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Donnerstag, 17. November 2022

Things we lost (in the fire) — Yin und Yang (Gedanken)

Thanks to Aneta Pawlik @anetakpawlik on Unsplash

Als Kind der 70er spielten wir oft als wilde Horde von einem Dutzend und mehr Kindern auf einem damals noch unbebauten Grundstück, das wir „Die Hohe Wiese“ nannten. Gemeint war das hoch wachsende Gras. Das Areal lag in etwa dort, wo heute in Radevormwald der Penny-Markt steht. Eines Tages entdeckte eines der Kinder in der Erde einen zusammengeschmolzenen Klumpen blauen Glases, von der Größe und den Abmessungen in etwa wie ein Faustkeil. Die obere, gerundete Seite war geschwärzt und blasig, doch wenn durch den mittleren Teil Licht fiel, dann war es von einem mystischen, tief ozeanischem Blau. Es war ein Blau, bei dem das Horn eines Ozeandampfers ertönte, wenn man es sah. Wir Kinder hüteten dieses Objekt wie einen Schatz. Doch eines Tages beschloß einer der Jungs, es mit einem Stein zu zertrümmern und alle anderen vor vollendete Tatsachen zu stellen.
Obwohl das nahezu 50 Jahre her ist, kann ich den Verlust des „Schatzes“ noch heute spüren.
Es ist schon verrückt, wie wir uns auch schon in jungen Jahren an zufällige Objekte klammern können.

Es ist so viel verloren gegangen. Aber es sind nicht nur die guten Dinge vernichtet worden durch den Brand.
Es gab Hemden, die ich nicht mochte (aber meine Frau Chrissi). Es gab ein zwanzig Jahre altes, schwarzweißes Hawaii-Hemd, welches ich auf Teufel komm raus behielt, für das ich aber hätte 40 kg abnehmen müssen, um es tragen zu können. Mein Bürostuhl, 2020 erworben bei Amazon, war ein Möbel das ich verfluchte, sobald ich ihn benutzte — und der hätte sicher noch die nächsten 10 Jahre genervt. Die Couch im Wohnzimmer hatte beileibe schon bessere Tage gesehen. Unsere Mikrowelle war ein sehr schlichtes Ding — ich hatte gehofft, dass sie mal den Geist aufgibt, damit wir eine bessere anschaffen können, aber sie hätte aus Frack noch bis zum Sankt Nimmerleinstag durchgehalten. Da war das in Folie eingeschweißte Buch, über das ich in Teil 13 dieser Reihe geschrieben habe. Es gab etliche „Baustellen“, unordentliche Ecken, Nester aus Chaos & Entropie und sich fluffig auftürmende, unsortierte Papierberge — alles eine einzige Mahnung, die ständig Energie kostete, sie zu ignorieren. Auch das ist alles fort, fort wie nie da gewesen.
Es ist immer etwas Helles im Dunkeln und etwas Dunkles im Hellen.

Ich habe oft gedacht, dass ich zu viele Dinge habe. Der Normalbürger besitzt wohl einige tausend Dinge (Web-Artikel). Ich hatte schon sehr viel ausgemistet im Laufe der Jahre, doch es fühlte sich manchmal schon an wie eine Last: „Alles, was du hast, hat irgendwann dich“ (Fight Club). So leicht man Krempel bestellen kann — drei Klicks und morgen ist es da — umso schwerer ist es, das alles wieder loszuwerden. Chrissi und ich hatten zwei Staffeln der Netflix-Serie „Tiny House Nation“ gesehen und ich habe mir dabei oft vorgestellt, wie es wäre, in einem solchen Winzhaus zu leben, ich stellte mir das immer ungemein romantisch-befreiend vor. Mir war aber klar, dass wir unseren Plunder nie-nie-niemals um die erforderlichen 90 % reduziert bekämen.
Surprise.
(Spoiler: Wir ziehen nicht in ein Tiny House.)

Ich habe früher mehr als einmal, in Anbetracht unserer immensen Besitztümer, gesagt: Das beste ist, die Bude brennt mal ab. 
(Spoiler: Es ist großer Mist.)
Dann bitte lieber immer weiter aussortieren.

Heute weiß ich, dass alle Gegenstände, die mir wirklich etwas bedeutet haben, in einen einzigen Umzugskarton gepasst hätten.
Darüber denke ich viel nach in letzter Zeit.


Dienstag, 5. Mai 2015

ru History 55: Stayin' alive bei Musik-Pluralismus (1989)

photo credit: Sony Walkman: It's Alive! via photopin (license)

1989 sind wir mit dem erweiterten Freundeskreis zur Insel Texel gefahren. In dem Bungalow gab es einen zuerst überfüllten, aber immer bereits nach wenigen Minuten leergefegten Kühlschrank (Bemerkung: "Wir sind ja auch zu neunt!"), eine Anrichte, auf der sich eine Tsunami-Welle benutzten Geschirrs stapelte und einen (1) Stereo-Kassettenrecorder.
Jeder von uns hatte seine Musik-Kassetten dabei:
Frank hörte Soft-Soul und "Grand Prix"-Chansons.
Michael hörte Indie Rock.
Claudia hörte tendenziell Rock.
Sandra hörte Stevie Wonder.
Ich hörte Jean Michel Jarre.
Lutz hörte Pink Floyd.
Diana hörte Charts (Roxette & Co.).
Marc und Uli hörten Spandau Ballet.
Sobald Frank seine Kassette mit den grausamen Schnulzen des vergangenen "Grand Prix de l'eurovision de la chanson" einlegte, rollten alle-minus-einer mit den Ausgen, mindestens fünf der Anwesenden steckten sich symbolisch einen Finger in den Hals, nach 1,73 Liedern wurde der Versuch abgebrochen. Sandra schlich heran und von da an verseuchte Stevie Wonder mit "Isn't she lovely" den Raum. Die Anzahl der Finger stieg auf sieben, einer machte Ritz-Zeichen am Handgelenk. Das Lied gehört für mich noch heute zu den großen Folter-Klassikern. Meine Kassette "Equinoxe" lief leider auch nur wenige Minuten, unter lautem Muhen und Mähen wurde sie gegen Pink Floyd ausgetauscht, was von 80% der Anwesenden leider nur für eine Weile zu ertragen war, usw. ...
Plötzlich und unerwartet war es still auf der Bude.
Alle staunten und starrten.
Frank hatte den Stecker gezogen.
Er bekam 16 Augenbrauen.
Dann sagte er den bedeutendsten, später noch oft zitierten Satz des gesamten Urlaubs:
"Ich glaube kaum, dass 'keine Musik' auf mehr Widerstand stoßen wird, als irgendeine!"
Das haben wir alle spontan eingesehen.
Die Musik blieb aus oder wurde via Walkmen konsumiert.


Sonntag, 17. August 2014

Mein schönstes Urlaubserlebnis (1996)

photo credit: IMGP6462.jpg via photopin (license)

1996 sind wir mit einer Handvoll Freunden in ein Ferienhaus nach Mandø gefahren. Mandø ist eine dänische Gezeiteninsel an der Westküste Jütlands, Dänemark. Die Insel war nur bei Ebbe mit dem Auto über einen "Ebbeweg" aus Kies zu erreichen.
Thorsten, unser Fahrer, hatte seinen sehr jungen Golden Retriever dabei. Wir fuhren mit dem Wagen über den Ebbeweg nach Ribe, der ältesten Stadt Dänemarks, eher ein Kaff. Wir rannten eine Weile herum und staunten auch darüber, wie unglaublich sauber es die Dänen doch überall hatten. Nichtmal Kippen auf dem Gehweg! Dieses Manko muss auch dem Hund aufgefallen sein, denn er kackte spontan mitten in die antiseptische Einkaufszone. Thorsten, für den "Cholerik" kein Fremdwort war, schwollen diverse Adern, er hatte keine Hundebeutel dabei und die Einheimischen kuckten schon. Weil er jetzt nen Hals hatte und er der Fahrer war, mussten wir alle wieder fahren. Zarte Hinweise darauf, dass es mit dem Ebbeweg nun während der Flut gerade Essig sei, gingen im Zornesrauschen unter. Also standen wir kurz drauf alle geschlossen am tristen Meeresrand und schauten auf die in der Ferne liegende Insel. Thorsten lehnte am Auto, rauchte Kette und starrte verschlossen wie eine Auster aufs Meer. Wir restlichen vier langweilten uns an diesem denkbar uninteressanten Abschnitt der dänischen Küste. Nur der von der Leine gelassene Hund schien sich prächtig zu amüsieren: Er schlang ein interessantes Aas herunter, spülte mit etwas Meerwasser hinterher. Dann fraß er ein Kilo Blasentang. Im Anschluss fand er einen wirklich nicht mehr frischen halben Krebs und knabberte ihn als Snack. Später gab es von dem grünen Seetang und wieder Meerwasser zum Hinterherspülen.
Irgendwann während dieser Stunden, zeigte sich der Ebbeweg wieder, noch bevor er richtig zu sehen war, führen wir Heim. Die Stimmung war nicht so besonders, Spaghettis würden helfen! Kurzum aßen alle mit gutem Appetit ihre Bolognese. Die übrig gebliebenen Nudeln bekam der Hund, der ein gefühltes Pfund davon einfach weg-inhalierte. Danach lag er, alle Viere von sich getreckt, mit Schluckauf und hervortretenden Augen auf dem Boden. Alle zwei Minuten rülpste er verhalten. Nach einer Weile stemmte er sich hoch, trottete zum einzigen Teppich in der Wohnung und bekotzte ihn chefmäßig wie ein T-Rex. Es zeigte sich dem staunenden Publikum die komplette, beeindruckende Historie der Nahrungsaufnahme -- nur in umgekehrter Reihung.
Thorsten schwoll der Kamm. Kurz schien er "hulken" zu wollen, ließ das dann aber bleiben und machte sich stattdessen an die Beseitigung der Bescherung. Wir gaben ihm aus der Ferne Tipps, was die Situation nicht signifikant verbesserte, aber extrem viel Spaß machte.
Wenn ich heute daran zurückdenke war das mein schönstes Mandø-Urlaubserlebnis.


Sonntag, 30. Dezember 2012

ru History 42 - Vegetarier, Buddhismus und ein Aprikosenkompöttchen (2002)

http://goo.gl/rT4OL 
Es begab sich aber zu der Zeit, dass ich neue dufte Leute kennengelernt hatte, seinerzeit in '02. Um die beiden Pärchen besser kennenzulernen, lud ich sie eines Tages zu mir nach Hause ein.
Ein Hamburgeressen gefällt doch allen!
Nun gibt es ja bei der Spezies "Gäste" immer allerlei zu beachten. Der Freund einer der Geladenen war Buddhist. Also fackelte ich nicht lange und besorgte Bio-Grünkernfrikadellen. Man bekommt in einer "zurückhaltend designten" Schachtel (= DDR-Optik) eine Art Müsli geliefert, das man mit Ei aufquellen läßt, um es dann wie "richtige" Frikadellen in der Pfanne zu braten. Geht.
Als Nachtisch ließ ich vier Beutel getrocknete Aprikosen in Wasser wieder aufquellen und verkochte sie zu einem Aprikosenkompöttchen. Ich hielt das für eine gute Idee - wirklich, ich schwöre!
Die Gäste trudelten ein.
Was als erstes geschah: Der Buddhist griff sich eine Fleischfrikadelle und inhalierte sie Om-nom-nom-Style. Hä? Als nächstes outete sich seine nicht-buddhistische Freundin als Vegetarierin - sie freute sich aufrichtig über die Veggie-Frikas.
Tsts! So rum geht's ja auch...
Wir hatten einen sehr schönen Abend, ... bis ich den Nachtisch reichte: Alle bekamen schreckliche Diarrhoe (vulgo Durchfall). Die Gäste fühlten sich auf meiner urst hellhörigen Toilette gar nicht wohl und verließen den Schauplatz geradezu explosiv - mit hervortretenden Augen. In den Autos der fluchtartig heimkehrenden Gäste müssen sich auf dem Nachhauseweg noch unvorstellbare Szenen abgespielt haben...
Wir wurden trotzdem Freunde.
Hurra!


Montag, 26. Juli 2010

Lifestyle 38 - Es kann jeden treffen


ghostwoman
Originally uploaded by Picturesimon
Queen Mom (82) hatte wieder etwas ausgeschnitten, was sie mir bei meinem Besuch wohlmeinend in die Hand drückte.
"Hier, da kannste abnehmen, so in diesem Internet", sagte sie.
"Oh toll!", sagte ich und nahm den Wisch an mich. Irgendwie war es eine ausgerissene Seite aus dem Apothekenblättchen. Eine leicht moppige junge Frau strahlte darauf von Ohr zu Ohr bei der bloßen Vorstellung, so "über das Internet kostenlos die Pfunde purzeln zu lassen" - auf www.zu-fett-fürs-balett.de oder so.
Naja. Immerhin war es kostenlos.
Doch noch war ich nicht so weit.
Mein Geburtstag beraumte sich an. Ich räumte auf wie ein Irrer, die Wohnung in einen unrealistischen, zumindest optisch pseudosterilen Zustand zu versetzen.
Der Wisch lag noch immer auf dem Schreibtisch.
"Naja, muss ja nicht jeder sehen", dachte ich und faltete das Blatt andersherum.
Der Geburtstag kam, Menschen wuselten herum, betatschten alles und verschwanden wieder.
Tage später saß ich an meinem Schreibtisch, da fiel mein Blick auf eine Anzeige in Riesenlettern: "Stuhlinkontinenz kann jeden treffen!" und darunter "Als es mich traf, habe ich mich geschämt wie ein kleines Kind".
Hä???
Es war die Rückseite des Diät-Blättchens.
Niemand traut sich nun, mich darauf anzusprechen.
Tolle Wurst.
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Freitag, 11. Dezember 2009

ru24: Lifestyle 28 - Abhängig von meinen Freuden!?


bitte nicht rauchen!
Originally uploaded by toisel
Heute morgen beim Bäcker streifte mein Blick während des Wartens über die Theke und eckte auch kurz an der dort ausliegenden BILD-Zeitung an. Links neben dem außergewöhnlich talentierten Playmate von Seite 1 stand die Überschrift: "Passivrauchen macht abhängig".
Aha!?
Das ist also der wirkliche Grund, warum ich meine rauchenden Freunde I. & M., B. & B., T. & E. und T. immer wieder sehen möchte? Warum ich mich unvollständig fühle, wenn ich diese Konsorten eine zeitlang nicht gesehen habe?
Das hat mich echt kurz in eine existenzielle Krise gestürzt!
Aaah!
Ich hab's dann mal gegoogelt (Link), wo's etwas seriöser zugeht als "BILD".
...
Na also!
Passivrauchen macht abhängig - wenn man Ratte ist.
*irrkicher*
Ach so.

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Samstag, 20. Juni 2009

www 1 - Schulfreunde wiederfinden: geht's noch?

www.stayfriends.de wirbt mit dem Slogan »Schulfreunde wiederfinden«.
Jetzt mal in echt: Ein Freund ist eine hochheilige Institution, ein Wahlverwandter, einer der wenigen Menschen im Leben, die einem wirklich etwas bedeuten. Wenn man fünf dieser Lichtgestalten gleichzeitig sein eigen nennen kann, man schätze sich glücklich.
Ein Schulfreund hingegen ist ein aus der Not geborener Kamerad auf Zeit. Schul-Zeit. Natürlich kann aus einer solchen Notgemeinschaft eine Freundschaft werden, wenn man Glück hat. Und wenn sich dann über die Jahre sich die beiden Leben nicht zu stark auseinanderentwickeln, dann kann man noch immer befreundet sein - wie schön!
Doch warum sollte ich sogenannte »Schulfreunde« wiederfinden? Wenn man hätte Kontakt halten wollen mit den ganzen Krampen und Arschmaden, dann hätte man ihn gehalten oder schon längst wieder aufgenommen, oder irre ich?
Sicherlich kennt das jeder: man steht im Supermarkt an der Kühltheke, hat versehentlich einen Dreitagebart, trägt ein knittriges T-Shirt mit der Aufschrift »Aliens ate my brain«. Man will nur mal eben Quark kaufen, da sagt eine Stimme hinter einem »Henning?« Nun ja, das ist dann die Silke oder der Ingo (mit denen man auf dem »Gymmi« oder auf der »Real« war). Man plauscht ein wenig im Sinne von »Wohnst du auch noch hier?« - »Ja, aber fast wäre ich mal weggezogen, nach Hückeswagen!«, dann geht man etwas steifbeinig auseinander. Beide sind in diesem Augenblick froh, dass sie sich im Gegensatz zum Gegenüber gut gehalten haben. Aber das war’s dann auch.
Sollte man solche Situationen zuhauf virtuell herbeiführen?
Das ist doch völlig lächerlich!

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