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Montag, 8. August 2016

eigene Todesart voraussehen

photo credit: time bomb via photopin (license)


In der Akte-X-Folge "Der Hellseher" (S03E04) taucht als "Monster of the week" der Vertreter von Lebensversicherungen Clyde Bruckman auf, der die Todesart anderer Menschen voraussehen kann. Aber das scheint ja eher die Ausnahme zu sein...
Meine etwas verrückte Nenn-Tante Marianne fürchtete sich zeitlebens davor, "eines Tages einmal unterirdisch zu ertrinken", ein Running Gag auf den Parties der 80er meiner Eltern. Sie beendete ihr Dasein übrigens völlig unspektakulär. Machen wir uns nichts vor: Leute sind wirklich mies im "eigene Todesart vorausahnen", und wer hätte das gedacht: weltweit werden jährlich nur fünf (also 5,0) Leute von Haien gefressen (Link), dafür erstickten allein in Deutschland bei der Büroarbeit über 300 Angestellte im Jahr an Kugelschreiber-Teilen (Quelle) -- auf diese ihre Todesart wäre sicherlich noch am Morgen keiner der 300 gekommen, ich wusste bis gerade gar nicht, dass "Kugelschreiber-Clip-Verschluckung" eine anerkannte Todesursache ist.

Nun haben psychisch und/oder vom sog. "IS" beeinträchtigte Klein-Schwachmaten Anschläge in Deutschland verübt. Das Risiko, in Deutschland ein Opfer eines islamistischen Terroranschlages zu werden, ist nun also von "quasi Null" auf "verschwindend gering" angestiegen. KRAISCH!!! Doch die Deutschen, weiterhin Voll-Looser im eigene-Todesart-voraussehen, sorgen sich -- "man hört ja schließlich so viel". Kann man "in diesen Zeiten" überhaupt noch das Haus verlassen? Kann man sich noch zu einer Massenveranstaltung wie dem grenzdebilen Oktoberfest wagen? Die ARD erklärt die Welt (Youtube): Es sei wahrscheinlicher, an seinem Essen zu ersticken, als Opfer eines Terroranschlags zu werden, nach dem Motto: Wie unwahrscheinlich ist das denn, du Opfer?

Die seit dem Jahr 2000 Geborenen haben eine 50%-ige Wahrscheinlichkeit, über 100 Jahre alt zu werden. Da wird die Moderne für einige sehr wenige durchaus spannende Todesarten bereithalten, wie "nicht angeschnallt im Hyperloop" oder "Sauerstoffmangel auf dem Mars". Tatsächlich aber werden so gut wie alle heute lebenden Menschen in Deutschland an den statistisch für sie vorgesehen Todesursachen sterben -- und da fallen so ein paar IS-Spackofatzen absolut nicht ins Gewicht -- Nullinger.


Externer Link:
Mehr Amerikaner durch Kleinkinder erschossen, als durch Terror getötet: (Link)


Mittwoch, 28. November 2012

ru History 41: Kohle verdienen (1986)

http://goo.gl/Ik5CK 
1986 war ich also noch in der kaufmännischen Ausbildung bei einem Ford-Händler (Blogbeitrag).
Eines Tages schleppte eine alte Frau, die sich kaum selbst auf den Beinen halten konnte, ihren noch viel gebrechlicheren Gatten in die Austellunghalle. Der Ehemann litt unter einer Art Schüttellähmung, war halb blind und Ende 80. Mein Ausbilder, eine Art aufgeschwemmter Mr. Burns, begann auf der Stelle, sich dämonisch die Hände zu reiben. Seine Pupillen verformten sich in Dollarzeichen. Wieselflink scharwenzelte er in die Halle, um ohne Verzug mit dem Verkaufsgespräch zu beginnen.
90 Minuten später war der Kaufvertrag unter Dach und Fach. Der Vertrag ging weder über eine Krankentrage oder über einen Rollstuhl, weit gefehlt! Es sollte ein Ford Scorpio Ghia mit 110 KW/150 PS sein, sicher, sicher. Der Wagen musste wegen der Sitzhöhenverstellung bestellt werden, damit der greise Fahrer überhaupt übers Lenkrad schauen konnte. Beim Leisten der Unterschrift musste der alte Mann mit der Linken seine Schreibhand festhalten.
Als die Gattin ihn hinausgeschleppt hatte, fragte ich meinen Ausbilder, was er denn denke, wie lange das wohl gut gehen sollte. Er zuckte nur verzückt mit den Schultern, kalkulierte bereits mit in die Ferne gerichteten Blick etwaige Folgeaufträge durch, die kaum auf sich warten lassen würden.
Nach einer Weile wurde der Wagen geliefert, fertiggemacht und abgeholt. Opi und Omi tuckerten mit 22 km/h vom Hof, der fette Mr. Burns blinzelte dem Wagen begeistert hinterher, rieb sich die Hände.
Es dauerte wirklich nur drei Wochen.
Der Scorpio Ghia war Totalschaden. Was aus etwaigen Unfallbeteiligten geworden ist, habe ich leider nicht erfahren. Mein Ausbilder nahm sich mit Dollarblick sofort der Alten an, konnte aber leider nur noch einen Fiesta mit Zusatzpaket "Fahrersitzhöhenverstellung" an den verwirrten Tattergreis bringen, was für eine Niederlage!

Klar: Bevor der Deutsche Greis das Fahren aufgibt, muss es schon noch mehr als nur "ein paar" Tote geben.
Und solange man Kohle damit verdienen kann, ist es doch OK - 'wir' verkaufen ja auch Waffen in alle Welt und - hey! - zivile Opfer kann doch es immer mal geben.


Montag, 8. Oktober 2012

SONDERSENDUNG

goo.gl/Ee1dS 
Sobald (aus Sicht der Medien) etwas Weltbewegendes passiert, verschieben sich im Fernsehen alle nachfolgenden Sendungen oder entfallen. Denn dann heißt es: Sondersendung!

Nehmen wir als Beispiel den fiktiven Absturz mit Explosion einer Boeing 777 kurz nach dem Start vom Pariser Flughafen Roissy-Charles de Gaulle.

Diedeli-ditt-di-diditt!!!
SONDERSENDUNG!
Dödel-di-dii---daaa!!!

Das Problem: So kurz nach einem Unglück weiß nie-nie-niemand auch nur irgendetwas. Rettungskräfte, Polizei, Flughafen, Fluggesellschaft, Luftaufsicht, Hersteller des Flugzeugs - niemand findet auch nur seinen Arsch. Man watet in schwerer Montur durch die Trümmer, atmet durch fette Masken, spricht in fremden Zungen (besonders krass: französisch), aber für Fernsehmacher sind das doch nur Marginalien!

goo.gl/khgzh 
1) Der Nachrichtensprecher von ZDF/ARD berichtet zu den 19.00 Uhr/20.00 Uhr-Nachrichten mit Grabesstimme von dem Unglück, bei dem eine bislang unbekannte Anzahl an Menschen hoch wahrscheinlich ums Leben gekommen ist. Die Boeing 777 sei auf dem Weg nach Venezuela gewesen. Ob auch Deutsche an Bord waren, könne man zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen. Alle nachfolgenden Sendungen der nächsten Stunden entfallen aufgrund der aktuellen, tragischen Ereignisse und werden durch Sondersendungen ersetzt.
2) Nach den Nachrichten schaltet man in ein Sondersendungs-Studio. Von hier aus berichten eine übermäßig geschminkte Blondine und ein dazu passender Ken mit Grabesstimme von dem Unglück, bei dem eine bislang unbekannte Anzahl an Menschen hoch wahrscheinlich ums Leben gekommen ist. Ob auch Deutsche an Bord waren, könne man zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen.
3) Man schaltet ins rasch improvisierte Pariser Studio zu Jacques Lemarchal, dem frischen Franzosen. Monsieur Lemarchal erklärt mit starkem Akzent, dass man über die Ursachen des Unglücks zu diesem frühen Zeitpunkt rein gar nichts wisse. Über die Anzahl der Todesopfer könne man ebenso noch nichts sagen. Ob auch Deutsche unter den Opfern seien, wisse man zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
4) Zu Lemarchals rechter Seite taucht, in schwere Ausrüstug gehüllt, ein rußverschmierter Herr auf, dieser wird als Lieutnant Renouard, Leiter der Rettungskräfte vorgestellt. Lemarchal murmelt etwas, der Lieutnant legt los. Im Strom seiner Äußerungen sind hoch-farbige Ausdrücke wie "putain de merde", "ordur", "personne idiote" überreichlich enthalten. Lemarchal übersetzt glattzüngig, dass man über die Ursachen des Unglücks zu diesem frühen Zeitpunkt rein gar nichts wisse. Über die Anzahl der Todesopfer wisse man auch noch nichts. Ob auch Deutsche unter den Opfern seien, könne man zu diesem Zeitpunkt wirklich noch nicht sagen.
5) Rasch schaltet man in ein arg spärliches Sonder-Sondersendungs-Studio, das nach "Chaos-Computer-Club, Keller, 1982" aussieht, wo ein merkwürdig frisierter Nerd ("Luftfahrtexperte" - zwinker, zwinker) namens Karl-Ullrich Siebenschläfer-Rasmussen erklärt, dass die Boeing 777 auch als Triple Seven bezeichnet wird und ein zweistrahliges Großraum-Langstreckenflugzeug  für 300 bis 550 Passagiere ist. Sie sei das größte zweistrahlige Verkehrsflugzeug der Welt. Mit Stand Juli 2012 seien 1.030 von 1.379 bestellten Flugzeugen dieses Typs ausgeliefert worden. Seit Einführung in den Liniendienst im Jahre 1995 habe es bis heute nur einen Totalverlust einer Boeing 777 gegeben, allerdings keinen mit Todesfolge. Usw. usf.
Der Kerl hört sich an, als lese er aus Wikipedia ab... (Quelle: Wikipedia)
6) Man schaltet zurück ins Sondersendungs-Studio von ARD/ZDF wo Barbie und Ken sich Kai-Uwe Sprenger, den Pressesprecher der Deutschen Luftaufsicht hinzugeholt haben. Herr Sprenger erklärt, dass man über die Ursachen des Unglücks zu diesem frühen Zeitpunkt rein gar nichts wisse. Über die Anzahl der Todesopfer sei ebenso wenig bekannt. Ob auch Deutsche unter den Opfern seien, könne man zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht sagen. Barbie und Ken nicken ernst bei jeder Äußerung und kleben an seinen Lippen, als hörten sie das alles zum ersten Mal.
7) bis 39) So geht das quasi weiter ad infinitum bis mindestens 23.20 Uhr. Zuschauer, die bislang noch nicht eingenickt sind von der großen, fast schon fraktal zu nennenden Selbstähnlichkeit aller Beiträge, erfahren nichts aber auch gar nichts Neues, sehen die immergleichen Bilder, hören das immergleiche Gestammel.
Das ist schon hart an der Desinformation.


goo.gl/o5Myr 
Drei Wochen später:
Auf einer Pressekonferenz in Paris erfährt die Welt endlich die relevanten Informationen:
  • Zwei Stunden vor Absturz der Maschine sei aus dem "Parc zoologique de Paris" der 13 kg schwere Krauskopfpelikan "Pepe" entflogen.
  • Das Triebwerk der Boeing 777 des Fluges 1234 nach Venezuela, ein Rolls-Royce Trent der 800er-Serie, hatte den sehr großen Vogel aufgesaugt, überhitzt und war explodiert.
  • Man spricht von einer "Verkettung unglücklicher Zufälle".
  • Den für das Tier zuständigen, natürlich drogensüchtigen Tierpfleger Bruno "Malade" Leroc (32) habe man bereits verhaftet, ihm droht minimum Verbannung auf eine Milzbrandinsel.
  • Ganz Frankreich trauert um Pepe, den Pelikan. Zwölf Schulen werden landesweit nach Pepe umbenannt, man sammelt Geld zur Errichtung eines Gedenkmonuments im Herzen von Paris.
  • Live hinzugeschaltet wird der Direktor Dumont der Schule "Lycée du pélican Pepe" aus Montpellier.
  • Der Sprecher des Triebwerksherstellers Rolls Royce beteuert, dass man die Ansaugvorrichtung der Turbinen der 800er-Serie pelikansicher nachbessern werde.
  • Unter den insgesamt 223 Opfern des Fluges waren auch 3 Deutsche, die aber in Deutschland niemand kannte oder vermisste, weil sie allesamt aus Bielefeld (Link) stammten.