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Mittwoch, 26. Oktober 2022

Things we lost (in the fire) - Teil 11: "Chrom brennt"

Midjourney

In der Kurzgeschichtensammlung "Cyberspace" von William Gibson ist unter anderen die Geschichte "Chrom brennt" ("Burning Chrome") enthalten. Sie erzählt die Geschichte von zwei Hackern - Automatic Jack und Bobby Quine. Bobby will zu Geld kommen, um sein Mädchen Rikki zu beeindrucken. Jack hat auf dem Schwarzmarkt -- beim "Finnen" -- ein leistungsstarkes Hacking-Tool erworben. Bobby schlägt vor, das Tool zu benutzen, um über das Cyberspace in das System einer berüchtigten und bösartigen Kriminellen namens Chrome einzubrechen und sie auszurauben. 

Die Geschichte ist vom Erfinder des Cyberspace William Gibson himself und sie ist heute noch so frisch wie am ersten Tag -- und das war 1982. Nur wenige SF-Geschichten sind binnen 40 Jahren so dermaßen grandios gealtert wie "Chrom brennt".

Ich habe das alle paar Jahre mal nachgeprüft. ;)
Nun ist Chrom endgültig verbrannt.


Inhaltsverzeichnis der gesamten Serie


Dienstag, 20. September 2016

Männeridentität, wiederhergestellt

photo credit: Flohmarktfest Stötteritz 2016 via photopin (license)
Am Sonntag waren wir mit einem befreundeten Pärchen auf dem Trödelmarkt am Schusterplatz nahe dem Ölberger Kunst- und Kulturmarkt am Otto-Böhne-Platz. Wir zogen getrennt los und grofelten durch die Auslagen des Trödels. Nach kurzer Zeit entdeckte ich vier etwa sechs cm große Porzellanhasen, die das Stück auch nur 0,50 € kosteten. Ich sackte sie ein. Me-ga-schnäpp-chen!
GRUNDGÜTIGER!! WAS FÜR AUSSERGEWÖHNLICH HERVORRAGENDE PORZELLANHASEN!!!
Nach einer Weile traf ich meine Frau.
"Na, hast du schon was?", fragte sie.
Ich berichtetet stolz von den AUSSERGEWÖHNLICH HERVORRAGENDEN PORZELLANHASEN.
"Äh, wir haben doch schon weiße Porzellanhasen!", befremdete sie sich. Meine Argumente verfingen nicht. "Ostern?", versuchte ich noch.
Kurzum kam mein Kumpel Eliseo ums Eck.
"Na, haste schon was?", fragte er.
Ich erzählte von den AUSSERGEWÖHNLICH HERVORRAGENDEN PORZELLANHASEN.
"Ist was los mit dir?", fragte er besorgt.
*seufz*
Ich kaufte zur Beruhigung aller Anwesenden die Uncut Blu-Ray von "Das Ding aus einer anderen Welt", 1982, mit Kurt Russell, fett FSK 18, ein AUSSERGEWÖHNLICH HERVORRAGENDER SF-SCHOCKER.
Alle wieder glücklich.
Läuft.


Mittwoch, 17. Dezember 2014

Die Zukunft

photo credit: Man holding object via photopin (license)
In meiner Kindheit war ich umgeben von 60er-Jahre-Büchern wie "Das neue Universum", deren "Themenwahl und inhaltliche Gestaltung (sich) durch einen starken Zukunfts-, Wissenschafts- und Machbarkeitsoptimismus aus(zeichnete)" (Link). Kaum ein Titelbild, das nicht einem Aspekt der Raumfahrt gehuldigt hätte. Das war die Zukunft! Der Held meiner Jugend war James T. Kirk. Als ich als Schüler, um 1980 befragt, mir die Zukunft des Jahres 2000 vorstellen sollte, gab es in dieser fernen Zukunft natürlich eine Station auf dem Mond und eine auf dem Mars, mindestens. Der Kontakt zu Außerirdischen war zu diesem Zeitpunkt fast schon gezwungenermaßen eingetreten. Ich las dutzende und aberdutzende Romane wie "Der Mond ist eine herbe Geliebte" von Robert A. Heinlein (Link), "Wasser für den Mars" von Isaac Asimov (Link) und Ray Bradburys "Mars-Chroniken" (Link).
So würde die Zukunft werden!

Doch da die NASA aber aus Kostengründen seit 1972 keinen Menschen mehr auf den Mond geschweige denn auf andere Himmelskörper gebracht hatte, wandte sich die SF bald anderen, inneren Themen zu – Cyberpunk & Cyberspace. 1982 erschien die noch heute absolut sensationelle Kurzgeschichte "Chrom brennt" (Link) von William Gibson, ein Meilenstein. Das Cyberspace war geboren, Gehirn und Maschine gehen in absehbarer Zeit eine nicht immer ungefährliche Beziehung ein. Das war die Zukunft! Im gleichen Jahr brachte Intel seinen 286er Prozessor auf den Markt (Link), der bis in die frühen 90er gebaut wurde, Disney brachte "Tron" (Link) in die Kinos. Ich las dutzende und aberdutzende Romane wie die "Neuromancer-Trilogie" von William Gibson (Link), "Snow Crash" & "Diamond Age" von Neil Stephenson (Link) und Walter Jon Williams "Hardware" (Link).
So würde die Zukunft werden!

Dann kam alles anders. Das SF-Genre wanderte weiter. Jetzt, in Zeiten, in denen Kühlschränke eine IP-Adresse haben und Handys einen Vierkernprozessor, soll eines Tages am Horizont der beständigen, sich beschleunigender Entwicklungen die Singularität (Link) aufscheinen. Dies ist der Augenblick zu Bewusstsein kommender künstlicher Intelligenzen, die bei dem ganzen Fortschrittsgedöns quasi zusätzlich noch die Turbo-Taste drücken, sodass ein "Danach" im völligen Vorhersage-Dunkel liegen muss. Das war die Zukunft! Außerdem hatte Mitte 2014 erstmalig die Maschine "Eugene Goostman" den Turing-Test bestanden (Link). Ich verschlang die Bücher des britischen Autors Charles Stross, allen voran den Kick-Ass-Technologieroman "Accelerando" (Link).
So würde die Zukunft werden!

OK, ich geb's zu, ich habe mittlerweile den Verdacht, dass auch das nichts werden wird.

Die Briten haben schon ein neues SF-Genre in der Mache, die "mundane Science Fiction" (Link). Dabei handelt es sich um eine realtiätsnähere SF als die der vergangenen Jahrzehnte. Man gibt sich erschreckend realistisch: Es wird (wegen Einstein) keine interstellare Raumfahrt geben, deshalb wird es auch nicht zu einer Kontaktaufnahme mit Außerirdischen kommen (weil die auch nicht da wegkommen, wo sie gerade sind, wenn es sie überhaupt gibt). Und Parallelwelten sind auch gestrichen. Konsens: Machen wir uns nichts vor, wir sitzen hier fest. Diese SF prognostiziert nur das Mögliche. Oder man geht dabei sogar so weit wie William Gibson, der gereift, nunmehr statt der Zukunft in seiner aktuellen Bigend-Trilogie nur noch "die Gegenwart vorhersagt" (Link). Ironischer- oder konsequenterweise sind die Bände dieser Trilogie (Mustererkennung, Quellcode, System Neustart) Stand 12/2014 nicht einmal als Kindle-E-Book erhältlich, sondern nur als gutes, altes Buch.

Um den großen Karl Valentin zu zitieren: "Die Zukunft war früher auch besser".


Ein Labsal: http://vimeo.com/108650530


Dienstag, 26. November 2013

Prominenz


Victoria and David Beckham
Originally uploaded by friskytuna
Früher, da war der Begriff "Prominenter" noch positiv belegt. Sogar, noch während ich Kind oder Teenager war. Ich rede jetzt von einem Zeitraum, der sich von 1970 bis in die 80er erstreckte. Es handelte sich bei diesen Prominenten um Lichtgestalten: begabt, gebildet, eloquent, kosmopolitisch oder wenigstens schön.
Wohl niemand hätte es abgelehnt, Anno 1982 Hans-Joachim „Kuli“ Kulenkampff oder Joachim „Blacky“ Fuchsberger zum Onkel zu haben. Hach, das wäre doch dufte gewesen!
Und wie übersichtlich ging es zu in den 80ern!

Seitdem hatten wir eine kräftige Hyperinflation der Berühmten, dem Privatfernsehen sei dank. Die Zahlen eskalierten von gefühlten 500 nach gefühlten 6.000. Wer heute mal mit Dieter Bohlen, Boris Becker oder Oliver Pocher koitiert hat, gilt sofort nach der Erst-Besamung als "IT-Girl", sicher, sicher. Wer auf PRO7 mal eine Kochsendung hatte, ist stante pede Starkoch, klar.
Was diese sogenannten "Promis" in der Regel allerdings von denen vergangener Tage unterscheidet, ist, dass sie weder begabt, gebildet, eloquent, kosmopolitisch oder wenigstens schön sind.
STOP MAKING STUPID PEOPLE FAMOUS (Link) ist ein Aufruf, den sich Medien mal hinter die Ohren schreiben sollten.

Eine gute Freundin von mir (A. S.) ging sogar so weit, zu behaupten, dass der Begriff "prominent" längst vollständig negativ belegt sei.
Ich fürchte, mir fällt gerade kein Gegenbeweis zu dieser These ein.


Samstag, 27. Oktober 2012

ru History 40 - Großvater Scrooge (1982)

goo.gl/oiFmv
Als ich (als Erwachsener) erstmalig Dickens' Weihnachtsgeschichte (A Christmas Carol) las, und Scrooge als "hart und kalt wie ein Kiesel" beschrieben wurde, da kam mir unwillkürlich ein "Och, de Oppa" in den Sinn.
Gemeint ist mein Großvater Heinrich.
Geboren 1900 (Weltausstellung in Paris, Eiffelturm), als die Titanic sank war er 12, für den ersten großen Krieg war er zu jung, für den zweiten großen Krieg fast zu alt.
Zeitlebens wurde er "de Oppa" genannt. Das lag daran, dass er mit "de Omma" verheiratet war, dadurch begegnete man sich notgedrungen.
De Oppa war ein spektakulärer Esser (Blogbeitrag) und seine Nickerchen konnten sich sehen lassen (Blogbeitrag). Falls ihr das noch nicht kennt, bitte unbedingt lesen!

De Oppa war ein Mann von eisenharten Prinzipien. Was man flicken konnte, wurde geflickt. Was man selber bauen konnte, wurde gebastelt. Wie viel Zeit jeweils darauf verwendet wurde, war allzeit zweitrangig, ganz so, als sei Lebenszeit völlig wertlos, nicht in Geld aufzuwiegen. Eine Mark gab er nur aus, wenn er sie so oft herumgedreht hatte, dass seine Finger metallisch schimmerten. Als seine beiden Mädchen noch klein gewesen waren (30er Jahre), hatte er für die Weihnachtsgeschenke der beiden aber auch schon mal 50 Pfennig springen lassen. Da hatte er wohl seine Spendierhosen angehabt an dem Tag.
Ich fand immer, dass "Geiz" ein viel zu schwaches Wort dafür war, es nicht so recht traf, denn de Oppa grüßte ja sogar nur äußerst sparsam.

Gegen zappelnde (= lebende), plappernde (= kommunizierende) Kinder (moi) hatte mein Großvater ein Allheilmittel: Däumchendrehen. Ich wurde als kleines Kind dazu verdammt, schweigend am Tisch zu sitzen und mit gefalteten Händen Däumchen zu drehen. Meine geheime Superkraft "Ruhe ausstrahlen" entwickelte sich also schon ganz früh.
Kartenspiele waren für ihn "des Teufels Gebetbuch" und Dinosaurier negierte er nur als "Sau-Dier", da die "Schöpfungsgeschichte binnen sieben Tagen" solche nicht vorsah.

goo.gl/HHhAK 
Gottlob grofelte de Oppa bis zu seinem Ableben 1982 die meiste Zeit in seiner Werkstatt herum. Diese Werkstatt war Teil eines Betriebes, der seine letzten Investitionen in den Kriegsjahren und seine besten Tage während des Wirtschaftswunders gesehen hatte. Seitdem waren Maschinen, Vorrichtungen und Werkzeuge in dieser teerpappegedeckten Butze nur noch behelfsmäßig geflickt und zurechtgedengelt worden. Dies war ein lichtarmer Ort, angefüllt mit Geistermaschinen und Maschinengeistern, ein rostiges, spinnenwebiges und staubiges Imperium der Schatten, antik in jedem seiner glanzlosen Details.

Aber irgendwie bin ich als Kind auch oft genug dort gewesen, um das Wesen dieses Ortes in mir aufzunehmen. Vielleicht erklärt das meine heutige Affinität zu Verderb, Niedergang und Zerfall (in "Haunted-Hill-Optik"). Auf vielen meiner Flickr-Fotos kann man die kalte, tote Hand meines Großvaters sehen, erhoben zu einem sparsamen Gruß: flickr