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Freitag, 22. Juni 2012

Bürogeplänkel 32 - Realität ist, was du draus machst

bit.ly/O4f908 
Etwa drei bis zehn Prozent aller Bewohner dieses Planeten sind schwul oder lesbisch (Link). Somit handelt es sich also nicht um Einhörner oder Meerjungfrauen oder noch seltenere Gestalten, sondern um etwas ganz Normales.
Wie blaue Augen.
In Zahlen: Geht man von rund 7 Milliarden Menschen Weltbevölkerung aus, sind demnach bis zu 700 Millionen Menschen schwul oder lesbisch.
Alles gut.
Die Türkei hat 75 Millionen Einwohner.
Ein optisch durchaus modern zu nennender, türkischer Kollege behauptet nun allen Ernstes, mit großer Pose & lauter und fester Stimme, es gebe KEINEN EINZIGEN SCHWULEN TÜRKEN.
Wow.
Statistisch gesehen müsste es aber eine ganze Riesenmenge schwuler Türken geben.
Ich stehe vor einem Rätsel!
(Spaß)

Realität ist, was du draus machst.


Mittwoch, 29. Juni 2011

ru24 History 24: Hömma Ömmer! (2003)

Im Frühjahr 2003 sind meine Freundin und ich mit einem befreundeten Pärchen in die Türkei geflogen. Dieser Urlaub war eine dieser Billig-Bus-Touren kreuz und quer durchs Land, wo man von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürigkeit kutschiert wird und dem Urlauber zwischendurch Verkaufsveranstaltungen aufgedrängt wurden. Teppiche, Leder, Gold und aller erdenklicher Schnulli hastete wohlfeil an uns vorbei, ebenso wie die mal mehr oder weniger kargen Landschaften. Der Reiseleiter redete wie ein Wasserfall. Sein Hauptanliegen indes schien es zu sein, Mittagessensgutscheine an den Mann zu bringen und er brabbelte so lange, bis er sein Plansoll erfüllt hatte. "Herrgott!", entfuhr es uns mehr als nur einmal. Zum Thema "Europa" sagte er: "Leut immer sagen 'Türkei: viel mit Folter!' Aber stelle vor, Terrorist - große Bombe! Polizei nimmt Bruder gefangen von Terrorist. Könne nicht sage dann: 'Setz hin, willst du Gebäck?' Muss Folter!"
Einleuchtend.
Europa kann kommen.
Unser Busfahrer hieß übrigens Ömmer (Running Gag: "Hömma Ömmer!").
Da das Ganze außerhalb der Saison stattfand, übernachteten wir mal zwei, drei oder vier Tag lang in nur spärlich besuchten Hotels voller Energiesparbirnen. Am kalten Buffett aßen wir quietschbunte Nachtische.
Dieser Urlaub bot - neben neonfarbenen Desserts - ein (1) wirkliches Highlight: Eines Tages pfiffen wir auf das fremdbestimmte Herumgekutsche via Reisebus und mieteten stattdessen einen Leihwagen. Wir fuhren ins Blaue hinein in Richtung Meer...

Es war ein wunderbarer Tag kurz vor dem "Opferfest" (Link), einer Zeit, in der sich die Haushalte mit Ziegen und Schafen eindeckten, um sie am bevorstehenden Festtag zu schächten. Die Tiere hatten alle einen rote Markierung aus der Sprühflasche. Sie wurden auf jede erdenkliche Art und Weise transportiert, auf Pickups, in Kofferräumen von PKW, auf Mofas, sogar auf Fahrrädern oder auf den Schultern. Auf den zweirädrigen Transportmitteln wirkten die Paarhufer skurril bis deplatziert, es sah auch nicht sonderlich bequem für sie aus.
Määäh! :(

Bald erreichten wir eine wie ausgestorben wirkenden Kleinstadt. Der Grund dafür war, dass so gut wie die gesamte Population in einem steinernen Amphitheater zusammengefunden hatte - schön getrennt nach Männlein und Weiblein: Auf der einen Seite die Kopftücher, auf der anderen Seite die Schnurrbärte. Es fand ein Kamelringkampf statt (engl.: camel wrestling - Muahaha!).
Wem auch immer ich seitdem von diesem Event erzählt habe - man hat mir nicht geglaubt.
Außer Metin und Tülay.
Bei einem Kamelringkampf "ringen" zwei wie die Pfingstochsen geschmückte Kamelbullen miteinander. Bei etwas, das aussieht wie Armdrücken, pressen sie ihre Hälse aneinander und ein Bulle versucht den anderen zu dominieren. Das Ganze ist unblutig und wird vom Speichelsprühen der beiden Kontrahenten begleitet. Ein Kampf dauert bis zu einer Viertelstunde. Gewonnen hat das Kamel, das den Gegner zum Flüchten, zum Schreien oder zu Fall bringt.
Weitere Infos hier: (Link).

Wir fuhren weiter die Küste entlang und kamen zur Mittagszeit an eine Stelle, an der sich zwei Lokale gegenüber lagen. Beide Gastronomen standen an der Straße und winkten uns heran. Wir waren noch unschlüssig, welches Lokal wir nehmen sollten, da bewarfen sich die beiden Lokalbesitzer schon neidisch mit Steinen. Wir wählten keines der beiden, sondern gaben Gas.
Einige Kilometer weiter gab es nur ein Gasthaus und dort kehrten wir ein. Wir aßen wie die Könige Fisch (komplette Tiere) mit Salat, tranken Efes dazu und zahlten unglaublich wenig.

Auf dem Rückweg zurück zum Hotel begegneten wir auf schnurgrader Landstraße bei etwa 100 km/h dem Schlagloch der Götter, was in etwa den Effekt hatte, als wären wir von einer Luft-Boden-Rakete getroffen worden. Der Mietwagen schien unbeeindruckt. Wir waren es umso mehr.

Der Basar in Antalya war nichts für schwache Nerven:
Quasi jeder Händler sprach und/oder grabbelte einen an, einer fasste mir an die Plauze und sprach prophetisch: "Ey, wir haben auch was in deiner Größe!"
Hier gab es fast nur "Original"-Produkte. Die hiesigen Sweat-Shops für Kleidung aller Art hatten sich anscheinend auf Kledage mit übergroßen Markenlogos von ADIDAS, PUMA, NIKE, KARL KANI etc. spezialisiert, und natürlich war ALLES, RESTLOS ALLES "original", sogar die Wendejacke außen PUMA innen ADIDAS...
Muahaha!

Bevor ich in Urlaub fuhr, hatte mich eine Freundin beauftragt, ihr Safran aus der Türkei mitzubringen. "Aber pass auf!", hatte sie mich vor Betrug gewarnt. Ich hatte bei ihr pflichtschuldig an dem mir dargebotenen Gewürz gerochen und den recht speziellen Geruch als "Zahnarzt-Behandlungszimmer" abgespeichert. Im Getümmel der grapschenden und brabbelnden Händler Antalyas entdeckte ich einen Gewürzstand. Ich fragte nach Safran. Der Händler nickte eilfertig, öffnete ein Fach. Ich roch an dem getrockneten Pflanzengefrissel, es roch nach Kamille aber nicht nach Zahnarzt.
"Das ist kein Safran!", sagte ich und kam mir vor wie in einer Jim-Beam-Werbung.
Der Händler stammelte etwas, rang die Hände, ließ das Un-Kraut wieder verschwinden, öffnete ein entlegenes, viel geheimnisvolleres Fach, entnahm - diesmal vorsichtig - eine Blechdose und entriegelte sie. Seine Pose war die Allegorie des schlechten Gewissens! Ich roch dran. Eindeutig "Zahnarzt"!
"Na also!", sagte ich. Ich kaufte eine üppige Menge für einen feudalen Preis.
Zu hause sagte mir die Bekannte, die mich beauftragt hatte, dies sei ganz gewiss kein Safran.
Not bad...


Donnerstag, 7. Januar 2010

Heimat 12 - Nö


2006-06-20 Happy days I
Originally uploaded by [ henning ]
Als ich seinerzeit in meine Wohnung zog, begab es sich, dass sich das Anbringen der Küchenhängeschränke etwas verzögerte. Plötzlich war es 22:01 Uhr. Es waren noch zwei Löcher zu bohren, dann wäre alles fertig gewesen. Als ich den Bohrer ansetzte, kam mahnendes Klopfen aus der Nachbarwohnung. Mist! Um es mir nicht schon beim Einzug mit der mir noch unbekannten Nachbarschaft zu verscherzen, musste ich leider meinen helfenden Bruder nach Hause schicken.
Ich sollte diese spezielle Nachbarin noch kennenlernen.
So lag ich eines Tages auf meinem Liegestuhl auf meiner Gartenparzelle und genoss die Sonne. Die Nachbarin, gepflegt, Mitte bis Ende 50, scharwenzelte angelegentlich heran und zwang mir dann ein Gespräch auf, das ich mir im Anschluss in etwa notiert habe:
"Ich bin ja direkt raus, ich sach immer, wat ich denke. Da kommen se normalerweise alle prima mit klar. Ich bin ja nich von hier, mein Mann, der kam von hier. Der hatte nen Tumor hier an der Stelle im Kopf, der hat mich nachher nich mehr erkannt. Meine Verwandschaft sitzt alle in Essen, die wollten auch immer, dat ich zu denen zieh, nach'm Tod von mein'm Mann, da sind die Leute auch viel herzlicher wie hier, nich so stur, aber ich sach denen immer: ich bleib, hier hab ich mein Garten un alles.
Die Herbstzeitlosen – herrlich! Hanä, abber dat macht alles auch viel Arbeit, manchmal weiß ich ja nich, wenn de Blagen hier alles kaputttrampeln, da könnt ich reinhauen. Sind ja auch viel Türkenblagen un so, die kennen so wat ja alle nich. Da kann mer ja nix sagen, sons hasse direkt de ganze Sippe am Hals, mit em Messer un alles.
Bäh, kuckense!, de Türken, die ham schon wieder en Blag angesetzt, jedes Jahr dat gleiche, wat anders können die auch nich! Un et Treppenhaus sieht aus! Un en Fernseher ham die laufen - Tag un Nacht, in einer Lautstärke!, aber alles son fremdländisches Geplärre, die ham ja ne Riesenschüssel am Dach! Wir ham sowat nich. Wir könn uns so wat gar nich leisten. Un die verdammten Blagen von denen machen einen unglaublichen Lärm und Dreck, dat is denen doch ganz egal, die hauen bald sowieso wieder ab, un wir können solange sehen. Im Garten machen die ja nix, reine gar nix, kuckense, dat blüht jetz schon alles widder, un wir kriegen de Samen ab, dat wird doch alles hergeweht – kuck, da fliecht schon wat! Löwenzahn un so, noch und nöcher. Dat is denen sowat von egal. NIX machen die, NIX!
Ich weiß gar nich, ob die überhaupt deutsch sprechen. Ich würd ja gerne doch mal in so ne Wohnung kucken. Die von de Wohnungsbaugenossenschaft, die tun immer nur ein Ausländer in jedem Haus, könnense sich ja vorstellen, wie dat sons alles aussäh. Gott-o-gott-o-gott! Da könnste sons nie widder vernünftig drin leben. Dat käm ALLES runter, in Nullkommanix, ALLES!
"
Ich raunte hie und da ein paar Entsetzenslaute, die sie als Zustimmung fehlinterpretierte. Lautäußerungen meinerseits waren in diesem Monolog ohnehin nicht vorgesehen. Dann rauschte sie davon.
Für diese Nachbarin schob ich den Regler meiner Menschenbewertungsskala ein klitzekleines bissi nach unten.

Nun hat einer der grenzdebilen Trolle, die sie für die grobe Gartenarbeit einsetzt, Ende Oktober ihren Benzinrasenmäher draußen hinter dem Gartenhäuschen stehen lassen, anstatt ihn wieder in den Keller zu schieben.
Jedes Mal, wenn ich aus dem Toilettenfenster sehe, betrachte ich den Mäher im Wandel der Jahreszeiten - zurzeit mit Schneehaube - und denke so bei mir: "Autsch, das tut dem jetzt mal gar nicht gut!"

Die Überlegung wäre, die Nachbarin davon in Kenntnis zu setzen.
Doch ich sage mir lächelnd jeden Tag auf's Neue: Nö.

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Donnerstag, 29. Oktober 2009

ru24 Wissen 7: Nahuatl


Xochipilli
Originally uploaded by Rodolfo Cartas
Herbst.
So sagt es Max Goldt:
"Der Frühling piepst wie eine Digitaluhr, der Herbst ist die Glanzzeit bewährter Mechanik. Leise summendes Fieber und seidenes Glück liegen Atem an Atem über den fruchtig erregten Gemeinden. Die Apotheker stellen fünfzig Jahre alte Pilzmodelle ins Schaufenster. Jeder normale Mensch bekommt Lust, die Sütterlinschrift zu erlernen...." (Quelle)
... oder wenigstens eine neue, exotische Fremdsprache? Doch ach! Der Megatrend "Mandarin" ist ja bereits sowas von ausgelutscht - gähn!
Hmm? Wie wäre es mit Nahuatl, einer indianischen Sprache aus der Sprachfamilie der uto-aztekischen Sprachen, die in Mexiko verbreitet ist?
Beim Stöbern in den unendlichen Weiten des Wissens der Welt bin ich bei der Recherche nach der korrekten Schreibweise für (das schöne Nahuatl-Wort) "Guacamole" (Blogbeitrag) bei Wikipedia auf folgende hammermäßig agglutinierende (Link) Eigenart der Nahuatl-Sprache gestoßen:
"Durch das Aneinanderfügen mehrerer Wortstämme und Affixe können sehr lange Wörter gebildet werden, die man in europäischen Sprachen durch lange Sätze mit vielen Wörtern ausdrückt. So heißt zum Beispiel nehualmoyecastemojmolunijtzinutinemisquiöni (Tetelcingo-Nahuatl): "Ihr ehrenwerten Menschen könntet gekommen sein und euch eure Nasen gestoßen haben, so dass sie bluten, aber tatsächlich habt ihr es nicht getan. Auf Grund dieser langen Wörter sowie einiger für Europäer ungewohnter Lautkombinationen (insbesondere das sehr häufige tl) wurde und wird die Sprache oft als angeblich „unaussprechbar“ bezeichnet. Dies ist jedoch auf die Unkenntnis eines andersartigen, nicht europäischen Sprachkonzepts zurückzuführen". (Quelle)
Na klar.
Und das sehr lebensnahe Beispiel kann man ja in etlichen Situationen anwenden, sobald man mal ein paar Jungs begegnet, die Tetelcingo-Nahuatl drauf haben.

Übrigens: Das Türkische ist auch eine agglutinierende Sprache, aber die Türken wissen im Gegensatz zu den Nahuatl-Sprechern, wann Schluss ist:
"göz („Auge“) → gözler („Augen“) → gözleri („Augen“ 3. Person singular) → gözlerim („meine Augen“) → gözlerimi („meine Augen“ auf etwas richten) → gözlerimin („meiner Augen“ Bsp. gözlerimin rengi → „Die Farbe meiner Augen“) → gözleriminse („falls es meinen Augen gehört“)." (Quelle)
Wieder was gelernt, Mann.

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