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Samstag, 14. Mai 2016

ru24 History: Mein schönster ESC

photo credit: Imagination via photopin (license)
Mit im Fernsehen gezeigtem Sport kann man mich quälen. Es gibt kaum etwas Lähmenderes als eine Sportübertragung: Fußball, Formel 1, Wintersport. Einzig Golf und Curling finde ich sehr entspannend, aber das möchte wie immer niemand mit mir schauen.

Auch extrem quälend ist der jährlich stattfindende European [JUH-rOH--PI-ÖNN] Song Contest (ESC), der früher mal Grand Prix d'Eurovision de la chanson hieß -- die alte Nuschelmuschel läßt grüßen. Wird man im Freundeskreis zu solch einer Veranstaltung eingeladen, man möchte (und sollte) reflexartig den Abend anderweitig verplanen. Fremdschämen war mir noch nie ein Vergnügen, vielmehr leide ich ununterbrochen mit, wenn bizarre Pailetten-Olgas die singende Säge geben, derweil eine jedes Maß vermissen lassende Lightshow versucht, optisch über das Schlimmste hinwegzutäuschen.
Irgendwann nach gefühlten 67 Beiträgen (in den 80ern waren das mal 15, oder?) ist fast alles überstanden, das Gejaule ist erst einmal verstummt, der Rauch hat sich verzogen, das Blitzen und Blinken konnte auf ein Minimum heruntergedreht werden. Aber dann kommen die Jury-Ergebnisse auf die gepeinigten Ohren: Benelux mauschelt untereinander, die ehemaligen Ostblockstaaten mauscheln untereinander, Türkei gibt Griechenland Null Punkte, Griechenland gibt der Türkei Null Punkte, während uns Griechenland und der halbe Ostblock dizzt usw. (interaktive Grafik). Das das mit Musik nichts zu tun hat, das hatte ich schon mitbekommen, ich bin ja nicht taub. Aber dann noch so ein prä-pubertäres Herumgepunkte im Putin- und Erdogan-Style, das ist ein nicht zu unterschätzendes Zusatz-Ärgernis!
Deutschland bekommt entweder ungerechterweise kaum Punkte, ungerechtfertigterweise gar keine Punkte oder gewinnt total überraschend, dazwischen gibt es nichts. Zum Schluß wird die übermenschliche Geduld des Zuschauers damit bestraft, dass man den sog. Siegersong (u.U. Finnland mit "Lötköpötkö") noch einmal hören muss -- brrr!

Meinen schönsten Grand Prix habe ich um die Jahrtausendwende bei einem damaligen schwulen Freund verbracht. Der hatte um die 20 Leute geladen und denen Wochen zuvor Länderfähnchen zugelost. Zu diesem Land musste man dann etwas fürs Büffet beisteuern. Das sich dort aufbäumende internationale Büffet war echt die Wucht in Tüten und tröstete über vieles hinweg -- mein Tipp für den ESC 2017.


Sonntag, 26. April 2015

ru History 54: Aufzucht und Pflege von Kindern im Bergischen Land (70er / 80er)

Originalfoto


Essen & Trinken

Kaum konnte ich zum Ende der Sechzigerjahre feste Nahrung zu mir nehmen, bekam ich Gemüse und Kartoffeln zu essen. Manchmal auch Kartoffeln mit Gemüse. Bereits mit drei brüllte ich wie aus der Spielzeugpistole geschossen: "SPINAT UND MÖHREN!!!", wenn mich jemand fragte, was ich zu Hause zu essen bekommen hatte. Die Antwort stimmte aber hoch wahrscheinlich nur zu 50%.
Großgezogen wurde ich mit Schnippelbohnen, Kohl, Möhren, Grünkohl, Wirsing, Rübstiel, Rüben, Sauerkraut und Zucchini -- allesamt mit Kartoffeln gestampft. Ausnahmsweise (aber auch nicht immer) ungestampft gab es Blumenkohl, Rosenkohl, Kohlrabi und Spinat. Zum Essen dazu gab es geräucherte Bratwurst, DAS Grundnahrungsmittel des Bergischen Landes.
Noch heute stehe ich Mahlzeiten, die ungleich "Eintopf" sind, eher skeptisch gegenüber.
Mein Bruder, der Anfang der Siebzigerjahre das Licht der Welt erblickte, war eher ein "Nudelkind". Er hat sehr gelitten.

Freizeit (indoor)
LEGO ging immer. Und LEGO.
Anders als heute war ausufernder Fernsehkonsum in den 70ern und 80ern noch nicht schädlich für Kinder: es zählte tatsächlich nur, dass die Erwachsenen die Kinder "vonne Füße" hatten. Weil es nur drei Programme ARD, ZDF, WDR gab, habe ich vorsichtshalber einfach ALLES geschaut: Augsburger Puppenkiste, Barbapapa, Black Beauty, Bonanza, Captain Future, Catweazle, Das Haus am Eaton Place, Die dreibeinigen Herrscher, Enterprise, Fünf Freunde, Hart aber herzlich, Lemmy und die Schmöker, Pan Tau, Rappelkiste, Rauchende Colts, Raumschiff Enterprise, Thimm Thaler, Trickfilmzeit mit Adelheid, Trio mit vier Fäusten, Die Strandpiraten, Wickie, die Wombels.
Die später angeschaffte Atari-Konsole 2600 (Bild) war eine harte Konkurrenz für das TV, allen voran Pac-Man, Space Invaders und Dig Dug -- hell yeah!

Freizeit (outdoor)
Anders als heute war es in den 70ern und 80ern keinesfalls lebensgefährlich für Kinder, in Wald, Feld & Stadt herumzustromern, es zählte tatsächlich nur, dass die Erwachsenen die Kinder "vonne Füße" hatten. Ausgestattet lediglich mit einer Tetanus-Schutzimpfung und einem Immunsystem zogen wir um die Häuser. Bandenbildung war möglich, ebenso Fußballturniere, Kreidespiele auf sporadisch befahrenen Straßen und das Herumwühlen in Altmetallcontainern. Auch Sandkasten und Garten boten sich an. Abends mit Einbruch der Dämmerung kehrte man dann heim, manchmal so dreckig, dass die Eltern in schallendes Gelächter ausbrachen, wenn sie unserer ansichtig wurden. Wir sahen wohl oft aus aus wie der von einer Staubwolke umgebene Pig Pen von den Peanuts.

Schule
Anders als heute war in den 70ern und 80ern ein Schulweg für Kinder keinesfalls schädlich.
Die Grundschule Stadt lag zuerst "umme Ecke", die Lindenbaumschule einen Kilometer entfernt, Realschule und Gymnasium waren zwei Kilometer weit weg. Die meisten Kinder, wie auch wir, gingen zu Fuß zur Schule, erst einmal, weil die Familien seinerzeit i.d.R. nur ein Auto hatten und de Vatter damit bei de Arbeit war -- und weil "gesunder Menschenverstand" damals noch keine Superkraft darstellte. (Blogbeitrag)
Wer in einer Kleinstadt wie Radevormwald zur Schule geht, realisiert vielleicht erst mit Erreichen der Volljährigkeit, dass ungefähr 60% aller Lehrer in die Provinz strafversetzte Vögel waren. Entsprechend farbig waren ihre Charaktere, Marotten und vor allem die Lehrmeinungen. (Blogbeiträge Grundschule: Link, Blogbeiträge Realschule: Link,)
Die Schule war spätestens um eins aus, dann trollten sich hunderte Schüler zu Fuß und mit dem Rad gen zu Hause, wo ebenso viele Eintöpfe bereits dampften. Nur wenige, dem industriellen Hochadel zugehörige, wurden mit dem Auto abgeholt.

Hausaufgaben
Anders als heute mussten Kinder in den 70ern und 80ern ihre Hausaufgaben zu Hause machen.
Eigentlich hatten wir immer welche auf. "Zu Hause" indes war nicht der ideale Ort, diese zu erledigen. Queen Mom, die ständig überlegte, welche Arbeiten und Aufgaben sie an Familienmitglieder outsourcen könnte, störte es auch nicht sonderlich, dass das Kind mit Schularbeiten beschäftigt war. Schließlich gab es immer etwas zu tun: Abwasch, Abtrocknen, Spülmaschine ausräumen, etwas zu Tante bringen oder von da abholen, Hof fegen usw. usf. Setzte man sich nach getaner Arbeit wieder an seine Arbeit, dann hatte man mit Glück eine halbe Stunde Zeit bis zur nächsten Aufgabe.
Wenn es gar zu viel wurde, packte ich meinen Kram und verzog mich mit meinen Schulsachen in die Stadtbücherei. Dort saß ich dann mit dem intensiven Gefühl, dass etwas arg schief lief.

Urlaub
Anders als heute war das Passivrauchen im Auto in den 70ern und 80ern für Kinder völlig unschädlich. Wenn wir also während sehr langer Autofahrten kotzen wie die Reiher, lag das gemäß unserer Mutter ausschließlich daran, dass wir während der Fahrt nicht nach vorne auf die Straße schauten. Derweil unser Vater also fuhr und dabei tapfer 60 Camel Filters in toxischen Qualm verwandelte, wachte Queen Mom, die selbst im Vakuum noch "Zug bekommen" hätte, währenddessen eifersüchtig darüber, dass nirgends ein Fenster auch nur einen Spalt weit geöffnet war. Manchmal hätten wir Kinder ja sogar gerne nach vorne gesehen, aber der Qualm im Wagen ließ das nicht immer zu.
Wenigstens mussten wir uns hinten bis in die 80er hinein nicht anschnallen.
Am Urlaubsort angekommen war all das schnell vergessen, wir wurden einmalig mit der sehr starken Sonnencreme (Lichtschutzfaktor 6) eingerieben, dann ging's mit dem Schüppchen zum Strand. Dort stauten wir dann tagelang Rinnsale auf, die Richtung Meer flossen, nichtsahnend, dass es sich hier um ungeklärte Hotelabwässer handelte, was auch schon mal zu Ganzkörperausschlag führen konnte.


Sonntag, 29. Juni 2014

"Nothing to fear but fear itself" (Franklin D. Roosevelt)

flickr-Bildlink

Der Bürger an sich ist ja eigentlich schon schwindelig genug, fährt zur Arbeit von Pontius nach Pilatus, Abends von der Arbeit zum Pilates. Kochen, Kinder, Kneipe, Freunde, Facebook, zwischendurch im Job mehr leisten, mehr Sport treiben. Bio einkaufen, den Bälgern Nachhilfe geben, mit dem verflohten Flokati zum Tierarzt, dann Gassi und nach Hause. Bis die Blagen im Bett sind, ist es fast elf und die Hütte sieht aus wie Sau. Die meisten Menschen haben in diesem Augenblick nicht mehr die Muße, sich jetzt noch sechs Stunden lang durch die Bleiwüste einer Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu wälzen. Die überaus differenzierten Berichte zur Lage der Nation zu lesen und vor allem zu verinnerlichen. Stattdessen sitzen sie, mattgepaukt von des Tages Knechtungen, vor der Glotze und ziehen sich zu Bier & Chips Schrott rein, den ihnen eine zu stark geschminkte, sog. "Journalistin" (Muhaha!) vorsülzt. Hier wird nach erprobtem amerikanischen Vorbild die Angst des Bürgers gezeugt und geboren, ihm eingetrichtert, wenn er am wehrlosesten ist.
Klappt!


Es ist die Angst davor, von asylsuchenden Fremden überrannt zu werden, vor dem Islam allgemein, vor E10-Sprit, vor Killerbienen, vor neuen Allergenen, Jobverlust, Russland, multiresistenten Keimen in öffentlichen Verkehrsmitteln und Islamisten. Es ist die Sorge vor der zu erwartenden Winz-Rente (die uns alle zu Obdachlosen machen wird), NSA, Ärztepfusch, wieder Jobverlust (aber aus anderen Gründen), Gift im Trinkwasser, Inflation und Deflation und den Pollen neu eingeschleppter Pflanzen. Es wird Furcht in die Köpfe gesät vor Meteoriten, Chlorhühnchen, Aluminium im Deo, Genmais, Veränderungen allgemein, neuen Stromtrassen – die Liste ist endlos – gut für die, für die Angst ein Riesengeschäft ist.
Aber was wäre der Bürger denn ohne diffuse Ängste? Ohne diese Ängste würde er ja viel weniger konsumieren. Das geht ja gar nicht!

Siehe z.B. den GAU in dem japanischen AKW Fukushima: Ein paar Stunden nach der Meldung waren in den deutschen Apotheken die Jod-Tabletten ausverkauft (Blogbeitrag). Und E10 hat sich drei Jahre nach Einführung 2011 auch noch nicht so recht durchgesetzt (Blogbeitrag). Die ängstlichen Herrschaften tanken nach entsprechender Berichterstattung lieber weiterhin spei-teures Shell Super Plus Racing Mango Chutney (Blogbeitrag), infizieren sich aber im banken-finanzierten Auto immerhin nicht mit Bus-Killerkeimen. Gegen das Gift im Trinkwasser hilft es, Sprudelkisten zu schleppen, gegen den Rentenschock kann man schon jetzt so allerlei ansparen und gegen sich verteuernden Strom kann man sich Solarzellen aufs Dach pappen. Um das alles bezahlen zu können, kann man man ja (ebenso nach amerikanischem Vorbild) einen Vielzahl "günstiger" Kredite aufnehmen, das machen ja alle so. Die Sparkasse bietet mittlerweile an, alle Darlehen, die man hat, zu einem Einzigen zusammenzufassen - damit man noch klar kommt. Das nennt sich "Kreditoptimierung" und kostet natürlich extra.
"Alles was du hast, hat irgendwann dich", heißt es in Fight Club.
Es wurde selten wahrer gesprochen.

Der Angstbürger kann jetzt zu den horrenden monatlichen Zahlungen nicht auch noch Veränderungen im Wohnumfeld ertragen (Blogbeitrag). Er kann ja nicht mehr weg, das Haus muss er schließlich bis 2045 abbezahlen. Atomkraftwerke & Atommüll-Endlager in nächster Nachbarschaft gehen aus nahe liegenden Gründen nicht, aber Windkraftanlagen oder neue Stromtrassen zum Transport der Energien aus Windkraftanlagen gehen widersinnigerweise aber auch "irgendwie" nicht! Da bricht der Angstbürger nämlich aus seiner Angststarre aus und wird zum Wutbürger aka Mitmachbürger. Hey! Wenn man sich ja sonst nix mehr leisten kann: Protestieren geht immer! Und ständig ist ja was: Die Mächte der Finsternis wollen bauen, bauen, bauen: einen Golfplatz, Windkraftanlagen, einen Jugendknast, einen IKEA, eine Forensik, um nur die großen Nöte der Wuppertaler Bürger zu benennen. In Grimma konnten die Wutbürger immerhin schon erste Erfolge erzielen: Rechtzeitig vor dem Jahrhunderthochwasser konnte der Bau einer Hochwasserschutzmauer verhindert werden! Glückwunsch an Grimmas Wutbürger, sie sind komplett abgesoffen. Die Schuld tragen natürlich die Anderen (Focus-Artikel).

Drittes Jahrtausend - hey! - die Energiewende rollt an, die Offshore-Windparks könnten bald Energie in alle Teile der Republik liefern, doch ach! Erstmal muss eine neue Nord-Süd-Trasse für Strom her, die sog. „Suedlink“-Stromtrasse. Und plötzlich sind wieder tausende Bürger auf der Straße, wollen mit allen Mitteln verhindern, dass diese Stromleitung bei ihnen auch nur am Horizont entlang gebaut wird! Man hört ja so viel, man muss an die Zukunft der Kinder denken! (Na, wer hat da wohl zu viel ferngesehen und sich von übertrieben geschminkten Nachrichten-Medusen mit diffusen Ängsten aufladen lassen?)
„Mögliche gesundheitliche Auswirkungen bewegen die Menschen besonders“, greift Landrat Spieker Sorgen von Bürgerinnen und Bürgern auf. Daher plant der Landrat gemeinsam mit dem heimischen Bundestagsabgeordneten Christian Haase eine zentrale Informationsveranstaltung im Kreisgebiet, die gesundheitliche Fragestellungen zu der geplanten Gleichstromverbindung zum Thema hat. (Quelle)
"Mögliche (...) Auswirkungen (...) bewegen die Menschen": Genau. Keinen Plan von nix aber auf diffusen Verdacht hin mal Randale machen und ne Bürgerinitiative raushauen, so sind se, unsere Wutbürger!

Jetzt mal in echt: Direkt unter einer Hochstromtrasse wollte ich auch nicht leben. Aber, lieber Gott, man kann sich doch informieren. Das ist doch keine Alien-Technologie oder ein Geheimprojekt der US-Regierung! Dann recherchiert man mal in diesem Internet und findet ganz schnell heraus (Hände weg von Eso-Seiten, Indiz: Werbung für Orgon-Strahler), dass 200 m Abstand zu einer Hochspannungsleitung reichen (Quelle). Jetzt könnte man das mal einfach nicht glauben und nimmt forsch das Fünffache an, also 1.000 m. Auch gut! Aber das war's doch jetzt, oder? Herrgott, da muss man doch nicht extra an einem Mittwochabend zu einer "zentralen Informationsveranstaltung im Kreisgebiet" gehen. Es sei denn, sie bieten lecker Schnittchen und O-Saft an.

Fazit:
Leute, Leute, Leute! Wenn euch jemand Angst macht, dann doch nur, weil mit dieser Angst Milliarden umgesetzt werden. Ihr seid das Melkvieh der Nation, vergesst das nicht. Und sie tun alles, damit ihr die Milchquote übererfüllt. Aber ihr könnt euch schützen. Lasst einfach die Glotze aus. Ich sehe seit dem 12. September 2001 nicht mehr fern (schaue aber gerne noch Serien von DVD und von Festplatte). Fast dreizehn Jahre später habe ich meine Momente, an denen ich weder Angst vor "möglichen Auswirkungen" noch irgendeinen Konsumwunsch hege.
Yay!!!
Diesen paradiesischen Zustand werde ich nicht mehr hergeben.
(You have) "Nothing to fear but fear itself" (Franklin D. Roosevelt)

Und lasst endlich diesem lärmenden Bürgermitmachquatsch, das ist sowas von peinlich!

Hier ein paar Tipps und ein weiterführender Link zum fernsehfreien Leben (Blogbeitrag).


Freitag, 13. Dezember 2013

TV-Serie: CRIMINAL MAINZ

Kent Police Crime Scene by kenjonbro
Kent Police Crime Scene, a photo by kenjonbro on Flickr.

Die Serie um die hessischen Profi-Profiler "CRIMINAL MAINZ" läuft bereits in der 9. Staffel (186 Folgen). Grund genug, für mich als Nicht-TV-Glotzer, mich mal mit der Materie zu beschäftigen.
Also: Eine Elitegruppe aus hessischen Profi-Profilern versucht die aller-allergefährlichsten kriminellen Köpfe der hessischen Landeshauptstadt geistig zu durchdringen, sodass sie den Übeltätern immer einen Schritt voraus sind und kommende Taten vereiteln.
So weit die Theorie.
Denn leider bietet die gesamte Landeshauptstadt, selbst wenn man Rüsselsheim, Wiesbaden und Nieder-Olm mit einbezieht, nur 0,17 kriminelle Superhirne pro Dekade.
Die Aufgaben der hochbezahlten Profi-Profiler sind deshalb..., nun, vielschichtig. Mal geht es um einen herrenlosen Hund, mal um einen stehengelassenen Koffer am Hauptbahnhof oder einen brennenden Briefkasten in der Altstadt.
Da das keine der IQ-Bestien der Elitetruppe ausfüllt, sind die Ermittler dazu übergegangen, sich gegenseitig heimlich hochexotische Gifte in den Frühlingsquark zu rühren, Bomben mit komplexen Zündern an den Bürostuhl des Kollegen zu heften oder heimlich den Aktenvernichter zu frisieren, sodass er zur Todesfalle wird. Hier zeigen sich nach und nach die wahren kriminellen Genies! Diese Serie ist einzigartig: Sie zeigt, was passiert, wenn elf hochbegabte Teil-Autisten beginnen, jeder nach seinem Fachgebiet, einen unterschwelligen, niemals vordergründigen Kampf jeder gegen jeden zu führen, wie schon der Vorspann zeigt:

Spezialsonderermittler (SSE) Holm "Hook" Vierschröter betritt das mit Science-Fiction-Technologie vollgestellte Großraumbüro. Auf dem Weg zu seinem separaten Chef-Kabuff zieht er den Haken, der nach der Detonation einer Briefbombe seine Hand ersetzt, grausam quietschend an einer Reihe Metallschränke entlang - ein Running Gag. Das weckt die Kollegen, die die Nacht hier verbracht haben: Spengstoffspezialistin SSE Sonja Wrangel (von ihr war die Briefbombe) und Strahlenspezialist SSE Ursus Major. Nach und nach trudeln die anderen ein, zuletzt der scheue Praktikant, der immer nur eine Folge lang durchhält.

Und Abends, nach einem langen Tag voller Hochpannung, sitzen alle in der Weinstube Lösch in der Jakobsbergstraße und verschlingen lachend und scherzend Meenzer Handkäs mit Musik oder Fleischworscht. Passend zum Essen werden natürlich ausschließlich Weine aus den regionalen Anbaugebieten Rheinhessen, Rheingau und Pfalz gereicht.
Und während der Nachspann läuft, verklappen sie kichernd die Überreste des Praktikanten im Rhein.


P.S.: Ich glaube, ich würde diese Serie wirklich mögen.


Sonntag, 6. Januar 2013

Der gruselige Dr. Best

http://goo.gl/zwgs2 
Vor 1988 gab et ja nix, nich mal ungefährliche Zahnbüsten! Viele Menschen litten bereits seit Jahrzehnten unter Zahnbürsten, die buchstäblich Zähne und Zahnfleisch meuchelten! Gottseidank brachte die Marke "Dr. Best" in 1988 eine Zahnbürste mit einem "federnden Hals und einen Zweikomponenten-Aufbau (gummierter Bereich im Bürstengriff)" auf den Markt - hurra! (Quelle)
Die Werbeagentur Grey fand dann dazu auch noch das passende Werbemaskottchen. Nachdem man vermutlich drei Dutzend unbezahlte Praktikanten sechs Wochen lang mehrere Tonnen internationaler Branchenbücher hatte durchblättern lassen (et gab ja nix anderes damals), entdeckte man den Chicagoer Zahnmediziner Dr. Earl James Best. Der ahnte zwar nix von der Existenz federnder Zahnbürsten, hatte spontan aber wohl auch nix dagegen, sein arg bescheidenes Zahnarzt-Salär ein bissi aufzubessern und unterschrieb.
Dr. Best hatte eine Kopfform wie Bert aus der Sesamstraße. Während sein Schnurrbart und die Augenbrauen dunkelgrau waren, trug der Doc sein Haupthaar weiß (Bild). Von nun an waberte Dr. Earl James Best vollsynchronisiert durchs deutsche Fernsehen. Sein Hauptjob bestand darin, direkt in die Kamera zu starren und dabei federnde Zahnbürsten an Tomaten zu drücken. Später starrte er direkt in die Kamera und schrubbte dabei grobes Salz aus irgendwelchen Rillen.

Ich fand Dr. Best immer gruselig. Dieser stechende, blaue Blick! Dazu das schmale, arg zurückhaltende Lächeln, bei dem die immer etwas zu weit aufgerissenen Augen niemals mitlächelten! Das alles erinnerte mich wohl zu sehr an die unethischen Ärzte, zu denen mich meine Eltern in den 70ern als Kind immer geschleppt hatten (Blogbeitrag).
Brrr!


Montag, 8. Oktober 2012

SONDERSENDUNG

goo.gl/Ee1dS 
Sobald (aus Sicht der Medien) etwas Weltbewegendes passiert, verschieben sich im Fernsehen alle nachfolgenden Sendungen oder entfallen. Denn dann heißt es: Sondersendung!

Nehmen wir als Beispiel den fiktiven Absturz mit Explosion einer Boeing 777 kurz nach dem Start vom Pariser Flughafen Roissy-Charles de Gaulle.

Diedeli-ditt-di-diditt!!!
SONDERSENDUNG!
Dödel-di-dii---daaa!!!

Das Problem: So kurz nach einem Unglück weiß nie-nie-niemand auch nur irgendetwas. Rettungskräfte, Polizei, Flughafen, Fluggesellschaft, Luftaufsicht, Hersteller des Flugzeugs - niemand findet auch nur seinen Arsch. Man watet in schwerer Montur durch die Trümmer, atmet durch fette Masken, spricht in fremden Zungen (besonders krass: französisch), aber für Fernsehmacher sind das doch nur Marginalien!

goo.gl/khgzh 
1) Der Nachrichtensprecher von ZDF/ARD berichtet zu den 19.00 Uhr/20.00 Uhr-Nachrichten mit Grabesstimme von dem Unglück, bei dem eine bislang unbekannte Anzahl an Menschen hoch wahrscheinlich ums Leben gekommen ist. Die Boeing 777 sei auf dem Weg nach Venezuela gewesen. Ob auch Deutsche an Bord waren, könne man zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen. Alle nachfolgenden Sendungen der nächsten Stunden entfallen aufgrund der aktuellen, tragischen Ereignisse und werden durch Sondersendungen ersetzt.
2) Nach den Nachrichten schaltet man in ein Sondersendungs-Studio. Von hier aus berichten eine übermäßig geschminkte Blondine und ein dazu passender Ken mit Grabesstimme von dem Unglück, bei dem eine bislang unbekannte Anzahl an Menschen hoch wahrscheinlich ums Leben gekommen ist. Ob auch Deutsche an Bord waren, könne man zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen.
3) Man schaltet ins rasch improvisierte Pariser Studio zu Jacques Lemarchal, dem frischen Franzosen. Monsieur Lemarchal erklärt mit starkem Akzent, dass man über die Ursachen des Unglücks zu diesem frühen Zeitpunkt rein gar nichts wisse. Über die Anzahl der Todesopfer könne man ebenso noch nichts sagen. Ob auch Deutsche unter den Opfern seien, wisse man zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
4) Zu Lemarchals rechter Seite taucht, in schwere Ausrüstug gehüllt, ein rußverschmierter Herr auf, dieser wird als Lieutnant Renouard, Leiter der Rettungskräfte vorgestellt. Lemarchal murmelt etwas, der Lieutnant legt los. Im Strom seiner Äußerungen sind hoch-farbige Ausdrücke wie "putain de merde", "ordur", "personne idiote" überreichlich enthalten. Lemarchal übersetzt glattzüngig, dass man über die Ursachen des Unglücks zu diesem frühen Zeitpunkt rein gar nichts wisse. Über die Anzahl der Todesopfer wisse man auch noch nichts. Ob auch Deutsche unter den Opfern seien, könne man zu diesem Zeitpunkt wirklich noch nicht sagen.
5) Rasch schaltet man in ein arg spärliches Sonder-Sondersendungs-Studio, das nach "Chaos-Computer-Club, Keller, 1982" aussieht, wo ein merkwürdig frisierter Nerd ("Luftfahrtexperte" - zwinker, zwinker) namens Karl-Ullrich Siebenschläfer-Rasmussen erklärt, dass die Boeing 777 auch als Triple Seven bezeichnet wird und ein zweistrahliges Großraum-Langstreckenflugzeug  für 300 bis 550 Passagiere ist. Sie sei das größte zweistrahlige Verkehrsflugzeug der Welt. Mit Stand Juli 2012 seien 1.030 von 1.379 bestellten Flugzeugen dieses Typs ausgeliefert worden. Seit Einführung in den Liniendienst im Jahre 1995 habe es bis heute nur einen Totalverlust einer Boeing 777 gegeben, allerdings keinen mit Todesfolge. Usw. usf.
Der Kerl hört sich an, als lese er aus Wikipedia ab... (Quelle: Wikipedia)
6) Man schaltet zurück ins Sondersendungs-Studio von ARD/ZDF wo Barbie und Ken sich Kai-Uwe Sprenger, den Pressesprecher der Deutschen Luftaufsicht hinzugeholt haben. Herr Sprenger erklärt, dass man über die Ursachen des Unglücks zu diesem frühen Zeitpunkt rein gar nichts wisse. Über die Anzahl der Todesopfer sei ebenso wenig bekannt. Ob auch Deutsche unter den Opfern seien, könne man zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht sagen. Barbie und Ken nicken ernst bei jeder Äußerung und kleben an seinen Lippen, als hörten sie das alles zum ersten Mal.
7) bis 39) So geht das quasi weiter ad infinitum bis mindestens 23.20 Uhr. Zuschauer, die bislang noch nicht eingenickt sind von der großen, fast schon fraktal zu nennenden Selbstähnlichkeit aller Beiträge, erfahren nichts aber auch gar nichts Neues, sehen die immergleichen Bilder, hören das immergleiche Gestammel.
Das ist schon hart an der Desinformation.


goo.gl/o5Myr 
Drei Wochen später:
Auf einer Pressekonferenz in Paris erfährt die Welt endlich die relevanten Informationen:
  • Zwei Stunden vor Absturz der Maschine sei aus dem "Parc zoologique de Paris" der 13 kg schwere Krauskopfpelikan "Pepe" entflogen.
  • Das Triebwerk der Boeing 777 des Fluges 1234 nach Venezuela, ein Rolls-Royce Trent der 800er-Serie, hatte den sehr großen Vogel aufgesaugt, überhitzt und war explodiert.
  • Man spricht von einer "Verkettung unglücklicher Zufälle".
  • Den für das Tier zuständigen, natürlich drogensüchtigen Tierpfleger Bruno "Malade" Leroc (32) habe man bereits verhaftet, ihm droht minimum Verbannung auf eine Milzbrandinsel.
  • Ganz Frankreich trauert um Pepe, den Pelikan. Zwölf Schulen werden landesweit nach Pepe umbenannt, man sammelt Geld zur Errichtung eines Gedenkmonuments im Herzen von Paris.
  • Live hinzugeschaltet wird der Direktor Dumont der Schule "Lycée du pélican Pepe" aus Montpellier.
  • Der Sprecher des Triebwerksherstellers Rolls Royce beteuert, dass man die Ansaugvorrichtung der Turbinen der 800er-Serie pelikansicher nachbessern werde.
  • Unter den insgesamt 223 Opfern des Fluges waren auch 3 Deutsche, die aber in Deutschland niemand kannte oder vermisste, weil sie allesamt aus Bielefeld (Link) stammten.


Freitag, 17. Februar 2012

Fragen an ru24: Castingopfer

http://bit.ly/zeL4vW
D. PoP aus W. fragt: Sehr geehrter Professor Rundumschlag24, ich hab da auch mal eine Frage die mich schon länger beschäftigt. Woher kommt eigentlich die gnadenlose Selbstüberschätzung bei den gefühlten 99% der Castingshow-Teilnehmer/Bewerber?

ru24 antwortet: Als erstes war ich auf deiner Facebookseite, um den Anfangsbuchstaben deines Nachnamens in Erfahrung zu bringen. Dort stand dann: "Empört euch! We are the 99%" - ich musste doch sehr lachen! :)

In die Trickkiste gegriffen - Evangelium des Lukas, 18.11: "Der Pharisäer aber betete: Herr, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie jene." (sinngemäß zitiert)
So ging das Fremdschämen Anno 80 n. Chr. Seinerzeit waren mit "jenen" noch diverse Halunken und Zöllner gemeint.
Heutzutage ist der "Pharisäer" der sich fremdschämende Fernsehzuschauer und "jene", das sind die Teilnehmer einer Fremdschämveranstaltung (DSDS, GNTM etc.) im TV. Da lässts sich's vor der Glotze wohlig gruseln, derweil der Großteil der wenig Telegenen sich selbst zu Casting-Opfern macht.

Jeder, der jemals mehr als drei Minuten über so eine Sendung (dito IBES, BB et al.) nachgedacht hat, weiß, dass es hier nur um Kohle geht, nämlich Werbeeinahmen und Zuschauer zu überteuerten Anrufen & SMS zu animieren ("Call-in TV"). Der Rest ist nur hohle Inszenierung, bei der der Gewinner der Staffel schon vor der ersten Sendung feststeht. Als Füllmaterial und Grusel-Staffage gibt es die Dummies, die sich öffentlich zu Idioten machen.
Ein trauriges Beispiel: hier.

"Gerade während der Pubertät seien Jugendliche 'besonders anfällig für Figuren, die eine Leitorientierung geben. Das ist einer der zentralen Gründe für den Erfolg dieser Sendungen.'" (Quelle)

Ich sag mal: Tsts!
Wir haben uns seinerzeit nie-nie-niemals selbst überschätzt, Vorzeigejugendliche und Prunk-Pubertierende, die wir waren! Bei "Jugend Forscht" konnten wir beeindrucken. Wir sammelten Heiligenbildchen in unseren Poesiealben und lernten die 16 Neujahrsansprachen von Helmut Kohl auswendig. Die Vorbilder unserer Jugend waren seinerzeit Mahatma Ghandi, Albert Schweitzer, Marie Curie und Theodor Heuss. Wir hörten klassische Musik.
Et gab ja nix!
Sowas hätte es früher nicht gegeben!


Übers Fremdschämen: (Link)
STERN über DSDS 2009: (Link)


Mittwoch, 8. Februar 2012

ru24 History 32: Hertha BSC vs. Star Trek (1973)

http://bit.ly/14a45y
1973. Es war eine Zeit, in der Ersten, Zweites, Drittes völlig ausreichte, die Fernsehlandschaft vollständig zu beschreiben. Sonntags nachmittags um 17.15 Uhr auf dem Ersten schaute mein Vater Fußball.
„Papa, für welchen Verein bist du denn?“, fragte ich.
„Für keinen. Ich gucke nur so“, sagte er.
Ich wusste, dass Väter meistens „für“ einen Fußballverein waren, ich wusste aber nicht warum. Papa war für „keinen“. Wie ich später erfuhr lag das daran, dass er mit 16 zum Kriegsdienst eingezogen worden war und nach 1945 geschworen hatte, niemals wieder einem Verein anzugehören, ein Abzeichen zu tragen oder eine Fahne zu schwenken.
Da war er lebenslang sehr konsequent.
Und weil während meiner Kindheit vor der Glotze kein Vater brüllte, hyperventilierte und dabei trank, wurde ich nicht geprägt. Der ganze Wirbel um EM, WM, Champions-League blieb mir also bis heute hochgradig suspekt.
Zudem: Auf dem Zweiten lief parallel zur gleichen Zeit wie Sportschau „Raumschiff Enterprise“. Ich musste also immer ewig quengeln, bis Papa sein „nur so Fußball-gucken“ zugunsten von Kirk, Spock, Scotty, Sulu und Uhura aufgab. Meine Güte, was konnte es denn Spannenderes geben als „Enterprise“?
Fußball war also der natürliche Feind von Star Trek!

Als Kind war ich im Schwimmverein, dem RTV - Radevormwalder Turnverein. Freitags um 19.00 Uhr ging ich in einem Hallenbad schwimmen, das auch genauso hieß und und kein Schnicki-Schnacki-Funbad war. Es gab vier 25m-Bahnen und sonst nada. Keine Tropenpflanzen, keine Rutsche, keine Wellen, keine Gastronomie.
[Sie haben es abgerissen und das AquaFun dafür gebaut, als das nicht genügend Defizite einfuhr, haben sie es wieder abgerissen und das life-ness auf gleicher Stelle errichtet, das macht jetzt wenigstens 1,2 Mio. EUR Miese pro Jahr - Respekt!]
Damals in der Umkleide unterhielten sich die Jungs nach dem Schwimmen über Fußball. Die Jungen, deren Väter schlechte Zähne hatten, waren für „Schalke 04“, die Jungs, deren Väter CDU wählten, waren für „Bayern“. Dass „Bayern“ mal gar nicht ging, wusste ja sogar ich! Ein paar waren auch für Leverkusen oder Köln.
*gähn*
„Für welchen Verein bist du denn?“, fragte mich einer. Ich hatte mir für so einen Fall etwas überlegt.
„Hertha BSC!“, antwortete ich wie aus der Pistole geschossen. Plötzlich war Ruhe. Über allen Wipfeln. Ich blickte in ratlose Gesichter. Niemand von denen fragte mich jemals wieder, ein zufriedenstellendes Ergebnis.

1996 fuhr ich nach Berlin. Irgendwann, irgendwo dort ging mir auf, dass „Hertha BSC“ ein Berliner Fußballverein war. Es hatte nur etwa 23 Jahre gedauert.


Dienstag, 24. Januar 2012

Fragen an ru24: TV-Glotzer


http://bit.ly/wCBJ9o
Anne A. aus L. fragt: "Lieber Rundumschlag24, warum gibt es so viele Schwachsinnsformate im TV à la Dschungelcamp? Müssen wir davon ausgehen das es Millionen Schwachsinnige gibt, die uns umgeben? Und wie können wir diesen ausweichen? Hilft es zu rufen: 'Hiiiiilfeee, ich will diesen Schwachsinn nicht, holt mich hier raus?'"

ru24 antwortet: Liebe Anne,
Im November 2003 habe ich mal aus Jux "Richterin Barbara Salesch" gesehen. Es war so unvorstellbar schlecht, dass ich vor Fassungslosigkeit wie erstarrt dem grenzdebilen Treiben ausgeliefert war, bis ein brüllender Werbeblock mich aus der Katatonie gerissen hat. Auch wurde ich einst unschuldiges Opfer (als Besuch bei Leuten) einer Folge "Big Brother" (Staffel 4, 2003) und tatsächlich habe ich sogar aus dem gleichen Grund mal eine Sendung "DSDS" gesehen (2010). Ich leide noch immer an Spätfolgen wie nächtliches Hirnrasen und Anfälle von Wortfindungsstörungen kurz nach dem Aufwachen.
Das ist alles nicht so schön.

Gäbe es keine Scheiße, gäbe es auch keine Fliegen.
Die rein werbe-finanzierten Privaten würden ohne ihr Publikum ebenso wenig existieren. Was natürlich bedeutet: Ja, wir sind von Millionen von Schwachsinnigen umgeben. Aber das wären wir auch, wenn es diese Sender nie gegeben hätte. Nur so hocken unsere geistig inaktiven Mitbürger brav zu Hause, furzen in die durchgesessene Couch,
1) trinken zu viel Licher-Bier, die Perle der Natur,
2) knabbern Chio X-treme Chili-Chips und
3) funny-frisch Erdnuss Flippies Wasabi
und bekommen durch die Dauerberieselung von 22 Werbeblöcken pro Tag einen ziemlich guten Eindruck davon, was sie sonst noch alles zu konsumieren haben. Wenn man jetzt wie am Ende von "Die Klapperschlange II" den Stecker zöge, dann wälzten sich die plötzlich ihres bisherigen Lebensinhalts beraubten Massen randalierend durch unsere Straßen.
Das wäre noch viel unschöner.

Also: Getreu dem Microsoft-Motto "Help yourself" kannst du aber (wie ich Anno 2001) bei dir zu Hause den Stecker ziehen.
Lies ein gutes Buch (da liegen noch ein paar Ungelesene herum!), stricke eine Mütze. Koche Ente à l'orange. Lade Leute ein. Spielt Spiele! Führe Tagebuch. Schreibe eine Geschichte oder einen Roman. Blogge. Fotografiere rostige Objekte. Triff dich mit Leuten. Bastle einen 2 m hohes Modell des Eiffelturms aus Olivenkernen. Schau eine Yoga-DVD und staune. Gehe in ein Programmkino. Lerne chinesische Mondlaute spielen. Lerne Klingonisch.
Mache, wozu immer du Lust hast!

Linktipp: hier.


P.S.: Wer auch Fragen an ru24 hat, kann sie gerne in den Kommentaren stellen, ich werde sehen was ich machen kann, sie zu beantworten.


Montag, 12. Dezember 2011

Queen Mom 10 - TV

http://bit.ly/uW8uyn
Es ist 1987.
Ich komme in die Küche der von mir bewohnten elterlichen Wohnung. Queen Mom sitzt an ihrem Platz am Küchentisch und studiert eine Fernsehzeitung. Ich trinke ein Glas Milch und lümmele mich in der Ecke herum.
»Heute Abend kommt wieder Mi-Ami Wick«, sagt Queen Mom.
»Wt?«, frage ich. Ich bin 20 und habe gerade eine minimalistische Phase.
»Mi-Ami Wi-hi-ck«, betont meine Mutter überdeutlich.
»?«, frage ich, gehe herüber, schaue mit schief gelegtem Kopf in die vor ihr liegende Zeitung, gespannt, was heute Abend wohl angeblich laufen solle. Es ist Dienstag und auf dem Ersten kommt um 21.45 Uhr ›Miami Vice‹!
Ich platze fast vor Lachen.
Queen Mom ist not amused. Sie nimmt ihre Lesebrille, setzt sie auf.
»Ich hatte ja auch keine Brille auf«, sagt sie äußerst würdevoll.
Sicher, sicher.

Samstag, 10. September 2011

ru24 History 25: This is the end of the world as we know it (2001)

Das dritte Jahrtausend hatte angefangen und ich war noch nie in den USA gewesen. Somit beschlossen Freund Thomas und ich, mal eine Woche nach New York zu fliegen, zumal die gute, alte Deutsche Mark so gut wie lange nicht stand. Und in ein paar Monaten sollte der Euro eingeführt werden, wer konnte schon sagen, wie es dann werden würde. Die Urlaubsplanung schleppte sich zögerlich hin, dann gaben wir uns einen Ruck: Wir verabredeten uns bei mir zu Hause für die - Tadaaa!!! - endgültige Planung unserer New York-Reise.
Es war ein Dienstag.
Es war der 11.09.2001.
Ich hatte frei an diesem Tag und fuhr nach Wuppertal. In der Rathausgalerie gab es einen Plattenladen, ich grofelte angelegentlich durch die Auslagen. Der Tresenmann war überhaupt nicht bei der Sache, er starrte die ganze Zeit durch die Schaufenster auf einen im Einkaufszentrum installierten Fernseher, auf dem irgendein aus der Hüfte gefilmter SF-Film mit Hochhäusern lief - tsts. Ich hätte währenddessen den ganzen Laden ausräumen können.
Zuletzt kaufte ich eine CD und trollte mich.
Da ich abends Besuch bekam, fuhr ich auf dem Weg zur Wohnung noch einen Schlenker bei PENNY vorbei und kaufte etwas Bier und was zum Knabbern. An der Kassenschlange tappte mir jemand auf die Schulter, ich drehte mich um. Der Mann war mir völlig unbekannt.
"Haben Sie DAS gesehen?", fragte er mit bebender Stimme, er war irgendwie blass und fahrig.
Ich schaute aus den Panorama-Fenstern des Marktes hinaus auf die Kaiserstraße, aber da war nichts - wie immer.
Ich drehte mich wieder zu ihm um und grunzte fragend.
"Gehen Sie nach Hause und schalten Sie den Fernseher an! DAS IST WAHNSINN!!!", fabulierte er.
Ich nickte, beschloss aber, den Mann für nicht ganz zurechnungsfähig zu halten.
Dann fuhr ich heim, es war ca. 18.00 Uhr.
Jacke an, Tasche um und Sixpack in der Linken drückte ich einer Eingebung folgend auf die Fernseh-Fernbedienung.
Der SF-Film mit den Hochhäusern lief noch immer.
1) Flug AA 11 schlägt im Nordturm des WTC ein.
2) Flug UA 175 verschwindet im Südturm.
3) Gehe zu 1)
Und in meinem Kopf spielten REM unaufhörlich "This is the end of the world as we know it".
Als Thomas wie immer auf die Sekunde genau um 20.00 Uhr an der Tür schellte, hatte ich noch immer die Jacke an und die Tasche um, stand noch immer an der gleichen Stelle, die Fernbedienung in der Rechten. Das Bier stand auf dem Boden neben mir.
Wir tranken warmes Bier und starrten auf den Fernseher.
Die Bilder waren die Gleichen.
1) Flug AA 11 schlägt im Nordturm des WTC ein.
2) Flug UA 175 verschwindet im Südturm.
3) Gehe zu 1)
Keine Überraschung: Wir haben unsere NY-Reise an diesem Abend nicht geplant.
Tags drauf, am 12.09.2001, stöpselte ich mein Antennenkabel aus dem Fernseher und warf es weg. Kabel und GEZ habe ich gekündigt/abgemeldet.
Bis heute bin ich clean und ich habe seitdem nichts vermisst.

Im Dezember 2001 rief der damalige Bürgermeister New Yorks, Rudolph Giuliani, die Touristen der Welt auf: Wenn ihr etwas für die Stadt tun wollt, kommt uns besuchen!
Wir kamen.


P.S.: Die CD, die ich mir am 11.09.2001 in dem Laden mit dem unaufmerksamen Verkäufer geholt hatte, entdeckte ich Monate später, noch im Verkaufs-Tütchen steckend, bei den anderen CDs.
Sie war Mist.

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Donnerstag, 5. August 2010

ru24 History 18/Medien 7: Aktenzeichen XY... ungelöst (1974)

An einem Freitagabend um 20.15 Uhr im November 1974 kam mal wieder "Aktenzeichen XY... ungelöst - Eduard Zimmermann berichtet über ungeklärte Kriminalfälle".
Es ist ein Familien-Fernsehabend vor dem Schwarzweissfernseher.
Sobald die "spannende Musik" von Aktenzeichen XY... ungelöst" beginnt, bin ich sowas von ungelöst. Kaum erträgliche Spannung für einen Siebeneinhalbjährigen! Mit einem Abreißblockzettel und einem Bleistift in der schweißnassen Faust sitze ich wie gelähmt auf meinem Sessel, Auge in Auge mit dem echten Verbrechen! Aber in meiner Eigenschaft als Junior-Privatermittler würde ich meinen Teil dazu beitragen!
Zuerst werden Fotos von üblen Verbrechervisagen voller Backenbärte, Jaruzelski-Brillen und wirklich fieser Scheitel gezeigt: "Im Zusammenhang eines Raubüberfalls ging es in der letzten Sendung um zwei Männer, von denen der Polizei diese Aufnahmen vorliegen, sie aber die Namen nicht kennt. Sachdienliche Hinweise ... ."

Dann kommt es zum ersten Fall:
Am Morgen des 12. Juni 1973 machten Spaziergänger einen grausigen Fund. Es handelte sich um die grausam zugerichtete Leiche der 53-jährigen Emilie Brambecke aus Burgkunstadt. Die erfolgreiche, alleinlebende Speditionskauffrau wohnte im nahen Redwitz an der Rodach, wo sie in ihrer Freizeit ihrer Leidenschaft nachging: Dem Sammeln von Orienteppichen - eine Leidenschaft, die ihr zum Verhängnis werden sollte, wie wir heute wissen."
Ich blicke zum Wohnzimmerteppich.
"Papa, so wie der?", frage ich mit bebender Stimme.
"Ja, so ähnlich", bestätigt mein Vater abwesend.
Gottogott!!!
Meine Faust klammert sich noch fester um den Bleistift.
Dann kommt eine "Riffelglas-Wischblende", die einen Standortwechsel symbolisiert. Jetzt war der Zuschauer sechs Stunden vor der Tat mit Frau Brambecke im Büro ihrer Spedition. Sie verabschiedet sich von den Angestellten, um in den Urlaub zu fahren.
"Was die bei ihren Angestellten beliebte Frau Brambecke jetzt noch nicht ahnen konnte, war, dass sie diese heute zum letzten Mal sehen sollte. Diese Verabschiedung war für immer."
Mutter: "Nä! Et is ne Schlechtigkeit inner Welt!"
Ich bibbere.
Frau B. fährt nach Hause. Sie wundert sich doch sehr über den nahe ihrer Einfahrt geparkten Transporter mit Münchner Kennzeichen. Ich notiere mir auf dem Zettel das Autokennzeichen mit dem Bleistift: "M-CH 99", dabei drückt sich das Muster des grünen Cordsessels durch.
Dann werden wir Augenzeugen, wie Frau. B. von schwarz gekleideten Grobianen chloroformiert wird. Im Anschluss schleppen sie Orientteppiche, Frau B. und dann weitere Orientteppiche in den Transporter.
Ein betroffener Eduard Zimmermann schaut in die Kamera.
"Wir vermuten, dass Frau Brambecke nach dem Aufwachen starke Gegenwehr geleistet hat. Was nun folgt, ist mit normalem Menschenverstand nicht zu erklären."
Gottogott!!!
Einer der ermittelnden Kommissare ist im Studio, wird vorgestellt: Walther Kaschewski von der Kripo Schweinfurt. Kaschewski klammert sich an sein Konzeptpapier, als hinge sein Leben davon ab. Er ist dick, schwitzt. Er trägt einen schrecklichen Anzug und hat sein verbliebenes Haupthaar von rechts nach links über die Glatze gekämmt. Silbe für Silbe liest er vom Blatt ab, wodurch er sich anhört wie ein Roboter: "Wer hat diese Hartkäsereibe der Marke 'Hügli Grati Express' schon einmal gesehen?"
Ich hatte genug!
Ich drücke Papa den Zettel mit der Autonummer in die Hand.
"Du rufst da gleich an, ja?", sage ich mit bebender Stimme.
Papa nickt feierlich.
Der Junior-Privatermittler geht nach getaner Arbeit freiwillig zu Bett.

Schon in früher Kindheit habe ich so etliche Kriminalfälle lösen können, einfach, indem ich die Nummernschilder der im Film gezeigten Täterfahrzeuge notiert habe.


Montag, 7. Dezember 2009

ru24: Bildungsfernes Sehen

Die Tage lese ich quasi en passant so alles mögliche krause Zeug. Nicht das, was wirklich wo steht, sondern was mein Gehirn sich so ausdenkt.
Da saß ich letzten Freitag bei Fielmann und wartete auf meine Akkord-Optikerin, die irgendwo herumwuselte. Mein Blick wanderte durch den Laden und fiel zuletzt auf eine Werbung.
"Bildungsfernes Sehen", las ich.
Ich kicherte.
Na, die kommen ja auf Ideen, Brillen für's TV-Glotzen anzupreisen, dachte ich. So als Antithese zur Lesebrille: "Bildungsfernes Sehen für bildungsferne Schichten".
Ich fand das mal total spannend!
Und die Fielmänner, die trauen sich was!
Dann sah ich, dass da tatsächlich "Blendungsfreies Sehen" stand.
Ach so.
Schade.

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