Donnerstag, 19. Mai 2011

ru24 History 23: 1985: Informatik auf dem Gymnasium

1985: Duran Duran waren 4 Wochen auf Platz 1 der Charts mit "The Wild Boys", Murray Head sang sein grandoises "One Night in Bangkok", Paul Hardcastle brachte "19" heraus und Modern Talking hielt sich mit "The first Album" eine grausige Woche lang in den Album-Charts. (Link)

1984 bin ich als Quereinsteiger von der Realschule auf das Gymnasium gewechselt.

Nach den Erfolgen in BASIC-Programmierung auf der Realschule war es naheliegend, auch hier ab 1985 die Informatik-AG zu besuchen. Informatiklehrer war Herr Döhl, von dem man sich erzählte, dass er einmal auf einem Kurstreffen sein Glasauge in sein Bier geworfen habe. Dermaßen ausgelassen habe ich ihn gottlob nie erlebt. Dafür Vollzeit als Spaßbremse. Sein schwarzer Vollbart überwucherte sein Gesicht fast vollständig. Er trug Pilotenbrille, Glasauge, roten Polyester-Pulli und war der eisenharten Überzeugung, dass Informatik-Unterricht »nur was für Jungs« sei. Andrea K. war diejenige in meiner Jahrgangsstufe, die dem zum Trotz am längsten ausgeharrt hat - Respekt dafür! Dominiert wurde der Kurs von BW-Parka-Nerds, gegen die heute die Jungs von »The Big Bang Theory« oder »The IT-Crowd« wie schillernde Popstars wirken.

In meiner ersten Stunde der Informatik-AG erfuhr ich, dass BASIC nur was für Pfeifen war. PASCAL hingegen galt als das einzig Wahre. Tolle Wurst! Begriffe wie GOTO/GOSUB (absolute Sprungbefehle) outeten einen sofort als BASIC-Kleingeist, Begriffe wie PEEK & POKE legten die allzu große Nähe zum Commodore C64 nahe.

Besser also, man hütete seine Zunge, verinnerlichte stattdessen: »Pascal zeichnet sich durch eine strikte (...) Syntax sowie durch den Verzicht auf kontextabhängige Interpretationen des Codes aus.« (Quelle)
*gähn*
Die Unterrichts-Stoffe »Sortier-Algorithmen« und »Langzahl-Arithmetik« erwiesen sich als nicht zu interessant...

Im Informatik-Raum gab es ein Terminal-System aus den späten 70ern, die »Dietz-Anlage« (Link). Auch hier saßen wir zu dritt oder viert an einem einzelnen Schwarzweiss-Terminal. Irgendwo am Ende des Raumes summte schrankgroß der Hauptrechner mit dem Diskettenlaufwerk vor sich hin. 8"-Disketten (20 cm Kantenlänge: passten mit Müh & Not in eine DIN A4-Klarsichthülle) waren das einzige Speichermedium - mit stolzen 180 KB Kapazität. Auch die habe ich nie voll bekommen... Die Programme druckten wir aus auf grünes Computertabellierpapier mit perforiertem Lochrand für den Traktor des kreischenden 9-Nadel-Druckers, dessen Farbband immer bereits recht schwach war.

Unsere Listings mussten wir zu Hause auf eben diesem Computer-Tabellierpapier korrigieren und fortschreiben, in einer Freistunde im Informatikraum abtippen und dann auf Funktion testen. Das Verfahren erwies sich als nicht allzu alltagstauglich.


1987 zeigte mir einer der Nerds aus meinem Kurs eine 3,5"-Diskette.
Ja, Mann, das war mal angewandte Science-Fiction! Wuchtige 1,44 MB in einem so winzig-kleinen, formschönen Ding!

Die Zukunft würde auf jeden Fall weitere Wunder bereithalten!

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Dienstag, 17. Mai 2011

ru24 History 22: 1983: Informatik auf der Realschule

1983: Culture Club sang "Do You Really Want to Hurt Me", Nena "99 Luftballons", Michael Jackson schluckaufte "Thriller", der Flashdance-Soundtrack hielt sich acht Wochen auf Platz 1 der Charts (Link).

Hurra, die Moderne war nun wirklich und endlich angebrochen!
Informatik-AG auf der Realschule, ich war in der 9. Klasse. Hier standen auf 3 kräftig gebauten Tischen, und kräftig gebaut mussten sie sein, drei Apple IIe europlus (Link), zwei davon mit grün-grün-Monitor, einer mit Bernsteinmonitor. Die ersten Personalcomputer, die ich jemals zu Gesicht bekommen habe. Wir saßen zu dritt davor, einer durfte tippen. Schwarze 5 1/4"-Disketten (13 cm Kantenlänge) mit einem Fassungsvermögen von 1200 KB waren das Medium, auf das wir unsere BASIC-Programme speicherten, die schuhkartongroßen externen Laufwerke wurden dazu mit einem Hebel verriegelt. Niemand benötigte mehr als eine Diskette, denn da war ja Platz satt für jahrelanges BASIC-Programmieren! Über 1,00 MB! Das einzige alternative Eingabemedium war keine Maus, sondern an einem der Rechner ein Satz "Paddles", Drehregler, wie man sie schon von "Pong" kannte. Der Marktpreis des Apple IIe war schwindelerregend und lag bei bis zu 5.000 DM. Und weitere Rechner konnte die Schule auf absehbare Zeit ohnehin nicht anschaffen, da Amerika ein Technologie-Embargo verhängt hatte. Man fürchtete, die hochmodernen Rechner würden irgendwie auf die falsche Seite des Eisernen Vorhangs gelangen und SS-20 Interkontinentalraketen als Recheneinheit dienen...
Der Informatiklehrer war gleichzeitig mein Matheleher, Herr Fuchs. Herr Fuchs war sehr kompakt gebaut, trug gerne einen dunkelgrünen Cordanzug, eine gestrickte Krawatte, Brille und Vorhängeschloss-Bart, die überschaubare Menge Haare trug er zumeist offen.

1984 bekamen wir zusätzlich längliche Sharp PC-1401 Taschencomputer (Link). Jetzt hatte endlich jeder seinen eigenen BASIC-Rechner! Ein Gefühl, das man heute vielleicht generieren könnte, wenn man iPhone 4 an alle verteilt. Großartig!!!
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Freitag, 13. Mai 2011

DSDSS - found!

Ich sitze also abends im Lichtkegel der Leselampe im Sessel und lese. Es macht *summ*, auf meiner Couch sitzt eine ziemlich fette Schnake (4 cm).
Na toll.
Ich stehe auf und erledige das Ding von Hand.
*ptaf*
Setze mich wieder hin, lese.
Auf meiner Couch sitzt die ziemlich fette Schnake.
Hallo?
Ich nehme mein Buch, einen 1.200-Seiten-Wälzer und erledige das Ding mit dem Buch, quasi ein "ex libris".
*PTAF!*
Setze mich wieder hin, lese.
Auf meiner Couch sitzt die ziemlich fette Schnake.
HALLOOO???
Ich glaub et hackt!
Ich gehe ins Bad und hole das Paral.
*pffft!*
Setze mich wieder hin, lese.
Nach einer Weile schaue ich nach, das Ding ist verschwunden.

Bei "Deutschland sucht die Super-Schnake" (DSDSS) braucht sich jetzt also niemand mehr bewerben: Die überaus robuste Superheldenausführung einer Schnake, so eine Art Wolverine der Insektenwelt lungert noch irgendwo bei mir rum.

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Dienstag, 3. Mai 2011

ru24 History 21: Klausuren schreiben auf dem Gymnasium (1989)

Eine Arbeitskollegin erzählte gerade von der gestern stattgefundenen Abiklausur ihres Sohnes.

Unweigerlich fielen mir da die verzerrten kleinen Gesichtchen meiner weinenden Mitschülerinnen wieder ein, damals in 1989...

Eigentlich gab es bei jeder Klausur ab der Jahrgangsstufe 12 das gleiche Problem: Die Mädchen. Vor den Arbeiten lernten sie im Gegensatz zu ihren männlichen Pendants zwei Wochen lang Tag und Nacht. Zur Klausur erschienen sie übernächtigt mit Äpfeln, isotonischen Getränken und Glücksfetischen, um sich dann gegenseitig durch Auflisten ihres übermenschlichen Lernpensums zu vergewissern, dass sie am aller-allermeisten von allen gelernt hatten. Sie konnten die gesamte Primär-, Sekundär und Tertiärliteratur auswendig, natürlich. In ihren kleinen Köpfchen brummte es wie ein einem Bienenstock. Die Klausur begann, sofort schrieben sie wie besessen. Auswendig gelerntes mit kurzer Halbwertzeit wollte doch unverzüglich aus ihnen herauspurzeln, bevor es wieder in Vergessenheit geriet! Es war wie eine Sturzgeburt kurzzeitig angeeigneten Wissens. Sie pinnten zwanzig, fünfundzwanzig Seiten voll, als gäb's kein Morgen. Die Finger am Stift weiß, das Gesicht voller hektischer Flecken. Jedes Mädchen, das etwas auf sich hielt, gab am Ende der angesetzten Zeit einen ganzen Stapel beidseitig dichtbeschriebenen Papiers ab und huschte aus dem müffelnden Klassenzimmer.

Draußen auf dem Flur brach dann die gesamte mühsam aufrecht erhaltene Fassung der letzten Wochen in Nichts zusammen. Die fleckigen Gesichtchen der Mädchen verzerrten sich grotesk, Tränen rannen plötzlich wie unversiegbar, als hätte jemand einen Wasserhahn geöffnet. Binnen Minuten sahen sonst eigentlich tageslichttaugliche junge Damen aus wie Wasserleichen, die zwei Wochen lang in einem stehenden Gewässer herumgedümpelt waren. Und es war nur eine Frage von Augenblicken, bis eine anfing zu sabbern: »Ich hab' sicher 'ne 6!!!«
Na sicher...
Sie fielen sich wimmernd und greinend in die Arme, heulten sich gegenseitig voll. Blauer Mascara verlief mit dem Lidstrich zu einem maus- bis taubengrauen Brei in Alice-Cooper-Optik.
Ich, der ich nur ein paar Tage je ein paar Stunden gelernt und nur zehn Seiten einseitig beschrieben hatte, trollte mich angewidert, mir die Schreibhand reibend.

Wochen vergingen, in denen sich der bedauernswerte Lehrkörper durch die endlosen Bleiwüsten 30-seitiger Mädchenklausuren pflügen musste, sicherlich mit seinem erbärmlichen Schicksal hadernd.
Dann, eines großen Tages, gab's die Klausuren zurück.
Die Anspannung war kaum auszuhalten.
*trommelwirbel*
Die Mädchen hatten allesamt eine 1 oder 2+.
Surprise, surprise...
Meiner einer hatte eine 3-.

Einmal fing tatsächlich eine an zu heulen, weil sie statt der angekündigten 6 nur eine 1- bekommen hatte. Noch heute bedauere ich es, dem damaligen Impuls nicht nachgegeben zu haben, ihre frisch aufquellende Visage ein klitzekleines bisschen vor die Wand zu hauen.
Nur ein bissi, keine Panik.

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Sonntag, 3. April 2011

Queen Mom 5 - World Watching

Et is Donnerstag, wir fahren einkaufen, Queen Mom (83) un ich.
Ich fahr Richtung PENNY.
»Und wie läuft et da bei den 'World Watchers' oder wie dat heißt?«, fragt se.
»Weight Watchers. Gut. Läuft«, antworte ich.
»Aha?«, kommt et zweifelnd, als hätt ich gerade erklärt, dat Schweine fliegen können.
»Ja, ich hab abgenommen, die ham sogar geklatscht«, erklär ich.
»Naja, man sieht ja nix... Dat ist da dann aber en sehr dankbares Publikum. Klatschen die für jedes Gramm?«, fragt Queen Mom.
»Unglaublich!«, murmele ich und bieg ab.

Et gibt Tage, da beneide ich andere Menschen um deren Mütter.


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Freitag, 11. März 2011

ru24 Mysterium 7: Unglaublich

Zur Geburtstagsfeier meiner Mutter hole ich Tante Walburga ab.
Weil ich weiss, dass die Tante bereits zehn Minuten vor meiner Ankunft gestiefelt und gespornt mit Kopftuch, Handtasche und schwerem Mantel hinter der Tür wartet, beeile ich mich. Kaum stehe ich mit dem Wagen um drei vor vier am Straßenrand, ist sie da.
»Och, das ist ja doch ein richtiges Auto!«, bemerkt sie anerkennend, »Ich hatte jetzt mit sonem komischen Dingen gerechnet!«, lobte die Tante meinen Smart Fortwo.
»Ja. Hier, sogar mit Steuerrad und allem!«, knirsche ich.
»Toll!«, sagt Tante Walburga ganz aufrichtig.

Wir fahren.
»Wollt ihr heiraten, deine Freundin und du?«, fragt sie unvermittelt.
Ich fahre in einen Kreisverkehr und wieder heraus.
»Och nö, das ist glaube ich nicht nötig«, sage ich, ergänze: »Und wir sind ja beide auch nicht die Allerchristlichsten.«
Tante Walburga aber schon.
In ihr arbeitet es.
»Du könntest dir doch wenigstens ein Hintertürchen offenhalten, so ein bisschen dran glauben. Der liebe Herrgott nimmt es da nicht gar so genau.«
Ich schnaube, will ihr aber nicht auf die Füße treten.
»Na gut. Auch als Existenzialist lasse ich mich ja gerne überraschen«, lenke ich ein.
»Ich will ja nur, dass du gut rüberkommst. Und dir einen guten Platz sicherst«, schließt die Tante
Faszinierend pragmatisch.

Später besichtigen wir zu dritt eine kleine Dorfkirche in Egen, das zu Wipperfürth gehört. Das Restaurant, in dem wir Kaffee getrunken und Waffeln mit Milchreis und Zimt & Zucker gegessen hatten, liegt nebenan.
»An der Monstranz leuchtet das Licht«, sagt Tante Walburga und deutet zu einem kunstvollen Schrein herüber. »Das bedeutet, dass die Hostien geweiht sind.«
Auch gut.
»Durch den Segen sind jetzt aus Hostien und Wein der Leib und das Blut Christi geworden.«
Soso.
»Das ist wissenschaflich bewiesen!«, trumpft die alte Dame auf.
Wow!!!
»?«, kommt es von mir.
»Wissenschaftler haben festgestellt, dass nach der Segnung wirklich Fleisch und Blut daraus geworden sind, allesamt haben sie sich hingekniet und gebetet!«
»!«, sage ich.
Mon dieu!
Solche Wissenschaftler gibt es heute gar nicht mehr ...

Ich stelle mir christliche Missionare bei Menschenfressern in Papua-Neuguinea vor: ›Nein, ihr dürft jetzt keine Leute mehr essen, sondern nur noch euren Heiland, der mit Magie aus Esspapier und australischem Merlot hergestellt werden kann!‹
Unglaublich!

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Sonntag, 30. Januar 2011

Anti-Fascho-Demo Wuppertal-Elberfeld am 29.01.2011

Mein letzte Demo war schon ein paar Tage her. Es war, glaube ich, eine Lichterkette gegen den Golfkrieg, seinerzeit, 1990 oder so. Aber die Demonstrationen damals hatten ja wenigstens etwas gebracht – vielleicht sogar das absolute 25-Jahres-Maximum im Verkauf von IKEA-Teelichtern.
Jetzt wollten am 29.01. Nazis aufmarschieren in Wuppertal. Einen Tag nach der Befreiung Auschwitzs, einen Tag vor der Machtergreifung 1933 durch Hitler. Schon für den Termin müssten sich die Glatzen eigentlich in Grund und Boden schämen.
Ich stellte mir die Horden rasierter Bomberjacken vor, die mit dramatisch unterdurchschnittlichen IQs und Zähnen wie baufällige Zäune in eine meiner Lieblings-Städte einfielen um die Schuld daran, dass sie keine Jobs hatten, Minderheiten zu geben. Nie-nie-niemals wären sie auf den Gedanken gekommen, dass dieser Umstand allein der Tatsache geschuldet war, dass sie Arschlöcher waren.
Zu drei Erwachsenen und Kind Tom (11) fuhren wir nach Wuppertal-Elberfeld. Es war Kaiserwetter, aber gewiss kein Führerwetter. Um 10.00 Uhr am Kirchplatz gab es eine Bühne mit Reden und Musik, bei Kamps Latte macchiato. Allgemein war die Stimmung gut, es hatten sich 5.000 oder mehr Menschen eingefunden, um Flagge zu zeigen für Toleranz und Demokratie. Bunte Luftballons glühten farbenfroh in der Sonne, es war kein Brauner darunter.
Das Polizeiaufgebot war beeindruckend, Hubschrauber standen am Himmel.
Irgendwann kam Bewegung in die Massen und sie strömten die B7 entlang in Richtung der vermutlich heranmarschierenden Faschos. Eine große Polizeisperre in Höhe der AOK/des Cinemaxx brachte das Ganze zum Stillstand. Das reizende Odeur von CS-Gas lag in der Luft.
Im Grunde begann nun so etwas wie ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Ordnungskräften: Die Gegen-Demonstrierenden suchten die Konfrontation mit den Nazis, die Polizei sperrte alles ab, was die Gruppen irgendwie hätte aufeinandertreffen lassen. In Wuppertal, einer Stadt, die aussieht wie ein Bandwurm, ist das sicherlich leichter als anderswo. Als Teil eines großen Pulks Gegendemonstranten machten wir uns zügig auf, die Polizeisperren weiträumig zu umgehen und irgendwie in den Osten der Stadt zu gelangen.
Unterwegs:
Bärbel: »Komm Tom, lass uns Parolen rufen.«
Tom (11): »PAROLEN!!!«
Doch trotz stundenlangem Gerenne und sehr trickreicher Wegwahl: Immer wieder stießen wir auf Straßensperren um Straßensperren.
Nach mehreren Stunden endlich resignierten wir, denn ohne Hubschrauber war es überhaupt nicht zu schaffen, ein wirklicher Gegendemonstrant zu sein.
Ohne einen einzigen Faschisten gesehen zu haben, fuhren wir wieder nach Hause.
Daheim stand dann im Internet auf der Seite der Wuppertaler Zeitung, dass auf 5.000 Gegendemonstranten 170 Faschos gekommen waren.
Ein Verhältnis von 29:1.
Irgendwie doch ein klarer Sieg.

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Donnerstag, 21. Oktober 2010

ru24 History 20: Tautau Obskur (2001)


tattoo'd lady
Originally uploaded by hedonaut
Das neue Jahrtausend war angebrochen, die Moderne quasi.
Auch ich fühlte mich sehr modern.
Beim Besuch eines Freundes in Berlin war es so weit. Gneisenaustraße, zwei U-Bahn-Stationen vom Kreuzberger Hermannplatz entfernt, in dessen Nähe ich wohnte, stieg ich aus. Ich stärkte mich noch etwas bei Barcomis. Dann machte ich mich in der Bergmannstraße auf die Suche nach einem Tattoo- und Piercing-Shop. Ich fragte etwas herum und wurde bald in einer Seitenstraße fündig: TAUTAU OBSKUR.
Naja, der Name hätte mich schon stutzig machen sollen...
Palim!
Ich betrat den mit Flaschen voller Bandwürmern und mit Totenschädeln dekorierten Laden. Hinter dem Tresen standen zwei Grazien, tätowiert und gepierct bis zum Arsch. »Meine«, eine Art Morticia Addams im vampirischer Gewandung begrüßte mich. Ihre langes Haar war mittig gescheitelt, auf der einen Seite weiß wie bei einer Greisin, auf der anderen Seite rabenschwarz. Tattoos flammten aus ihrem üppigen Dekolleté. Ihr Lippenstift war schwarz, ihr Augen-Makeup hätte Daryl Hannah aus »Blade Runner« beeindruckt.
Ich räusperte mich.
»Äh. Ich hätte gerne ein Piercing, so hier am Ohr«, sagte ich. Es ging mir um ein Piercing, das Helix genannt wird - einen Ring durch das Knorpelgewebe der Ohrkante.
Moriticia griff unter den Tresen und beförderte eine Reihe von Ringen aus Chirurgenstahl hervor. Mit dem Ring gings ins Hinterzimmer.
Der Flur war in Augenhöhe behangen mit kleinen Bilderrahmen mit Fotos von Piercings, die bereits in Leuten steckten. Manches davon weigerte sich mein Gehirn zu dechiffrieren.
Moriticia sah es an meinem Blick, sie drehte sich zu mir um.
»Das können wir dir auch machen, das heilt irre gut da
Ich lehnte dankend ab.
Wir erreichten eine Tür, ich musste unwillkürlich an »Zimmer 101« im »Ministry of Love« von »1984« denken. Den Raum beherrschte ein mit grünem Kunstleder bezogener, reichlich runtergerockter Friseurstuhl aus den 50ern und Schränke voller Geräte. Eine Kammer wie geschaffen für politische Folter und Schmerzexpertimente. Ich suchte den Boden nach verräterischen Flecken ab.
»Achso, wir STECHEN die Piercings, ganz klassisch.«
»Ja, klar«, sagte ich, als hätte ich den Hauch einer Ahnung gehabt und setzte mich.
»Willste ’ne Betäubung?«
»Nee, quatsch!«, sagte der ahnungslose Trottel im Behandlungsstuhl.
Moriticia legte allerlei zurecht, unter anderem eine Braunüle, mit der man einem Pferd hätte größere Mengen Blut abnehmen können. Sie zog Latexhandschuhe an und einen Mundschutz. Sie desinfizierte mein Ohr. Ich stellte mir derweil das Schicksal anderer Delinquenten vor. Plötzlich stach sie mir die dicke Nadel durchs Ohr. Der Trottel bedauerte schlagartig und auf die harte Tour, keinerlei lokale Anästhesie genommen zu haben.
Eine Träne stahl sich aus seinem rechten Auge und lief ihm über die Wange, derweil der Schmerz loderte.
Nach ein paar Handgriffen ihrerseits war alles vorbei.
Sie hielt mir einen abgegriffenen Handspiegel hin.
»Sieht gut aus!«, sagte sie, dann: »Wenn das irgendwie komisch ist, dann ist das ’ne Akupunktur-Stelle. Dann kommste wieder, dann stechen wir noch eins daneben. Und du kannst eine Weile nicht auf dem Ohr schlafen. Ich schreib dir mal was zu Desinfizieren auf, dass musste jetzt ein paar Wochen lang jeden Tag machen, wegen der Kruste und so.«
Ich wankte aus dem Laden, mein Ohr pochte, es begann, anzuschwellen.
In der Apotheke kaufte ich mir was zum Desinfizieren.
Als ich bei meiner Bleibe ankam, pochte das Ohr wie verrückt, es war auf die doppelte Dicke angeschwollen.
Das Desinfizieren - autsch!
Nachts drehte ich mich aus versehen auf das Ohr - *winsel*

Das Loch siffte noch drei monatelang herum. Täglich musste ich mit dem Fingernagel Kruste vom Ring abkratzen und ihn drehen. Das Desinfizieren brannte.
Die Schwellung ließ eines Tages ganz nach. Dann entstand an der Rückseite meines Ohres um das Loch herum ein Knorpelwulst wie ein Mondkrater. Der veränderte sich wieder. Ich las in der Zeit solche und ähnliche Texte:
"Der Ohrknorpel gehört zu den härtesten des Körpers, ist aber gleichzeitig eine heikle Stelle was Wundheilung betrifft. Kommt es zu Entzündungen oder anderen Komplikationen, können diese, wegen der speziellen Beschaffenheit des Ohrgewebes, nur schwer bekämpft werden. Schmutz bleibt länger in der Wunde und Heilmittel werden, egal ob innen oder außen aufgetragen, sehr schlecht zur Wunde transportiert. Ist der Ohrknorpel erstmal zerstört, regeneriert er sich nicht mehr, sondern es kommt zum gefürchteten Blumenkohlohr." (Quelle)
Gottogott!
Doch nach einem dreiviertel Jahr normalisierte es sich so weit, dass ich auf meiner einstigen Lieblings-Schlafseite wieder schlafen konnte.
Und irgendwann war es wirklich vorbei.

Ach so: Morticia, Herzchen, ja, ich hätte gerne ganz dringend eine Betäubung!
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Donnerstag, 9. September 2010

Camping - eine Erinnerung an den Urlaub


camping
Originally uploaded by twicepix
Es ist 6.58 Uhr, ich erwache mit einer Blase groß wie ein Ytong-Stein.
Mein stummer Schrei ist Hoffnungslosigkeit.

Ich prüfe meinen Rücken, er ist vorhanden, scheint sogar intakt. Ich kann meine Beine bewegen, ein gutes Zeichen. Die vergangene Nacht war eine Melange aus Schlafphasen, Schlafsacküberhitzung und unzugedecktem Frieren. Ich bleibe liegen und gehe im Geiste die 27 Schritte durch, die notwendig sind, um notdürftig bekleidet zum Sanitärhaus zu gelangen. Der Aufwand ist zu beträchtlich, als dass ich danach noch ein Auge zu machen würde, da kann ich auch gleich duschen gehen.

In der Hocke und gebeugt geht die Suche nach quasi Allem los: Brille, grasfleckige Hose, irgendwelche selbstklebenden Socken, Schläppkes, müffelndes Handtuch, Kulturbeutel. Fast alles verbirgt sich geschickt vor dem verschleierten Blick des Suchenden. Die volle Blase ist ein Fanal. Ich öffne ächzend den Zeltreißverschluss, krieche in unwürdiger Pose aus dem Zeltinneren ins sandige Vorzelt. Dreck scheuert, Steine aus dem Untergrund bohren sich brachial durch den Zeltbodens in meine Knie. Winselnd schließe ich den nun hinter mir liegenden Reißverschluss.
Ich richte mich auf, provisorisch, frühen Primaten in nichts nachstehend.

Draußen auf der Bank sitzt Bernd vor einer Blechtasse mit schwarzem Kaffee, er raucht eine Selbstgedrehte. Er sieht so aus wie ich mich fühle. Ich gurgle ihm einen Gruß zu. Sein Grunzen ist nicht zu interpretieren.

Ich wanke gen Sanitärhaus, den kiloschweren Kulturbeutel in der Rechten, das Handtuch über die Schulter geworfen.
Auf dem Campingplatz ist bereits ein reges Treiben aus Radfahrern, Hundehaltern, Brötchentütenheimkehrern – dem ganzen Frühaufsteherpack.
Ich erreiche die Toilette.
Es ist als hätt‘ der Himmel, die Erde still, geküsst.
Dann ist da sogar eine freie Duschkabine.
In den Fußpilzgründen des Vorgängers herumtappend, entkleide ich mich, platziere das Duschgel in der Duschkabine. Ziehe mich aus. Beim Aufdrehen des Hahns stelle ich fest, dass der Duschkopf fehlt. Ich ziehe mich an. Der Vorraum der einzigen anderen Dusche, die frei ist, steht daumendick unter Wasser. Was bleibt mir übrig? Ich nehme den Abzieher und beseitige die Überschwemmung gen Gully. Dabei tauchen dann diverse Voodoo-Haarstrünke auf, die die grauen Fluten gnädig verhüllt hatten.

Ich dusche.
Viel zu spät merke ich, dass ich mal wieder keine frische Wechselwäsche dabei habe. Herrgott, ich kann doch nicht an alles denken!
Die Luftfeuchtigkeit liegt bei 100%, das Abtrocknen ist ein vergebliches Unterfangen. Zumindest habe ich mit dem gammligen Handtuch mal alle Mückenstiche angeregt, sich zurückzumelden.
Quasi nass zwänge ich mich in die bereits hochfragwürdige Kledage zurück. Klamm schmiegt sie sich an mich. Mindestens eine Socke, die Unterhose und ein Hosenbein saugen sich zusätzlich voll mit der Pfützen-Sutsche von Dutzenden meiner Vorgängern, da kann ich machen was ich will.

Als letztes presse ich die Duschgelflasche in den mit Kosmetikartikeln bis zum Rand vollgestopften Kultur-Beutel zurück. Natürlich rattert jetzt die elektrische Zahnbürste los, so dass ich alles neu sortieren muss, damit es überhaupt passt. Auch noch nass rasieren geht heute mal gar nicht - wie die letzten Tage auch…

Ich fliehe diesen Ort.
Der Himmel hat sich zugezogen, der böige Wind bläst bereits die ersten Ausläufer des Regens auf meine Brille.
Ich fluche gotteslästerlich.

Der fünfte Tag beim Camping – und die Kultur ist komplett den Bach runter.






Freitag, 27. August 2010

Ein schrecklicher, schrecklicher Fehler!


Schranke
Originally uploaded by Tabbo107
Es war ca. im Jahr 1995 auf dem Sparkassen-Parkplatz Hohenfuhrstr., 42477 Radevormwald. Zufahrt und Wegfahrt an den Schranken wurden über die EC-Karte gesteuert. Wenn man hier unter einer Stunde parkte, war es kostenlos. Über eine Stunde parken kostete 2,00 DM, zahlbar als Münze in bar direkt an der Schranke. Alles eigentlich ganz easy...
Es war ein flirrender Hochsommertag.
Ich hatte Geld abgeholt (50,00 DM), stieg in mein Auto, um loszufahren. Eine Frau parkte reichlich umständlich aus, ich ließ sie vor, weil, das war höflich und ich war ja nicht in Eile - ein schrecklicher, schrecklicher Fehler!
Der PKW vor mir hoppelte zum Schlagbaum, rangierte etwa 6x vor und zurück. Sie drehte ihre Scheibe herunter, um ihre EC-Karte in den Schlitz zu stecken. Das Display zeigte »Zu zahlen: 2,00 DM«. Sie hatte wohl länger als eine Stunde geparkt. Die Frau stellte den Motor ab. Kurbelte die Scheibe hoch. Schnallte sich ab. Öffnete die Tür. Stellte fest, dass es zum Aussteigen zu eng war. Rutschte auf den Beifahrersitz. Stieg aus. Schloss ihren Wagen ab. Hinter mir warteten zwei weitere PKW. Fassungslos starrte ich die Frau an, fühlte mich gezwungen, etwas zu sagen.
»Würde es ihr Charakter erlauben, die zwei Mack einzuwerfen, damit wir alle vom Parkplatz herunterkommen?«, meine Stimme bebte leicht.
»Das sehe ich ja gar nicht ein!«, schrillte und eierte auf ihren Pumps mit ihrem Kostüm in die Sparkasse zurück. Ich ließ mich in meinen Sitz plumpsen und machte erst einmal meinen Motor aus. Ich studierte eingehend meine Kontoauszüge, fächelte mir gleichzeitig Luft damit zu. Inzwischen waren es vier Wartende hinter mir.
Schweiß lief mir den Rücken hinunter.
Die Frau kam zurück. Mit den farblich passend zu dem Kostüm lackierten Fingernägeln trug sie spitz ein farblich mal überhaupt nicht passendes, grünes Weichplastikfutteral. Sehr, sehr offensichtlich beinhaltete es – von der Form, die sich durchdrückte – eine Parkmünze. Ich atmete auf. Die Fahrer der unterdessen fünf hinter mir stehenden Autos sicherlich auch.
Sie schloss ihren Wagen auf. Stieg ein. Rutschte rüber. Schnallte sich an. Ließ den Motor an. Kurbelte die Scheibe herunter. Dann beobachtete ich die Frau dabei, wie sie versuchte, die Parkmünze samt Futteral in den Geldschlitz zu stecken.
Spontan traten mir Tränen in die Augen.
Schweiß tränkte meine Kleidung im großen Stil.
Bevor ich mit tränenverschleiertem Blick interagieren konnte, passierte Folgendes: Die Frau stellte den Motor ab. Kurbelte die Scheibe hoch. Schnallte sich ab. Rutschte rüber. Stieg aus. Schloss ihren Wagen ab. Auf ihren Pumps eierte sie in die Sparkasse zurück.
Hinter mir warteten bereits alle PKWs des Parkplatzes.
Sämtliche Motorlüfter liefen auf Volllast.
Ich ließ meinen Tränen freien Lauf, ich war schweißnass von Kopf bis Fuß.
Nach endlosen fünf Minuten erschien ein Bankangestellter mit einem Werkzeugkoffer und die Pumps-Frau. Der Bänker legte sein Jackett ab, kramte in dem Kasten herum, fand endlich den Schraubenschlüssel und montierte umständlich die »defekte« Schranke ab.

Der Parkplatz leerte sich schlagartig.
Alle fuhren sofort irgendwohin, nur um Fahrtwind zu bekommen.
An diesem Tag sind in flirrender Sommerhitze Schweiß und Tränen der Dankbarkeit Vieler geflossen.

Bis dahin hatte ich immer gedacht, solche Leute gäbe es in echt gar nicht.

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