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Samstag, 12. Oktober 2013

Queen Mom 27 - Beißer

http://goo.gl/GWMEzG
Als ich am Ende meines Besuchs meine Mutter im Altenheim verabschiedete, winkte mir aus der Ferne etwas hektisch Heike zu, eine der für sie zuständigen Altenpflegerinnen. Da Radevormwald ein Dorf ist, kannte ich Heike sehr gut "von früher". Ich ging rüber. Heike schaute mich an, nahm mich etwas zur Seite und fragte: "Hältst du mich für den Beißer?"
Hmm?
"Äh? Wie bei 007? Nee... ."
"Deine Mutter hat letztens beim ins-Bett-bringen behauptet, ich hätte ihr in den großen Zeh gebissen!"
Muahahaha!

Die Woche drauf fragte ich Muttern natürlich bei nächster sich bietender Gelegenheit: "Na, und, hat dir die böse Schwester mal wieder in den Zeh gebissen?"
Queen Mom war not amused. Sie faßte mich festesten Blickes ins Auge, drückte meine Hand und sagte sehr bestimmt: "Ja, hörma, wat sollet denn sons anders gewesen sein, als dat se mich innen Zeh gebissen hat?"
Tatsächlich.
Verrückt: So kann man sich in Menschen täuschen ...


Montag, 6. Mai 2013

Think pink

http://goo.gl/xn4gq
Seinerzeit, also prä-Drittes-Jahrtausend, war ich ein oft gesehener Kunde in der einzigen Videothek meines Heimatortes Radevormwald. Ich kann mich erinnern, bereits schon mit 16 oder so (1983) in der Videothek gewesen zu sein, als die Systeme VHS, Video 2000 und Betamax noch koexisterten (rsp. miteinander um Vorherrschaft rangen) und man nicht unbedingt jeden Titel im passenden Format bekam ("Nee, 'Apokalypse Now' haben wir gerade nur auf Beta da!").
Ende der 90er Jahre hatte die Videothek schon bessere Tage gesehen und auch schon einige Locations verschlissen. So war sie vom Alten Markt zum Neumarkt umgezogen, um dann, etwas marginaler, in die Grabenstraße in das Gebäude zu ziehen, das vor Urzeiten den ersten Aldi der Stadt beherbergt hatte.
Nachdem ich die Neuheiten-Ecke hinreichend gewürdigt hatte (leider nix), steifte ich relativ rat- und ziellos umher, putzte mir währenddessen etwas zerstreut die Brille, was bei -8,0/-6,5 Dioptrien nur selten zu optimalen Ergebnissen führt. Plötzlich umgaben mich zu drei Seiten pinkscheckige Wände!
Hä?
Wie rätselhaft!
Ich setzte die Brille wieder auf und fand mich plötzlich in der Porno-Ecke wieder.
Tsts!


Freitag, 16. November 2012

Bergisch

http://goo.gl/PrjBp
In Wuppertal zu leben, ich sach mal, et is nicht dat Selbe wie in Radevormwald. Wann immer ich nach Rade komm, vor allem Donnerstags, um mit Queen Mom de Einkäufe zu machen -- wat soll ich sagen, ich häng den Ureinwohnern anne Lippen, et is mir wie Balsam!
Lippenbalsam sozusagen.
"Et geht meck dürch un dürch!", wie man hiererorts im letzten Jahrhundert zu sagen pflegte. Un: "Et schlött meck innen Lief!"

So kam ich nich umhin, vor em EDEKA et Gespräch mitzukriegen, bei dem et arg Bergisch (Link) zuging:
"Na, Günther, wie isset?"
"Gott, Herbert, wie sollet denn sein?"
"Na, du hatts doch Probleme mitm, na..., Dinges!"
"Ach, dat Gelumpe hamse mir doch als Meterware rausgeschnibbelt!"
"Och! Doll! Hass auch abgenommen! Un wat machen de Blagen?"
"Och de Große is am studieren, de Kleng macht ne Ausbildung bei de Ruckebiers Gerda."
"Jut! Aber eck mutt jetz noch wat beiholen für de Brigitte!"
"Gehse gleich nach et?"
"Jau!"
"Denn grüß et!"
"Bis denne!"


Mehr sowat: (Blogbeitrag)


Freitag, 5. Oktober 2012

Bis Meppen


Größere Kartenansicht
Es begab sich aber zu der Zeit, dass irgendwann in den 80ern ein Bus des Radevormwalder Handballvereins "TV Herbeck" zu einem Auswärtsspiel nach Meppen unterwegs war. Google Maps gibt diese Route mit "228 km, 2 Stunden und 22 Minuten" an.
Man fuhr wohl nun schon eine ganze Weile, als sich erster Unmut breit machte, es wurde den Handballern etwas lang und sicher auch -weilig.
"Wie lange is denn noch?", fragte da einer.
"Wie weit is denn noch", fragte ein Anderer.
"Bis Meppen", lautete die mit großer Eloquenz und nachgerade wuchtiger Weisheit vorgetragene Antwort.
Wer mag dieser Quasi-Zen-Meister gewesen sein, dessen Sentenz die Antwort auf jede der gestellten Fragen war? Leider verliert sich dies im Nebel der Geschichte. Neueste Forschungen weisen darauf hin, dass es sich hier keinesfalls um einen "Handballer" (Blogbeitrag), sondern um eine dem Sport fremde Aufsichtsperson oder einen mitreisenden Anthroplogen gehandelt haben muss.
"Bis Meppen" als universelle Antwort sowohl auf große Entfernungen als auch auf große Zeiträume erfreut sich in dieser, meiner Heimatstadt Radevormwald bis heute großer Beliebtheit.

Beispiele:
"Wie lange ist die Wurst noch haltbar?"
"Wie lange läuft diese sinnlose Sondersendung noch?"
"Wie lange sitzt Onkel Knastbruder Joey noch ein?"
und:
"Wie weit fliegen die beiden Voyager-Sonden noch?"
"Wie weit kann man von diesem Aussichtspunkt aus sehen?"
"Wie weit würdest du gehen?"

"Bis Meppen", das Lichtjahr des kleinen Mannes.


Freitag, 27. August 2010

Ein schrecklicher, schrecklicher Fehler!


Schranke
Originally uploaded by Tabbo107
Es war ca. im Jahr 1995 auf dem Sparkassen-Parkplatz Hohenfuhrstr., 42477 Radevormwald. Zufahrt und Wegfahrt an den Schranken wurden über die EC-Karte gesteuert. Wenn man hier unter einer Stunde parkte, war es kostenlos. Über eine Stunde parken kostete 2,00 DM, zahlbar als Münze in bar direkt an der Schranke. Alles eigentlich ganz easy...
Es war ein flirrender Hochsommertag.
Ich hatte Geld abgeholt (50,00 DM), stieg in mein Auto, um loszufahren. Eine Frau parkte reichlich umständlich aus, ich ließ sie vor, weil, das war höflich und ich war ja nicht in Eile - ein schrecklicher, schrecklicher Fehler!
Der PKW vor mir hoppelte zum Schlagbaum, rangierte etwa 6x vor und zurück. Sie drehte ihre Scheibe herunter, um ihre EC-Karte in den Schlitz zu stecken. Das Display zeigte »Zu zahlen: 2,00 DM«. Sie hatte wohl länger als eine Stunde geparkt. Die Frau stellte den Motor ab. Kurbelte die Scheibe hoch. Schnallte sich ab. Öffnete die Tür. Stellte fest, dass es zum Aussteigen zu eng war. Rutschte auf den Beifahrersitz. Stieg aus. Schloss ihren Wagen ab. Hinter mir warteten zwei weitere PKW. Fassungslos starrte ich die Frau an, fühlte mich gezwungen, etwas zu sagen.
»Würde es ihr Charakter erlauben, die zwei Mack einzuwerfen, damit wir alle vom Parkplatz herunterkommen?«, meine Stimme bebte leicht.
»Das sehe ich ja gar nicht ein!«, schrillte und eierte auf ihren Pumps mit ihrem Kostüm in die Sparkasse zurück. Ich ließ mich in meinen Sitz plumpsen und machte erst einmal meinen Motor aus. Ich studierte eingehend meine Kontoauszüge, fächelte mir gleichzeitig Luft damit zu. Inzwischen waren es vier Wartende hinter mir.
Schweiß lief mir den Rücken hinunter.
Die Frau kam zurück. Mit den farblich passend zu dem Kostüm lackierten Fingernägeln trug sie spitz ein farblich mal überhaupt nicht passendes, grünes Weichplastikfutteral. Sehr, sehr offensichtlich beinhaltete es – von der Form, die sich durchdrückte – eine Parkmünze. Ich atmete auf. Die Fahrer der unterdessen fünf hinter mir stehenden Autos sicherlich auch.
Sie schloss ihren Wagen auf. Stieg ein. Rutschte rüber. Schnallte sich an. Ließ den Motor an. Kurbelte die Scheibe herunter. Dann beobachtete ich die Frau dabei, wie sie versuchte, die Parkmünze samt Futteral in den Geldschlitz zu stecken.
Spontan traten mir Tränen in die Augen.
Schweiß tränkte meine Kleidung im großen Stil.
Bevor ich mit tränenverschleiertem Blick interagieren konnte, passierte Folgendes: Die Frau stellte den Motor ab. Kurbelte die Scheibe hoch. Schnallte sich ab. Rutschte rüber. Stieg aus. Schloss ihren Wagen ab. Auf ihren Pumps eierte sie in die Sparkasse zurück.
Hinter mir warteten bereits alle PKWs des Parkplatzes.
Sämtliche Motorlüfter liefen auf Volllast.
Ich ließ meinen Tränen freien Lauf, ich war schweißnass von Kopf bis Fuß.
Nach endlosen fünf Minuten erschien ein Bankangestellter mit einem Werkzeugkoffer und die Pumps-Frau. Der Bänker legte sein Jackett ab, kramte in dem Kasten herum, fand endlich den Schraubenschlüssel und montierte umständlich die »defekte« Schranke ab.

Der Parkplatz leerte sich schlagartig.
Alle fuhren sofort irgendwohin, nur um Fahrtwind zu bekommen.
An diesem Tag sind in flirrender Sommerhitze Schweiß und Tränen der Dankbarkeit Vieler geflossen.

Bis dahin hatte ich immer gedacht, solche Leute gäbe es in echt gar nicht.

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Dienstag, 27. Juli 2010

Undezente Geschäfte


cannabis stencil
Originally uploaded by duncan
Mir direkt gegenüber in einer Dachwohnung wohnt der vielleicht faulste Dealer westlich vom Pecos.
Er hat es in fünf Jahren nicht über sich gebracht, seine Haustürklingel reparieren zu lassen, sodass seine Botenjungen - die ich Lolek und Bolek nenne - immer ohrenbetäubende Pfiffe ausstoßen müssen, um sich bemerkbar zu machen. Dies tun sie mitten auf der Straße stehend. Spätestens jetzt weiß die halbe Gegend bescheid. Wenn Lolek und Bolek sich nicht Gehör verschaffen konnten, beginnen sie mit starkem Akzent, den Dealer ihres Vertrauens zu rufen: "Dhomasch! --- Dhomasch!!!"
Hey! Es gibt auch im Baumarkt selbstklebende Funk-Haustürklingeln zu kaufen. Ich habe schon mal überlegt, als mir das mit der Pfeiferei etwas zu viel wurde, ihm eine zu schenken, aus guter Nachbarschaftlichkeit. Aber er hätte es vermutlich nicht geschafft, sie anzubringen. Er hat ja auch kaum Zeit, so ohne Job, als von Hartz IV lebender Nachtmensch quasi.
Wenn Lolek und Bolek Glück haben, streckt Thomas K. nach dem ersten Pfiff seinen Kopf zum Fenster heraus um zu schauen, was so geht. Schnell wird man sich mit einigen Fingerzeichen handelseinig. Jetzt könnte Thomas K. Lolek oder Bolek die Tür öffnen, oder er könnte herunterkommen. Doch das wäre ja mit minimalen Mühen verbunden. Stattdessen ist es doch viel bequemer, die Ware in ein Papierchen zu wickeln und aus dem Fenster in den Vorgarten zu werfen! Lolek oder Bolek krauchen dann durch die Botanik und sacken die Droge im Papierchen ein.
Nur doof, dass in dem Haus außer "Dhomasch" noch ein halbes Dutzend andere Menschen leben, die das an den Fenstern alles live mitbekommen. Ganz zu schweigen von den ganzen Leuten, die gegenüber wohnen. Zuletzt ziehen die Kuriere auf jeden Fall zu Fuß oder mit BMX-Rad los in Richtung Stadt, das Zeugs zu verticken.
Letzten Dienstag haben Lolek oder Bolek zwar das Papierchen finden können, aber der wertvolle erdbraune Inhalt war in den erdbraunen Vorgarten geplumpst.
Total doof!
"Dhomasch" hatte in seiner Dach-Kemenate ausgeharrt, um dann Punkt Mitternacht mit einer starken Taschenlampe das Gartenstück total unauffällig Zentimeter für Zentimeter zu ergrellen. Ich habe ihm kichernd ein wenig bei seinen Bemühungen zugesehen, musste aber dann doch schlafen gehen. Da hatte der Vogel endlich mal was getan für sein Geld!
Ein Drogenhund hätte ihm sicher ganz toll weiterhelfen können!

Wirklich doof, dass Dealerei von Dezenz lebt.
"Dhomasch" ist in seinem "Job" so unauffällig wie ein Marktschreier.
Ich will ja glauben, der Vogel vertickt nur Shit.
Verpfeifen würde ich ihn, weil er so unglaublich blöd ist.
Weil er so faul ist.

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Mittwoch, 28. April 2010

ru24 History 15: Hackethal soll sterben! (1987)

1987. In der Jahrgangsstufe des Theodor-Heuss-Gymnasiums Radevormwald (THG) hatte ich als Mitschüler einen (1) Heavy-Metal-Fan. Er trug ausschließlich tiefschwarze Stretch-Hosen und T-Shirts aus dunkler Materie mit Aufdrucken von Venom, Possessed, Slayer und Voivod. Seine Matte hätte Klingonen vor Neid erblassen lassen, ebenso aber auch sein überaus reizbares, cholerisches Temperament. Dieses ständige Zornbrüllen und Aufwallen war auch seinen Freunden und Bekannten irgendwann mal zu viel. Eine Handvoll Schwachköpfe beschlossen eines Tages, es dem Heavy-Cholerik-Metal mal "zu zeigen". Sie heckten den wenig perfiden und durchaus diskutablen Plan aus, dem Kerl mal "auf die Motorhaube seines Golf zu kacken".
Heiko P., der beeinflussbarste Mensch, den ich je traf, war geradezu ideal zur Durchführung des "Plans", schon nach kurzer Zeit stimmte er begeistert zu, derjenige zu sein, welcher...
Es wurde Abend, es dämmerte. Die Handvoll Rächer machte sich auf den Weg zum Wohnort des Metals, ein stilles Wohngebiet am Rand von Radevormwald. Während sich die Gruppe im Hintergrund hielt und durch Tannengrün schielte, tappte Heiko über den Bürgersteig, hielt immer wieder nach potentiellen Augenzeugen Ausschau. Vorsichtig kletterte er mit seinen Turnschuhen auf die Motorhaube, ließ die Hosen herunter, ging in die Hocke, presste...
In diesem Augenblick sprang ein Fenster an der Wohnung des Metals auf und die Mutter des Cholerikers schrie eine völlig unartikuliert wirkende Folge von Silben - als sei sie besessen!
Heiko floh panisch mit heruntergelassenen Hosen, die Anstifter machten sich aus dem Staub.

Am Ende waren sich auf jeden Fall alle einig, dass die besessene Metal-Mutter "Hackethal soll sterben!" gebrüllt hatte.
Die rätselhafte Sentenz erlangte zu dieser Zeit einige Berühmtheit und wurde sogar zu einem Lied einer lokalen Punk/Metal-Band verarbeitet, dessen Titel und Refrain natürlich "Hackethal soll sterben!" gelautet hatte.

Professor Julius Hackethal (1921-1997) (Link) hat von alledem nie etwas erfahren.


Mittwoch, 7. April 2010

Heimat 18/Restaurantkritik 4 - Unentschieden


Waffeln
Originally uploaded by Astrid Walter
Wenn jemand meint, dass das Bergische Land, geschweige denn Radevormwald entlegen liegt, der sollte einfach mal den Ortsteil Filde (Link) aufsuchen. Dort gibt es auch das Landhaus Filde. Wer von den beiden für das jeweils Andere namensgebend war, verlor sich im Nebel der Geschichte.
Im Landhaus Filde kann man prima Kaffee trinken, vor allem aber Bergische Waffeln essen. Die Bergische Waffel ist mit Milchreis bedeckt, der Milchreis wird mit einem Gemisch aus Zimt & Zucker bestäubt. Übrigens: Anders kann man Waffeln gar nicht essen! Ich schwöre! Vergesst diesen Heiße-Kirschen-mit-Sahne-Irrglauben mal ganz schnell.
Also.
Es war ein wirklich wunderbarer, sonniger Nachmittag, wir ergatterten einen Sitzplatz draußen und blinzelten grinsend in die Sonne. Bald fiel ein mächtiger Schatten auf uns - der Wirt! Riesig ragte er auf, ein Monument, weißhaarig, bärig, bärbeißig!
"Wat krieg'n Sie?", bellte er, wir atmeten auf, heute hatte er anscheinend verhältnismäßig gute Laune.
"Ich hätte gerne die Bergische Waffel und einen Kakao", sagte meine Begleitung.
Der Hüne schnaubte.
"Kakao mit Sahne oder ohne Sahne?", blaffte er.
"Mit", piepste meine Gegenüber.
"Und Sie?", bedrohte mich dieses Monument der Dienstleitung.
"Ich nehme auch die Waffel und einen Kakao!", sagte ich.
Sein Blick funkelte bedrohlich, er atmete aus, auf eine Art und Weise, die keinen Zweifel daran ließ, wie leid er es war, sich mit Minderbemittelten abzugeben.
"Kakao: Mit Sahne --- ohne Sahne!?"
"Ich hätte gerne ohne Sahne."
"Ja, wat denn nu?", herrschte er uns an, fassungslos rauschte er von dannen.
Puh!
Aber: Was können wir Penner uns auch nicht auf das gleiche Getränk einigen!
Nach fünf Minuten knallte er uns zwei Tassen mit Kakao ohne Sahne hin und ein Tellerchen Sahne zur Sahne-Selbstbedienung, das so kernig auf dem Tisch aufkam, dass es noch drei Runden drehte, bevor es zur Ruhe kam.
Wir zuckten zusammen, machten uns dann aber rasch über unsere Bergischen Waffeln und den Kakao mit/ohne Sahne her - es war herrlich!

Summa summarum: Landhaus Filde kann ich nur empfehlen!

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Donnerstag, 1. April 2010

Heimat 17/History 10: Frau Stinder (1978)


Union Jack Vintage Linen
Originally uploaded by geishaboy500
Rock'n'Roll Realschule 3. (und letzter) Teil
5. Klasse, der erste Englischunterricht meines Lebens. Meine neue Lehrerin Frau Stinder ist bereits über 50, sie spricht nur englisch. Ihre Haare sind grau. Sie trägt karierte Kleidung im Grundton grün/braun, der Kragen ihrer gestärkten, weißen Bluse ist so scharf, mit ihm könnte man Schlagadern auftrennen - wenn ihr der Sinn danach stünde. Sie trägt überknielange, karierte Faltenröcke und blickdichte, fleischfarbene Strumpfhosen sowie beige Halbschuhe.
Frau Stinder, hat keinen Vornamen, die Worte "Frau-Stinder" sind eine untrennbare Einheit, die keinerlei Ergänzung mehr bedarf.
Da waren diese Learning-English-Workbooks, DIN-A4, rot (Klasse 5) und grün (Klasse 6), bis unter den Rand voller Grammatikspielchen, Lückentexten und Kreuzworträtseln, ganz, ganz dolle spannend für den Zwölfjährigen an sich.
Frau Stinder hatte einen bizarren Fetisch: Sie gab fast ausschließlich Hausaufgaben aus dem Workbook auf - und das nicht zu knapp - und niemals keine Hausaufgaben. Die Workbooks wurden in Phase 1 mit Bleistift geführt - wichtig! In der nächsten Englischstunde wurden die Hausaufgaben dann in der Klasse kontrolliert, die Korrekturen mit Radiergummi und Bleistift gemacht (Phase 2). War die ‘Lesson’ komplett abgeschlossen, wurden die Workbooks eingesammelt, Frau Stinder korrigierte dann mit grünem Stift (Phase 3) und teilte sie wieder aus. Die Schüler hatten nun die Korrekturen und alle anderen Texte mit Füller (blau) im Workbook nachzuziehen (Phase 4), die Fehler-Sätze mussten zusätzlich separat im Hausheft genau dreimal richtig geschrieben werden:
I shall not waste ink and paper and time.
I shall not waste ink and paper and time.
I shall not waste ink and paper and time.
Zum guten Schluss wurden die tintenkorrigierten Workbooks UND die Haushefte zur Endkorrektur eingesammelt und abermals korrigiert, diesmal in rot (Phase 5).

Natürlich gab es in dieser rigiden Kette mannigfaltige Möglichkeiten für zwölfjährige, nur so mittel disziplinierte Jungs, zu versagen, sei es,
1) die Hausaufgaben zu vergessen,
2) das Nachkorrigieren mit Bleistift zu vergessen,
3) das Nachziehen mit Tinte zu vergessen,
4) bei der Klassenkorrektur nicht richtig aufzupassen,
5) Bleistift nicht wegzuradieren "unter" dem Tintentext
6) Teile des Workbooks einfach freizulassen, obwohl die letzte Korrekturphase bereits abgeschlossen ist und an den leeren Stellen schon allein aus diversen Gründen mehrfach hätte etwas stehen müssen,
7) das Workbook zu Hause zu lassen, oder zu tun als ob,
etc., etc.
Mühlinghaus & Meskendahl waren die Namen, die Frau Stinder fast immer und in jeder nur denkbaren Phase entsetzt nannte und dabei die aufgeschlagenen „Workbooks des Grauens” vor den staunenden Augen der Klasse preisgab: „Seht euch diese Workbooks an: Myh...ling...house u-hund Mes...ken...daaahl!!!”, dann Einträge in ihr gefürchtetes rotes Büchlein machte.
Noch heute habe ich den angewiderten Singsang ihre Stimme im Ohr, so, als würde ein als Frau verkleideter Mann mit zu schriller Frauenstimme über Fäkalien sprechen.

Wenn ich Volker Meskendahl heute treffe, vielleicht auf dem Parkplatz eines Radevormwalder Supermarktes, dann sagen wir meist nur diese drei Worte „Myh...ling...house u-hund Mes...ken...daaahl”, in dieser speziellen Betonung und Tonlage zueinander, lachen ein wenig irr und gehen dann wieder unseren Verrichtungen nach, ohne groß weitere Worte gewechselt zu haben.

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P.S.: Wie ich zähneknirschend zugeben muss habe ich in diesen zwei Jahren tatsächlich fast schon unanständig viel gelernt :)

Samstag, 27. März 2010

Heimat 16/History 9: Herr Hermes (1979)

Rock'n'Roll Realschule Teil 2
Der mit weitem Abstand wohl faulste Lehrer meiner gesamten Schullaufbahn hieß Hermes, wie der Götterbote.
Es war auf der Realschule Radevormwald (Link), die 5. und 6. Klasse, ich war 11 bzw. 12. Hermes war mein Klassenlehrer und ganz nebenbei ein gefürchteter Choleriker.
Er betrat wie immer leicht verspätet das Klassenzimmer.
Er hatte buchstäblich nichts dabei außer seiner Kleidung, immerhin.
»Hat mal einer einen Kuli?«, fragte er, jemand reichte ihm einen.
Hermes öffnete das Klassenbuch und redigierte erst einmal 10 Minuten darin herum. Dabei schnauzte und herrschte er all die an, die dort Einträge wegen Fehlens, Rügen, fehlender Hausaufgaben etc. bekommen hatten – ein unbeherrschter, ja fast wahnsinniger Gott. Einmal hat er eine Mitschülerin wegen Schulschwänzens dermaßen angebrüllt, dass das Kind, das neben ihr saß, vor Angst zu weinen anfing.
Nach diesem Ritual ließ er sich im Erdkundeunterricht von einem Schüler ein Seydlitz-Erdkundebuch geben und fragte: »Was haben wir das letzte Mal gemacht?« – Alle nuscheln durcheinander, mit angespannter Mine sucht Hermes im Buch.
»Hm, dann malt mal die Klimakarte auf Seite 68 ab, ich bin gleich wieder da« – und verschwand. Hermes saß jetzt ernstlich eine halbe Stunde lang im Lehrerzimmer herum, las die Tageszeitung und trank Kaffee. Minuten vor Unterrichtsende tauchte er wieder auf, kontrollierte die Zeichnungen und gab den Rest als Hausaufgabe auf.
Alternativ hatte er den Video-Raum geblockt, wo irgendetwas annähernd zum Thema Passendes geschaut wurde, notfalls seine Urlaubsbilder (kein Scherz).

Nach einer solchen sogenannten »Unterrichtsreihe« kam der gefürchtete Hermes-Nullachtfünfzehn-Test:
»So, alles vom Tisch, nur 2 Blätter und ein Stift!« – Klasse: »Ächz!«
Er nahm das Erdkundebuch eines Schülers, blätterte darin herum und stellte nach Gusto irgendwelche Fragen. Die Antwort musste dann niedergeschrieben und sofort mit dem anderen Blatt zugedeckt werden. Wenn jemand beim Nachbarn spickte, explodierte Hermes in einem gewaltigen Ausbruch, viele bekamen dann vor lauter Stress gar nichts mehr auf die Reihe.
Ein beliebter Schülerwitz aus dieser Zeit zum Thema »Hermes« lautete: »Frage 8: Wie heißt der chinesische Bauer auf Seite 75?«
Nach 10 Fragen wurde alles noch einmal durchgegangen, indem er die Antworten vom Klassenbesten nahm und daraus sehr frei die Fragen reformulierte (dieser Schüler konnte nichts korrigieren). Die Blätter wurden eingesammelt und von der sogenannten Lehrkraft sofort korrigiert, d.h., er verbrachte die nächste halbe Stunde damit, mit seinem Rotstift Striche und Noten auf die Blätter zu kritzeln. Dann verteilte er schäumend die Werke, indem er die Namen aufrief, und man sich seinen „Test” einzeln vorn am Lehrerpult abholen musste. Wenn alle »Tests« auf diese Art und Weise verteilt waren, nahm er sein rotes Notenbüchlein, las alphabetisch die Namen der Schüler vor und ließ sich vom jeweiligen Schüler die Note sagen, die er dann in sein Büchlein eintrug. Dieses Vorgehen stellte sicher, dass damit auch eine ganze Unterrichtsstunde verballert wurde. Wer sehr mutig war, konnte beim Angeben der eigenen Note ein »Minus« unterschlagen und hoffen, dass es Hermes nicht auffiel.
In diesem Stil durfte er auch Mathematik, Musik und andere Fächer unterrichten.
Verjährt so eine Scheiße eigentlich?

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Freitag, 26. März 2010

Heimat 15/History 8: Frau Verhoye (1981)


Drapeau français
Originally uploaded by zigazou76
Rock'n'Roll Realschule Teil 1
In der siebten Klasse der Realschule (Link) bekam ich Französischunterricht. Die Französischlehrerin war Frau Verhoye (sprich: Weh-roo-áh!) und sie ließ bereits bei der ersten Unterrichtsstunde auf sich warten.
Etwa fünf Minuten nach Unterrichtsbeginn hastete sie in den Raum. Sie war blondiert und touppiert, sie trug ein Kostüm und hochhackiges, farblich zur Kledage passendes Schuhwerk.
"Vite! Vite!", rief sie affektiert, als sie in den Klassenraum stürmte. Ihre allererste Amtshandlung bestand grundsätzlich darin, sich in dem Spiegel über dem Waschbecken zu schminken. Wir Kinder waren fasziniert und nahmen Haltung an, denn Anno 1981 stand man noch stramm hinter den Stühlen, sobald das Lehrpersonal den Raum betrat. Frau Veroye fuhr ein goldenes Mercedes Cabrio und war mit einem belgischen Schokoladenfabrikanten verheiratet - eine, die es geschafft hatte...
"Bonjour chers étudiants!", singsangte sie nasal.
"Gu--ten Mor--gen Frau Weh--roo--ááh!", brüllten wir.
"Asseyez-vous", sagte sie als nächstes.
Wir lernten mit der Zeit dass wir anschließend im Chor "Nous nous asseyons!" zu brüllen hatten. Etwa 25 Jahre später erfuhr ich durch Zufall, dass das "Wir setzen uns" heißt.
Mit der Zeit erlernten manche von uns die Grundzüge der obskuren Sprache Französisch. Und weil Frau V. absolut immer zu spät zum Unterricht kam, lernten wir quasi en passent, dass "Vite! Vite!" = "Schnell, schnell" bedeutet.
Die Jahreszeiten flogen nur so dahin, ich entdeckte mein fehlendes Talent = Nullbock, wählte Französisch ab und wandte mich dem naturwissenschaftlichen Zweig zu, der meinen Neigungen eher entsprach. Kurz drauf schrieb ich die einzige EINS meiner Schullaufbahn: In Biologie bei einem Sexualkunde-Test.

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Mittwoch, 24. März 2010

Lifestyle 33 - Murmel abfräsen lassen zu 6,50

"Dienstag ist Herrentag" bei meinem Frisör. Ein Herrenhaarschnitt ohne Häckes kostet bei meiner Frisörin aus diesem Grund 6,50 EUR incl. MwSt.
Irgendwann beschloss ich, statt des radikalen Standards "Murmel abfräsen" mal was ganz Anderes, Neues zu versuchen - ich ließ die Haare über die normale Schmerzgrenze hinaus wachsen und ging dann zum Dienstleister meines Vertrauens, um mir eine richtige Frisur verpassen zu lassen. Meine Frisörin lobte mein Ansinnen über den grünen Klee, schnippelte angelegentlich und zuweilen recht minimalistisch hier und da herum, gab mir noch Styling-Tipps und kassierte mich mit einem Lächeln ab ... 12,50 EUR - aha! Soso.
Aber ich hatte eine echte Frisur!
Am nächsten Morgen blickte ich von Aufstehen direkt in den Badezimmerspiegel: Ich sah aus wie Götz Alsmann - allerdings mit 3 Scheiteln (Bild). Nach dem Frottieren nach dem Duschen sah ich aus wie Urban Priol (Bild). Dann fing das Gefrimmel mit Gel und Bürste und dieser ganze Mist an, in zwei Dritteln aller Fälle sah ich aus wie ein ergrauter, indischer Seifenopernstar!
Aaah!
In heiligem Zorn habe ich mir die Murmel wieder abfräsen lassen zu 6,50 und gut ist.

Jetzt kann ich nach dem Frottieren das Haus verlassen, ohne noch einmal in den Spiegel zu schauen.
Jippi!

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Dienstag, 23. März 2010

ru24: History 7: Gefunden & Verloren, Teil II (1985)


Köln bei Nacht 2
Originally uploaded by Gernot Poetsch
Nachdem ich also an diesem Tag (Blogbeitrag) über 33% meines Gesamtkarmas verballert hatte, verlief das Treffen mit der reizenden Urlaubsbekanntschaft Ilka ziemlich mau, vorsichtig gesagt. Urlaub und Realität sind unterschiedliche Orte. Abends war ich einfach nur froh, den Heimweg antreten zu können. Ich schaute bei Ilka noch in den Straßenatlas ihres Vaters, versuchte mir den Rückweg einzuprägen, heraus aus dem Moloch Köln. Unsere Verabschiedungen beinhalteten keine Wir-bleiben-in-Kontakt-Formeln.

Mit meinem haselbraunmetallicfarbenen Opel Kadett D machte ich mich auf den Heimweg.
Dass Innerorts in Köln 80 km/h gefahren wird, schockierte mich ebenso wie die Tatsache, dass man Land-Eier mit GM-Nummernschild einfach abdrängte - besorgniserregend!
Nach nicht einmal 5 Minuten war ich im Moloch Köln verloren gegangen.

Ich fuhr von Tankstelle zu Tankstelle und fragte nach dem Weg. Gemäß dieser rund ein Dutzend Weisungen irrlichtete, mäanderte ich durchs Kölner Stadtgebiet.
Kein einziges Schild wies in eine mir nur vage bekannte Richtung!
Meine anfängliche Irritation wich Besorgnis.
Die Stadtteile derweil wurden finsterer, menschenleerer. Kaltes Licht weniger intakter Laternen brach sich im regenfeuchten Asphalt, als ich eine spartanisch illuminierte BP ansteuerte, eine tranfunzelde Insel inmitten stygischer Finsternis. Ich betrat den Verkaufsraum - palim! Links an der Wand standen 5 Stühle, darauf saßen 5 bekopftuchte Türkinnen mit Körbchen auf dem Schoß und strickten. Keine von ihnen schaute auf. Zum Klappern der 10 Nadeln brabbelte im Hintergrund ein Fernseher. Hinter dem Verkaufstresen stand ein etwa 50-jähriger Türke. Ich grüßte freundlich und sagte mein Sprüchlein auf von wegen "Richtung Wuppertal" und so. Der Mann schaute durch mich hindurch, regte sich nicht, schien mich nicht einmal zu ignorieren. Ich glaube, er hat nicht einmal gezwinkert.
Ich floh diesen Ort.
Meine anfängliche Besorgnis wich Verzweiflung.
Urbanes Schwarz hüllte mich ein wie ein Grabtuch.
Ich fuhr und fuhr und fuhr, angetrieben von bleihaltigem Normalbenzin und dem drängenden Wunsch, irgendwann mal wieder zu Hause zu sein. Später, viel später entdeckte ich ein blaues Autobahnschild in Richtung Gummersbach, ein elender Ort zwar, diese meine entlegene Kreisstadt (daher das GM auf meinem Kennzeichen), mindestens eine Stunde Fahrtzeit von meinem Zuhause entfernt, aber allemal besser, als gänzlich verlorenzugehen.

Ich fuhr über 60 km nach Gummersbach, von da aus 35 km über Land durch Marienheide, Wipperfürth und Hückeswagen zurück nach Hause.
Als ich aus dem Wagen ausstieg, zitterten meine Knie, doch: Oh, süße Heimat - es roch leicht nach Gülle und feuchtem Grün!
Land-Ei war wieder zu Hause.

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Donnerstag, 18. März 2010

ru24: History 7/Mysterium 5: Gefunden & Verloren, Teil I (1985)


Hansahochhaus
Originally uploaded by Diorama Sky
Anno 1985 lernte ich im Urlaub auf Teneriffa ein Mädel kennen: Ilka. Sie war ganz wunderbar, ich wohl auch - wie man das ja oft mit 16 und 18 noch ist. Wir beschlossen, uns nach dem Urlaub mal wiederzusehen.

Sie wohnte in 5000 Köln, ich in 5608 Radevormwald.
Monate später telefonierten wir, machten etwas aus für den kommenden Samstag, 15:00 Uhr.
"Wir können uns am SATURN treffen. Den SATURN kennste doch?", fragte sie.
"Klar. Sicher!", log ich. Ich glaube, jeder im Umkreis von 100 km kannte den Kölner SATURN, den größten LP-Laden westlich vom Pecos - nur ich nicht. Es war übrigens der erste Saturn-Hansa-Markt, der 1962 am Kölner Hansaring im Hansahochhaus eröffnet worden war (Link).
Unglückseligerweise kannte ich mich in der benachbarten Metropole mal so gar nicht aus.

Am großen Tag setzte ich mich in meinen haselbraunmetallic-lackierten Opel Kadett D. Die Fahrtzeit hatte ich mit einer Stunde ziemlich knapp bemessen. Kein Navi, kein Handy (et gab ja nix!), keine Karten, keinen blassen Schimmer, nur ausgestattet mit dem jugendlichen Überschwang eines 18-jährigen fuhr ich auf die A1 in Richtung Köln, eine Strecke von rund 50 km. Irgendwann wechselte ich von der A1 auf die A57 - mit "Köln Zentrum" wähnte ich mich "gefühlt" auf der sicheren Seite. Spontan fuhr ich bei einem weiteren Hinweis zu "Zentrum" ab. Entscheidungen standen an, ich fuhr gemäß Münzwurf links. Eine Weile geradeaus. Ich fuhr nach Münzwurf rechts. An einer Baustelle bog ich unorthodoxerweise mal irgendwo ab, dann fuhr ich wieder geradeaus.
Hatte vorher mein Wissen, wo ich war, NULL betragen, so hatte man mich jetzt zusätzlich mit verbundenen Augen im Kreis gedreht.
Und die Zeit drängte ein bissi!
Fünf vor drei!
Ich beschloss also, jemanden zu fragen. Am rechten Straßenrand stand eine Person an einer Bushaltestelle, ich fuhr heran, kurbelte die Scheibe herunter und setzte an, nach dem SATURN zu fragen...
"Hey, Henning, du bist aber pünktlich!", sagte Ilka begeistert und stieg ein. Ich stand vor dem SATURN, es war 14:56 Uhr.

Ich glaube manchmal, dass ich an diesem Tag über 33% meines Gesamtkarmas verballert habe.

[Fortsetzung]

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Mittwoch, 10. März 2010

Heimat 14/History 6 - allerchristlichst (1971 & 72)


Poor Teddy-pola02
Originally uploaded by [ henning ]
Der meinem Elternhaus am nächsten liegende Kindergarten war der Katholische Kindergarten St. Marien in der Blumenstraße. Ich war seinerzeit zwar nicht katholisch, dafür meine Mutter praktisch denkend, sie meldete mich dort an.
Et war 1971, et gab ja nix anderes.
Vor allem aber gab es Gebete, Gesang, Vorlesungen aus der Kinderbibel, das komplette Indoktrinationsprogramm, für das man so genannte Sekten so verachtet, als so genannter Christ.
Gefügig gemacht wurden wir mit bösen Blicken, Drohungen, Strafen. Die Strafen für Fünfjährige waren perfide und lähmend: Erbsen-Bohnen-Linsen-Sortieren zum Beispiel. Man bekam eine große Schüssel voller Hülsenfrüchte und musste diese nach Sorten trennen. Wenn man fertig war, wurde vor den Augen des kleinen Zwangsarbeiters alles wieder durcheinander gerührt. In der Ecke stehen war auch eine "beliebte" Strafe, die RAF-Sympathisanten nannten das zu der Zeit "Isolationsfolter" und bezogen sich auf Stuttgart-Stammheim. Besonders unbeliebt war das "Bibellesen": Man bekam eine reine Text-Bibel in die Hand gedrückt und musste eine längere Zeit darin "lesen", mit 5 ein echtes Problem.

Irgendwann kam unserer Gruppenleiterin auf die großartige Idee, uns Kinder "den Heiland am Kreuz" malen zu lassen. Der Vorstellungshorizont von Fünfjährigen zum Thema römischer Folterinstrumente war ein klitzekleines bissi begrenzt. Ich malte also ein Männlein am Gerüst, Punkt, Punkt die Augen und fetter Bogen SMILE!!! den Mund - fertig!
Dann habe ich auch noch Ärger dafür bekommen.

Wenigstens geschlagen wurden wir damals nicht, das war ja kein katholisches Internat.

Heute bin ich froh.
Ich bin damals so überaus wirkungsvoll resistent gemacht worden, so dass ich als Erwachsener niemals in die Verlegenheit gekommen bin, mich irgendeinem Glauben zuzuwenden.

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Montag, 8. Februar 2010

Heimat 13 - Schicksale

Immer wenn ich in meiner Heimatstadt vom Parkhaus durch den EDEKA gehe, komme ich auf diesem Weg an einer nichtswürdigen Aufbäckerei vorbei, eine Art Pseudobäcker auf 30 m². Meistens ist dort nur eine einzige Frau mit roten Mützchen und rotem Schürzchen. Sie muss springen, wenn die Aufbackautomaten die Rohlinge (hier mehr dazu) auf ein fünffaches ihres Volumens aufgeblasen haben und sie ist auch gleichzeitig die Kellnerin für die drei Stehtische.
Dort neben den Stehtischen sitzt ein Mann in seinem Elektro-Rollstuhl. Neben ihm in Kopfhöhe sein Kaffee. Er sitzt dort wie eine Installation, sechs Tage die Woche, augenscheinlich von morgens bis abends. Laut seiner Aufkleber ist er Deutscher, hat ein Herz für Kinder und ist im Verein der Behinderten und Rollstuhlfahrer. Sein Job ist es, der einzigen Bäckereifrau von früh bis spät eine Frikadelle mit Senf an die Backe zu labern.
Ich bin nicht in der Lage zu entscheiden, welches dieser beiden Schicksale schrecklicher ist.

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Donnerstag, 7. Januar 2010

Heimat 12 - Nö


2006-06-20 Happy days I
Originally uploaded by [ henning ]
Als ich seinerzeit in meine Wohnung zog, begab es sich, dass sich das Anbringen der Küchenhängeschränke etwas verzögerte. Plötzlich war es 22:01 Uhr. Es waren noch zwei Löcher zu bohren, dann wäre alles fertig gewesen. Als ich den Bohrer ansetzte, kam mahnendes Klopfen aus der Nachbarwohnung. Mist! Um es mir nicht schon beim Einzug mit der mir noch unbekannten Nachbarschaft zu verscherzen, musste ich leider meinen helfenden Bruder nach Hause schicken.
Ich sollte diese spezielle Nachbarin noch kennenlernen.
So lag ich eines Tages auf meinem Liegestuhl auf meiner Gartenparzelle und genoss die Sonne. Die Nachbarin, gepflegt, Mitte bis Ende 50, scharwenzelte angelegentlich heran und zwang mir dann ein Gespräch auf, das ich mir im Anschluss in etwa notiert habe:
"Ich bin ja direkt raus, ich sach immer, wat ich denke. Da kommen se normalerweise alle prima mit klar. Ich bin ja nich von hier, mein Mann, der kam von hier. Der hatte nen Tumor hier an der Stelle im Kopf, der hat mich nachher nich mehr erkannt. Meine Verwandschaft sitzt alle in Essen, die wollten auch immer, dat ich zu denen zieh, nach'm Tod von mein'm Mann, da sind die Leute auch viel herzlicher wie hier, nich so stur, aber ich sach denen immer: ich bleib, hier hab ich mein Garten un alles.
Die Herbstzeitlosen – herrlich! Hanä, abber dat macht alles auch viel Arbeit, manchmal weiß ich ja nich, wenn de Blagen hier alles kaputttrampeln, da könnt ich reinhauen. Sind ja auch viel Türkenblagen un so, die kennen so wat ja alle nich. Da kann mer ja nix sagen, sons hasse direkt de ganze Sippe am Hals, mit em Messer un alles.
Bäh, kuckense!, de Türken, die ham schon wieder en Blag angesetzt, jedes Jahr dat gleiche, wat anders können die auch nich! Un et Treppenhaus sieht aus! Un en Fernseher ham die laufen - Tag un Nacht, in einer Lautstärke!, aber alles son fremdländisches Geplärre, die ham ja ne Riesenschüssel am Dach! Wir ham sowat nich. Wir könn uns so wat gar nich leisten. Un die verdammten Blagen von denen machen einen unglaublichen Lärm und Dreck, dat is denen doch ganz egal, die hauen bald sowieso wieder ab, un wir können solange sehen. Im Garten machen die ja nix, reine gar nix, kuckense, dat blüht jetz schon alles widder, un wir kriegen de Samen ab, dat wird doch alles hergeweht – kuck, da fliecht schon wat! Löwenzahn un so, noch und nöcher. Dat is denen sowat von egal. NIX machen die, NIX!
Ich weiß gar nich, ob die überhaupt deutsch sprechen. Ich würd ja gerne doch mal in so ne Wohnung kucken. Die von de Wohnungsbaugenossenschaft, die tun immer nur ein Ausländer in jedem Haus, könnense sich ja vorstellen, wie dat sons alles aussäh. Gott-o-gott-o-gott! Da könnste sons nie widder vernünftig drin leben. Dat käm ALLES runter, in Nullkommanix, ALLES!
"
Ich raunte hie und da ein paar Entsetzenslaute, die sie als Zustimmung fehlinterpretierte. Lautäußerungen meinerseits waren in diesem Monolog ohnehin nicht vorgesehen. Dann rauschte sie davon.
Für diese Nachbarin schob ich den Regler meiner Menschenbewertungsskala ein klitzekleines bissi nach unten.

Nun hat einer der grenzdebilen Trolle, die sie für die grobe Gartenarbeit einsetzt, Ende Oktober ihren Benzinrasenmäher draußen hinter dem Gartenhäuschen stehen lassen, anstatt ihn wieder in den Keller zu schieben.
Jedes Mal, wenn ich aus dem Toilettenfenster sehe, betrachte ich den Mäher im Wandel der Jahreszeiten - zurzeit mit Schneehaube - und denke so bei mir: "Autsch, das tut dem jetzt mal gar nicht gut!"

Die Überlegung wäre, die Nachbarin davon in Kenntnis zu setzen.
Doch ich sage mir lächelnd jeden Tag auf's Neue: Nö.

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Mittwoch, 30. Dezember 2009

Heimat 11 - Innovation


Flesh
Originally uploaded by Zanthia
F: Wie lange benötigt man, um in der Bibel eine obskure Stelle zu finden?

A: 0,56 Sekunden: Aufschlagen, mit dem Finger irgendwohin zeigen.

*kicher*

Aber es soll noch über 100 Stellen in der Bibel geben, die auch heute noch im Rahmen unserer Lebenswirklichkeit einen gewisse Gültigkeit haben...
Äh, so sagt man zumindest.
So auf die Schnelle habe ich leider nichts finden können. Ich habe wild herumgeblättert, quer gelesen und ausschließlich ein einziges Knurren, Heulen, Gezeter und wirres Gerede gefunden, fast so, als wäre man versehentlich im falschen Chatroom ("Besessene only") gelandet.
Aber hier kommt deutscher Erfindergeist zum Einsatz!
Und das in der Stadt, in der der elektrische Currywurstschneider erfunden wurde! (Blogbeitrag)
Neulich beim Zahnarzt fiel mein Blick beim "Termin machen" am Tresen auf ein Tellerchen mit Give-Away-Erfrischungstüchern. Allen gemeinsam war, dass sie Bibelsprüche trugen.
Hey! Genau mein Ding!
Ich steckte mir zwei ein, um sie zu Hause eingehender zu inspizieren.
Also: Die Firma Telliton GmbH aus 42477 Radevormwald, meiner Heimatstadt, hat eine Innovation aus dem Startloch gelassen: Testamint! (Link).
Produktbeispiele:

Einzeln verpackte Bonbons: "Wenn mein Volk, das meinen Namen trägt, sich besinnt und umkehrt und zu mir betet, dann will ich vom Himmel hören, alle Schuld vergeben und ihr Land heilen." 2.Chronik 7.14
Ist das nicht ein klitzekleines bissi wuchtig auf einem singulären Bonbon?
"Schokis: Ich bin der Weg, ich bin die Wahrheit und ich bin das Leben. Ohne mich kann niemand zu Gott kommen." Evangelium des Johannes 14.6
Naja, so in etwa empfinde ich schon beim Verzehr von größeren Mengen von Schokolade...
Na gut, es gibt ja noch die Erfrischungstücher und viele andere Artikel...
OK, sicher eine gute Sache das.
*hüstel*

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Montag, 21. Dezember 2009

Heimat 10 - Winterdienst


Kein Winterdienst
Originally uploaded by Florian Demmer
Natürlich habe ich laut Hauskalender nur Winterdienst, wenn es sich auch lohnt.
Nachdem mich das pingelige, nachbarschaftliche Gekratze ab 6.15 Uhr zermürbt hatte, schwinge ich mich mit rotgeäderten Augen aus dem Bett, dann schwinge auch ich den Schieber.
Im Anschluß daran mache ich mich an die Befreiung meines Autos. Der Wagen steht ca. 100 m weiter die Straße rauf als sonst. Der Gehweg vor dem Haus an dem ich parke, ist penibel auf eine Breite von 59,4 cm (2x Länge A4) geräumt, akkurat!
Rentner, vermutlich.
Ich stakse also durch den von Schneepflügen mutwillig zusammengeschobenen Mist rund um mein Auto und entschneee es (hübsch so mit drei e!). Dabei sind auch wohl im Eifer des Gefechts 2,3 g Flöckchen auf den geräumten Bereich geraten. Während ich also noch an der Frontscheibe herumkratze, öffnet sich hurtig die Tür des zum Bürgersteig gehörigen Domizils. Da hätte ich natürlich schon beim Parken drauf achten müssen: Niemals vor dem Haus deutscher Spießer-Rentner! So Leute hängen ja ständig am Fenster.
"Sie machen den Bürgersteig voll", quakt der rüstige Herr, perfekt rasiert im gebügelten Freizeitanzug (sprich: "Yogga"). Ich stutze, lasse von meiner unerquicklichen Tätigkeit ab, schaue mich um.
Ah, 2,3g, die die mit dem Lineal gezogene Akkuratesse nun grotesk verunstalten!
Hihi!, denke ich noch.
"Ah, ja, Entschuldigung", sage ich stattdessen. 'Ehre das Alter' und so. Das reicht aber nicht. Der Herr beobachtet jetzt mit geschultem Auge jede meiner Bewegungen, wartet wohl drauf, dass ich mit einem Matchbox-Schneeschieber das Micro-Desaster wieder richte, in mir brodelt es, ein genetisches Erbe väterlicherseits.
"Wenn es jetzt zu schneien anfängt, stellen Sie sich dann mit 'nem Schirm auf den Bürgersteig?", frage ich meines Erachtens völlig berechtigterweise.
"Unverschämtheit!", blökt der Koronargefährdete, er mache hier nicht alles so ordentlich, damit jemand alles wieder voll mache.
Alles!
2,3 g!
"Ich ruf' beim Ordnungsamt an!", zetert die hinzugekommene Gattin.
"Ich bitte darum!", belle ich zurück.
"Außerdem können Sie ja demnächst woanders parken", poltert der Gatte.
*brodelbrodel*
"Sie können ja auch umziehen!", schlage ich nur logisch vor.
"Dat is' Eigentum, dat is' nich' zur Miete ... Unverschämtheit, murmelmurmel", kreischt die Gattin. Das Rentnerehepaar entfleucht ins Haus, man glotzt nun aus den Fenstern, und beobachtet mich, als schändeten draußen die Hell's Angels diverses Nutzvieh.

Im Grunde können sie mir dankbar sein, weil ich für mindestens drei Tage Abwechslung in ihr ansonsten ereignisloses Dasein gebracht habe.


Samstag, 12. Dezember 2009

ru24 Mysterium 3/Heimat 9: Voodoo

Als ich in meine Wohnung zog, wohnte unter mir ein Herr. Der Herr war Ende 50, allein stehend, er war Träger einer mächtigen Jaruzelski-Hornbrille und trug, wenn er in den Garten ging um etwas auszuzupfen, einen Cord-Hut mit Delle und einen grauen Kittel. Alles in allem sah er aus wie "der Trainer" (Link), der Kumpel von Herbert Knebel. Sobald er den Garten betrat, stöpselte er einen Kassettenrecorder an den Hausstrom. Dieser spielte dann auf Auto-Reverse urdeutsche Volksmusik. Wenn ich mein Küchenfenster "auf Kipp" hatte, was im Sommer quasi immer der Fall war, dann drang "Im Grunewald ist Holzauktion" zu mir herauf und fraß an meinem Gehirn. Dann kam der "Zillertaler Hochzeitsmarsch", danach die "Bergvagabunden" und "Unter dem Doppeladler". Um mein Gehirn in Sicherheit zu bringen, seine strukturelle Integrität zu wahren, musste ich das Fenster schließen, geradezu ideal um zu schwitzen und ein bisschen zu ersticken.
Die Hochsommer-Wochenenden waren am schlimmsten!
Eines Tages stand ich am mal wieder geschlossenen Fenster und starrte mit blutunterlaufenen Augen in den Garten, der unter einem perfekten, blauen Himmel da lag. Zwei Kohlweißlinge gaukelten durch die Luft. Alle Rasenflächen waren perfekt manikürt. Der Herr Nachbar hatte eine Leiter an sein rustikales Gartenhäuschen gestellt, um es neu zu decken. Die Leiter hinauf wankte er nach oben, an der Kante rang er um Gleichgewicht, schwang ein Bein über die Kante, derweil die Leiter den Kontakt zum Dach kurzzeitig verlor, dann eierte er über das Dach, schlitterte von hier nach da, hämmerte herum, stieg dann die kippelnde Leiter wieder hinab.
Von der Arbeitssicherheit her war das ein Traum! Ich beobachtete das eine Weile.
"Fall doch vom Dach und brich dir den Hals, Trottel!", murmelte ich, meinte es aber nicht wirklich ernst. Dann verließ ich das Haus.
Als ich am nächsten Tag heimkam und die Haustür aufschloss, öffnete sich gleichzeitig die Wohnungstür des Herrn, allerdings stand da ein mir fremder Mann.
"Sie sind der Herr M.?", fragte er.
"Ja. Und Sie?"
"Das ist die Wohnung von meinem Bruder. Der ist gestern vom Gartenhäuschen gefallen und hat sich den Hals gebrochen! Er liegt im Krankenhaus!"
Leise spielte im Hintergrund meines Kopfes die Melodie von "Twiligt Zone" (Link).
"Ah!", sagte ich, während mein Rückgrat vereiste, "Gute Besserung!"

Einen Monat später war er tot. Er hatte sich geweigert, sich operieren zu lassen und war im Krankenhaus an einer Bettlungenentzündung gestorben.

Hüte dich vor deinen Wünschen, denn sie könnten in Erfüllung gehen.

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