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Samstag, 10. November 2012

ru History 40 - Der böse Schatten (1973)

goo.gl/IXJcc
Im Sommer 1973 war ich sechs und mit meinen Eltern und Bruder im "Schurkenstaat" Spanien in Urlaub.
Ein aufpeitschender erster Satz!
"Generalissimo" Francisco Franco führte 1936 den Staatsstreich gegen die demokratisch gewählte Regierung Spaniens an. Nach dem blutigen Bürgerkrieg regierte er Spanien  von 1939 an zusammen mit rechten Militärs als Diktator "El Caudillo" - "der Führer" - bis zu seinem Tod im November 1975. Dann erst begann eine Phase friedlicher Demokratisierung.
Im Sommer 1973 war die paramilitärische Guardia Civil sicherlich noch drastisch badassmäßiger drauf als heute...
"Unter Franco wurde die Guardia Civil als Repressionsinstrument gegen politisch Andersdenkende genutzt. Im Allgemeinen war sie für das Regime das Instrument, um der Landbevölkerung Präsenz und Stärke zu demonstrieren." (Quelle)
Eine meiner eindringlichsten Erinnerungen an diesen Urlaub sind weder Sonne, Strand noch Meer, sondern ein an einer Straßenecke stehender Guardia Civil-Mann. Während wir mit dem Auto an ihm vorbei fuhren, drückte ich mir (natürlich unangeschnallt auf der Rückbank) die Nase an der Scheibe platt.
Dunkle Uniform, sehr gerader Rücken, dieser merkwürdige, glänzende Hut von undeutbarer Form und ein riesiges Pistolenhalfter incl. Riesenknarre. Die gesamte statuengleiche Ausstahlung war streng, herrisch, stolz und vor allem - gefährlich. Alles an diesem Ordnungshüter/Repressionsinstrument schrie laut und überdeutlich: "Don't fuck with me, buddy".
Insgesamt ergab sich eine außergewöhnliche, unverwechselbare Silhouette, im spanischen auch "la mala sombra" - "der böse Schatten" genannt.


Freitag, 29. Juni 2012

59.000 Kilokalorien

bit.ly/LFpg8H
Da hat sich der kleine Dusty-Kevin Schliepkötter (9) aus Remscheid mal so richtig ins Zeug gelegt. Denn für läppische 100 Ferrero-Sammelpunkte der "Ferrero Fan Connection-Sammelaktion" gibt es das weiße "Original Ferrero EM 2012 DFB-Fan-Trikot Deutschland".
100 Punkte.
Pffft!
Das schafft man doch mit Links!
"[100 Punkte,] die stecken in 500 Kinderriegeln. [Ebenso darin enthalten] 5,5 Kilogramm Zucker und 3,6 Kilogramm Fett, das entpricht etwa 1.800 Würfelzuckerstückchen und 18 Päckchen Butter. 59.000 Kilokalorien muss ein Kind verputzen, um sich ein „Fan Shirt“ zu eressen, hat die Verbraucherorganisation Foodwatch ausgerechnet." (Quelle)
Pffft!
Foodwatch - das sind doch Spießer!
...
Naja, das Ende vom Lied: Das Shirt passt nicht, trotz "XL". Dusty-Kevin Schliepkötter (9) aus Remscheid sieht aus wie ein kleiner Buddha und das Shirt sitzt "wie Pelle von Wurst".
Macht aber nix.
Deutschland ist ja eh nicht Europameister geworden.
Dann versteigern wir das Teil eben bei EBAY (siehe Link).


Lesenwert: (Link)


Mittwoch, 11. April 2012

Frau Buckelbach

http://bit.ly/Is4Nn0
Mit den Mietern, die über einem hausen, kann man Glück haben.
In meiner alten Wohnung hatte ich mal Leute über mir wohnen, die waren nie da - großartig! Danach zog ein minderbemittelter Schwachmat ein, der gerne mal nachts besoffen durch die Straße zog und dabei "Olé, olé-olé-olé - BVB!!!" brüllte. Ich habe mein gesamtes Voodoo-Repertoire aufwenden müssen, dass er mit seiner leprösen Freundin irgendwo anders hin zusammengezogen ist, wohin war ja egal. Mittlerweile haben sie ihre prachtvoll-rustikalen Gene zusammengeworfen - meinen Glückwunsch!
(Wird sicher ein Genie.)

Als wir in die neue Wohnung im dritten Stock nach Wuppertal-Elberfeld zogen, wohnte Frau Buckelbach bereits im Vierten. Frau B. war in etwa in unserem Alter, hatte diverse Rennkatzen und einen 6-jährigen Sohn. Alles gut! Im Treppenhaus grüßten wir, Frau B. grüßte, das übliche, belanglose Zeugs.
Am liebsten hätte ich sie beglückwünscht, dass jetzt zwei wunderbare Hochleistungsnachbarn unter ihr wohnten! Hach!
Die Tage flogen dahin.
4-6-8: Frau B.s vier Rennkatzen galloppierten umher, von ihrem sechsjährigen Sohn war kein Laut zu vernehmen, wahrscheinlich spielte er im Schneidersitz und mit Kopfhörern Konsole, dafür saugte sie achtmal täglich akribisch die gesamte Wohnung.

Erstmalig schellte sie an der Tür, um sich zu beschweren, als wir Spielbergs "Super 8" sahen. OK, da explodiert schon eine ganze Menge.
Wir stellten sofort leiser, nahmen Bässe raus.
Einige Tage später die nächste Beschwerde.
Wir stellten leiser, nahmen die Bässe ganz raus. An den stilleren Passagen musste ich meiner Freundin nun die Dialoge soufflieren.
Kurz drauf die nächste Beschwerde.
Wir gewöhnten uns an, sobald ein Film lauter wurde, aufzuspringen und sofort leiser zu drehen, dann an den leisen Stellen wieder etwas lauter zu stellen, weil man ja plötzlich nichts mehr verstand.
Als wir mal im Kino saßen, zuckten wir beide an einer lauten Stelle zusammen - wir hatten das Gleiche gedacht: "Leiser stellen!"
Einmal Samstags Nachmittags haben wird ein wenig Schnittchen-Jazz gehört., schon flogen oben Gegenstände durch die Wohnung und kurz darauf stand sie wieder auf der Matte, bleich vor Zorn.
Meine gute Erziehung hätte mich an dieser Stelle ruhig mal kurz im Stich lassen können, aber nein...
Machte aber nix: Wann immer wir ihr nun im Treppenhaus begegneten, war ihr Gesicht eine Wasserspeier-Fratze, mit der man hätte Türen abbeizen können.
Gestörte Person.
Brrr!

Nun ist sie ausgezogen.
Hurra!
Hoffentlich wohnt sie jetzt mit ihren ganzen Katzen und dem ausgestopften Kind in einem schalldichten Tonstudio im 6. Untergeschoss eines stillgelegten Wehrmachtsbunkers.
Man muss auch gönnen können.


Freitag, 17. Juni 2011

ru24 Special: Camping*

*) ein aufpeitschender Erlebnisbericht aus dem Jahre 2004

"Zelten?", fragte eine Arbeitskollegin, "das macht man doch nur mit 14!"
Quatsch. Das ist nach den ganzen gestylten, All-Inclusive-Pauschalurlauben in DomRep oder MeckPomm, die aus Kostengründen dann doch nicht stattgefunden haben, genau das Richtige.
Camping bei Petten, Nordholland (Link).
Jetzt mußte man nur noch das Equipment bei Freunden zusammenschnorren.
Tipp: Wenn die einem sagen: "Die Luftmatratze müßte eigentlich in Ordnung sein", auf jeden Fall dankend ablehnen.
Nicht so ich.
Was für ein Spaß!

KINDER.
Ein Spaß ist es, wenn man sich an Freunde mit Kindern hängt. Da wird schon die Hinfahrt mit dem Auto zum Abenteuer, wenn die beiden Jungs bei der Rast mit der Kinderversion des Klappspatens den mittlerweile klo-losen und verwahrlosten Grenzübergang BRD/NL umbuddeln, derweil die Erwachsenen zwischen Flohknöterich, Spitzwegerich und Wiesenschaumkraut urinieren, ein Omen, wie sich zeigen sollte. "Können wir jetzt fahren?" – "Neiiin!" Die geben nicht eher Ruhe, bis sie vergammelte Drogen gefunden haben.
Jede Familie, die campt, hat mindestens drei Kinder. Gegen Abend kehrt dann auch langsam Ruhe ein, die Zeit zwischen Grillen und der Kinderzubettgehzeit wird nur hie und da durch schrilles Schreien aus der Ferne unterbrochen. Das wird emittiert, wenn z.B. in Reihe M der kleine Jantje (5) während des Kartenspiels im Kreise der Familie beim Mau-Mau mischen mit dem Kopf zwischen die Karten gekommen ist.
Abends Punkt 22.30 Uhr werden die übermüdeten Recken mit viel Überredungskunst in die Kinderschlafsäcke bugsiert. Kurz drauf dröhnt Bibi & Benjamin in der Lautstärke eines startenden Airbus aus 1.200 Walkmen – alle Knöpfe auf 10 – voll auf die Ohren: Die schöne Tradition der Gutenachtgeschichte mit Auto-Reverse, bis die Batterien ihren Geist aufgeben.
Die Kleinen haben mit der Masche sogar ein apokalyptisches Gewitter verpennt. Ich nicht.
Überraschung für den kinderlosen Singlemann: Kinder sind irgendwie ganz anders als die Miniatur-Erwachsenen, als die ich mir sie immer vorgestellt habe ...

WETTER.
03.10 Uhr Regen, das Zelt hält, die geliehene Luftmatratze ist nur noch bei 33%. 08.15 Uhr Wind, das Zelt hält, 10.20 Uhr Sonne, Frühstück im Freien, beim zweiten Brötchen (Salami ist wasserabweisend, ich Fuchs!) wieder Regen – und ich habe kein Drei-Wetter-Taft dabei. Witterung ohnehin allenthalben. Vor dem Frühstück, während des Frühstücks, nach dem Frühstück. Das lehrt Demut. Jetzt hockt man im Zelt und überlegt sich, was draußen wohl aus den zurückgelassenen Sachen wird: Den Lederschläppkes, den Brötchen, der Tasse Kaffee.
Neuer Tag, neues Glück. Sturm ab 6.00 Uhr, die Zeltwand drückt einem ins Gesicht, die strukturelle Integrität des Zelts liegt noch bei 12%. Gott, ich hab' zuviel Star Trek gesehen. Als ich vom Duschen wiederkomme, ist die Integrität meines Zelts im Arsch. Plunder, aus dem verbogene Stangen ragen, die lustig im Wind flattern (Windstärke 7 beaufort). Haha! Was für ein Spaß. Aber dafür hat man ja Freunde: Die halten einen davon ab, den Sprit-Ersatzkanister drüber auszugießen und den ganzen Klumpatsch so irgendwie fast im Affekt anzustecken. Plötzlich bin ich als Taifunbetroffener auf die Hilfe von Pater Rodriguez, der Mutter Theresa von Asien, angewiesen (Blogbeitrag).
Neidisch hocke ich im VW LT eines Nachgereisten und genieße den Luxus der Schönen und Reichen in einer beruhigenden Decefix-Atmosphäre aus Kieferholzimitat im Inneren. Vor allem kann man trocken und windstill sitzen.

CAMPER.
Vor x-tausend Jahren wurde im alten Ägypten der Stuhl erfunden. Dann kam später in Europa sogar der Heilige Stuhl dazu. Was Menschen von heute wohl dazu bewegt, wieder am Boden herumzukriechen? Wahrscheinlich das Zeugs aus der Marlboro-Werbung: "A warm camp fire, a hot pot of coffie and a good smoke" – klar, das gibt's alles – teilweise exklusiv – hier in Holland.
Allerdings leben hier auf dem Campingplatz 90% der Camper luxuriöser und komfortabler als 90% der Weltbevölkerung in ihren regulären Wellblech- und Pappe-Behausungen. Denn der Campingplatz sieht nur auf den ersten Blick aus wie ein Slum. Der deutsche Profi-Camper an sich nämlich beherrscht die Lage. Die professionalisierten Heeresverbände benutzen mittlerweile Ausrüstungsgegenstände aus Mylar, Kevlar, teflonbeschichteten Arachnidfasern und Gore-Tex mit Lotosblüteneffekt. Gelkissen. Gasgrill (mit piezoelektrischem Zünder), Grill-Mikrowellen-Kombi, elektrische Kaffeemühle, Satellitenantenne und Mückenverdampfer sind bereits unterste Standards.
Nur der Gelegenheits-Camper kann sich mit seinem von Freunden zusammengeschnorrten Equipment vorstellen, wie es wäre, auf einem fremden Planeten notgelandet zu sein.
Oder zumindest in einem Flüchtlingslager zu leben.
Doch zwischen zwei Wolken räkelt man sich wohlig in der Sonne. Die Frage ist: Wer macht den nächsten Kaffee? Auf diese existentielle Frage schrumpft nach wenigen Tagen das gesamte Universum des Gelegenheits-Campers zusammen. Lässig mit der Tasse in der Hand grüßt man die von gottweißwo heimkehrenden Nachbarinnen.

NACHBARN.
Natürlich gibt es auch beim Camping Nachbarn. Der Nachbar an sich, so zu Hause, ist normalerweise die Geißel der Menschheit (Blogbeitrag). Hier, unter freiem Himmel, am Busen der Natur ist der Nachbar hingegen ein Kamerad, ein Wettermitleidender, ein Slum-Mitbewohner, der Nächste aus der Bibel.
Man kann sich gegenseitig Tipps geben, wie man Zelte aufbaut, welche Dusche in welchem der Duschhäuser den sattesten Strahl hat, oder sich gegenseitig informieren, dass die Frittierfischbude mit dem Kibbeling wieder da ist.
Und: Man kann Nachbarn zu einem Wein einladen, ohne daß man gleich aufräumen, saugen und fensterputzen muß.
Unsere beiden wirklich netten Nachbarinnen und Wettermitleidenden aus Ingolstadt kamen auch mal auf einen Wein vorbei, wurden aber von unserem aus der Heimat nachgereisten Besuch (der mit dem VW LT) dermaßen brachial mit der Methode "guter Bulle/böser Bulle" verhört (er: "Ich unterhalte mich doch nur!"), daß sie den Rest der Zeit erst spät nachts auf den Campingplatz zurückschlichen und sich im dunklen Zelt zur Kommunikation nur Zettelchen mit einem phosphoreszierenden Stift schrieben, damit niemand sie hörte oder sah.
Schade.

HYGIENE.
Viele Männer sind der Überzeugung, daß 300m zum Klohäuschen eine Zumutung sind und zeigen auch ihrer nachwachsenden Chauvi-Brut, wie man prima neben das Zelt ins Gebüsch pinkelt. In zwei Wochen werden hier Harnsteinkristalle wie Dornen aus dem Gesträuch ringsum wachsen, Ruhr und Cholera ausbrechen.
Doch es gibt auch Lichtgestalten wie mich, die immer zur Toilette gehen. Für jede verstreichende Stunde, die nach der rituellen Reinigung der Klohäuschen durch brachiale Reinigungsfachkräfte ins
Land gezogen sind, legen die Herren ein weiteres Schamhaar auf den Rand des Pissoirs, wie eine säuberliche Strichliste. In diesem Augenblick mußte die letzte Reinigung hier bereits sieben Stunden her sein.
Die Duschen laufen genau 5 Minuten im Warmwassermodus, der Umwelt zuliebe, haben aber eine Zwischenstopp-Taste. Wenn man sich im Zwischenstopp-Modus zu lange einseift, springt die verbleibende Restzeit auf Null. Nur kann ich als Schaummonster nicht raus aus der Dusche, der Umwelt zuliebe. Da tappt man dann frierend 5 Minuten bis zum nächsten Reset der Uhr in Fußpilzgefilden herum und flucht, Pustefixbläschen ausstoßend.
Nach einigen Tagen ist man abgehärtet. Das Immunsystem läuft eh jenseits des roten Bereichs auf Vollast. Dinge, die im richtigen Leben sofort Krätze, Herpes oder Pilzinfektionen verursachen würden, werden fast schon nicht einmal mehr ignoriert. Man schmiert sein Brötchen mit einem Messer, das tagelang nur zwischen ungewaschenen Fingern unter einem Wasserhahn gereinigt wurde, an dem das Schild "Kein Trinkwasser" bereits weggefault ist. Der Pappteller ist ebenso weich wie das Brötchen und krustig von den Generationen der Mahlzeiten, die über ihn hinwegzogen wie lepröse Heuschreckenschwärme. Sand knirscht zwischen den Zähnen. Die Kinder nuckeln kauend wahlweise mit Ketchupschnute oder Nutellamündchen an Flaschen und rülpsen nach Jungenart dabei hinein. Haha! Ihr lustigen Kinder! Schwebstoffe reichern sich an. Doch man ist bereits jenseits des Ekels.
Schmeckt gar nicht übel. Irgendwie isotonisch.
Auch gibt es interessante Hygiene-Projekte: Ein Löffel, der in einem Topf mit Raviolis steckt, wird in der Sonne binnen Stunden zu einer Einheit verschweißt – so was kann doch keine Sau ahnen. Oder: Die Kleinen sammeln halbtote Krebse und Muscheln am Strand, die dann in einem Eimerchen an der Hecke neben dem Zelt dumpf vor sich hin wesen, wie ein maritimes Zombieheer.
Lockt wahrscheinlich Aasfresser und Insekten an.

TIERWELT.
Insekten ohnehin allenthalben. Wespen: Schleierhaft bleibt, was the fuck alle Wespen in meinem linken Ohr suchen, zumindest grofeln sie drin herum. Natürlich sagen die dann noch allen anderen schwarzgelben Tussis in ihrer Papier-
WG bescheid. Das mit meinem Ohr. Der Trick ist still halten. Cool bleiben. Leider kennen die Wespen den Trick nicht und stechen trotzdem. Die Invasion der fliegenden Ameisen startete Dienstag um 18.00 Uhr MEZ.
Libellen brausen herum wie aufgeregte Helikopter. Ameisen in der Margarine, Ohrenkneifer im Zelt, im Gebüsch irgendein stechendes Mistzeug, abends umschwirren Motten die Gaslampe und Mücken die unbedeckten Stellen der Körper – natürlich entzünden sich die Stiche. In den heidekrautbegrünten Dünen hingegen perfekt getarnt: Freilaufende, urwüchsigste Rinder, die den Beweis ihrer Existenz nur indirekt durch Fladen antreten, die an Jurassic Park gemahnen.
Und dann der Campingplatz als Ornithologen-Paradies: Völlig enthemmte Amseln laufen einem um die Beine, wie es nur völlig enthemmte Amseln können. Möwen stochern im Morgengrauen in Müllsäcken wie Ratten mit Stechahle: POK! - POK! Tauben rülpsen ihr geistloses Gru-hu -- gru-hu -- gru-hu, Elstern knattern im Gebüsch, Krähen 'singen' ihr Krah! – Krah!
Nach 2 Tagen kann man durch ein Wunder sogar bei dem ganzen Irrsinn schlafen.
Das einzige, was man hier gegen Vögel unternehmen kann, ist: jede Menge Kipfrikandeln essen.

KÖRPER & GEIST.
Kipfrikandel. Kip ist Hühnchen. Sieht aus wie eine schlecht selbst gebastelte Zigarre. Schmeckt wie grobe Currywurst. Enthält nur Fett, gemahlene Hühnerköpfe und Hühnereingeweide. Gar nicht übel. Dazu Pommes mit Pindasauce (Erdnußsauce) und eine Limo namens Rivella oder ein flesje Dubbel Frisss witte druiven & citroen, allesamt mit lustigen Zutaten.
Der Himmel ist in Holland.
Als Nachtisch ist im Supermarkt (SPAR – Haha!) ein Produkt mit Roombotter (Rahmbutter) auszuwählen, wie z.B. diese extrem zart schmelzenden Käsekuchenklontjes. Oder Flamingos, grell flamingofarbene Küchlein, die komplett aus E-Zutaten (E332, E373 etc.) gebacken werden. Nachmittags macht man Halt an einem Fischwagen. Frituur, so weit das Auge reicht. Hier ißt selbst Frau Antje nur noch Fisch am Stück, natürlich in der typisch enthemmten Auf-Ex-Fischreiher-Pose. Zwei Familienboxen Kibbeling für insgesamt 10 EUR mit der guten, gelben Mayo sind für die Körper der gesamten Reisegruppe jetzt wie ein Ölwechsel, hmm!
Der Himmel ist in Holland.
Dann vielleicht noch auf die ganze Glückseligkeit einen Koffie verkeerd – Milchkaffee (Parkeren verkeerd ist, wenn man so wie ich sieben Tage auf dem Kurzparkerparkplatz steht). Abends Ravioli und/oder Grillgut. Ab 18.00 Uhr liegt ein dichter Rauchschleier über dem Campingplatz. Papas benutzen die Luftmatratzenpumpe, um die Glut anzufachen, schmelzen dabei die Plastiktülle, die Kinder zündeln. Irgendwann ist fertig. 1.200 Camper verdrücken dann binnen 20 Minuten das Getier eines kompletten Bauernhofs im Erstschlag. Dazu ein Grolsch. Später Käseflips (Cheetos) oder abgefahrene Kartoffelchips mit Hühnchenaroma. Oder Käsewaffeln.
Der Himmel ist in Holland.
Der Körper hingegen ist mittlerweile eine Baustelle aus Blessuren, Abschürfungen, Schwellungen die teilweise entzündlich nässen von diversen Insektenstichen und -bissen, Rötungen von der sporadisch vorbeihuschenden Sonne. Ob das da an den Füßen jetzt wirklich Fußpilz wird, bleibt abzuwarten.
"Gib mir mal bitte was von dem Grolsch oder von dem Rotwein, ... jaja, ruhig in die Kaffetasse."

Fazit: Für all das läßt man doch jeden Pauschalurlaub glatt sausen!
Und völlig korrekt, liebe Kollegin: Zelten macht man nur mit 14.

Und so schließt sich elegant der Kreis.


Mehr "camping" gibts noch hier: Kügelchen, Urlaubserinnerung.


Sonntag, 7. März 2010

Familie 12 - zu Hause heulen


Cry Baby
Originally uploaded by Jon Bradley Photography
Im Remscheider Allee-Center, einem Einkaufszentrum, näherte sich mir Geheule. Es kam von einer schwer mit Konsumgütern bepackten Familie. Der Familenjüngste, ein Bretzelbub von etwa 3 Jahren, brüllte wie am Spieß, hochroten Hauptes. Er war schon völlig verrotzt.
Der Vater, sichtlich entnervt, versuchte erziehungstechnisch mal ganz, ganz andere Saiten aufzuziehen: "Heulen kannste auch zu Hause!", polterte er.
Ruhe war.
Wow!

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Samstag, 16. Januar 2010

ru24 Mysterium 4: Artensterben durch Illustratoren


Escher Pavers
Originally uploaded by Ben Lawson
Als Kind verbringt man schon recht viel Zeit auf den diversen Schößen der Familie: Mutter, Vater, Onkel und Tanten, Großeltern. Bücher anschauen wurde immer gerne gereicht. Und wenn die Kinderbücher irgendwann mal allesamt zu Ende geblättert waren, dann kamen die großformatigen Bildbände auf den Tisch.
Zum Beispiel »Die Welt in der wir leben« in der Knaur Volksausgabe (1957) »mit noch nie gesehenen farbigen Bildern«. (So etwas war 1972 so etwas wie heute das Internet.) Das Buch ist ein Durchmarsch durch die »komplette Naturgeschichte unserer Erde« und wurde für mich ab Seite 76 richtig interessant: »Die Zeit des Unter-Silurs« mit Riesen-Nautilus (4,5 Meter) im Meeresgewimmel, »Die Zeit der Kriechtiere« mit einem 15-köpfigem Dino-Getümmel. Weiter gab es riesige Klappseiten wie »Die Säugetiere des Miozän« auf denen sich dicht an dicht dutzende von Tieren drängten, als seien sie eingepfercht. Weiter hinten gibt es eine Doppelseite »Tiere des Waldbodens«, ein Gewusel ohne Gleichen! Wären es nur doppelt so viele Waldbodentiere gewesen, man hätte vor lauter Viechern den Wald nicht mehr gesehen!
Hier bekam man illustriert, wie der Wald zu sein hatte!
Irgendwann stellte ich kurz darauf im richtigen Leben fest, dass zumindest der Wald, in dem ich mit meinen Eltern spazieren gehen musste, im Gegensatz zu den Abbildungen quasi tierlos war.
Beklemmend!
Ein Mysterium!
Denn: Eigentlich hätten sich doch die Waldbewohner, wie oben im eingebetteten Bild illustriert, geschlossene Texturen bilden, sich quasi übereinanderstapeln müssen! Vielleicht sind auch die Anfänge der Öko-Bewegung auf dieses dem Betrachter unheimliche, unbegreifliche Lebens-Vakuum im Wald zurückzuführen!
War das das Artensterben?
War das das Waldsterben?
Jahrzehnte mussten ins Land ziehen, bis ich begriff, dass es sich hier um ein Mißverständnis zwischen dem Illustrator und seiner Leserschaft handelte.
Das war nicht irgendwann mal so!
Was uns die Illustratoren nämlich mit diesem Gewühl hatten sagen wollen, war:
Es ist/war schon so, aber doch nicht gleichzeitig, du Depp!
Irgendwann lugt ein Lurch hervor, igendwann fliegt eine Waldamsel durchs Bild, irgendwann hoppelt ein Hoppelhase von hier nach da, irgendwann klopft der Buntspecht und irgendwann ist da auch mal ein äsendes Reh!
Ach so.


Montag, 13. Juli 2009

ru24: History 1/Familie 4 - Kotzebues Werke studieren (1975)

Gestern musste ich an einer roten Ampel halten. Vor mir hielt ein etwas verbeulter Opel Corsa in unbestimmtem Blau. Mittig auf der Rückbank zappelte ein Knabe von vielleicht acht Jahren herum, dass man nicht den Eindruck gewann, er sei überhaupt angeschnallt. Der Vater am Steuer steckte sich erst mal eine an, die Mutter daneben auch.
"Assis!", dachte ich.
Nun. So ist das in 2009...

Anno 1975 war ich der natürlich unangeschnallte Pimpf mittig auf der Rückbank. Mama rauchte eine Lord Extra, Papa eine Camel, sein Tagespensum lag etwa bei 50 Stück, da hieß es reinklotzen, um das überhaupt zu schaffen. Die Fenster mussten natürlich oben bleiben, weil Mama sonst "Zug" bekommen hätte. Irgendwann während der Fahrt musste ich dann kotzen, Überraschung.
Gemeint ist nicht die gleichnamige Gemeinde im Havelland.

Meine Mutter erzählt noch heute mit glänzenden Augen: "Du hast viel gebrochen als Kind!" Eine statistische Korrelation zwischen gerauchten Zigaretten und Erbrechen wurde von meinen Erziehungsberechtigten nie entdeckt. Nur Mama machte sich später Sorgen, ich könnte irgendwann mal "mit dem Rauchen anfangen". Zu spät! Ich war von Anfang an dabei gewesen, ich kleiner Schlingel!
Meine Tante nannte das sich Übergeben immer recht vornehm "Kotzebues Werke studieren", was dem armen, dahingemeuchelten August von Kotzebue (1761-1819) wirklich nicht gerecht wird. Und seinen Werken auch nicht.

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