Freitag, 11. März 2011

ru24 Mysterium 7: Unglaublich

Zur Geburtstagsfeier meiner Mutter hole ich Tante Walburga ab.
Weil ich weiss, dass die Tante bereits zehn Minuten vor meiner Ankunft gestiefelt und gespornt mit Kopftuch, Handtasche und schwerem Mantel hinter der Tür wartet, beeile ich mich. Kaum stehe ich mit dem Wagen um drei vor vier am Straßenrand, ist sie da.
»Och, das ist ja doch ein richtiges Auto!«, bemerkt sie anerkennend, »Ich hatte jetzt mit sonem komischen Dingen gerechnet!«, lobte die Tante meinen Smart Fortwo.
»Ja. Hier, sogar mit Steuerrad und allem!«, knirsche ich.
»Toll!«, sagt Tante Walburga ganz aufrichtig.

Wir fahren.
»Wollt ihr heiraten, deine Freundin und du?«, fragt sie unvermittelt.
Ich fahre in einen Kreisverkehr und wieder heraus.
»Och nö, das ist glaube ich nicht nötig«, sage ich, ergänze: »Und wir sind ja beide auch nicht die Allerchristlichsten.«
Tante Walburga aber schon.
In ihr arbeitet es.
»Du könntest dir doch wenigstens ein Hintertürchen offenhalten, so ein bisschen dran glauben. Der liebe Herrgott nimmt es da nicht gar so genau.«
Ich schnaube, will ihr aber nicht auf die Füße treten.
»Na gut. Auch als Existenzialist lasse ich mich ja gerne überraschen«, lenke ich ein.
»Ich will ja nur, dass du gut rüberkommst. Und dir einen guten Platz sicherst«, schließt die Tante
Faszinierend pragmatisch.

Später besichtigen wir zu dritt eine kleine Dorfkirche in Egen, das zu Wipperfürth gehört. Das Restaurant, in dem wir Kaffee getrunken und Waffeln mit Milchreis und Zimt & Zucker gegessen hatten, liegt nebenan.
»An der Monstranz leuchtet das Licht«, sagt Tante Walburga und deutet zu einem kunstvollen Schrein herüber. »Das bedeutet, dass die Hostien geweiht sind.«
Auch gut.
»Durch den Segen sind jetzt aus Hostien und Wein der Leib und das Blut Christi geworden.«
Soso.
»Das ist wissenschaflich bewiesen!«, trumpft die alte Dame auf.
Wow!!!
»?«, kommt es von mir.
»Wissenschaftler haben festgestellt, dass nach der Segnung wirklich Fleisch und Blut daraus geworden sind, allesamt haben sie sich hingekniet und gebetet!«
»!«, sage ich.
Mon dieu!
Solche Wissenschaftler gibt es heute gar nicht mehr ...

Ich stelle mir christliche Missionare bei Menschenfressern in Papua-Neuguinea vor: ›Nein, ihr dürft jetzt keine Leute mehr essen, sondern nur noch euren Heiland, der mit Magie aus Esspapier und australischem Merlot hergestellt werden kann!‹
Unglaublich!

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Sonntag, 30. Januar 2011

Anti-Fascho-Demo Wuppertal-Elberfeld am 29.01.2011

Mein letzte Demo war schon ein paar Tage her. Es war, glaube ich, eine Lichterkette gegen den Golfkrieg, seinerzeit, 1990 oder so. Aber die Demonstrationen damals hatten ja wenigstens etwas gebracht – vielleicht sogar das absolute 25-Jahres-Maximum im Verkauf von IKEA-Teelichtern.
Jetzt wollten am 29.01. Nazis aufmarschieren in Wuppertal. Einen Tag nach der Befreiung Auschwitzs, einen Tag vor der Machtergreifung 1933 durch Hitler. Schon für den Termin müssten sich die Glatzen eigentlich in Grund und Boden schämen.
Ich stellte mir die Horden rasierter Bomberjacken vor, die mit dramatisch unterdurchschnittlichen IQs und Zähnen wie baufällige Zäune in eine meiner Lieblings-Städte einfielen um die Schuld daran, dass sie keine Jobs hatten, Minderheiten zu geben. Nie-nie-niemals wären sie auf den Gedanken gekommen, dass dieser Umstand allein der Tatsache geschuldet war, dass sie Arschlöcher waren.
Zu drei Erwachsenen und Kind Tom (11) fuhren wir nach Wuppertal-Elberfeld. Es war Kaiserwetter, aber gewiss kein Führerwetter. Um 10.00 Uhr am Kirchplatz gab es eine Bühne mit Reden und Musik, bei Kamps Latte macchiato. Allgemein war die Stimmung gut, es hatten sich 5.000 oder mehr Menschen eingefunden, um Flagge zu zeigen für Toleranz und Demokratie. Bunte Luftballons glühten farbenfroh in der Sonne, es war kein Brauner darunter.
Das Polizeiaufgebot war beeindruckend, Hubschrauber standen am Himmel.
Irgendwann kam Bewegung in die Massen und sie strömten die B7 entlang in Richtung der vermutlich heranmarschierenden Faschos. Eine große Polizeisperre in Höhe der AOK/des Cinemaxx brachte das Ganze zum Stillstand. Das reizende Odeur von CS-Gas lag in der Luft.
Im Grunde begann nun so etwas wie ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Ordnungskräften: Die Gegen-Demonstrierenden suchten die Konfrontation mit den Nazis, die Polizei sperrte alles ab, was die Gruppen irgendwie hätte aufeinandertreffen lassen. In Wuppertal, einer Stadt, die aussieht wie ein Bandwurm, ist das sicherlich leichter als anderswo. Als Teil eines großen Pulks Gegendemonstranten machten wir uns zügig auf, die Polizeisperren weiträumig zu umgehen und irgendwie in den Osten der Stadt zu gelangen.
Unterwegs:
Bärbel: »Komm Tom, lass uns Parolen rufen.«
Tom (11): »PAROLEN!!!«
Doch trotz stundenlangem Gerenne und sehr trickreicher Wegwahl: Immer wieder stießen wir auf Straßensperren um Straßensperren.
Nach mehreren Stunden endlich resignierten wir, denn ohne Hubschrauber war es überhaupt nicht zu schaffen, ein wirklicher Gegendemonstrant zu sein.
Ohne einen einzigen Faschisten gesehen zu haben, fuhren wir wieder nach Hause.
Daheim stand dann im Internet auf der Seite der Wuppertaler Zeitung, dass auf 5.000 Gegendemonstranten 170 Faschos gekommen waren.
Ein Verhältnis von 29:1.
Irgendwie doch ein klarer Sieg.

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Donnerstag, 21. Oktober 2010

ru24 History 20: Tautau Obskur (2001)


tattoo'd lady
Originally uploaded by hedonaut
Das neue Jahrtausend war angebrochen, die Moderne quasi.
Auch ich fühlte mich sehr modern.
Beim Besuch eines Freundes in Berlin war es so weit. Gneisenaustraße, zwei U-Bahn-Stationen vom Kreuzberger Hermannplatz entfernt, in dessen Nähe ich wohnte, stieg ich aus. Ich stärkte mich noch etwas bei Barcomis. Dann machte ich mich in der Bergmannstraße auf die Suche nach einem Tattoo- und Piercing-Shop. Ich fragte etwas herum und wurde bald in einer Seitenstraße fündig: TAUTAU OBSKUR.
Naja, der Name hätte mich schon stutzig machen sollen...
Palim!
Ich betrat den mit Flaschen voller Bandwürmern und mit Totenschädeln dekorierten Laden. Hinter dem Tresen standen zwei Grazien, tätowiert und gepierct bis zum Arsch. »Meine«, eine Art Morticia Addams im vampirischer Gewandung begrüßte mich. Ihre langes Haar war mittig gescheitelt, auf der einen Seite weiß wie bei einer Greisin, auf der anderen Seite rabenschwarz. Tattoos flammten aus ihrem üppigen Dekolleté. Ihr Lippenstift war schwarz, ihr Augen-Makeup hätte Daryl Hannah aus »Blade Runner« beeindruckt.
Ich räusperte mich.
»Äh. Ich hätte gerne ein Piercing, so hier am Ohr«, sagte ich. Es ging mir um ein Piercing, das Helix genannt wird - einen Ring durch das Knorpelgewebe der Ohrkante.
Moriticia griff unter den Tresen und beförderte eine Reihe von Ringen aus Chirurgenstahl hervor. Mit dem Ring gings ins Hinterzimmer.
Der Flur war in Augenhöhe behangen mit kleinen Bilderrahmen mit Fotos von Piercings, die bereits in Leuten steckten. Manches davon weigerte sich mein Gehirn zu dechiffrieren.
Moriticia sah es an meinem Blick, sie drehte sich zu mir um.
»Das können wir dir auch machen, das heilt irre gut da.«
Ich lehnte dankend ab.
Wir erreichten eine Tür, ich musste unwillkürlich an »Zimmer 101« im »Ministry of Love« von »1984« denken. Den Raum beherrschte ein mit grünem Kunstleder bezogener, reichlich runtergerockter Friseurstuhl aus den 50ern und Schränke voller Geräte. Eine Kammer wie geschaffen für politische Folter und Schmerzexpertimente. Ich suchte den Boden nach verräterischen Flecken ab.
»Achso, wir STECHEN die Piercings, ganz klassisch.«
»Ja, klar«, sagte ich, als hätte ich den Hauch einer Ahnung gehabt und setzte mich.
»Willste ’ne Betäubung?«
»Nee, quatsch!«, sagte der ahnungslose Trottel im Behandlungsstuhl.
Moriticia legte allerlei zurecht, unter anderem eine Braunüle, mit der man einem Pferd hätte größere Mengen Blut abnehmen können. Sie zog Latexhandschuhe an und einen Mundschutz. Sie desinfizierte mein Ohr. Ich stellte mir derweil das Schicksal anderer Delinquenten vor. Plötzlich stach sie mir die dicke Nadel durchs Ohr. Der Trottel bedauerte schlagartig und auf die harte Tour, keinerlei lokale Anästhesie genommen zu haben.
Eine Träne stahl sich aus seinem rechten Auge und lief ihm über die Wange, derweil der Schmerz loderte.
Nach ein paar Handgriffen ihrerseits war alles vorbei.
Sie hielt mir einen abgegriffenen Handspiegel hin.
»Sieht gut aus!«, sagte sie, dann: »Wenn das irgendwie komisch ist, dann ist das ’ne Akupunktur-Stelle. Dann kommste wieder, dann stechen wir noch eins daneben. Und du kannst eine Weile nicht auf dem Ohr schlafen. Ich schreib dir mal was zu Desinfizieren auf, dass musste jetzt ein paar Wochen lang jeden Tag machen, wegen der Kruste und so.«
Ich wankte aus dem Laden, mein Ohr pochte, es begann, anzuschwellen.
In der Apotheke kaufte ich mir was zum Desinfizieren.
Als ich bei meiner Bleibe ankam, pochte das Ohr wie verrückt, es war auf die doppelte Dicke angeschwollen.
Das Desinfizieren - autsch!
Nachts drehte ich mich aus versehen auf das Ohr - *winsel*

Das Loch siffte noch drei monatelang herum. Täglich musste ich mit dem Fingernagel Kruste vom Ring abkratzen und ihn drehen. Das Desinfizieren brannte.
Die Schwellung ließ eines Tages ganz nach. Dann entstand an der Rückseite meines Ohres um das Loch herum ein Knorpelwulst wie ein Mondkrater. Der veränderte sich wieder. Ich las in der Zeit solche und ähnliche Texte:
"Der Ohrknorpel gehört zu den härtesten des Körpers, ist aber gleichzeitig eine heikle Stelle was Wundheilung betrifft. Kommt es zu Entzündungen oder anderen Komplikationen, können diese, wegen der speziellen Beschaffenheit des Ohrgewebes, nur schwer bekämpft werden. Schmutz bleibt länger in der Wunde und Heilmittel werden, egal ob innen oder außen aufgetragen, sehr schlecht zur Wunde transportiert. Ist der Ohrknorpel erstmal zerstört, regeneriert er sich nicht mehr, sondern es kommt zum gefürchteten Blumenkohlohr." (Quelle)
Gottogott!
Doch nach einem dreiviertel Jahr normalisierte es sich so weit, dass ich auf meiner einstigen Lieblings-Schlafseite wieder schlafen konnte.
Und irgendwann war es wirklich vorbei.

Ach so: Morticia, Herzchen, ja, ich hätte gerne ganz dringend eine Betäubung!
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Donnerstag, 9. September 2010

Camping - eine Erinnerung an den Urlaub


camping
Originally uploaded by twicepix
Es ist 6.58 Uhr, ich erwache mit einer Blase groß wie ein Ytong-Stein.
Mein stummer Schrei ist Hoffnungslosigkeit.

Ich prüfe meinen Rücken, er ist vorhanden, scheint sogar intakt. Ich kann meine Beine bewegen, ein gutes Zeichen. Die vergangene Nacht war eine Melange aus Schlafphasen, Schlafsacküberhitzung und unzugedecktem Frieren. Ich bleibe liegen und gehe im Geiste die 27 Schritte durch, die notwendig sind, um notdürftig bekleidet zum Sanitärhaus zu gelangen. Der Aufwand ist zu beträchtlich, als dass ich danach noch ein Auge zu machen würde, da kann ich auch gleich duschen gehen.

In der Hocke und gebeugt geht die Suche nach quasi Allem los: Brille, grasfleckige Hose, irgendwelche selbstklebenden Socken, Schläppkes, müffelndes Handtuch, Kulturbeutel. Fast alles verbirgt sich geschickt vor dem verschleierten Blick des Suchenden. Die volle Blase ist ein Fanal. Ich öffne ächzend den Zeltreißverschluss, krieche in unwürdiger Pose aus dem Zeltinneren ins sandige Vorzelt. Dreck scheuert, Steine aus dem Untergrund bohren sich brachial durch den Zeltbodens in meine Knie. Winselnd schließe ich den nun hinter mir liegenden Reißverschluss.
Ich richte mich auf, provisorisch, frühen Primaten in nichts nachstehend.

Draußen auf der Bank sitzt Bernd vor einer Blechtasse mit schwarzem Kaffee, er raucht eine Selbstgedrehte. Er sieht so aus wie ich mich fühle. Ich gurgle ihm einen Gruß zu. Sein Grunzen ist nicht zu interpretieren.

Ich wanke gen Sanitärhaus, den kiloschweren Kulturbeutel in der Rechten, das Handtuch über die Schulter geworfen.
Auf dem Campingplatz ist bereits ein reges Treiben aus Radfahrern, Hundehaltern, Brötchentütenheimkehrern – dem ganzen Frühaufsteherpack.
Ich erreiche die Toilette.
Es ist als hätt‘ der Himmel, die Erde still, geküsst.
Dann ist da sogar eine freie Duschkabine.
In den Fußpilzgründen des Vorgängers herumtappend, entkleide ich mich, platziere das Duschgel in der Duschkabine. Ziehe mich aus. Beim Aufdrehen des Hahns stelle ich fest, dass der Duschkopf fehlt. Ich ziehe mich an. Der Vorraum der einzigen anderen Dusche, die frei ist, steht daumendick unter Wasser. Was bleibt mir übrig? Ich nehme den Abzieher und beseitige die Überschwemmung gen Gully. Dabei tauchen dann diverse Voodoo-Haarstrünke auf, die die grauen Fluten gnädig verhüllt hatten.

Ich dusche.
Viel zu spät merke ich, dass ich mal wieder keine frische Wechselwäsche dabei habe. Herrgott, ich kann doch nicht an alles denken!
Die Luftfeuchtigkeit liegt bei 100%, das Abtrocknen ist ein vergebliches Unterfangen. Zumindest habe ich mit dem gammligen Handtuch mal alle Mückenstiche angeregt, sich zurückzumelden.
Quasi nass zwänge ich mich in die bereits hochfragwürdige Kledage zurück. Klamm schmiegt sie sich an mich. Mindestens eine Socke, die Unterhose und ein Hosenbein saugen sich zusätzlich voll mit der Pfützen-Sutsche von Dutzenden meiner Vorgängern, da kann ich machen was ich will.

Als letztes presse ich die Duschgelflasche in den mit Kosmetikartikeln bis zum Rand vollgestopften Kultur-Beutel zurück. Natürlich rattert jetzt die elektrische Zahnbürste los, so dass ich alles neu sortieren muss, damit es überhaupt passt. Auch noch nass rasieren geht heute mal gar nicht - wie die letzten Tage auch…

Ich fliehe diesen Ort.
Der Himmel hat sich zugezogen, der böige Wind bläst bereits die ersten Ausläufer des Regens auf meine Brille.
Ich fluche gotteslästerlich.

Der fünfte Tag beim Camping – und die Kultur ist komplett den Bach runter.






Freitag, 27. August 2010

Ein schrecklicher, schrecklicher Fehler!


Schranke
Originally uploaded by Tabbo107
Es war ca. im Jahr 1995 auf dem Sparkassen-Parkplatz Hohenfuhrstr., 42477 Radevormwald. Zufahrt und Wegfahrt an den Schranken wurden über die EC-Karte gesteuert. Wenn man hier unter einer Stunde parkte, war es kostenlos. Über eine Stunde parken kostete 2,00 DM, zahlbar als Münze in bar direkt an der Schranke. Alles eigentlich ganz easy...
Es war ein flirrender Hochsommertag.
Ich hatte Geld abgeholt (50,00 DM), stieg in mein Auto, um loszufahren. Eine Frau parkte reichlich umständlich aus, ich ließ sie vor, weil, das war höflich und ich war ja nicht in Eile - ein schrecklicher, schrecklicher Fehler!
Der PKW vor mir hoppelte zum Schlagbaum, rangierte etwa 6x vor und zurück. Sie drehte ihre Scheibe herunter, um ihre EC-Karte in den Schlitz zu stecken. Das Display zeigte »Zu zahlen: 2,00 DM«. Sie hatte wohl länger als eine Stunde geparkt. Die Frau stellte den Motor ab. Kurbelte die Scheibe hoch. Schnallte sich ab. Öffnete die Tür. Stellte fest, dass es zum Aussteigen zu eng war. Rutschte auf den Beifahrersitz. Stieg aus. Schloss ihren Wagen ab. Hinter mir warteten zwei weitere PKW. Fassungslos starrte ich die Frau an, fühlte mich gezwungen, etwas zu sagen.
»Würde es ihr Charakter erlauben, die zwei Mack einzuwerfen, damit wir alle vom Parkplatz herunterkommen?«, meine Stimme bebte leicht.
»Das sehe ich ja gar nicht ein!«, schrillte und eierte auf ihren Pumps mit ihrem Kostüm in die Sparkasse zurück. Ich ließ mich in meinen Sitz plumpsen und machte erst einmal meinen Motor aus. Ich studierte eingehend meine Kontoauszüge, fächelte mir gleichzeitig Luft damit zu. Inzwischen waren es vier Wartende hinter mir.
Schweiß lief mir den Rücken hinunter.
Die Frau kam zurück. Mit den farblich passend zu dem Kostüm lackierten Fingernägeln trug sie spitz ein farblich mal überhaupt nicht passendes, grünes Weichplastikfutteral. Sehr, sehr offensichtlich beinhaltete es – von der Form, die sich durchdrückte – eine Parkmünze. Ich atmete auf. Die Fahrer der unterdessen fünf hinter mir stehenden Autos sicherlich auch.
Sie schloss ihren Wagen auf. Stieg ein. Rutschte rüber. Schnallte sich an. Ließ den Motor an. Kurbelte die Scheibe herunter. Dann beobachtete ich die Frau dabei, wie sie versuchte, die Parkmünze samt Futteral in den Geldschlitz zu stecken.
Spontan traten mir Tränen in die Augen.
Schweiß tränkte meine Kleidung im großen Stil.
Bevor ich mit tränenverschleiertem Blick interagieren konnte, passierte Folgendes: Die Frau stellte den Motor ab. Kurbelte die Scheibe hoch. Schnallte sich ab. Rutschte rüber. Stieg aus. Schloss ihren Wagen ab. Auf ihren Pumps eierte sie in die Sparkasse zurück.
Hinter mir warteten bereits alle PKWs des Parkplatzes.
Sämtliche Motorlüfter liefen auf Volllast.
Ich ließ meinen Tränen freien Lauf, ich war schweißnass von Kopf bis Fuß.
Nach endlosen fünf Minuten erschien ein Bankangestellter mit einem Werkzeugkoffer und die Pumps-Frau. Der Bänker legte sein Jackett ab, kramte in dem Kasten herum, fand endlich den Schraubenschlüssel und montierte umständlich die »defekte« Schranke ab.

Der Parkplatz leerte sich schlagartig.
Alle fuhren sofort irgendwohin, nur um Fahrtwind zu bekommen.
An diesem Tag sind in flirrender Sommerhitze Schweiß und Tränen der Dankbarkeit Vieler geflossen.

Bis dahin hatte ich immer gedacht, solche Leute gäbe es in echt gar nicht.

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Dienstag, 24. August 2010

ru24 History 19: Attila (1996)


Vacuum Cleaner
Originally uploaded by twicepix
Anno 1996 wohnte ich in einer 2er-WG zusammen mit Lutz. Lutz gehörte die Wohnung, er hatte sie von seinen Eltern geerbt. Ich war damals ein »so genannter Student« (Soziologie), hatte wahnsinnige Skills in Doom, Quake und Commander Keen, schrieb Kurzgeschichten. Den Lebensunterhalt bestritt ich mit einem 20-Stunden-die-Woche-Studentenjob.
Natürlich war ich zu Hause, als Attila schellte.
»Guten Tag, Vorwerk!«, sagte der Vertreter durch den Türspalt. Er war wie ich etwa Ende 20.
»Ja, hi!«, sagte ich wenig begeistert, »Der, dem der Sauger gehört, ist gerade nicht zu Hause!«, ergänzte ich. Damit war eigentlich alles gesagt.
»Ach, egal!«, freute sich Mr. Vorwerk und stand in der Wohnung - seine Skills waren forciertes Aussagen-ignoring und extreme Wohnungsbetreting.
»Hörma, wir sind doch ein Alter, ich bin der Attila!«, kumpelte er.
»Henning«, stellte ich mich etwas zurückhaltend vor. Mit gekonnten Handgriffen baute er seinen mitgebrachten Staubsauger um, flanschte eine gefährlich aussehende Rotationsbürste an. Nun nötigte er mich, mit dem wohnungseigenen Sauger ein Stück Teppich abzusaugen. Dann machte er sich rasant mit seiner dollen Aufsatz-Bürste über das gleiche Stück Bodenbelag her. Im Anschluss demontierte er sein Gerät, entnahm ein Tuch, dessen weißpudrigen Inhalt er mir auf den Küchentisch klopfte.
»Da! Dat is alles Milbenkacke, Mann!«
Puh!
Zickezacke Milbenkacke!!!
Ich wurde ihn wieder los, indem ich ihm steckte, dass meine Freundin zehn neue Staubsaugerbeutel benötige. Ich gab ihm ihren Namen und die Adresse. Er komme »die Tage« mal vorbei, sagte er.
Puh!
Abends saß ich mit meiner damaligen Freundin Bärbel in ihrer Wohnung mit Schinkenstullen vor der Glotze, als es plötzlich schellte.
Die Tür flog auf - Attila!
»Henning!«, rief er erregt, stürmte auf mich zu, herzte mich, wie man vielleicht seinen aus jahrelanger Kriegsgefangenschaft wohlbehalten heimkehrenden Bruder in die Arme schließt. Wenn man Italiener ist.
Er vertickte die Beutel, drückte sicherheitshalber auch die verdatterte Bärbel, hinterließ seine Karte und verschwand.
»Wie lange kennste DEN denn schon?«, fragte sie fassungslos.
»Äh, seit heute Nachmittag 14.00 Uhr«.


Donnerstag, 5. August 2010

ru24 History 18/Medien 7: Aktenzeichen XY... ungelöst (1974)

An einem Freitagabend um 20.15 Uhr im November 1974 kam mal wieder "Aktenzeichen XY... ungelöst - Eduard Zimmermann berichtet über ungeklärte Kriminalfälle".
Es ist ein Familien-Fernsehabend vor dem Schwarzweissfernseher.
Sobald die "spannende Musik" von Aktenzeichen XY... ungelöst" beginnt, bin ich sowas von ungelöst. Kaum erträgliche Spannung für einen Siebeneinhalbjährigen! Mit einem Abreißblockzettel und einem Bleistift in der schweißnassen Faust sitze ich wie gelähmt auf meinem Sessel, Auge in Auge mit dem echten Verbrechen! Aber in meiner Eigenschaft als Junior-Privatermittler würde ich meinen Teil dazu beitragen!
Zuerst werden Fotos von üblen Verbrechervisagen voller Backenbärte, Jaruzelski-Brillen und wirklich fieser Scheitel gezeigt: "Im Zusammenhang eines Raubüberfalls ging es in der letzten Sendung um zwei Männer, von denen der Polizei diese Aufnahmen vorliegen, sie aber die Namen nicht kennt. Sachdienliche Hinweise ... ."

Dann kommt es zum ersten Fall:
Am Morgen des 12. Juni 1973 machten Spaziergänger einen grausigen Fund. Es handelte sich um die grausam zugerichtete Leiche der 53-jährigen Emilie Brambecke aus Burgkunstadt. Die erfolgreiche, alleinlebende Speditionskauffrau wohnte im nahen Redwitz an der Rodach, wo sie in ihrer Freizeit ihrer Leidenschaft nachging: Dem Sammeln von Orienteppichen - eine Leidenschaft, die ihr zum Verhängnis werden sollte, wie wir heute wissen."
Ich blicke zum Wohnzimmerteppich.
"Papa, so wie der?", frage ich mit bebender Stimme.
"Ja, so ähnlich", bestätigt mein Vater abwesend.
Gottogott!!!
Meine Faust klammert sich noch fester um den Bleistift.
Dann kommt eine "Riffelglas-Wischblende", die einen Standortwechsel symbolisiert. Jetzt war der Zuschauer sechs Stunden vor der Tat mit Frau Brambecke im Büro ihrer Spedition. Sie verabschiedet sich von den Angestellten, um in den Urlaub zu fahren.
"Was die bei ihren Angestellten beliebte Frau Brambecke jetzt noch nicht ahnen konnte, war, dass sie diese heute zum letzten Mal sehen sollte. Diese Verabschiedung war für immer."
Mutter: "Nä! Et is ne Schlechtigkeit inner Welt!"
Ich bibbere.
Frau B. fährt nach Hause. Sie wundert sich doch sehr über den nahe ihrer Einfahrt geparkten Transporter mit Münchner Kennzeichen. Ich notiere mir auf dem Zettel das Autokennzeichen mit dem Bleistift: "M-CH 99", dabei drückt sich das Muster des grünen Cordsessels durch.
Dann werden wir Augenzeugen, wie Frau. B. von schwarz gekleideten Grobianen chloroformiert wird. Im Anschluss schleppen sie Orientteppiche, Frau B. und dann weitere Orientteppiche in den Transporter.
Ein betroffener Eduard Zimmermann schaut in die Kamera.
"Wir vermuten, dass Frau Brambecke nach dem Aufwachen starke Gegenwehr geleistet hat. Was nun folgt, ist mit normalem Menschenverstand nicht zu erklären."
Gottogott!!!
Einer der ermittelnden Kommissare ist im Studio, wird vorgestellt: Walther Kaschewski von der Kripo Schweinfurt. Kaschewski klammert sich an sein Konzeptpapier, als hinge sein Leben davon ab. Er ist dick, schwitzt. Er trägt einen schrecklichen Anzug und hat sein verbliebenes Haupthaar von rechts nach links über die Glatze gekämmt. Silbe für Silbe liest er vom Blatt ab, wodurch er sich anhört wie ein Roboter: "Wer hat diese Hartkäsereibe der Marke 'Hügli Grati Express' schon einmal gesehen?"
Ich hatte genug!
Ich drücke Papa den Zettel mit der Autonummer in die Hand.
"Du rufst da gleich an, ja?", sage ich mit bebender Stimme.
Papa nickt feierlich.
Der Junior-Privatermittler geht nach getaner Arbeit freiwillig zu Bett.

Schon in früher Kindheit habe ich so etliche Kriminalfälle lösen können, einfach, indem ich die Nummernschilder der im Film gezeigten Täterfahrzeuge notiert habe.


Mittwoch, 4. August 2010

Queen Mom 4 - Enkelkind


Drive By Shooting 6
Originally uploaded by christian.greller
Ich bin mit Queen Mom (82) im Auto unterwegs.
"De Ruth hat schon wieder en Enkelkind bekommen", sacht de Mutter.
Ich umklammere angelegentlich das Lenkrad.
"Diesmal von de Dorothée. Et is schon dat Sechste!", schiebt de Mutter hinterher.
Ich kuck zur Ampel, studier dat intensive Rot, leg nen Gang ein.
"Ich weiß ja nich an eins zu kommen!", murmelt se.
Et wird grün, ich fahr los.
"Schrecklich!", flüstert Mom.
Ich sauge de Wangen ein.
Manchmal is et besser, mal gar nix zu sagen.
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Montag, 2. August 2010

ru24 History 17: Kriminell! (1975)

Etwa 1975 entdeckten wir durch die Nachbarschaft stromernden Kinder (durchschnittlich acht Jahre alt) im Altmetallcontainer eines kleinen Unternehmens einen Schatz: Der Container war gefüllt mit tausenden, aus Blechen herausgestanzten, kreisrunden Scheiben von ca. 2 cm Durchmesser. Wir kletterten in den Container und spielten Dagobert Duck.
Soviel sei gesagt: Eine Gelddusche ist - anders, als in den Lustigen Taschenbüchern dargestellt - kein Vergnügen!
Kaum waren wir Jungs in diesen hohen Gefilden der Großfinanz angekommen, entwickelten wir sofort ein beträchtliches, kriminelles Potential - also wie im richtigen Leben! Es dauerte nämlich nur ein paar Minuten, bis es raus war, dass diese Scheiben die gleiche Größe und Dicke hatten wie 10-Pfennig-Stücke (Groschen). Es dauerte weitere zehn Minuten, bis klar war, dass diese Scheiben problemlos in Kaugummiautomaten passten.
Wir schaufelten uns die Taschen mit Metallscheiben voll und schwärmten aus, zum Alptraum aller Kaugummiautomatenbetreiber zu werden!
Muahahaha!!!
Nach zwei Stunden taten uns allen die Kaumuskeln weh. Unsere Wangen waren ausgebeult von den titanischen, kittartigen Klumpen in unseren Mündern, unsere Lippen hatten rote, grüne, gelbe und blaue Ränder. Unsere Spucke war anthrazitfarben.
Wir Kinder hatten einige perfekte Tage.
Freitagabends saß ich mit den Eltern im Wohnzimmer, es kam "Aktenzeichen XY ... ungelöst" und während eines spektakulären Falles von in Umlauf gebrachten Falschgeldes schoss es mir plötzlich wie Eiswasser durch meine Adern!
Ich! Hatte! Falschgeld! In! Umlauf! Gebracht!
Und meine verdammten Fingerabdrücke waren überall - ich hatte ja nicht einmal Handschuhe getragen!
Mein Herz schlug mir bis zum Hals! Im Geiste hörte ich schon Eduard Zimmermann sagen: "Bei unserem nächsten Fall bittet die Kripo Gummersbach um Ihre Mithilfe. Hier geht es um einen besonders dreisten Fall von Falschmünzerei in Tateinheit mit einer noch nie dagewesenen Kaugummiautomaten-Plünderung!"
Die nächsten drei Nächte wälzte ich mich hin und her, statt zu schlafen.
Meine Tage verbrachte ich damit, mir auszumalen, wie der Kaugummiautomatenleerer von einem grauen Münzfernsprecher mit Wählscheibe aus die Polizei anruft und dann die Spurensicherung vor Ort das Gelände absperrt.
Wie oft erscheint so ein Kaugummiautomatenleerer? Einmal wöchentlich? Einmal monatlich?
Wie viel Zeit blieb mir noch?
Wie lange würden die anderen Jungs beim Verhör standhalten, diese Luschen?
Und sicher gab es Augenzeugen.
Es gab immer Augenzeugen!
Natürlich würde ich dafür in den Knast kommen, das war eine Gewißheit!!!
...

Nun, ich bin noch einmal davongekommen.
Aber es war sehr knapp.
Um ein Haar hätte bis zur Verjährung der Straftat 10 Jahre mit einer anderen Identität in einem südamerikanischen Land ohne Auslieferungsvertrag (z.B. El Salvador) untertauchen müssen.



Donnerstag, 29. Juli 2010

Bürogeplänkel 22 - Hektik machen


Kaffeepause
Originally uploaded by SoNo_Polarbear
Ja, in der Firma ist zurzeit viel los. Ein europaweiter Massenausfall läßt quasi buchstäblich alle Kunden anrufen. Trotzdem kann man ja wohl mal in der Küche vor dem edlen Jura-Kaffee-Vollautomaten stehen und sich die Tasse mit frischem koffeeinhaltigen Aufgussgetränk füllen lassen! Ich nutzte die Zeit für einen kleine Meditation.
Der Kaffee lief, 100 ml.
Eine Kollegin hastete heran, sah mich in meiner meditativen Untätigkeit und befand, sich darüber ärgern zu müssen.
"Na, du hast ja die Ruhe weg!", giftete sie.
Der Kaffee lief, 150 ml.
"Hmmm!", sagte ich unbestimmt.
Der Kaffee lief, 200 ml.
Die Kollegin zog zischend von dannen.
Der Kaffee lief, 250 ml - fertig.
Ich nahm meine Tasse und ging gemessenen Schrittes zu meinem Platz zurück.

Ich denke, auch hektisches Kaugummikauen oder das Lösen eines Sudokus während der Füllzeit hätte sie nicht zufriedengestellt, ebenso wenig wie Seilchenspringen oder Liegestütze. Ich sollte vielmehr den Knopf an der Maschine drücken, während der Kaffee läuft zur Toilette hasten, im Stehen scheißen, zurückeilen, die Tasse unter der Maschine wegzerren und wieder zu meinem Platz eilen, den nächsten Anruf entgegennehmen - das alles binnen 45 Sekunden.

Irgendwie bin ich froh, nicht bei der chinesischen Firma Foxconn iPhones zusammentackern zu müssen. Unter Arbeitsbedingungen, die meiner Kollegin sicherlich gefallen hätten, mich aber vielleicht in den Selbstmord treiben würden (Link).

Ich nippe stattdessen an meinem Kaffee - ich "hab ja die Ruhe weg" - nehme dann den nächsten Anrufer entgegen.
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