Montag, 26. Juli 2010

Lifestyle 38 - Es kann jeden treffen


ghostwoman
Originally uploaded by Picturesimon
Queen Mom (82) hatte wieder etwas ausgeschnitten, was sie mir bei meinem Besuch wohlmeinend in die Hand drückte.
"Hier, da kannste abnehmen, so in diesem Internet", sagte sie.
"Oh toll!", sagte ich und nahm den Wisch an mich. Irgendwie war es eine ausgerissene Seite aus dem Apothekenblättchen. Eine leicht moppige junge Frau strahlte darauf von Ohr zu Ohr bei der bloßen Vorstellung, so "über das Internet kostenlos die Pfunde purzeln zu lassen" - auf www.zu-fett-fürs-balett.de oder so.
Naja. Immerhin war es kostenlos.
Doch noch war ich nicht so weit.
Mein Geburtstag beraumte sich an. Ich räumte auf wie ein Irrer, die Wohnung in einen unrealistischen, zumindest optisch pseudosterilen Zustand zu versetzen.
Der Wisch lag noch immer auf dem Schreibtisch.
"Naja, muss ja nicht jeder sehen", dachte ich und faltete das Blatt andersherum.
Der Geburtstag kam, Menschen wuselten herum, betatschten alles und verschwanden wieder.
Tage später saß ich an meinem Schreibtisch, da fiel mein Blick auf eine Anzeige in Riesenlettern: "Stuhlinkontinenz kann jeden treffen!" und darunter "Als es mich traf, habe ich mich geschämt wie ein kleines Kind".
Hä???
Es war die Rückseite des Diät-Blättchens.
Niemand traut sich nun, mich darauf anzusprechen.
Tolle Wurst.
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Donnerstag, 22. Juli 2010

Queen Mom 3 - Johanniter-Hotel


hospital meal
Originally uploaded by Rooney.
Queen Mom (82) war wegen Atemnot ins Krankenhaus eingeliefert worden.
Mein Bruder und ich wechseln uns mit den Besuchen ab.
Jedesmal bevor ich sie besuche, bekomme ich noch einen Anruf meines Bruders, was ich Muttern wohl noch von zu Hause mitbringen soll (neben "Körperseife" und "Leibwäsche"): eine Hartkäsereibe (die mit dem roten Griff), ein Vogelhäuschen (das Geschindelte, nicht das Gelbe), eine spätassyrische Bodenvase (die mit den geflügelten Löwen), die Altölwanne (türkis, die mit dem "abben" Griff).
Mittlerweile sollte sie fast alles da haben. Den kompletten Haushalt. Ein wenig fürchte ich den Tag ihres "Auszuges" aus dem Krankenhaus, da brauche ich mindestens einen Miettransporter. Und vielleicht sechs Helfer mit Sicherheitsschuhen und Latzhosen. In ihrem Spind auf dem Krankenzimmer geht es mittlerweile zu wie in Mary Poppins' Tasche. Nicht nur der ausgestopfte Tukan stört ein wenig.

Wenn ich sie besuche, klopfe ich an der Krankenhauszimmertür, meine Mitbringsel auf dem Arm.
Knock, knock.
Grabesstille dringt mir aus dem Inneren entgeben.
Knock! Knock!
Nichts.
BOOM!! BOOM!!!
Nix.
Ich öffne die Tür. Die Bettnachbarin meiner Mutter, eine ebenso alte Dame, sitzt direkt an der Tür auf der Bettkante und schaut mich an.
"Hallo!", sage ich.
"Ach so!", sagt sie.
Keine Ahnung, warum sie nie "Herein" sagt, sie hört eigentlich ganz gut.
Muttern ist auf der Toilette, ich warte.
Sie erscheint, wir begrüßen uns, ich überreiche ihr die Mitbringsel.
Muttern legt sich mit ihrem gebügelten Nachthemd auf ihrem Krankenhausbett in Position. Die Rückenlehne ist hochgestellt wie bei einer Récamière. Mineralwasser, Glas, Zeitschriften liegen parat.
"Haben die Ärzte was gesagt?", frage ich.
"Oh ja!", freut sie sich.
"Äh, und was?"
"Da waren fünf Ärzte, und einer von denen hat geredet wie ein Wasserfall!", begeistert sie sich.
"Ja, und was hat er so gesagt?", frage ich.
"Ja, so Fachwörter!"
Ach so...
"Aber heute morgen war ein Mädchen da, das hat mir die Füße gewaschen!"
"Toll!"
Mutter legt sich zurück, entspannt und irgendwie urlaubs-erholt, sie trinkt einen Schluck Mineralwasser und schaut aus dem Fenster. Sie genießt das Leben der Schönen und Reichen im Johanniter-Hotel.
Es sei ihr gegönnt.
"Ach, der Frank soll mir beim nächsten Mal, wenn er vorbeikommt, die Entenlockpfeife mitbringen!"
Geht klar.


Samstag, 17. Juli 2010

ru24 Wissen 16 - bedrohte Wörter

Alles was lebt, erzeugt als Kennzeichen des Lebens auch Abfallprodukte, so auch die deutsche Sprache. Wörter, die dereinst ach so bezeichnend waren, fallen weg, werden nicht mehr benutzt. Schaut man in einen aktuellen Duden "Rechtschreibung" oder "Fremdwörterbuch", finden sich tausende von Wörtern, die den Zusatz "veraltet" tragen. Das ist nicht immer so schlimm. Bei dieser kleinen und ganz willkürlichen Aufstellung (Duden, ich bin nur bis "G" gekommen) ahnt man vielleicht, warum:
bo|mät|schen (veraltet) Lastkähne stromaufwärts ziehen, treideln
Cau|seu|se die; -, -n: (veraltet) 1. unbekümmert-munter plaudernde Frau. 2. kleines Sofa
E|lu|ku|b|ra|ti|on die; -, -en : (veraltet) a) mühevoll erstellte, sorgfältige Abhandlung; b) wissenschaftliche Arbeit, die nachts geschaffen wurde
Ga|lo|pin der; -s, -s : (veraltet) 1. Ordonnanzoffizier. 2. heiterer, unbeschwerter junger Mensch
Daß "bomätschen" gleichbedeutend ist mit "treideln" – wer hätte das gedacht? Da alle Diplom- oder Magisterarbeiten, derer ich je Zeuge wurde, sowieso immer nur Nachts und auf den letzten Drücker geschrieben werden, ist ein spezielles Wort wie "Elukubration" nicht mehr vonnöten. Und wenn die Causeuse mit dem Galopin erst einmal im Séparée verschwunden ist, dann heißt mich ohnehin der Anstand schweigen. Von fallen gelassenen Beinkleidern will ich dann schon gar nichts wissen.
Also, who cares?
Die durchweg lesenswerte Seite www.bedrohte-woerter.de (Link) macht Werbung für Bodo Mrozeks mittlerweile zwei „Lexika der bedrohten Wörter“. Zwei Einträge aus dem Lexikon, sind mir sehr ans Herz gewachsen:
Quarre - Quengelndes Kind, früher auch als Göre bekannt. Das Wort stammt aus einer Zeit, als Französisch noch Konversationssprache war. Heute heißen alle Kinder Kids und gehen zu McDonald’s.
urst - Ostdeutsch [...]. Meist als Steigerungsform verwendet, synonym zum herkömmlichen Wort sehr. Zeitweilig beliebt in der Kombination mit anderen bedrohten Begriffen, etwa: "Die Fete war urst geil." Nach 1990 in den Duden aufgenommen. [...] Wird verdrängt durch die Adjektive fett oder krass.
Und dann der Schock: tatsächlich verschwinden ja auch die wichtigen, kuriosen Wörter, meist scherzhafte Synonyme, die aus meinem Wortschatz beileibe nicht mehr wegzudenken sind! Bescheiden, wie ich nun einmal bin, will ich mal nur derer 30 nennen, die Mrozek in seinen Büchern behandelt:
angelegentlich, Augenstern, Augenweide, baff, bannig, bass, bräsig, Bredouille, Brimborium, dufte, Feudel, Firlefanz, Flausen, Fluppe, garstig, Gemächt, Geschmeide, Gutdünken, Humbug, in petto, Kavalier, knorke, Plörre, Popper, Prilblume, Rollschuh, Stegreif, urst, weiland, wohlfeil.
Wollen wir nicht mit aller Kraft versuchen, so viele wie möglich dieser zu Unrecht ungeliebten Kleinode vor dem Aussterben zu bewahren?
Das wäre doch sowas von urst knorke, oder?

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Dienstag, 13. Juli 2010

Sommer! - Teil 2


Dovee
Originally uploaded by Caucas'
Das Fenster Tag und Nacht mindestens aufgekippt - da weiß man, wo man wohnt!
Samstag morgens um 6.30 Uhr knallen juvenile Motorsportfans mit viel Enthusiasmus, Sportauspuff und 45 PS VROOOOOOM!!! unter meinem Fenster vorbei in Richtung Schwarzarbeit, an der Pioneer-Anlage alle Knöpfe auf '10' - UFZ-UFZ-UFZ!!! Um 8.40 Uhr startet mein mit geistigen Gaben nicht gerade allzu gesegneter Herr Nachbar seine Schlagerparade - Hossa! - jetzt auch von Fenster zu Fenster. Gerade bin ich mit rotgeäderten Augen wieder weggenickt, den allgegenwärtigen "Chor der Verdammten" (Rasenmäher, Rasenkantenschneider und Heckenscheren) ignorierend, da krallt sich roten Fußes eine Taube in die Dachrinne, rülpst ihr geistloses Gru-hu -- gru-hu -- gru-hu! exklusiv in mein Fenster. Nach einer Viertelstunde fliegt das Kackteil von dannen, natürlich mein Auto dabei vollscheißend.
Hauptsache ich werde wahnsinnig.

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Freitag, 25. Juni 2010

www 14 - Facebook Typologien


Facebook
Originally uploaded by Laughing Squid
81% - die schweigende Mehrheit
Irgendwann mal bei Facebook angemeldet, dümpelt dieser Account so vor sich hin. Geburtstagswünsche von vor 7 Monaten gammeln hier ebenso ungelesen herum wie hoffnungsfrohe Einträge von "Freunden", "doch mal wieder was zusammen zu unternehmen". Die meisten dieser Vögel haben es nicht einmal zum Profilbild geschafft.
Eine Sonderform stellt der "passive Kontaktesammler" dar: Alle zwei Monate erwacht er aus seiner Lethargie, um alle sechs anstehenden Kontaktanfragen zu bestätigen, dann taucht er sofort wieder unter, wenigstens für die nächsten Monate.

5% - El Normalo
Der normale Wald- und Wiesennutzer. Täglich über längere Zeiträume präsent, gibt er gerne fast überall seinen Senf dazu. Er ist das Rückgrat von Facebook.

3% - Glücksnussöffner
Der Glücksnussöffner steht stellvertretend für all jene, die FB keinen eigenen Content hinzufügen, sondern z.B. jeden Tag fast ausschließlich sturheil ihre Glücksnuss öffnen: "Du wist einen schönen Tod haben". Alternativ geben sie damit an, dass ihnen bei Farmville mal wieder eine totaaal niedliche Zwerglanguste zugelaufen ist.

2% - Captain Krypto
Captain Kryptos Statusmeldungen sind selbst für Eingeweihte oft unverständlich. Wie aus sehr altem Assyrisch übersetzt, bleiben diese Sentenzen rätselhaft bis prä-apokalyptisch oder schlicht mundartlich. Im Zweifelsfall kann man sich einfach einreden, dass es "irgendwie" - optional auf Schwitzerdütsch - um "World of Warcraft" geht.

2% - vager Jammerlappen
Ihre Statusmeldungen sind immer negativ, dazu so vage wie möglich gehalten:
"J. Ammer-Lappen: Macht den Schmerzen jetzt ein Ende" (meint: Seine Vagheit entschließt sich endlich, doch mal eine Aspirin einzuwerfen),
"J. Ammer-Lappen: Sieht keinen Sinn mehr darin, überhaupt weiterzumachen..." (meint: Belegt bei dem iPhone-Spiel "Doodle Jump" den letzten Platz und erwägt, aufzugeben),
"J. Ammer-Lappen: Kann nicht aufhören, zu weinen" (meint: Schneidet soeben die dritte Zwiebel).
Wichtig ist, dass alle durch diese suizidal wirkenden Sätze aufgescheucht werden und reflexartig in Massen Aufmunterndes von sich geben.

2% - Superdarling
Jeder liebt Superdarling. Superdarling ist so unglaublich positiv und nett, dass man es kaum für möglich hält. Am Herdfeuer von Superdarlings Herzen wärmen sich die von der Kälte des Netzes unterkühlten Massen.

1% - Ich-Girl
Das Ich-Girl tauscht sein Profilbild täglich aus, es beginnt fast alle Statusmeldungen mit "Ich ...". Es ist fast 20 Stunden am Tag bei Facebook eingeloggt, postet dann: "Ich bin so unglaublich müde" (surprise, suprise), "Ich schaffe meine Arbeit nicht mehr" (wen wunderts?), "Ich bin total dolle krank" (Überraschung: Vitamin D bildet sich in der Haut nur im Zusammenhang mit Sonnenlicht) (Link).
Das Ich-Girl schart eine größere Gruppe von mitfühlenden Mädchen um sich, die zu jeder Tages- und Nachtzeit eine Aufmunterung parat haben, zumindest in den ersten Jahren.

1% - Hyperactive!!!
Hyperactive!!! ist immer und überall zugegen, ist wunderbar witzig, kommentiert, was das Zeug hält - bis in die frühen Morgenstunden. Auf Hyperactive!!! mag niemand mehr verzichten wollen. Wenn Hyperactive!!! sich mal 23 Stunden nicht blicken läßt, gründet garantiert jemand eine "Wir wollen Hyperactive!!! zurück!"-Gruppe.

1% - Der Freak
Findet in den Weiten des Netzes immer etwas Außergewöhnliches, um es zu posten, oft bekommt man von den angeklickten Links leider Augenkrebs, but no risk no fun.

1% - Jäger(in) des verlorenen Links
"Weiß noch jemand den Link zu den hübschen Puschen, so Hausschuhe, grauer Filz, schmal geschnitten und wunderschön, den hatte jemand vor einem dreiviertel Jahr gepostet. Die wollte ich doch meiner Mami schenken!" - Im Grunde erklärt das schon alles.
F: Wie hieß nochmal diese Suchmaschine? A: Facebook

1% - Der Teleprompter
Aktualisiert etwa alle 6 Stunden seinen Status, am liebsten mit einem Handy-App, das Ganze im wichtig aussehenden Twitter-Style: "Bin #gerade mit #Heike im #IKEA". Dem Teleprompter ist das völlig Latte, ob das jemanden interessiert, es fiele ihm aber auch niemals ein, den Post eines Anderen zu kommentieren. Warum das "Soziales" Netzwerk heißt, wird dem Teleprompter für immer ein Rätsel bleiben.

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Dienstag, 22. Juni 2010

ru24: www 13 - Ich bin drin 3.0

Abends (nach einem Arbeitstag am PC im Büro) skype (Link) ich mit meiner Berliner Freundin. Das ist "videofonieren am PC", ich hätte es vor einer Woche auch noch nicht so genau gewusst.
Und wenn man schon am PC sitzt, so Auge in Auge miteinander quatscht, dann kann man sich gleichzeitig auch diverse Dateien zukommen lassen. Über Skype geht das jetzt irgendwie nicht, vermutlich weil sie "Mac ist" und ich "PC". Also senden wir uns während des Gesprächs z.B. ein Dutzend zusammengezippter Fotos via yousendit (Link) zu. Derweil tauschen wir uns über "unseren Tag" und den aktuellen Facebook-Tratsch (Link) aus, danach berichtet sie mir beiläufig in einem Nebensatz, dass sie mir auf meinen Flickr-Account (Link) ein paar Flickr-Mails geschrieben hat, um mich auf bestimmte Flickr-Gruppen aufmerksam zu machen, die mich interessieren könnten, auf die ich aber nimmer gekommen wäre (Beispiel).
Hey! Klasse!
Da geht plötzlich das "richtige" Telefon: Lüdel-lüdel-lüdel! Eine gute Freundin aus Köln ist dran, um mir mitzuteilen, dass sie mir eine SMS aufs Handy geschrieben hat, mit dem Inhalt, dass ich ein E-Mail bei web.de (Link) bekommen habe...
[*hüstel* Ja, tatsächlich bekomme ich nicht immer alles mit - und wer mich kennt...]
Während des Telefon-Telefonats mit ihr lächle ich in die neue Logitech-Webkamera auf meinem Monitor, werfe meiner fernen Videofoniererin eine Braue zu und öffne parallel bei web.de das E-Mail. Inhaltlich dreht es sich um die Kooperation zwischen der guten Freundin und mir auf "Google Text & Tabellen" (Link) die wir mit gemeinsamen Münchner Facebook-Freunden haben, wenn wir zur Kommunikation nicht gerade das Facebook-Mail mit dem Vierfachverteiler nutzen...
Mein Augenlid zuckt.
Ob alles in Ordnung ist, fragt meine Berliner Freundin, nachdem ich das Kölner Telefonat beendet habe.
Ich...
Nein, nein, alles in Ordnung, mein Mauszeiger irrlichtet herum, ich klicke irgendwo irgendwas, drehe Kreise.
Mein Blick ist leer.
"Ich muss auf die Couch", sage ich.

Ich gehe ein Buch lesen, aus Papier.

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Mittwoch, 16. Juni 2010

Lifestyle 36 - Duschen in Berlin

"Menschen, die man generell als genussfähig einstufen kann, verrichten ihre tägliche Körperreinigung nicht gerne wie in einem Gefangenenlager."
Diesen aufpeitschenden ersten Satz möchte ich einfach so mal so stehen lassen.

Es begab sich, dass in den 90ern ein Freund von Wuppertal nach Berlin zog.
Ich half ihm beim Umzug.
Als alles Mobiliar im 4. (gefühlten 6.) Stock endlich parat stand, und ich aus meinem Matratzenkoma erwacht war, "gönnte" ich mir eine Dusche.
Naja, "gönnte" war in dem Fall etwas arg opulent angelegt.
Es gab keine Duschkabine, keinen Duschvorhang.
In einer Wohnung, die gerade bezogen wird, ist das sicherlich verständlich...
Würdelos kauerte ich mich in die Wanne. Was irgendwie ausgesehen haben muss, als verneigte ich mich gen Mekka und würde gleichzeitig versuchen, mich vor Granatsplittern zu schützen. Ich fuhr mit dem Brausekopf mal hier hin, mal dort hin. Da, wo das warme Wasser gerade nicht war, bemächtigte sich meiner eine allumfassende Gänsehaut. In diversen entwürdigenden Posen schäumte ich mich ein, spülte mich ab, fluchte, fror.
"Weichei" werden jetzt viele zischen, die bereits mindestens 25 Jahre in einem russischen Gulag gedarbt haben.
Währenddessen verwandelte sich das Bad in ein Feuchtbiotop, in dem Schilf und Amphibien gediehen wären, wenn man sie nur gelassen hätte. Mein rechter Fuß patschte beim Aussteigen aus der Wanne bereits in Froschlaich. Der Badezimmer-Mülleimer dümpelte auf den Fluten, trieb leise in Richtung Tür, wo die Wassermassen sich unter dem Türspalt brausend in den Flur ergossen.
Wohl dem, der eine Haftpflichtversicherung sein Eigen nennt...
Ich war froh, dem zu fliehen!
Wieder zu Hause duschte ich ausgiebig in meiner neuzeitlichen Duschkabine und genoss das futuristische Leben der Schönen und Reichen des auslaufenden 20. Jahrhunderts!
Ein Jahr später besuchte ich meinen Freund.
Die Wohnung war... wohnlich!
Doch ach!
Von einer Duschkabine, von einem Duschvorhang war nirgends eine Spur! Ich ärgerte mich, gleich vier Tage Berlin gebucht zu haben. Und seitdem mehren sich die Hinweise, dass Berliner so etwas wie Duschkabinen und Duschvorhänge überhaupt gar nicht kennen! Weil sie lieber unwürdig kauern und frieren!
Etliche Hauptstadtbesucher zogen mich seither weinend ins Vertrauen, klagten über ähnliche Zustände in Berlin. Vorsintflutliche Zustände, die ganz automatisch zu nachsintflutlichen Badezimmern führen!!
"Et is doch en Elend inne Welt!", sacht de Mutter immer.
In den Slums von Bombay vielleicht, aber in der Hauptstadt Deutschlands?
Vielleicht sollten wir alle wieder wie nach dem Krieg "Notopfer Berlin"-Briefmarken auf unsere E-Mails kleben, bis alle dort in der Nachkriegsmoderne des dritten Jahrtausends angekommen sind.

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P.S.: Meine Lieblingsberlinerin hat als ehemalige Ost-Kanadierin natürlich Duschvorhang. Was bin ich doch für ein Glückspilz! :)

Montag, 31. Mai 2010

Bürogeplänkel 21: Kommen und Gehen


Karriere-Leiter
Originally uploaded by zwei_ef
"Damals" habe ich in der Firma meine Komm-Geh-Zeiten mit einer Stechkarte festgehalten: Man nahm die Stechkarte "Mai 1994" aus dem nummerierten oder nach Nachname sortierten Stechkartenhalter, legte die Karte in die Stechuhr ein, suchte das richtige Datum und machte "Kaschinggg!" Der Stempel sah aus wie der bei einem Fahrkarten-Entwerter für Bus & Bahn. Am Monatsende nach dem letzten "Kaschinggg!" kam die Karte in eine Art Briefkasten und die Buchhaltungstrolle rechneten das dann irgendwann innerhalb der Dekade mal nach.
Die Moderne hielt Einzug.
Heute bin ich das Sorgenkind der Zeiterfassungs-Korrekturfrau.
Der in der Firma angebrachte Zeiterfasser funktioniert berührungslos mit einem Chip, man muss nur noch sagen, ob man erscheint oder geht.
Das ist das Problem.
Hätte das Ding eine Taste I für "EIN" = erscheint bei der Arbeit und eine 0 für "AUS" = geht in die Pause oder nach Hause, dann wäre ja alles gut. Aber nein. Der Hersteller hatte Genies beschäftigt, die die Tasten "Rot" und "Grün" belegt haben.
Also was?
Erscheine ich morgens verpeilt, verpennt und vor allem bissi verspätet bei der Arbeit, dann ist's mir bestimmt nicht Grün zumute. Unwillkürlich drücke ich natürlich auch Rot und dann piepsts etwas anzüglich: "Kommen fehlt".
Ach shit.
Gehe ich abends, mattgepaukt von des Tages Knechtungen, nach Hause, dann ist's mir so leicht ums Herz und ach so grün ist mir der Sinn!
Es grünt so grün, wenn spaniens Blüten blühen!
Drücke ich dann Grün, dann piepst's wieder: "Gehen fehlt".
Ach shit.
Ich habe die Zeiterfassungs-Korrekturfrau angelogen, dass ich farbenblind bin.
Sie glaubt mir nicht.
Ach shit.

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Samstag, 29. Mai 2010

Unterwegs für den National Geographic, Teil 2


soup, Otavalo, Ecuador
Originally uploaded by lumierefl
Eine ehemalige Kollegin, Petra, war in den späten 80ern mit einem National Geographic-Fotografen unterwegs in den Anden, um im Rahmen einer Reportage über von der Außenwelt völlig abgeschiedene Dörfer zu berichten. Sie fuhren mit dem Jeep, bis es nicht mehr weiterging. Dann schulterten sie ihre nicht unerhebliche Ausrüstung und stiegen in der dünnen Luft bergan, einem Ziegen- oder Lamapfad entlang.
Das Dorf, über das sie berichten wollten, erreichten sie erst nach Anbruch der Dunkelheit. Und da die Bergbewohner recht abergläubisch waren und man aus dem Dunklen auftauchenden Fremden mit noch mehr Argwohn begegnen würde als ohnenhin, beschlossen sie, auf einem kargen Stück Brachland außerhalb des Dorfes zu übernachten. Mit wenigen Handgriffen schlugen sie ihr silbernes Zelt auf, eine futuristische, geodätische Kuppel (Link) aus modernsten Werkstoffen.
Am Morgen erwachte Petra ausgeruht, doch etwas störte sie. Zuerst konnte sie es gar nicht ermitteln, was sie eigentlich störte. Dann begriff sie: Es war zu ruhig. Unheimlich ruhig. Nicht einmal ein Vogel zwitscherte.
Sie weckte den Fotografen.
Mit angehaltenem Atem lagen sie in ihren Schlafsäcken nebeneinander im Zelt. Sie lauschten in eine unnatürliche Stille hinein, die war, als halte die Welt ebenso den Atem an wie sie selbst.
Sie griffen sich ein Herz und spähten durch einen 10 cm weit geöffneten Reißverschluss hinaus.
Das Dorf hatte sich versammelt.
Dort draußen saßen alle Dorfbewohner. Männer, Frauen und Kinder bildeten ein Amphitheater aus 150 herbeigeschafften Stühlen und beobachteten in äußerster Konzentration das außerirdische Artefakt, das in der Nacht neben ihrem Dorf niedergegangen war.
Der Reißverschluss wurde wieder geschlossen, mehr Luft wurde angehalten.
Irgendwann trauten sie sich heraus aus dem Zelt.
Sie, die Attraktion seit Jahrzehnten, wurden begafft.
Man lächelte angelegentlich und etwas verlegen ins Rund, wie Stars, die ihren Text vergessen hatten. Petra zuckte mit den Schultern, kramte ihre Zahnbürste hervor, gab Zahnpasta drauf und fing an, sich neben dem Zelt die Zähne zu putzen.
Die Zuschauer raunten staunend, dann begannen die ersten zu lachen. Die Kinder rissen sich von ihren Müttern los und rannten herbei, der allgemeine Frohsinn wurde zu Ausgelassenheit. Die Menschen drängten heran, in wilder, fast unstillbarer Heiterkeit liefen ihnen die Tränen über die Wangen vor Lachen.
Niemals zuvor hatten diese Menschen jemanden gesehen, der sich mit einer winzigen Bürste so schnell und so lange im Maul herumfuhrwerkte, bis er Schaum spuckte, als sei er tollwütig!
Das Eis war gebrochen, sie wurden sehr gut aufgenommen.

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[zu Teil 1]

Freitag, 28. Mai 2010

ru24 History 16/Automobiles 14 - Abgeschleppt


Nico The Nova in Fen Ditton
Originally uploaded by elstro_88
Zwischen Januar 1992 und März 1996 habe ich als studentische Hilfskraft bei der Barmag AG gearbeitet. Eines Tages im Spätherbst 1995, kam ich an meinen Opel Corsa (der ein merkwürdiges Rotweinrot hatte) und stellte fest, dass die Batterie leer war, weil ich das Licht angelassen hatte.
Ich quatschte eine Reihe von Leuten an, ob sie ein Starthilfekabel hätten, hatte aber keiner. Der Typ, der mit einem irgendwie sandbraunen Sierra 2.9 4x4 Turnier neben mir parkte, kam vorbei, schaute sich mein kleines Auto an und grinste.
"Ich schlepp Sie ab!", sagte er und holte eine Abschleppstange aus dem Kofferraum.
Super! Ich machte mit ihm aus, dass ich beim Abschleppen den Wagen anrollen lasse und dass wir an der nächsten Bushaltestelle "Tocksiepen" anhalten.
"Allsklar!", der Sierra-Fahrer sprang in sein Auto und gab Gas.
Es war wie ein Kickstart, ich wurde in den Sitz gepresst wie auf einer Jahrmarktsattraktion, er preschte mit mir quer über den Parkplatz zur Ausfahrt in Richtung Straße.
An der Straße angekommen, näherte sich von links und mit Vorfahrt ein PKW mit einem aus Afrika stammenden Fahrer. Der Sierra gab richtig Gas, um da flott noch dran vorbei zu kommen.
Panik!
Ich trat entschieden die Bremse. Doch der Sierra zerrte mich einfach weiter, meine Reifen standen, aber sie noppelten über den Asphalt. Dem Fahrer des von links kommenden Wagens traten die Augen aus dem Kopf bei seiner lautstarken Notbremsung. Mein Corsa wurde von elementaren Kräften weitergezerrt. Auf der Bundesstraße B229 gab mein Zugwagen richtig Gas. Die Bushaltestelle "Tocksiepen" hatten wir längst hinter uns gelassen, ich machte Lichthupe, was ignoriert wurde. Wir beschleunigten linear bis auf etwa 150 km/h, eine Geschwindigkeit, die mein altersschwacher Corsa noch niemals zuvor erreicht hatte. Er schlingerte.
Natürlich lief der Motor längst wieder.
Ich blickte dem Tod ins Auge.
Mein ach so junges Leben rauschte mit 150 an mir vorbei.
Mein Herz schlug mir bis zum Hals.
Meine Brille war beschlagen.
In Rekordzeit erreichten wir Radevormwald.
An einer Bushaltestelle hielten wir an.
Der Sierra-Fahrer sprang aus seinem Wagen und riss meine Fahrertür auf.
"Da hätte uns der dumme Neger fast platt gefahren, was?", tönte er.

Merke: Manchmal ist es die sicherere Alternative, den ADAC zu rufen.

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