Mittwoch, 29. Juni 2011

ru24 History 24: Hömma Ömmer! (2003)

Im Frühjahr 2003 sind meine Freundin und ich mit einem befreundeten Pärchen in die Türkei geflogen. Dieser Urlaub war eine dieser Billig-Bus-Touren kreuz und quer durchs Land, wo man von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürigkeit kutschiert wird und dem Urlauber zwischendurch Verkaufsveranstaltungen aufgedrängt wurden. Teppiche, Leder, Gold und aller erdenklicher Schnulli hastete wohlfeil an uns vorbei, ebenso wie die mal mehr oder weniger kargen Landschaften. Der Reiseleiter redete wie ein Wasserfall. Sein Hauptanliegen indes schien es zu sein, Mittagessensgutscheine an den Mann zu bringen und er brabbelte so lange, bis er sein Plansoll erfüllt hatte. "Herrgott!", entfuhr es uns mehr als nur einmal. Zum Thema "Europa" sagte er: "Leut immer sagen 'Türkei: viel mit Folter!' Aber stelle vor, Terrorist - große Bombe! Polizei nimmt Bruder gefangen von Terrorist. Könne nicht sage dann: 'Setz hin, willst du Gebäck?' Muss Folter!"
Einleuchtend.
Europa kann kommen.
Unser Busfahrer hieß übrigens Ömmer (Running Gag: "Hömma Ömmer!").
Da das Ganze außerhalb der Saison stattfand, übernachteten wir mal zwei, drei oder vier Tag lang in nur spärlich besuchten Hotels voller Energiesparbirnen. Am kalten Buffett aßen wir quietschbunte Nachtische.
Dieser Urlaub bot - neben neonfarbenen Desserts - ein (1) wirkliches Highlight: Eines Tages pfiffen wir auf das fremdbestimmte Herumgekutsche via Reisebus und mieteten stattdessen einen Leihwagen. Wir fuhren ins Blaue hinein in Richtung Meer...

Es war ein wunderbarer Tag kurz vor dem "Opferfest" (Link), einer Zeit, in der sich die Haushalte mit Ziegen und Schafen eindeckten, um sie am bevorstehenden Festtag zu schächten. Die Tiere hatten alle einen rote Markierung aus der Sprühflasche. Sie wurden auf jede erdenkliche Art und Weise transportiert, auf Pickups, in Kofferräumen von PKW, auf Mofas, sogar auf Fahrrädern oder auf den Schultern. Auf den zweirädrigen Transportmitteln wirkten die Paarhufer skurril bis deplatziert, es sah auch nicht sonderlich bequem für sie aus.
Määäh! :(

Bald erreichten wir eine wie ausgestorben wirkenden Kleinstadt. Der Grund dafür war, dass so gut wie die gesamte Population in einem steinernen Amphitheater zusammengefunden hatte - schön getrennt nach Männlein und Weiblein: Auf der einen Seite die Kopftücher, auf der anderen Seite die Schnurrbärte. Es fand ein Kamelringkampf statt (engl.: camel wrestling - Muahaha!).
Wem auch immer ich seitdem von diesem Event erzählt habe - man hat mir nicht geglaubt.
Außer Metin und Tülay.
Bei einem Kamelringkampf "ringen" zwei wie die Pfingstochsen geschmückte Kamelbullen miteinander. Bei etwas, das aussieht wie Armdrücken, pressen sie ihre Hälse aneinander und ein Bulle versucht den anderen zu dominieren. Das Ganze ist unblutig und wird vom Speichelsprühen der beiden Kontrahenten begleitet. Ein Kampf dauert bis zu einer Viertelstunde. Gewonnen hat das Kamel, das den Gegner zum Flüchten, zum Schreien oder zu Fall bringt.
Weitere Infos hier: (Link).

Wir fuhren weiter die Küste entlang und kamen zur Mittagszeit an eine Stelle, an der sich zwei Lokale gegenüber lagen. Beide Gastronomen standen an der Straße und winkten uns heran. Wir waren noch unschlüssig, welches Lokal wir nehmen sollten, da bewarfen sich die beiden Lokalbesitzer schon neidisch mit Steinen. Wir wählten keines der beiden, sondern gaben Gas.
Einige Kilometer weiter gab es nur ein Gasthaus und dort kehrten wir ein. Wir aßen wie die Könige Fisch (komplette Tiere) mit Salat, tranken Efes dazu und zahlten unglaublich wenig.

Auf dem Rückweg zurück zum Hotel begegneten wir auf schnurgrader Landstraße bei etwa 100 km/h dem Schlagloch der Götter, was in etwa den Effekt hatte, als wären wir von einer Luft-Boden-Rakete getroffen worden. Der Mietwagen schien unbeeindruckt. Wir waren es umso mehr.

Der Basar in Antalya war nichts für schwache Nerven:
Quasi jeder Händler sprach und/oder grabbelte einen an, einer fasste mir an die Plauze und sprach prophetisch: "Ey, wir haben auch was in deiner Größe!"
Hier gab es fast nur "Original"-Produkte. Die hiesigen Sweat-Shops für Kleidung aller Art hatten sich anscheinend auf Kledage mit übergroßen Markenlogos von ADIDAS, PUMA, NIKE, KARL KANI etc. spezialisiert, und natürlich war ALLES, RESTLOS ALLES "original", sogar die Wendejacke außen PUMA innen ADIDAS...
Muahaha!

Bevor ich in Urlaub fuhr, hatte mich eine Freundin beauftragt, ihr Safran aus der Türkei mitzubringen. "Aber pass auf!", hatte sie mich vor Betrug gewarnt. Ich hatte bei ihr pflichtschuldig an dem mir dargebotenen Gewürz gerochen und den recht speziellen Geruch als "Zahnarzt-Behandlungszimmer" abgespeichert. Im Getümmel der grapschenden und brabbelnden Händler Antalyas entdeckte ich einen Gewürzstand. Ich fragte nach Safran. Der Händler nickte eilfertig, öffnete ein Fach. Ich roch an dem getrockneten Pflanzengefrissel, es roch nach Kamille aber nicht nach Zahnarzt.
"Das ist kein Safran!", sagte ich und kam mir vor wie in einer Jim-Beam-Werbung.
Der Händler stammelte etwas, rang die Hände, ließ das Un-Kraut wieder verschwinden, öffnete ein entlegenes, viel geheimnisvolleres Fach, entnahm - diesmal vorsichtig - eine Blechdose und entriegelte sie. Seine Pose war die Allegorie des schlechten Gewissens! Ich roch dran. Eindeutig "Zahnarzt"!
"Na also!", sagte ich. Ich kaufte eine üppige Menge für einen feudalen Preis.
Zu hause sagte mir die Bekannte, die mich beauftragt hatte, dies sei ganz gewiss kein Safran.
Not bad...


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