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Samstag, 19. Dezember 2009

Lifestyle 26 - Weihnachtlich brennet die Netzhaut

Nun gut. Jede Zeit hat ihre schrecklichen Verfehlungen. Früher waren es Popper. Doch jetzt verkaufen irgendwelche Baumärkte schon seit fast einer Dekade an die 80cm bis 1,20m große Weihnachtsmann-Püppchen mit nuttig aussehendem Polyesterhaar, Bart und Acrylmäntelchen. Und was angeboten wird, egal wie grottenhäßlich oder grenzdebil, wird ja bekanntlich auch gekauft, da ist der vielgepriesene Konsument nicht wählerisch. Ich stelle mir nur immer vor, was die Sklavenarbeiter in den Sweat Shops der Dritten Welt von uns denken müssen, die diesen grauenvollen Tand für die Erste Welt herstellen.
Familienväter klettern, dem Unbill der Höhe trotzend, auf Dächer und bringen diese peinlichen, gnomischen Weihnachtsmann-Atrappen an, egal wie scheiße es aussieht! Und wenn man dann schon mal oben ist, kann man gleich auch noch Lichterketten antackern, die wie UFO-Landebahnen aussehen, allerfestlichst die Habitate zu ergrellen. Parallel dazu simulieren mit der Dezenz eines Gehirnschlages hektisch blinkende elektronische Sterne in den Glitter-Flitterfenstern das zartromantische, winterliche Glitzerspiel von Mondlicht, das sich in Eiszapfen bricht. Denn das soll es darstellen, das Blinken und Blitzen - absolut unvorstellbar, nicht wahr?
"Weihnachtlich glänzet der Wald,
Freuet Euch, Christkind kommt bald",
singt es da.
"Wald? Glanz? Ich seh' nix! Aber ich glaub', ich krieg' von dem Geblinke hier einen epileptischen Anfall!"

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Mittwoch, 11. November 2009

Heimat 5/History 3 - "Dort oben leuchten die Sterne, da unten leuchten wir!" (1973)


Martinszug Buxheim
Originally uploaded by Bux
Anno 1973, ich war 6, bin ich mit Mama zum Martinszug gegangen.
Tatsächlich war ich mit meiner im Kindergarten gebastelten, vage kubistischen Laterne in etwa so hoch wie ein Erwachsener. Die Laterne war aus schwarzem Karton, aus dem ich schiefe Rauten und unregelmäßige Vielecke herausgeschnitten hatte, hinter die ich mit Klebstoff verklebtes Transparentpapier geklebt hatte. In der Laterne glomm ein Fahrradbirnchen an einem langen Kabel, das bei jedem Schritt herumpendelte und im Laterneninneren irrlichtete. Es waren geburtenstarke Jahrgänge, die Straße wimmelte, war schwarz von Gören und ihren Eltern. Flankiert wurde das Ganze von Fackelträgern der Freiwilligen Feuerwehren. Blechbläser begannen feierlich zu spielen. Es wurden die einschlägigen Lieder gesungen:
Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin
ritt durch Schnee und Wind,
sein Roß das trug ihn fort geschwind.
Sankt Martin ritt mit leichtem Mut:
sein Mantel deckt' ihn warm und gut.
Als Höhepunkt, kurz vor Versagen der langgezogenen Stabbatterie im verchromten, längsgeriffelten Griff, trafen sich die diversen Martinszüge auf dem Kirmesplatz. Dort, hoch zu Ross, endlich - Sankt Martin himself!
Doch ach!
Der so genannte Sankt Martin war in Wirklichkeit ein reitendes, etwa 16jähriges Mädchen vom Reithof Pieper!
Ich bin sicherlich nicht das einzige Kind, das an diesem Abend traumatisiert nach hause gekommen ist!

Vergleichbar ist das vielleicht nur, wenn in einem modernen, radikalfeministischen Haushalt des Dritten Jahrtausends am 06.12. die Weihnachtsfrau aufscheint - ohne die phallischen Insignien Rute und Sack, dafür mit einer großen Muschel voller Geschenke.