Sonntag, 29. Juni 2014

"Nothing to fear but fear itself" (Franklin D. Roosevelt)

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Der Bürger an sich ist ja eigentlich schon schwindelig genug, fährt zur Arbeit von Pontius nach Pilatus, Abends von der Arbeit zum Pilates. Kochen, Kinder, Kneipe, Freunde, Facebook, zwischendurch im Job mehr leisten, mehr Sport treiben. Bio einkaufen, den Bälgern Nachhilfe geben, mit dem verflohten Flokati zum Tierarzt, dann Gassi und nach Hause. Bis die Blagen im Bett sind, ist es fast elf und die Hütte sieht aus wie Sau. Die meisten Menschen haben in diesem Augenblick nicht mehr die Muße, sich jetzt noch sechs Stunden lang durch die Bleiwüste einer Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu wälzen. Die überaus differenzierten Berichte zur Lage der Nation zu lesen und vor allem zu verinnerlichen. Stattdessen sitzen sie, mattgepaukt von des Tages Knechtungen, vor der Glotze und ziehen sich zu Bier & Chips Schrott rein, den ihnen eine zu stark geschminkte, sog. "Journalistin" (Muhaha!) vorsülzt. Hier wird nach erprobtem amerikanischen Vorbild die Angst des Bürgers gezeugt und geboren, ihm eingetrichtert, wenn er am wehrlosesten ist.
Klappt!


Es ist die Angst davor, von asylsuchenden Fremden überrannt zu werden, vor dem Islam allgemein, vor E10-Sprit, vor Killerbienen, vor neuen Allergenen, Jobverlust, Russland, multiresistenten Keimen in öffentlichen Verkehrsmitteln und Islamisten. Es ist die Sorge vor der zu erwartenden Winz-Rente (die uns alle zu Obdachlosen machen wird), NSA, Ärztepfusch, wieder Jobverlust (aber aus anderen Gründen), Gift im Trinkwasser, Inflation und Deflation und den Pollen neu eingeschleppter Pflanzen. Es wird Furcht in die Köpfe gesät vor Meteoriten, Chlorhühnchen, Aluminium im Deo, Genmais, Veränderungen allgemein, neuen Stromtrassen – die Liste ist endlos – gut für die, für die Angst ein Riesengeschäft ist.
Aber was wäre der Bürger denn ohne diffuse Ängste? Ohne diese Ängste würde er ja viel weniger konsumieren. Das geht ja gar nicht!

Siehe z.B. den GAU in dem japanischen AKW Fukushima: Ein paar Stunden nach der Meldung waren in den deutschen Apotheken die Jod-Tabletten ausverkauft (Blogbeitrag). Und E10 hat sich drei Jahre nach Einführung 2011 auch noch nicht so recht durchgesetzt (Blogbeitrag). Die ängstlichen Herrschaften tanken nach entsprechender Berichterstattung lieber weiterhin spei-teures Shell Super Plus Racing Mango Chutney (Blogbeitrag), infizieren sich aber im banken-finanzierten Auto immerhin nicht mit Bus-Killerkeimen. Gegen das Gift im Trinkwasser hilft es, Sprudelkisten zu schleppen, gegen den Rentenschock kann man schon jetzt so allerlei ansparen und gegen sich verteuernden Strom kann man sich Solarzellen aufs Dach pappen. Um das alles bezahlen zu können, kann man man ja (ebenso nach amerikanischem Vorbild) einen Vielzahl "günstiger" Kredite aufnehmen, das machen ja alle so. Die Sparkasse bietet mittlerweile an, alle Darlehen, die man hat, zu einem Einzigen zusammenzufassen - damit man noch klar kommt. Das nennt sich "Kreditoptimierung" und kostet natürlich extra.
"Alles was du hast, hat irgendwann dich", heißt es in Fight Club.
Es wurde selten wahrer gesprochen.

Der Angstbürger kann jetzt zu den horrenden monatlichen Zahlungen nicht auch noch Veränderungen im Wohnumfeld ertragen (Blogbeitrag). Er kann ja nicht mehr weg, das Haus muss er schließlich bis 2045 abbezahlen. Atomkraftwerke & Atommüll-Endlager in nächster Nachbarschaft gehen aus nahe liegenden Gründen nicht, aber Windkraftanlagen oder neue Stromtrassen zum Transport der Energien aus Windkraftanlagen gehen widersinnigerweise aber auch "irgendwie" nicht! Da bricht der Angstbürger nämlich aus seiner Angststarre aus und wird zum Wutbürger aka Mitmachbürger. Hey! Wenn man sich ja sonst nix mehr leisten kann: Protestieren geht immer! Und ständig ist ja was: Die Mächte der Finsternis wollen bauen, bauen, bauen: einen Golfplatz, Windkraftanlagen, einen Jugendknast, einen IKEA, eine Forensik, um nur die großen Nöte der Wuppertaler Bürger zu benennen. In Grimma konnten die Wutbürger immerhin schon erste Erfolge erzielen: Rechtzeitig vor dem Jahrhunderthochwasser konnte der Bau einer Hochwasserschutzmauer verhindert werden! Glückwunsch an Grimmas Wutbürger, sie sind komplett abgesoffen. Die Schuld tragen natürlich die Anderen (Focus-Artikel).

Drittes Jahrtausend - hey! - die Energiewende rollt an, die Offshore-Windparks könnten bald Energie in alle Teile der Republik liefern, doch ach! Erstmal muss eine neue Nord-Süd-Trasse für Strom her, die sog. „Suedlink“-Stromtrasse. Und plötzlich sind wieder tausende Bürger auf der Straße, wollen mit allen Mitteln verhindern, dass diese Stromleitung bei ihnen auch nur am Horizont entlang gebaut wird! Man hört ja so viel, man muss an die Zukunft der Kinder denken! (Na, wer hat da wohl zu viel ferngesehen und sich von übertrieben geschminkten Nachrichten-Medusen mit diffusen Ängsten aufladen lassen?)
„Mögliche gesundheitliche Auswirkungen bewegen die Menschen besonders“, greift Landrat Spieker Sorgen von Bürgerinnen und Bürgern auf. Daher plant der Landrat gemeinsam mit dem heimischen Bundestagsabgeordneten Christian Haase eine zentrale Informationsveranstaltung im Kreisgebiet, die gesundheitliche Fragestellungen zu der geplanten Gleichstromverbindung zum Thema hat. (Quelle)
"Mögliche (...) Auswirkungen (...) bewegen die Menschen": Genau. Keinen Plan von nix aber auf diffusen Verdacht hin mal Randale machen und ne Bürgerinitiative raushauen, so sind se, unsere Wutbürger!

Jetzt mal in echt: Direkt unter einer Hochstromtrasse wollte ich auch nicht leben. Aber, lieber Gott, man kann sich doch informieren. Das ist doch keine Alien-Technologie oder ein Geheimprojekt der US-Regierung! Dann recherchiert man mal in diesem Internet und findet ganz schnell heraus (Hände weg von Eso-Seiten, Indiz: Werbung für Orgon-Strahler), dass 200 m Abstand zu einer Hochspannungsleitung reichen (Quelle). Jetzt könnte man das mal einfach nicht glauben und nimmt forsch das Fünffache an, also 1.000 m. Auch gut! Aber das war's doch jetzt, oder? Herrgott, da muss man doch nicht extra an einem Mittwochabend zu einer "zentralen Informationsveranstaltung im Kreisgebiet" gehen. Es sei denn, sie bieten lecker Schnittchen und O-Saft an.

Fazit:
Leute, Leute, Leute! Wenn euch jemand Angst macht, dann doch nur, weil mit dieser Angst Milliarden umgesetzt werden. Ihr seid das Melkvieh der Nation, vergesst das nicht. Und sie tun alles, damit ihr die Milchquote übererfüllt. Aber ihr könnt euch schützen. Lasst einfach die Glotze aus. Ich sehe seit dem 12. September 2001 nicht mehr fern (schaue aber gerne noch Serien von DVD und von Festplatte). Fast dreizehn Jahre später habe ich meine Momente, an denen ich weder Angst vor "möglichen Auswirkungen" noch irgendeinen Konsumwunsch hege.
Yay!!!
Diesen paradiesischen Zustand werde ich nicht mehr hergeben.
(You have) "Nothing to fear but fear itself" (Franklin D. Roosevelt)

Und lasst endlich diesem lärmenden Bürgermitmachquatsch, das ist sowas von peinlich!

Hier ein paar Tipps und ein weiterführender Link zum fernsehfreien Leben (Blogbeitrag).


Dienstag, 24. Juni 2014

ru24 History 50 - EDEKA (1976 ff.)

photo credit: penjelly via photopin cc

Ich hatte das Thema im Blogbeitrag "Nachbarn" schon einmal angerissen, aber es gibt Geschichten, die einer gewissen Länge und Breite bedürfen ...

EDEKA, das sind für mich auch heute noch vor allem die kleinen Tante-Emma-Läden, die es während meiner Kindheit in den 70ern bis in die 80er-Jahre einen auf 5.000 Einwohner gab. Von "Supergeil" waren diese Läden damals noch geradezu grotesk weit entfernt. Die inhabergeführten "Supermärkte" waren kaum größer als 50 m², dafür so mit Regalen und Lebensmitteln vollgestopft, dass es einem chinesischen Antiquitätenhändler den Atem verschlagen hätte. Natürlich gab es keine Einkaufswagen, sondern nur Körbchen aus Stahlgeflecht mit einem roten Griffbügel. Und Linoleumboden.

Schräg gegenüber von meinem Elternhaus gab es auch einen, geführt von unseren Nachbarn Horst und Ulrike Jevers. Horst stand an der Kasse und Ulrike lauerte hinter der kaum ein Meter breiten Fleisch-Käse-Theke, manchmal war es umgekehrt. Der Fleischtresen hatte einen elektrischen Edelstahl-Wurstschneider und eine Kaufmannswaage mit einem riesigen Skalenfeld in Form eines auf der Spitze stehenden Tortenstücks. An der Rückwand zur Theke ging eine Tür ins Treppenhaus zur Privatwohnung der Jevers. Dort lebte auch ihre gemeinsame Tochter Susanne, deren Mimik allzeit absolute Ausdruckslosigkeit zur Schau stellte.
Im "EDEKA-Supermarkt" gab es für uns Kinder damals eine sinnverwirrende Vielfalt an Leckereien wie Bonitos, Lecker-Schmecker und Brauner Bär-Eis. Aber vor allem die "losen Süßigkeiten" hatten es uns Blagen angetan: sogenannte "Negertaler" (Lakritzmünzen zu je 1 Pfenning), Salinos (zu 5 Pf.) und Lakritzschnecken (zu je 10 Pf.).
Das einzige Problem waren die Inhaber.
1976: Das Kind (9, moi) bezahlte bereits mit einem mulmigen Gefühl. Horst Jevers tippte die Preise in die elektromechanische Kasse, zuletzt: Kaschinggg! Dann aber behielt der Ladenbesitzer das Wechselgeld in der gehobenen rechten Hand als Geisel, auf dass der juvenile Kunde nicht fortlief. Nun begann das gezielte Verhör. Immer ging es darum, entscheidende Wissenslücken im Tratsch und Klatsch rund um die Nachbarschaft zu füllen. Hatte man genügend "gute Antworten" geliefert, gab's auch das Faustpfand-Geld. Das war ein Gefühl kindlicher Ohnmacht. Aber auch die Erwachsenen kriegten ihr Fett weg: Die wussten nämlich genau, dass, wenn sie ihre Einkäufe woanders tätigten, verbotenerweise sogar beim Discounter, dann würde das von den Jevers keinesfalls unbemerkt bleiben. Auf gar keinen Fall. Gegebenenfalls ließen die Ladenbesitzer ihnen solches ein- oder zweimal durchgehen. Aber wenn so etwas öfter vorkäme, dann geriete jedes Familienmitglied der Missetäter unweigerlich in den Fokus der Einzelhändler. Unter Umständen verbreiteten sie ja anfangs nur harmlose, unbestätigte Gerüchte, als Warnung quasi. Zum Beispiel dass die 14-jährige Tochter der Familie R. raucht. Solches ließ sich dann steigern, z.B. dass sie sich mit drogensüchtigem Gesindel herumtreibt, so traurig! Und machen wir uns mal nichts vor: Jede Familie hat einige "echte Leichen" im Keller, man müsste nur schamlos genug sein, selbst bei Kindern danach zu graben. Und Scham war Mangelware in jenen Tagen.
Nur wenige waren bereit, den gesellschaftlichen Tod ihrer gesamten Familie hinzunehmen. Also kauften sie weiterhin überteuerte Lebensmittel, machten gute Miene zum bösen Spiel und tratschten mit. Die einzige Alternative war: Sie fielen ab von der Gnade der Einzelhändler. Dann aber gab es kein Zurück mehr: Die Jevers begannen, diese Kunden wie Scheiße zu behandeln, wagten sie es, einen Fuß in den EDEKA zu setzen. Schlimmer noch, die Nachbarn dieser Kundschaft bekamen gezielt Informationen gesteckt oder Fragen gestellt, die gewisse Vermutungen nahelegten. Natürlich nichts, was man vor Gericht hätte verwenden können. Bald aber schon grüßte diese armen Seelen nur noch der Briefträger - und manchmal nicht mal mehr der. Sie hätten eben nicht bei ALDI kaufen sollen.

Eine ältere Dame in den mittleren 50ern, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite wohnte, hatte es böse erwischt: Allzeit war sie eine Person von großer Tugend gewesen, rackerte sich redlich ab, hatte ihre Mutter lange gepflegt, war sogar noch immer ein "Fräulein". Doch dann das: In einem Anflug von spätem Frühling liierte sie sich mit einem Trinker, der sich eines Tages in einer ans Gebäude angeschlossenen Lagerhalle erhängte. Überall Polizei! Was für ein unerhörter Skandal! Wen hatte die alte Schachtel da nur angeschleppt? Hatte sie vielleicht sogar selbst Hand angelegt? Und, weitaus schwerwiegender noch: Die Dame beging ja schon seit einiger Zeit den Fehler, sich von Schwager und Schwester preiswerte Lebensmittel von Discounter mitbringen zu lassen.
Mehr brauchte es nicht: Die Jevers grüßten diese ihre langjährige Kundin nicht einmal mehr, wenn sie den Laden betrat, ließen sie auch gerne mal über Gebühr warten und raunten ihr Schnippisches hinterher.

Aber alles hat einmal ein Ende. Eines Tages in den 90ern schloss der EDEKA für immer seine Pforte: Horst und Ulrike gingen in Rente. Dann passierte länger nichts. Und plötzlich verstarben beide holterdipolter einer nach dem anderen, vor ihrer Zeit.
Tochter Susanne verzog keine Miene.

Das ist EDEKA für mich, bis heute.
Wen es noch immer wundert, dass immer mehr Menschen ihre Ware im Internet beziehen: Horst und Ulrike Jevers haben auf jeden Fall ihren nicht zu geringen Beitrag dazu geleistet.


Freitag, 13. Juni 2014

ru24 Future: Ausblick auf kommende Sensationen (2055)

photo credit: PVBroadz via photopin cc

Ausblick auf kommende Sensationen: Das Jahr 2055

Berlin, dpa: Zwei Wochen nach der Zehnjahresfeier zur Einweihung des Flughafens BER haben Vizekanzler Tyrone Schieferstein (*), Außenministerin Ava Avcı (PDM) und Videospieleminister Merlin Krantz (Grüne Piraten) das Land gemeinsam zu einem Besuch der Theokratischen Union Amerikanischer Südstaaten (TUAS) verlassen. Nach dem Ende des Zweiten Sezessionskrieges hofft man, dem Gottesstaat wirtschaftliche und auch kulturelle Impulse geben zu können. Bereits morgen wird man auf Präsidenten Corey Feldman (84, Die Goonies) treffen. Außerdem wolle man über die Rückkehr Edward Snowdens (72) in das Gebiet der ehemaligen USA sprechen.
Zoë-Cayenne Meya-Appold (NL) von der Opposition prangert das an: "Snowden? Der leakt doch mittlerweile selbst!", so die attraktive, achtfache Katzenmutter in einem Video-Interview an das Leitmedium "GALA".

Erläuterungen:
1) * (Ehemals "CDU". Das "Chrlistliche" musste nach einer Klage der Deutschen Bischofskonferenz 2032 ersatzlos gestrichen werden. Es blieb "DU" (Slogan: "Du wählst DU"). Da man den Wählerwillen seit jeher sehr großzügig auslegte, musste 2037 nach einer Klagewelle auch das "Demokatische" dran glauben. Es blieb "U". Nach dem Verbot radikaler rechter Parteien durch die EU und der sukzessive daraus folgenden sofortigen Auflösung der bayrischen CSU 2039 als kriminelle Vereinigung, blieb kein Buchstabe mehr übrig, sodass die ehemalige CDU nun unter dem Sternchen-Symbol, auch "Asterisk" genannt, firmiert.)
2) PDM (Partei Deutscher mit Migrationshintergrund, zweitstärkste Kraft im Bundestag, das kulturelle und intellektuelle Rückgrat der Republik.)
3) GP (Grüne Piraten, nach der Zusammenlegung der Grünen mit der Piratenpartei die "UmweltDatenschutzPartei", drittstärkste Kraft im Staat seit 2034)
4) NL (Neoliberale. Nachdem es vier Jahrzehnte überhaupt keine sog. 'Liberalen' im Bundestag gegeben hat, sind die NL dabei, wieder Fuß zu fassen. Seit ehemals abwegige sexuelle Neigungen mehr und mehr hoffähig werden, war es nur eine Frage der Zeit, bis gerade für Wähler mit masochistischen Neigungen wieder eine Partei parat steht. NL stehen für Steuererhöhungen, für Senkung der Löhne/Gehälter/Renten, für Massenentlassungen und das alles bei gleichzeitigem Abbau der Sozialleistungen.
5) So etwas wie "SPD" gibt es schon lange nicht mehr. Niemand benötigte ernstlich eine weitere, dafür aber völlig profillose "Partei der Mitte", die ihre Kanzlerkandidaten immer kurzfristig vor der Wahl aus der Grabbelkiste zog.


Dienstag, 3. Juni 2014

+++ WERBEUNTERBRECHUNG +++

Blog-Leser! Facebook-Freunde! Geschwister im Geiste!
Jeder von euch hat ja bereits den Fantasy-Roman "Drei wie Pech & Schwefel - Homunculus" gelesen.
*betretenes Schweigen*
Aha ...
Hallo?
Glaubt ihr, ich kriege das über die Verkaufszahlen nicht mit, dass mindestens zwei Drittel von euch hier bislang noch keins gekauft hat?
Jetzt aber flott: hier

Leute! Es ist doch nur in eurem ureigensten Interesse, dieses Buch zu lesen. Notfalls lasst euch von der Mafia die Beine brechen, damit ihr mal wieder ans Lesen kommt (Bernd: du weißt, wen ich meine).
Aber SO geht es auf keinen Fall weiter!
Bitte reißt euch mal am Schlüpper, ihr Vögel!
Entscheidungshilfe: wie-pech-und-schwefel.de

Himpelchen weint: "Ich lese doch nie Fantasy!" Pah! Ausreden! Dann musste dich halt zwingen. Rauchen anfangen hat zuerst auch mit viel Überwindung zu tun und dann macht es schnell süchtig.
Pimpelchen sagt: "Ach, ich habe doch gar keine Zeit zum Lesen!" Quatsch. Dann lässte die Glotze halt mal an einem Abend aus. Da verpasste schon nix - versprochen.

Außerdem: "Drei wie Pech & Schwefel - Homunculus" ist nicht nur großes Kino zum Selberlesen, sondern auch DAS ULTIMATIVE GESCHENK für Verwandte jeden Grades, Ehegatten, Verlobte, (Ex-)Partner, Vorgesetzte, Freunde, Haushaltshilfen, Bekannte, aktuelle und ehemalige Klassenkameraden (gerne auch VHS), aktuelle und ehemalige Kindergartenkameraden, sog. "Bekanntschaften" (notfalls auch die aus dem Internet oder dem Swinger-Club), beliebige Passanten.
Statistisch gesehen seid ihr dieses Jahr noch bei mindestens zehn Anlässen eingeladen, also direkt die Gunst der Stunde nutzen, und elf "Drei wie Pech & Schwefel - Homunculus" bestellen (hier): zehn zum Verschenken und eins zum Selberlesen und fast sieben Monate nicht mehr über Geschenke nachdenken müssen. Denkt mal bitte drüber nach.

Wow! Danke rundumschlag24! - Gern geschehen.

Wir sprechen uns nochmal in einem Monat.
Ihr Vögel.


P.S.:
Und wem das Buch gefallen hat, der darf es gerne (via "stille Post", Social Media etc.) weiterempfehlen und beim Buchhändler seines Vertrauens eine Rezension schreiben.


Samstag, 31. Mai 2014

Das Grundnahrungsmittel »Brot« erwerben

photo credit: Thomas Hawk via photopin cc
Ich gehöre noch einer Generation an, die noch Bäckereien betritt, um das Grundnahrungsmittel »Brot« zu erwerben. Gerne auch fürs Büro. Vermutlich aber nicht mehr lange. Weil im Supermarkt gibt es auch Brot, aber keine Aufbäckerinnen, was sich mehr und mehr als Plus herausstellt.

Ich stehe also in der so called Bäckerei, die in Wirklichkeit nur eine schnöde Aufbäckerei ist. Ich warte in der Schlange am Tresen und versuche mich während dieser Zeit verzweifelt daran zu erinnern, wie das Brot hieß, das ich vorletztes Mal gekauft habe. Denn das vom letzten Mal war ja nix, aber wie das hieß, weiß ich ja auch nicht mehr. Dann bin ich dran.
»Bittä!«, sagt die Aufbäckerin aka Bäckereifachverkäuferin.
»Ich hätte gerne ein Graubrot!«, sage ich.
»Ham wer nich!«, sagt die Verkaufsmeduse. War klar. WTF ist heutzutage eigentlich mit Bäckereien los? Die können ja nicht mal mehr ›Graubrot‹!
»Umm!«, sage ich, die Wangen aufblasend. Eigentlich möchte ich schlicht und ergreifend ein »Graubrot« käuflich erwerben. Aber so einfach wird es einem ja nicht gemacht. Hier gibt es Elsässer Brot, Überfelder Roggen, Udenhausener Bauernbrot, Ardenner Laib, Berner Wichtel, Sauerländer, Siegerländer, Ur-Eifeler Bauernbrot, Prümtaler Vollkorn fein, Aargauer, Petite Parisienne und viele mehr. Lieber Gott! Ich will doch gerade gar nicht verreisen!
»Ich hätte gerne etwas, was an ›Graubrot‹ herankommt. Ein Brot mit einem Roggenanteil größer 50%. Es soll ein kräftig schmeckendes, dichtes und festes Brot sein - und das meint kleine Bläschen statt großer Blasen im Teig.«
(Glaubt mir, ich weiß schon, warum ich das so genau sage ...)
Es macht ›klack‹, als die Holzaugen der Aufbäckerin mit den aufgemalten Pupillen plötzlich nur Augenweiß zeigen. Hinter ihrer Stirn beginnen drei riesige Zahnräder in Familie-Feuerstein-Optik unrund ineinanderzugreifen, das macht malmende Geräusche. Eine Weile passiert nichts. Die hinter mir in der Schlange Stehenden beginnen unruhig zu hüsteln, derweil Madame ›kalkuliert‹.
Es macht wieder ›klack‹, die Pupillen der so genannten Fachkraft fixieren mich nun wieder.
»Nehmen S'e ’n Hallschlager!«, sagt sie unvermittelt, wischt sich beiläufig mit dem Gummihandschuh angesammelten Speichel aus dem Mundwinkel.
Ich nehme also ein Hallschlager.
Im Büro stellt sich dieses Hallschlager dann als ein fluffiges Weizenbrot mit riesigen Blasen heraus, das ich im Grunde sofort in die Tonne werfen könnte.
Warum?
WARUUUM?

Liebe Bäckereien:
1) Ich will mir fürs Büro gerne ein Graubrot kaufen. Und wenn ihr selbst das schon nicht mehr drauf habt, dann lasst es besser ganz sein.
2) Dann die Namen. Ich kann in 1.000 Eisdielen der Republik gehen und ein Vanille-Eis kaufen, einfach so. Ganz ohne Häckes. Ein Vanille-Eis heißt ja auch nicht in der Innenstadt »Tropic« und fünf Häuser weiter »Yellow Mellow« und in Hessen »Bäbbelsche«. Gehe ich in 1.000 Bäckereien der Republik und will ein Graubrot kaufen, dann müsste ich mir dazu auch noch mindestens drei Dutzend Fantasienamen für die ganzen Graubrot-Look-Alikes und -Pretenders merken.
3) Zuletzt die Aufbäckerinnen. FACEPALM. Die haben es sehr oft leider mal gar nicht drauf. Die könnten einem auch nicht vernünftig Wurst verkaufen. Und auch keine Schuhe. Besser, sie lassen es ganz, das mit dem Verkaufen. Ich will wieder Bäckerei-Fachverkäuferinnen statt ungelernter Aufbäckerinnen. Wie früher.


Update: Neuer Bäckereibesuch, neues Glück. Diesmal haben mir die Medusen ein "Überfelder" angedreht, das ist so was wie ein "Hallschlager", nur nicht ganz so fluffig. Geht auch gar nicht!

Update 2: Nun haben sie mir ein "Altdeutsches Brot" verkauft, das geht schon zu 50% in die richtige Richtung, aber leider kein Vergleich zu einem Graubrot. Ich bleib dran. "Roggenbrote kommen bei uns immer Nachmittags rein." Sicher, sicher.


Mehr Bäckerei: Blogbeiträge


Freitag, 16. Mai 2014

ru24 History 49 - Ölkrise (1973)

Anfang vonne 1970er fuhren de Nachbarsblagen auf nem Kettcar stundenlang durch de ganze Nachbarschaft un bei uns ummet Haus. Dat Tretauto hatte wohl en paar Winter im Freien verbracht, deswegen quietschte et sowat von gottserbärmlich. Dat Gequietsche war so dermaßen schrill, dat et allen im Umkreis quasi ununterbrochen durch Mark un Bein ging, abgesehen vonnen völlig schmerzfreien Piloten! De Blagen aufm Dingen strahlten nämlich wie de Dreckeimer, während se abwechselnd fuhren!
De Queen Mom war et ja schon länger am Planen dran gewesen un eines Tages konnte se nich mehr an sich halten. Da isse mitm Ölkännchen vonne Nähmaschine rausgerannt, hat de gerade noch wild grinsenden Blagen vonm Dingen runtergescheucht und en halbes Kännchen Öl an de strategischen Stellen getan. Währenddessen brüllten de Gören wie am Spieß, so als würden se überm Feuer geröstet. De Bälger hatten in dem Augenblick ihre ganz private "Ölkrise 1973"! De Mutter indes war ungerührt. Sowat focht se ja nich an. Als se fertich war, quietschte an dem Kettcar-Dingen nichmal nix mehr!
Aufgedunsen vonne Heulerei un mit riesigen Rotzglocken annen Nasen zogen de Blagen mitm Gefährt lautlos von dannen. Nu war Ruh.

Niemand hat et Kettcar je wieder zu Gehör oder zu Gesicht bekommen, dat war ja nu auch nich mehr interessant für de Nachbarsblagen, die sich nu en anderet Terror-Hobby zulegen mussten, vielleicht Schlachzeuch spielen oder so.


Samstag, 10. Mai 2014

radikaler DIY-Tipp: Rezept für Spaghetti Bolognese



Das dritte Jahrtausend, die Moderne ist im vollen Gange. Doch immer noch keimt in den Personen meines Umfeldes hie und da der Wunsch auf, Allerweltslebensmittel wie Nudeln oder Pizzateig selbst herzustellen.
Warum?
WARUUUM???
Ich musste schon Menschen, die den ganzen Tag damit zugebracht hatten, so etwas Profanes wie Spaghetti aus Hartweizengrieß selbst herzustellen, darüber aufklären, dass ihre DIY-Sättigungsbeilage ganz genau so schmeckt wie das im PIMPI-Markt gekaufte Pendant. Das führte sukzessive zu Schnuten und Flunschen, meist auch länger. Aber warum bringen mich Menschen auch in diese Lage? Soll ich etwa lügen?
Aktuell plant die Liebste, Pizzateig selbst herzustellen ...


radikaler DIY-Tipp – Rezept für Spaghetti Bolognese:

18 Monate vor der Einladung der Gäste: Kuh mit neugeborenem Rind kaufen und regelmäßig füttern/tränken, Stall ausmisten, Fliegenfänger aufhängen, Vorgang monatelang wiederholen. Nach 1/2 Jahr: 16 Liter Milch abzweigen, diese teilentrahmen.
1 Jahr vorher: Teilentrahmte Milch mit dem Enzym Lab versetzen und nach dem Erwärmen auf 34°C das Käsegranulat mit Tüchern aus der Masse fischen und in bereitgestellte Formen geben. Laibe 22 Tage in gesättigter Salzlake lagern, dann (mindestens) zwölf Monate einkellern. Zwischendurch die Laibe drehen, reinigen.
11 Monate vorher: Ende September Weizen in einem tiefgründigen Boden aussäen, auf eine Saatdichte von 400 bis 500 Körnern pro Quadratmeter achten. Standorte mit Niederschlagsmengen bis maximal 500 Millimeter sind geeignet. Dem für die Landwirtschaft zuständigen Aztekengott Xipe Totec ein paar Sklaven opfern. Die Ernte findet dann im Hochsommer des auf die Aussaat folgenden Jahres statt. Korn dreschen. Körner trocknen, im Mörser zerstoßen. Mehl mit Ei, etwas Wasser und Himalaya-Salz vermischen. Masse so lange durchkneten, bis ein glatter, formbarer Teig entsteht. Teig zu einer Kugel formen, mit einem Tuch bedeckt 30 Minuten ruhen lassen. Die Teigkugel mit der Nudelmaschine ausrollen, die Walzenstärke von Mal zu Mal verringern. Mit dem Vorsatz an der Nudelmaschine den wirklich dünnen Teig dann in schmale Nudeln schneiden.
9 Monate vorher: Februar: Tomatensamen in einem kleinen Gewächshaus auskeimen lassen. Juni: die Tomatenschösslinge können jetzt ins Freie gesetzt werden, diverse Pflegearbeiten. Juli: Pflanzen an Stützstangen befestigen, beschneiden. August: düngen! September: Boden um die Tomatenpflanzen mit Vlies abdecken. Oktober: Ernte.
6 Monate vorher: Steckzwiebeln im April pflanzen. Unkraut immer wieder gründlich entfernen. Regelmäßiges Wässern ist bei Trockenheit erforderlich. Die Ernte erfolgt, wenn das Laub der Zwiebeln zu etwa 2/3 gelb verfärbt und umgefallen ist.
3 Monate vorher: Basilikum und Oregano aussäen, regelmäßig gießen, morgens um 5.00 Uhr Schnecken ablesen, Vorgang wiederholen. Oregano auf der Fensterbank trocknen.
1 Woche vorher: Gäste einladen. Exoten und Sonderlinge wie Vegetarier und Gluten-Allergiker sind dringend auszusparen.

Der große Tag: Überschüssige Teile am Rind entfernen, Rest mahlen und kalt stellen. Enthusiasten können noch Talg-Kerzen aus Rindertalg ziehen – für die romantische Note.
Rinderhack und grob gehackte Zwiebeln in der Pfanne anbraten, gewürfelte Tomaten und Himalaya-Salz hinzugeben und vor sich hinköcheln lassen. Getrockneten Oregano mörsern und einstreuen. Nudeln in Himalaya-Salzwasser kochen und abschütten. Gästen Leitungswasser ausschenken (Rotwein wäre nun wirklich zu aufwendig gewesen), Nudeln auf die Teller geben, Soße hinzu. Parmesan frisch vom Stück darüber reiben. Teller mit Basilikumblättern dekorieren.
Bon appetit!

Nach Verabschiedung der Gäste wimmernd zusammenbrechen.
Nudeln wieder im Supermarkt kaufen.


Dienstag, 29. April 2014

Antike vs. Real Life



Neulich im ALDI standen, einer Phalanx nicht unähnlich, zwei unterdurchschnittlich charismatische Damen mitsamt ihren Einkaufswagen mitten im Weg herum und lasen sich mit monotonen Stimmen gegenseitig ihre Einkaufszettel vor. Ein klassischer Fall von "WTF?"

Doch statt irgend etwas dagegen zu unternehmen, kann man ja auch einfach einen Blogbeitrag verfassen - ein Hoch auf die Moderne!

Aber: Wie wäre man in der Antike mit dererlei Schrecknissen verfahren?

  • Ein Herakles hätte einen Fluss umgeleitet und dessen klare Fluten in die neonbeleuchtete, höhlenartige Ödnis gelenkt, den Handelsort einem Augiasstall gleich von dem schröcklichen Hindernis zu reinigen.
  • Göttervater Zeus hätte einen Donnerkeil zwischen die Medusen getrieben, sie in alle Winde zu zerstreuen, auf dass sie wie von Furien gehetzt gen Horizont flöhen
  • Ein Danaer hätte den Damen Gutscheine für "1 Woche Spa und Wellness im Hotel Prokrustes" überreicht und die in helle Aufregung versetzten so zum sofortigen Aufbruch bewegt.
  • Ein Odysseus hätte sich ob der tödliche Belanglosigkeiten emittierten Damen Wachspropfen in die Ohren gestopft und sich an einen Einkaufswagen gekettet von seinen Getreuen weiträumig an Scylla und Charybdis vorbeilavieren lassen.
  • Charon, der finstere Fährmann, der die Toten über den Totenfluss Styx setzte, damit sie in das Totenreich (Hades) gelangen konnten, hätte den Einkaufswagen der Damen die Pfandmünzen entrissen und die Schwafelnden kurzerhand  für diesen Obolus gen Unterwelt verschifft.
  • Ein Prometheus hätte, unter dem Vorwand, der Menschheit das Feuer zu bringen, die Damen mit einer Fackel elegant in Brand gesteckt.
  • Ein Pyrrhus hätte die salbadernden Damen mit Heeresmacht aus dem ALDI vertrieben, um dann später festzustellen, dass sie nun auf dem Parkplatz labernd seinen Streitwagen blockieren und er deswegen nicht rechtzeitig zum Triumphzug kommt.



Mittwoch, 23. April 2014

Reißt euch mal am Schlüpper!



Der größte Markenschuh-Hersteller der Welt, die Firma Yueyuen in der chinesischen Stadt Dongguan (Provinz Guangdong) hat 423.000 Beschäftigte (Stand 2012). Das sind in etwa soviel Leute, wie in Bonn und Recklinghausen zusammen wohnen. Im vergangenen Jahr liefen dort 313 Millionen Paar Schuhe der Marken Adidas, Puma, Asics und Nike vom Band, also theoretisch für jeden Amerikanischen Staatsbürger ein Paar.
Jetzt wird der Laden bestreikt, damit die Mitarbeiter gesetzlich vorgeschriebene Sozialleistungen auch wirklich bekommen.
WTF?
Wenn diese Irren noch lange herumspacken, dann werden wir alle bald barfuß herumlaufen! Oder schlimmer, wir müssen bald alle heimisch produzierte Birkenstocks tragen! Schon bei dem Gedanken, eine "Zehensandale" tragen zu müssen, bricht mir der Schweiß aus allen Poren!
Derer Kinesen sollen dringend ihre Truppen entsenden und dem Irrsinn ein möglichst blutiges Ende bereiten!

Nachher kommen die auch bei Foxconn noch auf komische Ideen, das könnte das irgendwann im Laufe des Jahres 2014 sehnlichst erwartete iPhone 6 verzögern, gar verteuern - undenkbar!
Herrgott! Reißt euch mal am Schlüpper!


Freitag, 11. April 2014

Grafikdesigner vs. Kunde

My new iMac
Grafikdesigner sind immer am Puls der Zeit – »Flat Design«: yeah!, Helvetica: Halleluja!, Arial: mopper!, Comic Sans: Augenkrebs!, Weißraum: wichtig!, responsive Design: aber sicher!, »Schriftarten mixen«: nur zwei aber bitte eine mit/eine ohne Serifen, usw.

Seltsamerweise haben Grafikdesigner fast immer »Kunden aus der Hölle«.
Und wenn man die Kunden fragt, haben die immer »Grafikdesigner aus der Hölle«.
Das ist doch komisch ...

Menschen, die digital fotografieren, oder auch schon mal etwas mit Grafik am PC gemacht haben, kennen Pixel. Ein Bild hat die Abmessungen von x mal y Pixel. Ein Bildschirm hat eine Auflösung von x mal y Pixel. Deshalb verwenden Grafikdesigner lieber die Einheit dpi (dots per inch). Das verunsichert und bleibt auch nach langatmigen Erklärungen für den Kunden unangenehm diffus, schafft Raum zur Einschüchterung. dpi, das ist, als würden deutsche Klempner noch mit der altägyptischen Königselle arbeiten und Schreiner mit Klafter – weil sie es können!
Der Kunde des Grafikdesigners hat von solchen Dingen keinen Schimmer. Der kennt bestenfalls »Pixel« und hat mal »in einem Blättchen« eine Werbeanzeige geschaltet, von der er irgendwo noch ein Bild rumfliegen hat – damals ging es doch auch! Und nur für den Fall, dass er »dpi« kennt: Der Grafikdesigner kann auch anders! Wie wäre es mit lpi (lines per inch)?
Einheiten, mit denen Normalsterbliche auch nichts anfangen können: (externer Link).

Männer kennen in etwa sieben Farben. Deshalb ist es auch ein echter Brüller, wenn der tumbe Nazi in der fünften Staffel von »Breaking Bad« die Farbe des Methylamphetamins nach einer Weile des Nachdenkens für alle überraschend als »eine Art türkis« bezeichnet. Frauen unterscheiden etwa 30 Farben (können sogar pink und rosa auseinander halten), siehe Grafik: (externer Link). Grafikdesigner bringen es auf 300 Farben, die sie erkennen und benennen können. Sie unterscheiden aus dem Stand »Ecru« von »Eierschale«, dito »Vandyckbraun« von »Taupe«. (Ich habe nachgefragt. »Taupe ist ein beigebraun, aber dunkler als ›Kamel‹« (Zitat). Sicher, sicher.)
Der Kunde des Grafikdesigners hat von solchen Feinheiten keinen Schimmer. Der ist farbenblind und hat sicher irgendwo hinter der Waschmaschinen im Keller noch ein Farbmuster rumfliegen. Damals, als er die Anzeige in dem Werbeblättchen geschaltet hat, ging es doch auch! Und nur für den Fall, dass er die angedachte Farbe korrekt benennen kann: Der Grafikdesigner kann auch anders! Und schon liegt der PANTONE-Farbfächer auf dem Tisch.

Normalsterbliche machen sich keine Vorstellung von der Arbeit von Grafikdesignern. Man kennt halt Word oder Paint. Man schreibt ein paar Wörter, macht mal hier, mal da einen Abstand größer, das war’s. Irgendwie steckt es in den Köpfen der Menschen, dass der Grafikdesigner das genau so macht, allerdings mit einem teuren Programm, vermutlich Photoshop. Aber weil er das ja hauptberuflich macht, geht das viel schneller, als wenn Hans & Franz sich damit versuchen. Also ist der Grafikdesigner nach fünf Minuten fertig, den Rest der berechneten Sunde surft er im Internet und treibt Schabernack auf Facebook.
Hallo? Der Kunde kann falscher gar nicht liegen! In Wirklichkeit ist es ganz anders! Der Grafikdesigner ist zwar tatsächlich nach fünf Minuten fertig. Dann vektorisiert er aber den ganzen Schmonzes mit Adobe Illustrator, vergrößert alles auf 1.000% und beginnt damit, die Serifen an den Buchstaben abzukanten und die i-Punkte auf Rundung zu prüfen. Hie und da wird ein Komma aufgeraut. Professionalität kostet nun einmal Zeit.

Kunden zahlen nicht gerne für Werbeanzeigen, sehen aber zähneknirschend deren Notwendigkeit ein. Dann soll aber auch nach Möglichkeit jeder Quadratzentimeter mit Information vollgequetscht sein, förmlich triefen. Deshalb nutzt man am besten auch das Innere von Os und Nullen! Und so ein quadratischer Barcode soll auch drauf, damit man den Anschluss an die Moderne nicht verliert!
Den Grafikdesigner verstört das. Er erklärt, wie wichtig »Weißraum« für die Wirkung ist. Und dass der potentielle Kunde des Kunden die Internetadresse www.lmaa.de wirklich selbst eingeben kann und dafür kein Gefummel mit einem QR-Code benötigt. Und außerdem sei die Webseite des Kunden ja nicht einmal »responsive«, will meinen »für mobile Endgeräte optimiert«.
Der Kunde kann sich jetzt entscheiden: Entweder, er schmeißt sein Geld für eine fast leere Werbeanzeige mit angeblicher »Wirkung« und ohne diesen Barcode heraus oder er besteht auf seinen Forderungen. Schließlich ist der Grafikdesigner ein gedungener Scherge!
Nach langem, zähen Ringen sind sowohl Kunde als auch Grafikdesigner hinreichend voneinander angewidert. Aber der Kunde hat sich durchgesetzt: Er hat seinen QR-Code auf die vor Informationen schier bersten wollende Anzeige bekommen, nur die Os und Nullen sind leider leer geblieben – so viel verschenkter Raum!
Vielleicht beim nächsten Mal ...