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Dienstag, 29. Mai 2018

ru24 Special: Portugal von A-Z (Teil 2 von 3)

Anrückende Pflanzen
Fisch
Stockfisch („bacalao“ oder „bacalhau“) ist eine große Sache in Portugal. Der zuvor an Stöcken getrocknete (deshalb der Name) Trockenfisch (Kabeljau oder eine Barschart) wird in aktenkoffergroßen, hellgrauen Stücken gehandelt, die in Schaufenstern herumliegen wie Hohlblocksteine in einem Baumarkt. Um ihn wieder zu einem Lebensmittel zu machen, muss bis zu 36 Stunden lang gewässert werden. Die eigentliche Heimat des Stockfischs „ist aber Skandinavien, besonders Norwegen. Von dort sowie aus Island und den Faröer-Inseln stammen die größten Importe an Stockfisch bis heute.“ (Quelle)
In Portugal wird Fisch generell immer und überall mit Gräten serviert, bei von Geburt an grätenlosen Fischen werden aus Frack noch welche reingeschossen – hier zeigt eine alte Seefahrernation allen Landdeppen stolz den Mittelfinger.

Frühstück
Das Zauberwort lautet „Pastelaria“. Die hiesigen Bäckereien haben ein riesiges Angebot von süß bis herzhaft, zu dem Plunderteilchen einen Milchkaffee = Galão (sprich Galaoh[ng], siehe „Diphthong“) und ein frisch gepresster O-Saft — zu zweit ist man mit unter 10,00 € dabei.

Calçada Portuguesa
Gehsteige
Die kompletten Bürgersteige in den Städten Portugals sind das berühmte "Calçada Portuguesa" (Link), ein Mosaikpflaster aus zweifarbigem Kalkstein. Das ist etwas uneben, hat Löcher, aber es sieht schön aus. So lange es trocken ist, kommt man bei flachem Schuhwerk ganz gut voran. Wenn es regnet, dann ist die ganze Angelegenheit so fitschig wie, nun ja, nur nasses Kalksteinpflaster sein kann.

Geschichte
Die Geschichte Portugals kann man stark zusammengedampft so schildern: In einer Winz-Nation wird ein neuer, wendigerer Schiffstyp erfunden, damit entdeckt man die halbe Welt, wird zum Giganten, verliert alles, gewinnt alles, verliert alles. Wann immer Gold und Geld da waren, wurde geradezu grotesk verschwenderisch damit umgegangen, die Gebäude ganzer Prachtstraßen vergoldet. Dann war wieder Schmalhans Küchenmeister angesagt. Rücklagen sind doch nur für Lappen!
Seit 1976 ist Portugal eine Demokratie.
Schöner Artikel: Quelle.

Ginjinha
Der berühmte Kirschlikör „Ginjinha“ wird überall in der Stadt feilgeboten, gerne auch von alten Frauen mit Kopftuch an Tischen. Nach einer halben Flasche kann man ihn sogar korrekt aussprechen. Er schmeckt wie Mon Cherie von innen und die dekorative Flasche eignet sich als Mitbringsel.

Inkognito
Spätestens, wenn man in Portugal eine Adresse sucht, z.B. die des Airbnb-Gastgebers, dann stellt man fest: Menno, es gibt gar keine Namen auf den Klingelschildern! Die Häuser haben zwar Klingeln, aber die sind beschriftet mit Erdgeschoss rechts/links, Erster Stock rechts/links usw. Steht man dann unten im Treppenhausflur, dann wiederholt sich das Ganze auf den Briefkästen – kein Name, nirgendwo. Dito an allen Wohnungstüren im ganzen Haus. Wenn man also nicht weiß, wo genau im Haus Berta Maria Correia de Almeida de Melo Cabral wohnt, kann man ihr einen Brief nur im Treppenhausflur auf die Inkognito-Briefkästen stellen und das Beste hoffen.
Und das kommt so: Bis 1974 hatte Portugal unter Regierungschef Salazar eine faschistoide Diktatur. Diese hatte eine sehr „umtriebige“ Geheimpolizei namens PIDE (Polícia Internacional e de Defesa do Estado). Um dieser das Leben so schwer wie möglich zu machen, entfernten die Portugiesen ihre Namensschilder von den Häusern und Türen – bis heute.
Das ist auch der Grund, warum sich Portugiesen am Handy oder Telefon niemals mit Namen, sondern mit einer landesspezifischen Entsprechung von „Pronto?“ melden. Seinen Namen wird der Angerufene schon aus Frack nicht nennen, da sind sie verschlossen wie die Austern.

Kinder
Für portugiesische Kinder gilt: Nachts ist genauso wie Tag nur ohne Licht. Deshalb wuseln um Mitternacht auf dem stockdunklen Kinderspielplatz noch ein Dutzend Blagen herum und hängen von den Gerüsten wie die Fledermäuse.
True Story.

Mehr ist mehr
Kirchen
Die Kirchen Lissabons sind im Inneren in der Regel hart vergoldete, überverzierte, mit Putten brutal überdekorierte Pracht-Grotten, ein Zuviel des Guten in jeder denkbaren Hinsicht, immer nach dem Motto: MEHR IST MEHR. Kann man, muss man nicht. Einzig positiv hervor stach die Basílica da Estrela, die im Inneren für portugiesische Verhältnisse geradezu geschmackvoll daherkommt. Gegenüber dann im Jardim da Estrela einen Galão trinken gehen – Tipp!

Lissabon
„In den letzten 30 Jahren hat Lissabon alle zehn Jahre rund 100.000 Einwohner verloren, von 800.000 damals auf rund 500.000 heute.“ (Quelle)
Die Infrastruktur ist wohl sehr schlecht bezügl. Kinderbetreuung, Schulen und Krankenhäusern.
Die Armen können sich zudem die hohen Quadratmeterpreise in der Stadt nicht leisten, die Reichen wohnen schick auswärts in Cascais und Estoril. Das erzeugt Leerstand, ganze Straßenzüge sind vermauert, die Türen mit Ketten verhangen. 400.000 pendeln täglich in die Stadt und wieder heraus.
Wie es kommt, dass sich trotz der gravierenden Leerstände sich das Mietniveau so hoch hält, ist mir leider nicht bekannt.

Moppen
Moppen
Lernen von Portugal: Hier wird ein Bahnsteig gemoppt. Da könnte sich die DB mal eine dicke Scheibe von abschneiden.

Namen
Nachnamen haben die Portugiesen bis zu vier, in der Regel aber nur zwei: Einen Nachnamen vom Vater und einen von der Mutter, wobei der erste Nachname des Vaters an erster Stelle steht. (Quelle)
Bei den maximal zwei Vornamen sind Portugiesen sehr konservativ, in Portugal gibt es keine Kanyes, Leroys, Skyes und Zoes. Hier ist alles ganz oldschool Manuel, Pablo, Maria und Fatima. Spanische Vornamen sind schon mal von Gesetzeswegen überhaupt nicht erlaubt. True story. (Quelle)
Aufgrund der überwiegenden Unfähigkeit der deutschen Bevölkerung, ihrer Brut menschliche Vornamen zu geben, hätte sich der Gesetzgeber von Portugal beizeiten mal eine Scheibe abschneiden können, nu isses zu spät, Chantal.

Weiter zu Teil 3

Dienstag, 20. März 2018

ru24 History: Mit dem Auto in den Urlaub fahren (1981)

photo credit: tonylanciabeta Retro Cars  Retro Ford Magazine Track Day Brands Hatch 22nd July 2009  IMG_9411 via photopin (license)

Es begann bereits eine Woche vor Urlaubsbeginn. De Mutter ließ den Vatter die Koffer von ganz oben aus der Abstellkammer holen. „Die Koffer“ waren aus etwas rissigem Kunstleder und in den Farben Schlammbraun und Schwarz, zwei waren weinrot. Aufgrund ihres nur mäßigen Wiedererkennungswertes im Falle einer Flugreise waren sie an einigen Stellen mit roten, kreisrunden Fahrradreflektoren beklebt. Nun standen sie also geöffnet auf dem Boden als Schikanen im Wohnungsflur und Elternschlafzimmer herum und wurden von QM peu à peu und vor allem mit viel Seelenruhe befüllt: Hier mal ein paar T-Shirts, da ein paar Shorts, Rei in der Tube, Schlüpper, Nagelnecessaire, Pflaster usw. Die Katze namens „Katz“ inspizierte die Gepäckstücke ab jetzt regelmäßig und machte von Zeit zu Zeit ihre Nickerchen in ihnen. De Vatter wurde von QM abends turnusmäßig befragt, was er denn an Kledage in den Urlaub mitzunehmen gedenke. Doch diesem Thema stand er grundsätzlich unverständlich ablehnend gegenüber, so brach er jede Befragung ab, als reiche ihm allzeit die Kleidung, die er am Leib trug. Also packte QM für ihn seufzend lediglich ein wenig mit ein. Theoretisch hatte natürlich jeder von uns vier einen eigenen Koffer, aber praktisch hatten wir jeder nur knapp über einen halben Koffer und QM hatte derer zwei. Zusätzlich zu den Koffern sammelten sich noch eine mächtige Reisetasche aus vage ockerfarbenen Kunstleder, Mutters beige Handtasche, diverse Stoffbeutel mit Schuhen, Jacken und Kleinkram wie Kinder-Flugdrachen, der den Wohnungsflur mehr und mehr zusetzte wie eine von Plaque immer enger werdende Herzarterie.

Am Abreisetag holte der Vatter nach dem Frühstück den Wagen aus der Garage. Er wird bereits ein mulmiges Gefühl in der Magengrube gehabt haben, denn diese Hekatomben an Plunder würden nie und nimmer in den Wagen passen! Der frisch gewaschene, inspizierte, kreidegelbe Granada stand nun in der Einfahrt, alle vier Türen, Schiebedach und die Kofferraumklappe geöffnet und Vatter hastete schweigend und mit zusammengebissenen Zähnen von Wohnungstür zu Kofferraum, um ächzend die Polinten zu verstauen. Manchmal stand er sinnierend vor dem Ford, die Arme an den Handrücken in die Seiten gestemmt, dann wieder wischte er sich den Schweiß von der Stirn, nestelte nach der Packung Camel in seiner Hemdtasche und rauchte, oder begann, bereits Gepacktes kopfschüttelnd wieder auszuräumen. Währenddessen zauberte QM noch weiteres Reisegepäck aus Wohnzimmer, Abstellkammer oder Bad hervor, welches Vatters ohnehin hochfragile Kalkulationen am offenen Kofferraum grausam zunichtemachte. Die Stimmung war bis zuletzt immer sehr angespannt, bis letztendlich aller Plunder und die Fahrgäste verstaut waren.

Irgendwann war es so weit: Die Operation galt als gelungen, wenn der Kofferraumdeckel beim fünften Versuch tatsächlich zu ging. Wir Kinder saßen hinten auf der Rückbank, meist noch mit reichlich Gepäck und Kühltasche zwischen uns, den Fußraum vollgestellt, die Hutablage dermaßen vollgestopft, dass der Rückspiegel für die Dauer der Fahrt nur Deko sein würde. Endlich war es soweit: Von Radevormwald aus ging es häufig über Halver, Kierspe, Meinerzhagen auf die sogenannte „Sauerlandlinie“ (A45).
a) Bereits bis Meinerzhagen dauerte die Fahrt eine verdammte Ewigkeit!
b) Ich habe übrigens diese „Linie“, die ich mir immer wie eine auf die Landschaft aufgepinselte Äquatorlinie vorgestellt habe, nie zu Gesicht bekommen. Stattdessen gab es ausschließlich öde, endlos-selbstähnliche Autobahnkilometer. Was für ein erbärmlicher Etikettenschwindel. Kein Wunder, dass diese sogenannten Sauerländer so hießen!

„Sind wir bald da-haa?“, schrien die Kinder im Chor.
„Es ist schon da hinten!“, wies de Mutter auf einen imaginären Punkt irgendwo am Horizont.
De Vatter steckte sich erst mal eine an.
Ob QM eine Karte lesen konnte, habe ich nie erfahren. De Vater hatte wie ein Kranich ein eingebautes Navigationssystem, ich kann mich nicht erinnern, dass wir uns je verfahren hätten. Aber vielleicht ist genau das der Trick: Wenn man sich verfährt, einfach mal die Schnute halten.

Im Auto selbst gab es mehrere, sehr mächtige Faktoren: 1) Die Stimmung war schon per se angespannt, also nicht so dolle. 2) Mein kleiner Bruder Frank und ich waren fünf Jahre auseinander und keine Fans voneinander. Das gab ständig Streit um nichts aus dem Nichts. 3) Eine Anschnallpflicht auch „hinten“ gab es erst ab 1984, aber Muttern setzte diese bereits mit dem Auftauchen des ersten Gurtes an der Rückbank in den Jahren vorher rigoros durch — ade paradiesische Zustände! Die Gurte schnitten uns in den Hals, wären im Falle eines Unfalls Todesfallen gewesen und fixierten uns gleichzeitig in unseren Ecken wie Fliegen an einem Fliegenfänger. Sitzerhöhung, Kindersitze oder Gurtpolster waren damals noch Science Fiction. 4) De Vatter, ein passionierter Raucher, quarzte sich während einer Tagesfahrt gut & gerne mal seine 50 bis 60 Kippen „Camel ohne Filter“ weg. QM verinhalierte in der gleichen Zeit vier „Lord Extra“. 5) Queen Mom, die obwohl sie ein Halstuch trug, ständig Zug im Nacken bekam, verbot aufgrund dessen das Öffnen von Seitenfenstern, Ausstellfenstern und Schiebedach — auch nur einen Spalt breit — vollständig für die Dauer der gesamten Fahrt.

„Sind wir bald da-haa?“, schrien die Kinder im Chor.
„Es ist schon da hinten!“, wies de Mutter auf einen imaginären Punkt irgendwo am Horizont.
De Vatter steckte sich erst mal eine an.

Wenn wir Kinder also nicht gerade wegen nichts oder irgendeinem Scheiß stritten, gerieten wir aufgrund des Zigarettenrauchs mangels Lüftung regelmäßig in toxische Todeszonen, die unsere Körper mit reichlich Übelkeit konterten. Was hatte ich als kleines Kind gekotzt wie ein Reiher! Aber jetzt wurde uns wenigstens nur noch übel. Meine Mutter, die lebenslang keinerlei Zusammenhang sah zwischen Rauch und Kinder-Übelkeit, empfahl uns allzeit sehr eindringlich, während der Autofahrt „immer schön nach vorne auf die Straße zu schauen“. Es gibt, glaube ich, bis heute, kaum etwas Langweiligeres als diese endlosen Autobahnkilometer! Aber trotzdem blinzelten wir, der Empfehlung folgend, stundenlang mit tränenden, zusammengekniffenen Augen durch den Smog nach vorne, wo seinerzeit noch große Mengen Insekten auf der Windschutzscheibe zerplatzten und ihren semitransparenten Schleier des Todes hinterließen.

Dann endlich Mittagszeit, ein Rastplatz! Der Wagen wurde randvoll mit dem guten Super verbleit betankt, dann ein Tisch mit Bänken gesucht und die Kühltasche aus dem Auto gewuchtet. Von orangefarbenen Papptellern spachtelten wir neben dem knackend auskühlenden Wagen Mutters Kartoffelsalat mit am Abend zuvor gebratenen Frikadellen! Meine Güte, das entschädigte für Vieles!

Die Fahrt in den Urlaub in Richtung war für uns Kinder endlos, lähmend, toxisch! Aber Meer, Sand und Sonne (alternativ: Berge, Almen & Bauernhof — „Ich will Kühe!“) entschädigten dann auf der Stelle für alles.

In der Regel hatten wir einen Bungalow mit Küche und Muttern bekochte uns jeden Tag mit aus der Heimat mitgebrachten Lebensmitteln, die dann immer aus lokalen Supermärkten wieder aufgefüllt wurden. Umso aufregender, wenn wir mal ein Restaurant aufsuchten! Essen zu gehen war so exotisch für uns Kinder, dass ich bei jeder sich bietenden Gelegenheit reflexartig Wiener Schnitzel mit Pommes frites bestellte.

Klassischen Sonnen- bzw. Strandurlaub gab es bei uns so gut wie nicht. Selbst bei hochsommerlichen Temperaturen machten wir sehr häufig Touren, besuchten Sehenswürdigkeiten, de Vatter machte die Fotos dazu. Schon aus Frack trug er den ganzen Urlaub lang mehr oder weniger ein und dieselbe verblichene Jeans-Shorts mit selbst abgeschnittenen Beinen — er hatte ja auch nicht viel. De Mutter wechselte ihre Kleidung ständig, denn hier konnte jemand aus den Vollen schöpfen.

An Strandtagen bekamen wir ein- bis zweimal täglich eine Ganzkörpereinreibung mit einer Sonnenmilch mit damals als „hoch“ geltenden Lichtschutzfaktor 16 und gut war. De Vatter, der dem Thema „Sonnenschutz“ grundsätzlich eigenartig ablehnend gegenüberstand, verweigere sich trotz Halbglatze völlig und sah dafür wochenlang aus wie ein Spanferkel auf dem Grill — inklusive Kruste.

Aber auch der schönste Urlaub geht einmal zu Ende. Nun stand uns Kindern wieder die endlose, lähmende, toxische Rückfahrt ins Haus. Ausufernde deutsche Autobahnbaustellen mit rhythmisch blinkenden, gelben Lichtern machten aus der späten Heimkehr oft eine Stau-Nacht mit hypnotischer Lichtshow, als deren Zentrum man sich selbst wähnte.

„Siegen!“ (alternativ: „Gießen!“), knurrte de Vatter, der seit 18 Stunden hinter dem Steuer saß.
„Sind wir bald da-haa?“, schrien die Kinder im Chor.
„Es ist schon da hinten!“, wies de Mutter auf einen imaginären Punkt irgendwo am Horizont.
De Vatter steckte sich erst mal eine an.
Wir Kinder schliefen irgendwann ein.


Gottlob flogen wir auch häufig in Urlaub. Aber selbstverständlich saßen wir da im Raucherabteil des Fliegers — wir kleinen Vögel wären sonst noch völlig entwöhnt worden oder hätten Hubba-Bubba-Nikotinkaugummis kauen müssen.


Samstag, 24. Dezember 2016

Wunder der Weihnachtszeit 5

photo credit: HAMED MASOUMI via photopin (license)
Eine Freundin, die Sozialarbeit macht, erzählte mir von den Leuten die sie gerade betreut. Die Erwachsenen rauchen in der Wohnung, schicken aber währenddessen ihre Kinder zum Atmen auf den winterlichen Balkon.
Also, ich spüre da ganz deutlich den Geist der Weihnacht!
War ich nicht gerade in diesem allerprofansten Augenblick Zeuge des Wunders der Vorweihnachtszeit geworden?
Wunder schafft die Weihnachtszeit.
Vor dem Dorf, darin verschneit
jeder Hof und jedes Haus,
Vogelbeerbaum, Nacht für Nacht
hundert Lichtlein trägt, entfacht,
die da leuchten weit hinaus.
Achtet seiner Herrlichkeit
niemand auch im Wintergraus,
bläst der Wind doch keins ihm aus,
alle strahlen dicht gereiht -
Wunder schafft die Weihnachtszeit.

(Martin Greif, 1839 - 1911)
Meine Güte!


Mehr "Wunder der Vorweihnachtszeit": hier.


Samstag, 4. Juni 2016

Seuchenvögel

photo credit: Winter Viruses and How to Beat Them via photopin (license)
Wie jeden Mittwochabend schob ich mich letzte Woche durch den Radevormwalder Penny-Markt. Ich grofelte gerade vorne durch die Obstauslagen (man muss ja immer reichlich von dem Zeug für die Fruchtfliegen mit nach Hause nehmen), als ich das Gekläffe hörte.
Irritiert blickte ich mich um und sah eine junge Mutter, die in ihrem Einkaufswagen zwei hart verrotzte Gören in den Laden schob. Der etwa Fünfjährige stand im Wagen, der circa Dreijährige saß in dem Kinderklappsitz. Die beiden Virenschleudern husteten bellend wie die Seehunde und niesten wie die Sittiche, das natürlich alles, ohne je eine Hand vor den Mund zu halten. Durch ihre unterschiedliche Anbringungshöhe und das ständige, leuchtturmartige Schwenken ihrer rotzverklebten Köpfe, verteilten sie ihre Gaben fast schon überoptimal. Wenn das der Ausbruch einer tödlichen Seuche war, dann war das Ende der Welt sehr nah! Noch niemals zuvor hatte ich mir so sehnlich einen Chemturion-Anzug (Abb.) oder wenigstens das Outfit eines mittelalterlichen Pestarztes (Abb.) gewünscht!
Ich versuchte etwas linkisch immer mindestens 12 m strategischen Abstand zu halten, dabei schmiss ich etwas abgelenkt wahllos Lebensmittel in meinen Wagen. Mit der anderen Hand googlete ich die Nummer einer deutschen Seuchenschutzbehörde, aber natürlich fand ich in der Aufregung nur das amerikanische CDC & seinen europäischen Ableger ECDC. Das europäische Zentrum für Seuchekontrolle in Solna, Schweden hatte gerade das West-Nil-Fieber im Angebot, wenn ich es richtig interpretierte. Das half jetzt auch nicht weiter!
Zwischendurch sah ich aus der Ferne, wie die Mutter ihren beiden Seuchenvögeln aus einer Wasserflasche zu trinken gab, sie quasi nachlud -- vielen Dank dafür! Das sputumhaltige Kläffen und feuchte Rotzen verfolgte mich durch den ganzen Laden. Wenn die Mutter ihre Seehunde von der Leine gelassen hätte, dann wäre im Penny sicherlich eine Panik ausgebrochen.
Eine Ein-Mann-Panik.

Erst zu Hause, die Patienten Null waren bereits über alle Berge des Bergischen Landes, entdeckte ich das für die kleinen Schleudern in Deutschland zuständige Robert-Koch-Institut (RKI), gut versteckt auf der sechsten oder siebten Google-Trefferseite, aber da war es natürlich schon zu spät.

Mein linkes Auge juckt.
Habe ich heute leicht überhöhte Temperatur?
Von der Inkubationszeit her passt es.

Gottogott.


Freitag, 23. Oktober 2015

Automobiles 24: Fußgänger, eine Straße überquerend

photo credit: Kriss Crossing via photopin (license)

Als Kind brachte meine Mutter mir bei, die Straße immer sehr zügig zu überqueren. Das "Überfahren werden" wirke sich nämlich mindestens "arg ungünstig" wenn nicht gar "hoch drastisch" auf das eigene Wohlbefinden aus. Hierbei wurden die "3K" als Schlüsselworte verwendet: "Krankenhaus, Krüppel, Krematorium". Das korrellierte übrigens mit den noch in den 70ern herumfahrenden Autos, die so dermaßen unverformbar waren, dass man damit hätte Häuser einreißen können.

In den folgenden Jahren passierte so Einiges.
Neuwagen punkteten mehr und mehr mit aktiver und passiver Sicherheit. Sog. "Hirschfänger" an Autos wurden verboten. Die Unfallzahlen gingen allgemein zurück. Die nach 1987 geborenen wurden zudem zeitgleich mit der von Manfred Krug beworbenen "Advocard ist Anwalts Liebling"-Werbung groß -- sie wurden immer selbstbewusster. Und: Je mehr der Wohlstand der bundesrepublikanischen Haushalte zunahm, umso mehr Mütter hatten nun ein Auto, mit dem sie ihre Brut in die Schule karren und von dort wieder abholen konnten. Wenn immer man an einer 30er-Zone einer Schule vorbeifährt, sieht man so alles mögliche, vor allem SUVs, aber keinesfalls zu Fuß gehende Schüler. Nach Hause chauffiert, spielten die Blagen dann zur Entspannung im Schneidersitz auf Spielkonsolen Fußball, denn draußen spielen wurde ja dank der Medienhetze der Privatsender immer gefährlicher: "Überall Perverse. Man hört ja so viel." Zu allem Überfluss wurde 2011 die Wehrpflicht abgeschafft.

Letztens schlichen vor mir nach 1997 geborene mit der Behäbigkeit einer Kontinentaldrift über die Straße. Ich stellte den Motor ab. Während ich gemütlich ein Snickers aß, weil es mal wieder "etwas" länger dauerte, und nach meinem Kindle kramte, kam ich drauf: Bei dieser Generation war "Rennen" oder "schnelles Gehen" überhaupt nicht mehr im Repertoire der bipedalen Fortbewegung enthalten. Sie konnten nicht schneller.


Mehr davon: (Blogbeitrag) (Blogbeitrag)

Freitag, 16. Mai 2014

ru24 History 49 - Ölkrise (1973)

Anfang vonne 1970er fuhren de Nachbarsblagen auf nem Kettcar stundenlang durch de ganze Nachbarschaft un bei uns ummet Haus. Dat Tretauto hatte wohl en paar Winter im Freien verbracht, deswegen quietschte et sowat von gottserbärmlich. Dat Gequietsche war so dermaßen schrill, dat et allen im Umkreis quasi ununterbrochen durch Mark un Bein ging, abgesehen vonnen völlig schmerzfreien Piloten! De Blagen aufm Dingen strahlten nämlich wie de Dreckeimer, während se abwechselnd fuhren!
De Queen Mom war et ja schon länger am Planen dran gewesen un eines Tages konnte se nich mehr an sich halten. Da isse mitm Ölkännchen vonne Nähmaschine rausgerannt, hat de gerade noch wild grinsenden Blagen vonm Dingen runtergescheucht und en halbes Kännchen Öl an de strategischen Stellen getan. Währenddessen brüllten de Gören wie am Spieß, so als würden se überm Feuer geröstet. De Bälger hatten in dem Augenblick ihre ganz private "Ölkrise 1973"! De Mutter indes war ungerührt. Sowat focht se ja nich an. Als se fertich war, quietschte an dem Kettcar-Dingen nichmal nix mehr!
Aufgedunsen vonne Heulerei un mit riesigen Rotzglocken annen Nasen zogen de Blagen mitm Gefährt lautlos von dannen. Nu war Ruh.

Niemand hat et Kettcar je wieder zu Gehör oder zu Gesicht bekommen, dat war ja nu auch nich mehr interessant für de Nachbarsblagen, die sich nu en anderet Terror-Hobby zulegen mussten, vielleicht Schlachzeuch spielen oder so.


Sonntag, 3. November 2013

Et is en Elend inner Welt, spenden Sie!

http://goo.gl/quFx0x 
Ein Bekannter berichtete mir gestern, eine typische deutsche Arztfrau sei zu ihm in den Laden gekommen, um für "bulgarische Hunde" zu sammeln. Dies sei eine prima Gelegenheit gewesen, der Spendendosentante das hoch diskutable Element ihres Unterfangens mal ungefiltert entgegenzuschleudern. Der Bekannte gab zu, sich an diesem Tag vermutlich "eine neue Feindin" gemacht zu haben.
ru24 applaudiert hart!
Also: da Arme, Kinder, alte Leute, Behinderte, chronisch Kranke und Sterbende (vor allem aber unappetitliche Kombinationen derselben) sehr oft nach Pipi riechen, wenden wir uns dezent ab und sammeln lieber für Hunde an den Rändern Europas  --  gehts noch, ihr Spinner??

Außerdem: Bevor man "für bulgarische Hunde" sammelt, gäbe es auch hierzulande auch viel elendiges und besammelnswertes, notleidendes Tierreich:
  1. Blindschleiche (Anguis fragilis): In Deutschland leben Millionen Blindschleichen. Sehen Sie nicht weg! Das behinderte Tier hat nicht einmal einen Arm, um den Blindenstock zu halten! Keine Nase, keine Ohren = keine Blindenbrille! So viel Elend ist kaum vorstellbar! Spenden Sie noch heute an den Verein "Augenlicht für Blindschleichen" (AfB e.V.)!
  2. Kellerassel (Porcellio scaber): Milliarden und Abermilliarden sind betroffen! Während wir mittlerweile an lichten Orten mit Fenstern Heizungen und sogar fließendem Wasser wie die Könige leben, sind fast 99% der Kellerasseln dazu verdammt, ihr tristes Dasein an immerfeuchten Orten, vielleicht sogar unter Steinen in direkter Nachbarschaft zu anderem eklen Getier, sogar Gewürm zu fristen! So viel Elend ist kaum vorstellbar! Spenden Sie noch heute an den Verein "Holt die Kellerassel aus dem Keller" (HdKadK e.V.)!!
  3. behinderte Fledermäuse* (Talpa europaea). Ich habe mir diesen erschütternden Fall bis zuletzt aufgehoben. In Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt, sind Millionen behinderter Fledermäuse dazu verdammt, flügellos in unterirdischen Röhren zu leben und nur hie und da kleine Hügel aufzuwerfen, ihre Nase herauzustrecken, um überhaupt mal Luft zu schnappen! Das ist doch kein Leben da unten im Dreck! So viel Elend ist kaum vorstellbar! Spenden Sie noch heute an den "Verein zur Rettung behinderter Fledermäuse" (VzRbF e.V.)!!!
    *) Danke an Manos für die Idee!
Et is en Elend inner Welt, spenden Sie!


Donnerstag, 13. Dezember 2012

Reißt euch mal am Schlüpper!

http://goo.gl/jtC3x

Der tolerante, weltoffene Multikulti-Bürger an sich wird volljährig und gilt dann vor dem Gesetz als "erwachsen", nach etwa zehn Jahren ist er das dann auch so ganz bei kleinem. Man geht wählen, hat lustige "Kröskes" (= Liaisons), richtige Beziehungen und Rucksackurlaube. Peu à peu beginnt eine Phase der Familienplanung (oder -verweigerung), die in der Regel binnen weiteren zehn Jahren in die Pötte kommt. Alles easy und unverbindlich.
Vielleicht wird der Bürger sogar zum Familienmensch und Häuslebauer.

Ab hier beginnt dann die Erosion:

Wer vorher immer schallend über die Unterschichts-Namen in den Geburtsanzeigen der Zeitung gelacht hat, nennt seine Bälger in einem Anfall von hormon-induzierter Hyper-Kreativität nun selbst Lennox-Sören und Ipanema-Sophia. Im Kindergarten treffen sie dann auf Zaïre, Solveig-Blue, Agent-Orange, Fynn-Ottokar und Mia-Cäcilia (Blogbeitrag) (Blogbeitrag).

Wer vorher gerne mal einen Stick/Joint, ein Pfeifchen, eine Blubber eine Bong geraucht hat, schaut nun mißmutig auf "diese Kiffer". Das sind doch alles potentielle Kriminelle, die sich nicht im Griff haben! Und schließlich ist Cannabis eine Einstiegsdroge, das weiß doch jeder!
Am Ende werden Lennox-Sören und Ipanema-Sophia schon am Jägerzaun des Kindergarten-Freigeländes von HIV- & HEP-positiven Drogensüchtigen angefixt.
Sicher, sicher.

Wer vorher integrativen Unterricht dufte fand, vielleicht sogar Inklusion (Link), schaut nun sparsam, wenn's um die eigene Brut geht. Ziehen Ausländerkinder, Behinderte oder sogar behinderte Ausländerkinder nicht das Niveau der Klasse herunter? Bekommen Lennox-Sören und Ipanema-Sophia später Probleme, wenn sie aufs Gymnasium gehen wollen/müssen? Da man keinesfalls als "ausländerfeindlich" gelten möchte, was man selbstverständlich natürlich keinesfalls ist, sondern lediglich "kritisch hinterfragend", muss man bei seiner Begründung ganz schön tricksen. Protipp: Argumentiere mit "Gefahr durch unbekannten Impfstatus" (Link).

Wer vorher die Berichterstattung der Medien für "reißerisch" gehalten hat, klebt nun an den Lippen der vage hautfarben abgespachtelten PRO7-Nachrichten-Meduse. Hier erfährt man ungeschminkt (Muahahaha!!!), wie die gesamte Gesellschaft langsam aber sicher in Anarchie und Wahnsinn versinkt. Sodom und Gomorrha! Immer schön auf die hören, für die Angst das große Geschäft ist - und man hört ja so viel! Sicher ist sicher: Statt seine Kinder auch mal 200 m zu Fuß gehen zu lassen, werden sie halt mit dem SUV überall hingefahren, auch zu den Nachbarn gegenüber (Blogbeitrag).

Wer vorher Hundehaltung für zu lästig gehalten hat, um daran überhaupt einen Gedanken zu verschwenden, benötigt jetzt, im Rahmen von "Familie 1.0", fast schon zwangsläufig einen müffelnden Flohzirkus - der Herr des Hauses muss sich schließlich nur im Ausnahmefall selbst darum kümmern. (Blogbeitrag) (Blogbeitrag)

Wer vorher eher für Bewährungsstrafen war, den einen oder anderen politischen Kuschelkurs vertrat, will nun natürlich die härtere Gangart, nicht nur für Dealer. "Wegsperren, das kriminelle Gesocks, am besten für immer!", heißt es immer öfter. Man fordert drastische Strafen für Verbrecher, gerne auch Einzel- und/oder Dunkelhaft sowie die Einführung der Todesstrafe. Schließlich heißt es Brut und Eigentum zu schützen! Aber bitte: Gefängnis- oder Forensik-Neubauten immer in einem anderen Bundesland errichten, als dem Eigenen! (Blogbeitrag)

Meine Fresse, reißt euch mal am Schlüpper!
Versucht bitte, die Frühvergreisung so lange aufzuhalten, wie es eben geht.



Sonntag, 11. November 2012

Forensik: Warum Wuppertal und nicht Nowosibirsk?

goo.gl/2bx1L 
Eine "Forensik", das ist eine Forensische Klinik. Sie dient der "Behandlung, (...) Begutachtung und (...) Unterbringung von psychisch kranken Straftätern" (Quelle).
Für den Standort zur Ansiedlung einer "Forensik" auf dem ehemaligen Gelände der Bereitschaftspolizei auf Lichtscheid in Wuppertal sieht das Land NRW offenbar "keine Alternative" (Quelle: WZ).
Also soll so eine Art Gothams "Arkham Asylum" (Link) vor der eigenen Haustür entstehen, mindestens...

Was nun alle befürchten: Dass es eine "forensische OT" (OT = offene Tür) werden soll! Und: Welcher Standort, wenn nicht ein Bonzenwohngebiet in Wuppertal bietet sich besser an, gewalttätige Kriminelle, sexuell motivierte Serienmörder und untherapierbare Kannibalen ganz bei kleinem wieder in die freie Wildbahn auszuwildern?
Der Anwohner an sich speit Gift & Galle, wie immer.
Niemand ist sich mehr seines Lebens sicher!
Schon gar nicht die Kinder!
Die Ki-hin-der!

Warum also Wuppertal und nicht Wladiwostok?
Erklärung: Wladiwostok liegt nicht in NRW.
Dann vielleicht Nowosibirsk oder Archangelsk?
Auch nicht...
Wuppertals Oberbürgermeister Peter Jung versuchte den Anschein zu erwecken, er käme ausm Quark, und schlug als alternativen Standort "Kleine Höhe" vor. So wie uns der Franzmann seine Atommeiler in Cattenom (Link) direkt auf die Grenze zur BRD gesetzt hat, wäre dieser Standort auf der Grenze zu Velbert sicher ein toller Coup gewesen! Die Irren wären dann schick rüber zu den Velbertern marodieren gegangen. Aber An- und Umwohner protestieren mal sofort gegen den Standort, fanden das voll unverschämt von Jung und hatten aus der Kleinen Höhe, der "Kornkammer Wuppertals" (Muahaha!) ohnehin schon seit langem ein Naturschutzgebiet machen wollen, sicher, sicher (Protestseite). Als schützenswerte Fauna bietet sich hier vermutlich der scheue und bislang noch nie gesehene "Bergische Schliepkotten-Schliefer" an (Link).

Also: Bitte nicht ohne die Bürger planen (TV-BeitragWZ-Kommentar)!
Aber mit den Bürgern kann man ja auch nix planen, die wollen ja nie auch nur irgendwat! (Blogbeitrag)
Et is nich so einfach mitm Bürger.

Jetzt wurde auch noch geleakt, dass alle Insassen der Forensik sowohl Z+ (Zombie positiv) getestet wurden, als auch durch einen bedauerlichen Laborunfall radioaktiv verstrahlt wurden und permanent hohe Dosen Strahlung abgeben. Deshalb müsse man sie noch öfter herauslassen, als ohnehin schon geplant.
Gottogott!!!


Freitag, 28. September 2012

ru History 39 - Kennen Sie Jacques Nose?

bit.ly/VTpTP6
Sommer 2009 war ich mit Freunden und dazugehörigen Kindern (9 und 13) campen.
Die Kinder, Robin und Tom unterzogen den Kiosk des Campingplatzes täglich mehrfach eines Feinscans, ein nicht wenig zeitaufwendiges Vergnügen. Weiterhin radelten sie herum und entwickelten perfide Systeme, wie sie das Trampolin des Spielplatzes für sich alleine haben konnten. Wenn mal gar nichts los war, erzählten sie sich Witze, die sie zwar schon kannten, was aber der explosiven, manischen Lustigkeit der beiden nach jeder der 'Pointen' keinen Abbruch tat.
Interessiert ging ich herüber zu ihnen.
"Kennst du Jacques Nose?", fragte Tom begeistert.
"Nee!"
"Jacques Nose trägt keine Uhr - ER entscheidet wie spät es ist", schrattelte er und beide Jungen krümmten sich vor Lachen.
"Jacques Nose Tränen könnten Krebs heilen, doch Jacques Nose weint nie!", erzählte Robin.
Beide: "Muahahaha!"
Soso.
"Leute: Ihr meint 'Chuck Norris'!", sagte ich.
"Nee-hee! Der heißt Jacques Nose!!!", brüllten sie im Chor.
"Aber mal ganz sicher NICHT. Der heißt wirklich 'Chuck Norris'!"
Ein Paar sehr grüner und ein Paar sehr blauer Augen blickten mich erstaunt an.
Woher sollen 1997 und 2000 geborenen Kinder auch Chuck Norris kennen?
"Chuck Norris ist ein amerikanischer Schauspieler. Und der hat den Schwarzen Gürtel in 'Alles'. Roundhouse-Kick, 'Missing in Action' und so."
So richtig hatte ich die Kinder nicht überzeugen können, dass der mythische Mr Nose eine reale Person war, ich hatte aber auch kein Internet dabei wie heutzutage Hans & Franz.
Ich ließ mich wieder in den Liegestuhl plumpsen.
"Chuck Norris bekommt bei Praktiker 20 % auf alles. Auch auf Tiernahrung", rief ich den Kindern zu. Fanden sie aber nicht so dolle.

Die Witze waren vermutlich auf dem Schulhof von Schülergeneration zu Generation mündlich tradiert worden, bis niemand mehr wusste, dass es um einen Schauspieler ging. Irgendwann in 2.000 Jahren oder so hat ein Jacques Nose das Zeug zum nächsten Heiland - "Jacques Nose kann über Wasser gehen" etc. pp.


Verwandte Themen: Blogbeitrag, Blogbeitrag.
Mehr ru24-Chuck Norris: Blogbeiträge.
Fast alle Chuck-Norris-Witze: Link


Freitag, 17. Juni 2011

ru24 Special: Camping*

*) ein aufpeitschender Erlebnisbericht aus dem Jahre 2004

"Zelten?", fragte eine Arbeitskollegin, "das macht man doch nur mit 14!"
Quatsch. Das ist nach den ganzen gestylten, All-Inclusive-Pauschalurlauben in DomRep oder MeckPomm, die aus Kostengründen dann doch nicht stattgefunden haben, genau das Richtige.
Camping bei Petten, Nordholland (Link).
Jetzt mußte man nur noch das Equipment bei Freunden zusammenschnorren.
Tipp: Wenn die einem sagen: "Die Luftmatratze müßte eigentlich in Ordnung sein", auf jeden Fall dankend ablehnen.
Nicht so ich.
Was für ein Spaß!

KINDER.
Ein Spaß ist es, wenn man sich an Freunde mit Kindern hängt. Da wird schon die Hinfahrt mit dem Auto zum Abenteuer, wenn die beiden Jungs bei der Rast mit der Kinderversion des Klappspatens den mittlerweile klo-losen und verwahrlosten Grenzübergang BRD/NL umbuddeln, derweil die Erwachsenen zwischen Flohknöterich, Spitzwegerich und Wiesenschaumkraut urinieren, ein Omen, wie sich zeigen sollte. "Können wir jetzt fahren?" – "Neiiin!" Die geben nicht eher Ruhe, bis sie vergammelte Drogen gefunden haben.
Jede Familie, die campt, hat mindestens drei Kinder. Gegen Abend kehrt dann auch langsam Ruhe ein, die Zeit zwischen Grillen und der Kinderzubettgehzeit wird nur hie und da durch schrilles Schreien aus der Ferne unterbrochen. Das wird emittiert, wenn z.B. in Reihe M der kleine Jantje (5) während des Kartenspiels im Kreise der Familie beim Mau-Mau mischen mit dem Kopf zwischen die Karten gekommen ist.
Abends Punkt 22.30 Uhr werden die übermüdeten Recken mit viel Überredungskunst in die Kinderschlafsäcke bugsiert. Kurz drauf dröhnt Bibi & Benjamin in der Lautstärke eines startenden Airbus aus 1.200 Walkmen – alle Knöpfe auf 10 – voll auf die Ohren: Die schöne Tradition der Gutenachtgeschichte mit Auto-Reverse, bis die Batterien ihren Geist aufgeben.
Die Kleinen haben mit der Masche sogar ein apokalyptisches Gewitter verpennt. Ich nicht.
Überraschung für den kinderlosen Singlemann: Kinder sind irgendwie ganz anders als die Miniatur-Erwachsenen, als die ich mir sie immer vorgestellt habe ...

WETTER.
03.10 Uhr Regen, das Zelt hält, die geliehene Luftmatratze ist nur noch bei 33%. 08.15 Uhr Wind, das Zelt hält, 10.20 Uhr Sonne, Frühstück im Freien, beim zweiten Brötchen (Salami ist wasserabweisend, ich Fuchs!) wieder Regen – und ich habe kein Drei-Wetter-Taft dabei. Witterung ohnehin allenthalben. Vor dem Frühstück, während des Frühstücks, nach dem Frühstück. Das lehrt Demut. Jetzt hockt man im Zelt und überlegt sich, was draußen wohl aus den zurückgelassenen Sachen wird: Den Lederschläppkes, den Brötchen, der Tasse Kaffee.
Neuer Tag, neues Glück. Sturm ab 6.00 Uhr, die Zeltwand drückt einem ins Gesicht, die strukturelle Integrität des Zelts liegt noch bei 12%. Gott, ich hab' zuviel Star Trek gesehen. Als ich vom Duschen wiederkomme, ist die Integrität meines Zelts im Arsch. Plunder, aus dem verbogene Stangen ragen, die lustig im Wind flattern (Windstärke 7 beaufort). Haha! Was für ein Spaß. Aber dafür hat man ja Freunde: Die halten einen davon ab, den Sprit-Ersatzkanister drüber auszugießen und den ganzen Klumpatsch so irgendwie fast im Affekt anzustecken. Plötzlich bin ich als Taifunbetroffener auf die Hilfe von Pater Rodriguez, der Mutter Theresa von Asien, angewiesen (Blogbeitrag).
Neidisch hocke ich im VW LT eines Nachgereisten und genieße den Luxus der Schönen und Reichen in einer beruhigenden Decefix-Atmosphäre aus Kieferholzimitat im Inneren. Vor allem kann man trocken und windstill sitzen.

CAMPER.
Vor x-tausend Jahren wurde im alten Ägypten der Stuhl erfunden. Dann kam später in Europa sogar der Heilige Stuhl dazu. Was Menschen von heute wohl dazu bewegt, wieder am Boden herumzukriechen? Wahrscheinlich das Zeugs aus der Marlboro-Werbung: "A warm camp fire, a hot pot of coffie and a good smoke" – klar, das gibt's alles – teilweise exklusiv – hier in Holland.
Allerdings leben hier auf dem Campingplatz 90% der Camper luxuriöser und komfortabler als 90% der Weltbevölkerung in ihren regulären Wellblech- und Pappe-Behausungen. Denn der Campingplatz sieht nur auf den ersten Blick aus wie ein Slum. Der deutsche Profi-Camper an sich nämlich beherrscht die Lage. Die professionalisierten Heeresverbände benutzen mittlerweile Ausrüstungsgegenstände aus Mylar, Kevlar, teflonbeschichteten Arachnidfasern und Gore-Tex mit Lotosblüteneffekt. Gelkissen. Gasgrill (mit piezoelektrischem Zünder), Grill-Mikrowellen-Kombi, elektrische Kaffeemühle, Satellitenantenne und Mückenverdampfer sind bereits unterste Standards.
Nur der Gelegenheits-Camper kann sich mit seinem von Freunden zusammengeschnorrten Equipment vorstellen, wie es wäre, auf einem fremden Planeten notgelandet zu sein.
Oder zumindest in einem Flüchtlingslager zu leben.
Doch zwischen zwei Wolken räkelt man sich wohlig in der Sonne. Die Frage ist: Wer macht den nächsten Kaffee? Auf diese existentielle Frage schrumpft nach wenigen Tagen das gesamte Universum des Gelegenheits-Campers zusammen. Lässig mit der Tasse in der Hand grüßt man die von gottweißwo heimkehrenden Nachbarinnen.

NACHBARN.
Natürlich gibt es auch beim Camping Nachbarn. Der Nachbar an sich, so zu Hause, ist normalerweise die Geißel der Menschheit (Blogbeitrag). Hier, unter freiem Himmel, am Busen der Natur ist der Nachbar hingegen ein Kamerad, ein Wettermitleidender, ein Slum-Mitbewohner, der Nächste aus der Bibel.
Man kann sich gegenseitig Tipps geben, wie man Zelte aufbaut, welche Dusche in welchem der Duschhäuser den sattesten Strahl hat, oder sich gegenseitig informieren, dass die Frittierfischbude mit dem Kibbeling wieder da ist.
Und: Man kann Nachbarn zu einem Wein einladen, ohne daß man gleich aufräumen, saugen und fensterputzen muß.
Unsere beiden wirklich netten Nachbarinnen und Wettermitleidenden aus Ingolstadt kamen auch mal auf einen Wein vorbei, wurden aber von unserem aus der Heimat nachgereisten Besuch (der mit dem VW LT) dermaßen brachial mit der Methode "guter Bulle/böser Bulle" verhört (er: "Ich unterhalte mich doch nur!"), daß sie den Rest der Zeit erst spät nachts auf den Campingplatz zurückschlichen und sich im dunklen Zelt zur Kommunikation nur Zettelchen mit einem phosphoreszierenden Stift schrieben, damit niemand sie hörte oder sah.
Schade.

HYGIENE.
Viele Männer sind der Überzeugung, daß 300m zum Klohäuschen eine Zumutung sind und zeigen auch ihrer nachwachsenden Chauvi-Brut, wie man prima neben das Zelt ins Gebüsch pinkelt. In zwei Wochen werden hier Harnsteinkristalle wie Dornen aus dem Gesträuch ringsum wachsen, Ruhr und Cholera ausbrechen.
Doch es gibt auch Lichtgestalten wie mich, die immer zur Toilette gehen. Für jede verstreichende Stunde, die nach der rituellen Reinigung der Klohäuschen durch brachiale Reinigungsfachkräfte ins
Land gezogen sind, legen die Herren ein weiteres Schamhaar auf den Rand des Pissoirs, wie eine säuberliche Strichliste. In diesem Augenblick mußte die letzte Reinigung hier bereits sieben Stunden her sein.
Die Duschen laufen genau 5 Minuten im Warmwassermodus, der Umwelt zuliebe, haben aber eine Zwischenstopp-Taste. Wenn man sich im Zwischenstopp-Modus zu lange einseift, springt die verbleibende Restzeit auf Null. Nur kann ich als Schaummonster nicht raus aus der Dusche, der Umwelt zuliebe. Da tappt man dann frierend 5 Minuten bis zum nächsten Reset der Uhr in Fußpilzgefilden herum und flucht, Pustefixbläschen ausstoßend.
Nach einigen Tagen ist man abgehärtet. Das Immunsystem läuft eh jenseits des roten Bereichs auf Vollast. Dinge, die im richtigen Leben sofort Krätze, Herpes oder Pilzinfektionen verursachen würden, werden fast schon nicht einmal mehr ignoriert. Man schmiert sein Brötchen mit einem Messer, das tagelang nur zwischen ungewaschenen Fingern unter einem Wasserhahn gereinigt wurde, an dem das Schild "Kein Trinkwasser" bereits weggefault ist. Der Pappteller ist ebenso weich wie das Brötchen und krustig von den Generationen der Mahlzeiten, die über ihn hinwegzogen wie lepröse Heuschreckenschwärme. Sand knirscht zwischen den Zähnen. Die Kinder nuckeln kauend wahlweise mit Ketchupschnute oder Nutellamündchen an Flaschen und rülpsen nach Jungenart dabei hinein. Haha! Ihr lustigen Kinder! Schwebstoffe reichern sich an. Doch man ist bereits jenseits des Ekels.
Schmeckt gar nicht übel. Irgendwie isotonisch.
Auch gibt es interessante Hygiene-Projekte: Ein Löffel, der in einem Topf mit Raviolis steckt, wird in der Sonne binnen Stunden zu einer Einheit verschweißt – so was kann doch keine Sau ahnen. Oder: Die Kleinen sammeln halbtote Krebse und Muscheln am Strand, die dann in einem Eimerchen an der Hecke neben dem Zelt dumpf vor sich hin wesen, wie ein maritimes Zombieheer.
Lockt wahrscheinlich Aasfresser und Insekten an.

TIERWELT.
Insekten ohnehin allenthalben. Wespen: Schleierhaft bleibt, was the fuck alle Wespen in meinem linken Ohr suchen, zumindest grofeln sie drin herum. Natürlich sagen die dann noch allen anderen schwarzgelben Tussis in ihrer Papier-
WG bescheid. Das mit meinem Ohr. Der Trick ist still halten. Cool bleiben. Leider kennen die Wespen den Trick nicht und stechen trotzdem. Die Invasion der fliegenden Ameisen startete Dienstag um 18.00 Uhr MEZ.
Libellen brausen herum wie aufgeregte Helikopter. Ameisen in der Margarine, Ohrenkneifer im Zelt, im Gebüsch irgendein stechendes Mistzeug, abends umschwirren Motten die Gaslampe und Mücken die unbedeckten Stellen der Körper – natürlich entzünden sich die Stiche. In den heidekrautbegrünten Dünen hingegen perfekt getarnt: Freilaufende, urwüchsigste Rinder, die den Beweis ihrer Existenz nur indirekt durch Fladen antreten, die an Jurassic Park gemahnen.
Und dann der Campingplatz als Ornithologen-Paradies: Völlig enthemmte Amseln laufen einem um die Beine, wie es nur völlig enthemmte Amseln können. Möwen stochern im Morgengrauen in Müllsäcken wie Ratten mit Stechahle: POK! - POK! Tauben rülpsen ihr geistloses Gru-hu -- gru-hu -- gru-hu, Elstern knattern im Gebüsch, Krähen 'singen' ihr Krah! – Krah!
Nach 2 Tagen kann man durch ein Wunder sogar bei dem ganzen Irrsinn schlafen.
Das einzige, was man hier gegen Vögel unternehmen kann, ist: jede Menge Kipfrikandeln essen.

KÖRPER & GEIST.
Kipfrikandel. Kip ist Hühnchen. Sieht aus wie eine schlecht selbst gebastelte Zigarre. Schmeckt wie grobe Currywurst. Enthält nur Fett, gemahlene Hühnerköpfe und Hühnereingeweide. Gar nicht übel. Dazu Pommes mit Pindasauce (Erdnußsauce) und eine Limo namens Rivella oder ein flesje Dubbel Frisss witte druiven & citroen, allesamt mit lustigen Zutaten.
Der Himmel ist in Holland.
Als Nachtisch ist im Supermarkt (SPAR – Haha!) ein Produkt mit Roombotter (Rahmbutter) auszuwählen, wie z.B. diese extrem zart schmelzenden Käsekuchenklontjes. Oder Flamingos, grell flamingofarbene Küchlein, die komplett aus E-Zutaten (E332, E373 etc.) gebacken werden. Nachmittags macht man Halt an einem Fischwagen. Frituur, so weit das Auge reicht. Hier ißt selbst Frau Antje nur noch Fisch am Stück, natürlich in der typisch enthemmten Auf-Ex-Fischreiher-Pose. Zwei Familienboxen Kibbeling für insgesamt 10 EUR mit der guten, gelben Mayo sind für die Körper der gesamten Reisegruppe jetzt wie ein Ölwechsel, hmm!
Der Himmel ist in Holland.
Dann vielleicht noch auf die ganze Glückseligkeit einen Koffie verkeerd – Milchkaffee (Parkeren verkeerd ist, wenn man so wie ich sieben Tage auf dem Kurzparkerparkplatz steht). Abends Ravioli und/oder Grillgut. Ab 18.00 Uhr liegt ein dichter Rauchschleier über dem Campingplatz. Papas benutzen die Luftmatratzenpumpe, um die Glut anzufachen, schmelzen dabei die Plastiktülle, die Kinder zündeln. Irgendwann ist fertig. 1.200 Camper verdrücken dann binnen 20 Minuten das Getier eines kompletten Bauernhofs im Erstschlag. Dazu ein Grolsch. Später Käseflips (Cheetos) oder abgefahrene Kartoffelchips mit Hühnchenaroma. Oder Käsewaffeln.
Der Himmel ist in Holland.
Der Körper hingegen ist mittlerweile eine Baustelle aus Blessuren, Abschürfungen, Schwellungen die teilweise entzündlich nässen von diversen Insektenstichen und -bissen, Rötungen von der sporadisch vorbeihuschenden Sonne. Ob das da an den Füßen jetzt wirklich Fußpilz wird, bleibt abzuwarten.
"Gib mir mal bitte was von dem Grolsch oder von dem Rotwein, ... jaja, ruhig in die Kaffetasse."

Fazit: Für all das läßt man doch jeden Pauschalurlaub glatt sausen!
Und völlig korrekt, liebe Kollegin: Zelten macht man nur mit 14.

Und so schließt sich elegant der Kreis.


Mehr "camping" gibts noch hier: Kügelchen, Urlaubserinnerung.


Montag, 2. August 2010

ru24 History 17: Kriminell! (1975)

Etwa 1975 entdeckten wir durch die Nachbarschaft stromernden Kinder (durchschnittlich acht Jahre alt) im Altmetallcontainer eines kleinen Unternehmens einen Schatz: Der Container war gefüllt mit tausenden, aus Blechen herausgestanzten, kreisrunden Scheiben von ca. 2 cm Durchmesser. Wir kletterten in den Container und spielten Dagobert Duck.
Soviel sei gesagt: Eine Gelddusche ist - anders, als in den Lustigen Taschenbüchern dargestellt - kein Vergnügen!
Kaum waren wir Jungs in diesen hohen Gefilden der Großfinanz angekommen, entwickelten wir sofort ein beträchtliches, kriminelles Potential - also wie im richtigen Leben! Es dauerte nämlich nur ein paar Minuten, bis es raus war, dass diese Scheiben die gleiche Größe und Dicke hatten wie 10-Pfennig-Stücke (Groschen). Es dauerte weitere zehn Minuten, bis klar war, dass diese Scheiben problemlos in Kaugummiautomaten passten.
Wir schaufelten uns die Taschen mit Metallscheiben voll und schwärmten aus, zum Alptraum aller Kaugummiautomatenbetreiber zu werden!
Muahahaha!!!
Nach zwei Stunden taten uns allen die Kaumuskeln weh. Unsere Wangen waren ausgebeult von den titanischen, kittartigen Klumpen in unseren Mündern, unsere Lippen hatten rote, grüne, gelbe und blaue Ränder. Unsere Spucke war anthrazitfarben.
Wir Kinder hatten einige perfekte Tage.
Freitagabends saß ich mit den Eltern im Wohnzimmer, es kam "Aktenzeichen XY ... ungelöst" und während eines spektakulären Falles von in Umlauf gebrachten Falschgeldes schoss es mir plötzlich wie Eiswasser durch meine Adern!
Ich! Hatte! Falschgeld! In! Umlauf! Gebracht!
Und meine verdammten Fingerabdrücke waren überall - ich hatte ja nicht einmal Handschuhe getragen!
Mein Herz schlug mir bis zum Hals! Im Geiste hörte ich schon Eduard Zimmermann sagen: "Bei unserem nächsten Fall bittet die Kripo Gummersbach um Ihre Mithilfe. Hier geht es um einen besonders dreisten Fall von Falschmünzerei in Tateinheit mit einer noch nie dagewesenen Kaugummiautomaten-Plünderung!"
Die nächsten drei Nächte wälzte ich mich hin und her, statt zu schlafen.
Meine Tage verbrachte ich damit, mir auszumalen, wie der Kaugummiautomatenleerer von einem grauen Münzfernsprecher mit Wählscheibe aus die Polizei anruft und dann die Spurensicherung vor Ort das Gelände absperrt.
Wie oft erscheint so ein Kaugummiautomatenleerer? Einmal wöchentlich? Einmal monatlich?
Wie viel Zeit blieb mir noch?
Wie lange würden die anderen Jungs beim Verhör standhalten, diese Luschen?
Und sicher gab es Augenzeugen.
Es gab immer Augenzeugen!
Natürlich würde ich dafür in den Knast kommen, das war eine Gewißheit!!!
...

Nun, ich bin noch einmal davongekommen.
Aber es war sehr knapp.
Um ein Haar hätte bis zur Verjährung der Straftat 10 Jahre mit einer anderen Identität in einem südamerikanischen Land ohne Auslieferungsvertrag (z.B. El Salvador) untertauchen müssen.



Montag, 29. März 2010

Familie 13 - Frühlingsspaziergang


spaziergang b/w
Originally uploaded by fabi_k
Diesen Text hat ein mir nahestehender Nihilist verfasst:
Es ist Sonntag der 28.03.10, kalendarisch sollte es nun Frühling sein.
Zwischen Regenschauern ist der Himmel auch mal kurz für etwa drei Minuten auf der Fläche eines Fußballfeldes blau. Es ist eine Art von Blau, die nur ein Idiot für Himmel auswählen würde.
Da sind dutzende Elternpaare, die ihre Klone ausführen. Der Klon das Vaters stolpert mit einem Kickboard vorne weg, der Klon der Mutter wird im Kinderwagen geschoben. Der Vater blickt missmutig zum Himmel, er wäre jetzt gerne zu Hause und würde Fußball oder etwas vergleichbar Hirnloses in der Glotze sehen.
Die Mutter blickt missmutig und starr geradeaus, sie würde jetzt lieber ihrem Putzzwang erliegen und im ganzen Haus die Fußleisten polieren, das hat sie seit fast zehn Tagen nicht gemacht, ist also längst mal wieder fällig.
Der vorneweg laufende Klon des Vaters blickt missmutig, weil man ihn aus der Sitzstarre vor der Glotze in diese merkwürdig riechende, feuchte Umwelt gezwungen hat.
Der Klon der Mutter, noch im frühen Larvenstadium, schaut missmutig aus dem Kinderwagen, seine Augen blitzen in einer Art von Blau, die nur ein Idiot für Augen auswählen würde.
Dann beginnt es wieder zu regnen. Nicht stark genug, dass man sofort die Flucht ergriffe, nur so stark, dass es einem in den Nacken tropft und von der Nase.
Alle schauen noch etwas missmutiger.

Es ist Sonntag der 28.03.10, kalendarisch sollte es nun Frühling sein.

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Donnerstag, 20. August 2009

3 x 7


Ball in the air.
Originally uploaded by deskounlmtd.net
Im Urlaub mit Freunden und Kindern ergab es sich, dass "Onkel Henning" mit den beiden Recken (9 und 13) auch mal alleine war. Ich rekelte mich in den Liegestuhl, las mein Buch und genoß das süße Leben, die Jungs spielten Ball. Ich gähnte, kratzte mich am Bauch, lächelte unbestimmt. Dieser paradiesische Zustand dauerte ganze drei Minuten an. Dann gab es natürlich Geschrei: "WÄÄÄH!"
Tom: "Henning, der Robin hat mich geschlagen!"
Henning: "Hallo?"
Robin: "Ja, klar, weil du mir den Ball weggenommen hast!"
Henning: "Hallo!?"
Tom: "Ja, weil das mein Ball ist!"
Henning: "Herrgott! Kommt! Mal! Her!", pfiff ich die Brut herbei, ich stand auf, die Knaben scharwenzelten heran, offenbar gespannt, wie ich mit der Situation umgehen würde.
"So!", sagte ich.
Ein Paar sehr grüner und ein Paar sehr blauer Augen blickten mich erwartungsvoll von unten an.
"Leute! Wir sind doch schon alle drei mal sieben!", begann ich.
Die zwei blinzelten bar jeden Verständnisses.
Moment...
"Äh. Zwei mal sieben!", versuchte ich es.
Das Blinzeln blieb.
Verdammt!
"Also gut. Wir sind doch alle schon ein mal sieben!", sagte ich matt. Die Aussage war nun bar jeden Sinns. Die Jungs wussten damit auch nicht so recht etwas anzufangen und trollten sich ratlos, der Streit war vergessen. Ich ließ mich wieder in den Liegestuhl plumpsen.
Geht doch.

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Samstag, 18. Juli 2009

Familie 6 - Quarr!


manteufelstr. kind
Originally uploaded by dr. motte
Kinder beziehen ihre Energie, wie ja allgemein bekannt ist, direkt aus den Atomkernen. Während Erwachsene in Magen und Gedärm die aufgenommene fettreiche und ballaststoffarme Nahrung mittels körpereigener Enzyme und Gaben von körperfremdem Rennie aufwändigst aufspalten müssen, damit sie nicht zu schwach sind, ihren Hintern von der vollgekrümelten Fernsehcouch zu wuchten, können Kinder mit der Gabe nur eines einzigen Löffels Haferbrei 1,1 Millionen mal auf und ab hopsen.
Dieses ist ein nicht zu unterschätzendes Problem für die Eltern, denn die monströse Energieausbeute wird den Erziehungsberechtigten fast immer zum Verhängnis, da Kinder bereit sind, zur Wahrung ihrer Interessen jederzeit und überall ein Riesenfass aufzumachen. Der 60 Jahre alte Steiff-Teddy von Oma soll in Papas Altölwanne baden, Muttis Messerblock soll mit ins Bett, man will sich gerade nicht wickeln bzw. sich an-, aus- oder umziehen lassen, also allgemeiner Hosen-runter-Alarm. Im Winter sollen die Lieblingssandalen an die Füße, am heißesten Tag des Jahres Gummistiefel. Ihrem Unmut machen die Kleinkraftwerke zumeist in Form von Schalldruck Luft.
Die Psycho-Schall-Wissenschaft hat hierzu die Einheit quarr (qr) entwickelt. 1,0 qr ist die Menge Gezeter, die ein kinderloser Normalsterblicher im Alter von 25 Jahren ohne abstumpfende Drogen und Gehörschutz gerade noch weitere 10 Minuten ertragen kann, bevor er zu einem gewalttätigen Irren mutiert. Durchschnittliche Eltern können ihrem Schicksal bei bis zu 2,67 qr tatsächlich noch die eine oder andere positive Seite abgewinnen (62 %), ab 3,22 qr sieht man Eltern jedoch oft mit Lärmschutz-Kopfhörern auf Balkonen sehen, Reval ohne Filter rauchen und Rotwein aus der Flasche trinken (89 %). Jenseits der 3,5 qr verfilzt bei den Eltertieren das Fell, die Augen werden trübe und das Paarungsverhalten setzt für immer aus.
Das ist natürlich nicht so schön.

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