!
Muahaha!
Ja dann!
Kopfüber in die Moderne: Ich werde mir mal einen reinziehen.
Einen Grünen.


Mehr lesen: (hier)


Montag, 19. April 2010

ru24 History 14: Omas 71. Geburtstag (1973)


2009_05_29
Originally uploaded by thatblog
Sonntag, 26. August 1973: Oma ist an ihrer Geburtstagsfeier hypernervös, denn normalerweise lebt sie ja sehr zurückgezogen. Dabei muss sie gar nichts machen, den Job erledigt ja komplett ihre Tochter Waltraud. Die Erdbeer-, Stachelbeer- und Marmorkuchen sind gebacken, die Sahne ist geschlagen, der Tisch im Wohnzimmer ist gedeckt.
Das Wohnzimmer ist im wahrsten Sinne des Wortes die "gute Stube". Die Mitte des Raumes nimmt ein Mahagonitisch ein, dazu sechs passende Stühle. Der Tisch ist jetzt mit einer schweren Damast-Tischdecke bedeckt und mit 50er-Jahre-Porzellan mit zartem floralem Dekor eingedeckt. Würfelzuckerbehälter mit Silberzange. Milchkännchen. Porzellankaffeekannen mit einem Schwämmchen unterhalb der Tülle zum Auffangen von Rest-Tröpfchen. Das ganze Programm.
Die Gäste trudeln ein, mit ihnen Wolken aus 4711, Birkin Haarwasser, Uralt Lavendel und Mottenkugeln. Onkel Karl und Tante Adele erscheinen zeitgleich mit Onkel Franz und Tante Henny. Die greisen Gäste tragen schwere Wollkleidung in schwarz und grau und übergroße Jaruzelski-Hornbrillen und Hüte. Tante Henny finde ich wegen ihrer Hörgeräte total spannend. Meine Eltern, beide Mitte 40, erscheinen, haben meinen Bruder dabei, er ist eineinhalb und der Star der Veranstaltung.
Opa taucht auf. Ohne seinen verschlissenen Kittel, in Anzug und Weste, sieht er fremdartig aus. Es schellt wieder, Onkel Karl und Tante Käthe erscheinen. Noch mehr weiße Haare, noch mehr Hornbrillen. An der übervollen Garderobe hängen jetzt etwa 30 kg Mäntel, obwohl es Sommer ist.
Oma legt nochmal an Nervosität zu, sie sitzt am Kopf des Tisches. ihr Lid zuckt. Sie trägt ein formloses, schwarzes Kleid. Tante Waltraud ist ein hin und her huschendes Schemen, sie kocht Kaffee, brüht ihn in der Küche manuell auf. Kuchenstücke werden verteilt mit zierlichen, silberschnörkeligen Kuchenhebern. Die Sahne die Tante Waltraud produziert hat, ist so fest, dass sie sich kaum vom silbernen Löffel mit Schnörkelrosengriff löst und auf dem Kuchen mit einem satten Whopp! aufschlägt. Ich habe außerhalb dieser Realität niemals vergleichbare Sahne gesehen und gegessen.
Opa, stoisch und fast taub, ist so alt wie das Jahrhundert, er lächelt in die Menge, meint es aber nicht so.
Tante Waltraud holt Kaffe, wieder und wieder. Wenn sie sitzt, dann auf einem gepolsterten Hocker, so dass sie jederzeit aufspringen kann.
Mein Vater scherzt aus der Mottenkiste, es kommt sehr gut an. Mutter kichert dies begleitend ein wenig zu aufgesetzt.
Alte Leute lachen über 60 Jahre alte Geschichten.
Meine Eltern sind hier "die jungen Leute".
Mein kleiner Bruder, auf jemandes Schoß, brabbelt vor sich hin.
Onkel Franz der Unsympath, angeheiratet, ein ehemaliger Bahnbeamter, sabbelt irgendetwas Missgünstiges, seine Mundwinkel weisen wie immer nach unten. Seine Gattin Tante Henny regelt endlich etwas an ihren beiden Hörgeräten, so dass es pfeift.
Das ist der Moment, auf den ich gewartet habe! Toll! Wie das schrillt! Aber leider gehen die wirklich großen Augenblicke einer Kindheit immer viel zu schnell vorbei!
Ich schaue mich im alten Wohnzimmer um und warte darauf, dass das schrille Pfeifkonzert wieder losgeht. Wenn man mit dem Fingernagel an die dünne Silberschale stößt, klingt der Ton ganz lange nach. Mit den Mini-Wäscheklammern, die die Servietten gehalten haben, kann man auch ganz passabel spielen.
Nach für mich endlosen Stunden ist alles vorbei.
In dem kleinen Flur ist Gewusel, die Herren helfen den Damen oldschool in die Mäntel, auch Onkel Franz, er hält Tante Henny den Mantel hin und sagt: "Da, du blöde Kuh!"
Henny, die nichts gehört hat, bedankt sich freundlich lächelnd.
Die Erwachsenen schauen sich stumm an.
Ich staune.
Darf der das?

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Montag, 12. April 2010

ru24 History 12 - Mein Opa schläft* (1974)


Broken Gears
Originally uploaded by autowitch
[Hierbei handelt es sich um die Fortsetzung des vorhergehenden Blogbeitrags]

Während Oma nun den Abwasch machte - es hörte sich an, als würden von Schurkenstaaten unterseeische Atomtests durchgeführt - stand Opa auf und ging nach seinem zermalmten Mahl aufs Klo.
Ich wüsste nicht, dass er jemals schon nach 20 Minuten zurück gewesen wäre.
In seiner Abwesenheit entspannte sich Oma etwas.
Ich bekam einen Apfelsaft und für diese kurze Zeitspanne waren sogar normale Gespräche möglich. Irgendwie war es nun heller im Raum - und natürlich wärmer.
Dann kam er zurück.
In der Ecke stand seine "Duckelrolle", mit der kam er zurück zum Tisch und stellte sie vor sich hin auf die Tischplatte. Hierbei handelte es sich um ein graues, dickes, zylindrisches Kissen - gerade so als habe man versucht, einen Elefanten-Unterschenkel nachzubilden. Mein Großvater setzte sich in Position und legte die Stirn darauf. Ich musste jetzt nicht zu leise sein, denn Opa hörte ziemlich schlecht - wenn er wollte.
Kurzum war er eingenickt.
Der Siebenjährige mit dem Saft ihm gegenüber rückte leise den Stuhl etwas nach links, so dass er das Gesicht des Großvaters sehen konnte. Bald bildete sich ein klarer Tropfen an Opas Nase, wuchs langsam, reifte, brach auf wunderbare Arte und Weise das Licht - mehr wie Glycerin als Wasser, zitterte, dann fiel er auf den Tisch. Bald darauf erschien der nächste Tropfen, dann die Großmutter, die mit dem Abtrocknen und der Küche fertig war. Sie setzte sich an die Schmalseite des Tisches auf ihren Stuhl und legte die kurzen, dicken Beine auf einen Hocker.
Bald döste sie ein.
Ich trank meinen Apfelsaft, beobachtete die stetig fallenden Tropfen. Der Raum war erfüllt vom einschläfernden Bullern des Ölofens, dem Ticken der Wanduhr, dem gleichmäßigen Atmen und dem Geräusch von Haarnadeln, die sich aus Omas Haarknoten ("Knüsken") lösten und auf dem ochsenblutfarbenen Linoleumboden fielen, teilweise meterweit fortschlitterten.
Nach etwa 25 Tropfen erwachte mein Großvater und damit auch die Großmutter.
Er nahm sein Kissen mit zur Ecke, zog den Kittel an, die Kappe auf und schlurfte wieder zurück in seinen Betrieb.
Oma und ich atmeten auf.

An einem dieser Nachmittage erzählte Oma mir, wie erschütternd es für sie als 10-Jährige gewesen war zu erfahren, dass im April 1912 die Titanic gesunken war.



*) Nicht zu verwechseln mit dem in 1986 bei Jugend Forscht eingereichten Kurzfilm "Mein Opa schläft" (93 Minuten, Farbe, Mono) von M. Klingelhöfer, in dessen Höhepunkt (ab Minute 89) der schlafende Großvater mimisch versucht, eine Fliege (vermutl. Calliphora vicina) aus seinem Gesicht zu vertreiben.

Sonntag, 11. April 2010

ru24 History 11 - Mein Opa isst (1974)

Als Kind war ich oft bei der Oma (Jg. 1902).
Ich saß am Tisch in der Stube mit einem Buch für erste Leseversuche. Als Hintergrundgeräusch gab es das Ticken einer Wanduhr und das stete, gleichförmige Bullern des Ölofens. Es war so heiß, dass man hätte Affen großziehen können. Aus irgendwelchen Gründen hatten Oma und ich bereits gegessen. Sie rannte nebenan in der winzigen, schlauchförmigen Küche hin und her und lärmte mit ihren verbeulten Aluminium-Topfdeckeln. Opa (Jg. 1900) unterhielt im angrenzenden Gebäude einen kleinen, unfassbar veralteten Betrieb, in dem er herumknösterte, obwohl er schon Mitte 70 war. Dies war ein Ort, der angefüllt war mit Geistermaschinen und Maschinengeistern, ein rostiges, spinnenwebiges und staubiges Imperium der Schatten, antik in jedem seiner glanzlosen Details.
Um 13.00 Uhr hörte man unten im Gebäude eine Tür schwer ins Schloss fallen. Großmutter drehte dann mit der hektischen Betriebsamkeit noch einmal auf. Im nahen Treppenhaus hörte man beständige, schlurfende Schritte näherkommen, näher und näher - tapp, schlurf, tapp, schlurf - ein wenig wie in Gruselfilmen, die ich damals aber noch nicht kannte. Irgendwann ging knarrend die Tür auf und Großvater himself betrat den Raum.
Seine Aura war die eines Großinquisitors.
Die Raumtemperatur sank um 7 Grad.
»Mahlzeit!«, sagte er und meinte es auch so.
Es roch ganz intensiv nach Tuppix-Handwaschpaste aus der grünen Tube mit dem roten Schraubverschluss. Er hängte seine Schiebermütze an den Haken, seinen grauen, hundertfach geflickten Arbeitskittel befestigte er darunter. Jetzt konnte ich sein »Gott-mit-uns«-Koppelschloss sehen, das man ihm Anno 45 beim Volkssturm zur Wehrmachts-Uniform spendiert hatte. Er trug dieses Ding seit 30 Jahren als Gürtel, allerdings keinesfalls aus politischer Überzeugung, sondern »weil es noch gut war«.
Wortlos setzte sich Opa hinter den Tisch, legte die Hände flach auf die Tischplatte und wartete. Oma hastete heran und brachte einen Teller Kartoffeln mit Gemüse und eine Gabel. Der Großvater betete lautlos und griff zur uralten Silbergabel. Das Besteckteil war so alt wie die Großeltern selbst. Es war völlig abgegessen, sodass die Zinken ungleich lang waren – wie die Finger einer Hand.
Das ihm gegenüber sitzende, siebenjährige Kind, das beizeiten gelernt hatte, dass man »nicht mit seinem Essen spielt«, beobachtete fasziniert das nun nachfolgende Schauspiel: Er nahm die Gabel zur Hand und begann, die Kartoffeln zu zerstampfen. Er machte dies mit absolut gleichförmigen, langsamen Bewegungen. Er drehte den Teller um 180°, zerstampfte nun das Gemüse. Dann begann er, den Teller um jeweils 30° zu drehen und hob stampfenderweise das Gemüse unter die Kartoffeln. Binnen fünf Minuten zerquetschte, zermalmte er dieses sein Essen zu einer absolut gleichförmigen, pastösen Masse. Nun ebnete er die Pampe ein, verteilte sie gleichmäßig auf dem Teller. Er drehte die Gabel herum, sodass die Zinken nach unten wiesen. Nun zog er mit dem Besteckteil horizontale, parallele Linien in sein Essen, fein ordentlich von oben nach unten, bis alles vollständig liniert war. Dann drehte er den Teller um 90° - aus der Lineatur wurden nun Karos gemacht.
Sein Essen war nun noch etwa geschätzte zwei Grad wärmer als Zimmer-Temperatur.
Zuletzt drehte er die Gabel wieder in der Hand und nahm damit eine Fläche von 4 x 9 Karos auf, führte sie zu Mund. Er kaute jeden seiner 36-Karo-Bissen endlos, gelassen und stupide zugleich. Zuletzt schabte er mit schrecklichem Gequietsche die letzten Reste der Mahlzeit auf dem Steingut-Teller zusammen, aß sie und legte die Gabel hin.
Oma materialisierte am Tisch, den Teller abzuräumen.
»War lecker. Wat war dat?«, fragte Opa.

Zur Fortsetzung [hier klicken].

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