Samstag, 4. Juni 2011

Familie 13 - Was sind das eigentlich für Leute?

Gestern war ein überaus strahlender Samstag. Als ich um 6.30 Uhr das Haus verließ, war blauer Himmel, Sonne und gefühlte 20°C. Ich fuhr zur Arbeit. Die Firma, in der ich arbeite, ist ein Dienstleister für einen der ganz großen Baumarktketten.
Manchmal habe ich Glück, und es ist nicht gar so viel los bei der Arbeit. Aber in der Zeit rund um die christlichen Feiertage Ostern, Pfingsten und Weihnachten steppt der Biber! Ostersamstag ist übrigens der umsatzstärkste Tag im Jahr. Gestern, eine Woche vor Pfingsten, riefen die Baumärkte wegen ihrer diversen technischen Probleme an und wurden es auch nicht müde zu erwähnen: "Sie glauben gar nicht, was hier los ist! Wir haben alle zwölf Kassen in Betrieb und trotzdem Schlangen!"
Nein.
Man glaubt es kaum.
Was machen die denn alle da?
Das sind doch alles normale Leute, diese Baumarkt-Kunden.
Merken die denn nicht, wie skurril sie sich verhalten?
Dass es Menschen gibt, die bei Kaiserwetter nichts besseres mit ihrem einzigen Leben anzufangen wissen, als in Baumärkten herumzulungern, ist schlichtweg rätselhaft!
Wenn man den Faktor Familie außer acht läßt.
Denn die Aussicht auf eine Überdosis Familienleben scheint ein sehr mächtiger Ansporn zu sein. Gefürchtet sind ja diese sog. "Familientragödien". Nur aus diesem Grund mutieren ja bereits bürogeplagte Familienväter an Wochenenden zu Heimwerkerkings, einer beliebten, durchaus legitimen und sozial anerkannten Methode, sich die Brut vom Leib zu halten. Und gemäß einem Baumarkt-Motto: "Es gibt immer was zu tun", fällt die Wahl nicht schwer: Bad neu fliesen, Terrasse abschleifen, Fischteich anlegen, streichen, tapezieren, kärchern & dremeln, als gäb's kein Morgen.
Alternativ/zusätzlich kann der Herr auch
  • mit dem Hund rausgehen (Blogbeitrag),
  • Joggen/Radfahren gehen,
  • das Vereinsleben genießen (i.d.R. = mit Proletariern duschen und saufen),
  • Auto(s) waschen (Blogbeitrag),
  • mit dem Motorrad fossile Brennstoffe in Lärm umwandeln (Blogbeitrag),
  • Gartenarbeit verrichten (Blogbeitrag),
  • seinen Computer "auf Vordermann bringen" (= am PC herumdödeln),
alles das ist durch die Bank ebenso gesellschaftlich akzeptiert.
Kein Wunder, dass die Lebenserwartung des Herren 5 Jahre unter der der Gattin liegt.
Es gibt viel zu tun, packen wir's an.


Freitag, 3. Juni 2011

Bürogeplänkel 23 - Mädchenlebensmittel

Wenn ich im Büro Küchendienst mache, entdecke ich in den Schränken der Büroküche immer wieder Tupperdosen, die von der Größe her eher für Spermaproben als für Lebensmittel geeignet scheinen. Ich habe sowas gar nicht im Haus! Immerhin würden vielleicht 30 Erbsen darin Platz haben. Oder zwei Sardinen, jeweils halbkreisförmig angeordnet.
Naja, irgendwie passt das zu den Mädchenlebensmitteln, die im Büro-Kühlschrank ihr Winzlingsdasein fristen: Ein singulärer Kinderriegel (die Kleinen aus der Tafel) mit Zettelchen "Nicole" oder ein einzelner Oreo-Keks mit eigenem Post-It-Namensschildchen. Eine Scheiblette, die Folie per Edding mit Namenskonterfei versehen wurde. Eine benamste Literflasche Cola-Light mit 34 ml Restinhalt.
Das alles ist total possierlich!
Es ist gerade so, als schaue man in die Lagerräume eines Zwerghamsters.

An diese Mädchen-Parallelwelt der Mengenlehre haben sich wohl denn auch Müslihersteller angepasst. Denn Jungs essen ja nur Steaks ohne Beilage.
Natürlich.
Ein sehr schönes Beispiel ist z.B. vom PENNY die 375 g-Tüte "B!O Dinkel Crunchy Müsli" aus kontrolliert biologischem Anbau - "Mehr Geschmack, mehr Genuss". Die Ernährungsempfehlung verrät das ganze Elend:
"1 Portion (30 g + 125 ml fettarme Milch) = 186 kcal".
MUAHAHAHA!!!
Seit wann gibt es Lebensmittel denn wieder auf Bezugsschein?
Soll ich mir die 30 g nicht lieber mit einem McDonald's-Strohhalm in die Nase ziehen und mir den Schluck Milch einfach sparen?

Vielleicht sollte ich wirklich auf Steaks umsteigen.
Rumpsteak (300 g) mit einem Salat vom Buffet und einer Folienkartoffel - oh yeah!
Und die Winz-Portionen überlasse ich den Zwerghamstern und den Büromädchen.


Mittwoch, 1. Juni 2011

Nachbarn

Eine Kollegin gestand mir letzten Montag, dass sie, egal, wie lange sie die Nacht vorher gefeiert habe, Samstags oder Sonntags spätestens um 9.15 Uhr die Rollläden hochziehe, damit ihre Nachbarn nicht denken, sie schlafe bis in die Puppen.
Autsch!
Das ist durchaus diskutabel... .

Während meiner Kindheit hatte ich dramatisch mehr Nachbarn als mir lieb war. Denn obwohl ich im Westen Deutschlands aufgewachsen bin, waren die Nachbarn fast alle bei der Stasi. Ihre fahlen Visagen klebten ständig an den Innenseiten der Fenster ihrer Wohnungen wie leichenblasse Ballons.

Hätte ich als Jugendlicher ein Tagebuch geführt, ich könnte heute folgendes darin finden:
22.05.1985
Stehe vor dem Haus Ich warte auf Michael. Der Himmel hat sich weiter zugezogen. An den in Abständen zuckenden Gardinen der umliegenden Häuser kann ich sehen, dass ich von dem neugierigen Pack beobachtet werde.
Ich sehe sie vor meinem geistigen Auge. Sicher werden Werbegeschenk-Abreißblöcke aus der Apotheke mit Beobachtungsdaten gefüllt. Oben steht so etwas wie "Ixofloxo retard – stark gegen Altersdemenz und Harndrang", darunter steht in gestochener Sütterlin-Handschrift, noch in einer Nazi-Kaderschmiede eingepaukt: "16.00 Uhr. Nachbarsjunge, viel zu lange Haare, Kleidung unseriös. Hat eine billig aussehende Tasche dabei. Steht vor Hausnummer 141." Später dann: "Bewegt sich nicht weg. 16.05 Uhr: Alter, gelber Opel Ascona hält, äußerst langhaariger Fahrer, vermutlich Bombenleger. Zielperson steigt ein."
Nachbarn, das sind die Leute, die jederzeit bereit sind, jeden Schwachsinn über ihren Nächsten zu glauben, so lange es nur keine positiven Nachrichten sind. Nachbarn, das sind die Leute, die meine Eltern nicht mehr grüßten, nachdem es in deren Haus bei einem Mieter zwei Drogenrazzien gegeben hatte. Nachbarn, das sind die Leute, die meinen Eltern nicht erlaubten, in ihrem eigenen Garten ein Gartenhäuschen "auf der Grenze" zu errichten - man wolle das nicht, wegen der Erben. Nachbarn, das sind die Menschen aus "Was sollen die Nachbarn denken?"

Die Nachbarn meiner Kindheit haben alles mögliche getan, nur eines war nicht dabei: Denken.

Also, liebe, werte Kollegin: Schlaf dich mal richtig aus, dann dreh' dich einfach noch einmal um! Reiße um 16:30 Uhr mit lauten RRRAPSSS-BAZONGGG!!! die Rollläden nach oben, öffne das Fenster und brülle: GOOOD MORNING, VIETNAM!!!
Lass es rocken!
Es ist dein Leben.

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Donnerstag, 19. Mai 2011

ru24 History 23: 1985: Informatik auf dem Gymnasium

1985: Duran Duran waren 4 Wochen auf Platz 1 der Charts mit "The Wild Boys", Murray Head sang sein grandoises "One Night in Bangkok", Paul Hardcastle brachte "19" heraus und Modern Talking hielt sich mit "The first Album" eine grausige Woche lang in den Album-Charts. (Link)

1984 bin ich als Quereinsteiger von der Realschule auf das Gymnasium gewechselt.

Nach den Erfolgen in BASIC-Programmierung auf der Realschule war es naheliegend, auch hier ab 1985 die Informatik-AG zu besuchen. Informatiklehrer war Herr Döhl, von dem man sich erzählte, dass er einmal auf einem Kurstreffen sein Glasauge in sein Bier geworfen habe. Dermaßen ausgelassen habe ich ihn gottlob nie erlebt. Dafür Vollzeit als Spaßbremse. Sein schwarzer Vollbart überwucherte sein Gesicht fast vollständig. Er trug Pilotenbrille, Glasauge, roten Polyester-Pulli und war der eisenharten Überzeugung, dass Informatik-Unterricht »nur was für Jungs« sei. Andrea K. war diejenige in meiner Jahrgangsstufe, die dem zum Trotz am längsten ausgeharrt hat - Respekt dafür! Dominiert wurde der Kurs von BW-Parka-Nerds, gegen die heute die Jungs von »The Big Bang Theory« oder »The IT-Crowd« wie schillernde Popstars wirken.

In meiner ersten Stunde der Informatik-AG erfuhr ich, dass BASIC nur was für Pfeifen war. PASCAL hingegen galt als das einzig Wahre. Tolle Wurst! Begriffe wie GOTO/GOSUB (absolute Sprungbefehle) outeten einen sofort als BASIC-Kleingeist, Begriffe wie PEEK & POKE legten die allzu große Nähe zum Commodore C64 nahe.

Besser also, man hütete seine Zunge, verinnerlichte stattdessen: »Pascal zeichnet sich durch eine strikte (...) Syntax sowie durch den Verzicht auf kontextabhängige Interpretationen des Codes aus.« (Quelle)
*gähn*
Die Unterrichts-Stoffe »Sortier-Algorithmen« und »Langzahl-Arithmetik« erwiesen sich als nicht zu interessant...

Im Informatik-Raum gab es ein Terminal-System aus den späten 70ern, die »Dietz-Anlage« (Link). Auch hier saßen wir zu dritt oder viert an einem einzelnen Schwarzweiss-Terminal. Irgendwo am Ende des Raumes summte schrankgroß der Hauptrechner mit dem Diskettenlaufwerk vor sich hin. 8"-Disketten (20 cm Kantenlänge: passten mit Müh & Not in eine DIN A4-Klarsichthülle) waren das einzige Speichermedium - mit stolzen 180 KB Kapazität. Auch die habe ich nie voll bekommen... Die Programme druckten wir aus auf grünes Computertabellierpapier mit perforiertem Lochrand für den Traktor des kreischenden 9-Nadel-Druckers, dessen Farbband immer bereits recht schwach war.

Unsere Listings mussten wir zu Hause auf eben diesem Computer-Tabellierpapier korrigieren und fortschreiben, in einer Freistunde im Informatikraum abtippen und dann auf Funktion testen. Das Verfahren erwies sich als nicht allzu alltagstauglich.


1987 zeigte mir einer der Nerds aus meinem Kurs eine 3,5"-Diskette.
Ja, Mann, das war mal angewandte Science-Fiction! Wuchtige 1,44 MB in einem so winzig-kleinen, formschönen Ding!

Die Zukunft würde auf jeden Fall weitere Wunder bereithalten!

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Dienstag, 17. Mai 2011

ru24 History 22: 1983: Informatik auf der Realschule

1983: Culture Club sang "Do You Really Want to Hurt Me", Nena "99 Luftballons", Michael Jackson schluckaufte "Thriller", der Flashdance-Soundtrack hielt sich acht Wochen auf Platz 1 der Charts (Link).

Hurra, die Moderne war nun wirklich und endlich angebrochen!
Informatik-AG auf der Realschule, ich war in der 9. Klasse. Hier standen auf 3 kräftig gebauten Tischen, und kräftig gebaut mussten sie sein, drei Apple IIe europlus (Link), zwei davon mit grün-grün-Monitor, einer mit Bernsteinmonitor. Die ersten Personalcomputer, die ich jemals zu Gesicht bekommen habe. Wir saßen zu dritt davor, einer durfte tippen. Schwarze 5 1/4"-Disketten (13 cm Kantenlänge) mit einem Fassungsvermögen von 1200 KB waren das Medium, auf das wir unsere BASIC-Programme speicherten, die schuhkartongroßen externen Laufwerke wurden dazu mit einem Hebel verriegelt. Niemand benötigte mehr als eine Diskette, denn da war ja Platz satt für jahrelanges BASIC-Programmieren! Über 1,00 MB! Das einzige alternative Eingabemedium war keine Maus, sondern an einem der Rechner ein Satz "Paddles", Drehregler, wie man sie schon von "Pong" kannte. Der Marktpreis des Apple IIe war schwindelerregend und lag bei bis zu 5.000 DM. Und weitere Rechner konnte die Schule auf absehbare Zeit ohnehin nicht anschaffen, da Amerika ein Technologie-Embargo verhängt hatte. Man fürchtete, die hochmodernen Rechner würden irgendwie auf die falsche Seite des Eisernen Vorhangs gelangen und SS-20 Interkontinentalraketen als Recheneinheit dienen...
Der Informatiklehrer war gleichzeitig mein Matheleher, Herr Fuchs. Herr Fuchs war sehr kompakt gebaut, trug gerne einen dunkelgrünen Cordanzug, eine gestrickte Krawatte, Brille und Vorhängeschloss-Bart, die überschaubare Menge Haare trug er zumeist offen.

1984 bekamen wir zusätzlich längliche Sharp PC-1401 Taschencomputer (Link). Jetzt hatte endlich jeder seinen eigenen BASIC-Rechner! Ein Gefühl, das man heute vielleicht generieren könnte, wenn man iPhone 4 an alle verteilt. Großartig!!!
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Freitag, 13. Mai 2011

DSDSS - found!

Ich sitze also abends im Lichtkegel der Leselampe im Sessel und lese. Es macht *summ*, auf meiner Couch sitzt eine ziemlich fette Schnake (4 cm).
Na toll.
Ich stehe auf und erledige das Ding von Hand.
*ptaf*
Setze mich wieder hin, lese.
Auf meiner Couch sitzt die ziemlich fette Schnake.
Hallo?
Ich nehme mein Buch, einen 1.200-Seiten-Wälzer und erledige das Ding mit dem Buch, quasi ein "ex libris".
*PTAF!*
Setze mich wieder hin, lese.
Auf meiner Couch sitzt die ziemlich fette Schnake.
HALLOOO???
Ich glaub et hackt!
Ich gehe ins Bad und hole das Paral.
*pffft!*
Setze mich wieder hin, lese.
Nach einer Weile schaue ich nach, das Ding ist verschwunden.

Bei "Deutschland sucht die Super-Schnake" (DSDSS) braucht sich jetzt also niemand mehr bewerben: Die überaus robuste Superheldenausführung einer Schnake, so eine Art Wolverine der Insektenwelt lungert noch irgendwo bei mir rum.

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Dienstag, 3. Mai 2011

ru24 History 21: Klausuren schreiben auf dem Gymnasium (1989)

Eine Arbeitskollegin erzählte gerade von der gestern stattgefundenen Abiklausur ihres Sohnes.

Unweigerlich fielen mir da die verzerrten kleinen Gesichtchen meiner weinenden Mitschülerinnen wieder ein, damals in 1989...

Eigentlich gab es bei jeder Klausur ab der Jahrgangsstufe 12 das gleiche Problem: Die Mädchen. Vor den Arbeiten lernten sie im Gegensatz zu ihren männlichen Pendants zwei Wochen lang Tag und Nacht. Zur Klausur erschienen sie übernächtigt mit Äpfeln, isotonischen Getränken und Glücksfetischen, um sich dann gegenseitig durch Auflisten ihres übermenschlichen Lernpensums zu vergewissern, dass sie am aller-allermeisten von allen gelernt hatten. Sie konnten die gesamte Primär-, Sekundär und Tertiärliteratur auswendig, natürlich. In ihren kleinen Köpfchen brummte es wie ein einem Bienenstock. Die Klausur begann, sofort schrieben sie wie besessen. Auswendig gelerntes mit kurzer Halbwertzeit wollte doch unverzüglich aus ihnen herauspurzeln, bevor es wieder in Vergessenheit geriet! Es war wie eine Sturzgeburt kurzzeitig angeeigneten Wissens. Sie pinnten zwanzig, fünfundzwanzig Seiten voll, als gäb's kein Morgen. Die Finger am Stift weiß, das Gesicht voller hektischer Flecken. Jedes Mädchen, das etwas auf sich hielt, gab am Ende der angesetzten Zeit einen ganzen Stapel beidseitig dichtbeschriebenen Papiers ab und huschte aus dem müffelnden Klassenzimmer.

Draußen auf dem Flur brach dann die gesamte mühsam aufrecht erhaltene Fassung der letzten Wochen in Nichts zusammen. Die fleckigen Gesichtchen der Mädchen verzerrten sich grotesk, Tränen rannen plötzlich wie unversiegbar, als hätte jemand einen Wasserhahn geöffnet. Binnen Minuten sahen sonst eigentlich tageslichttaugliche junge Damen aus wie Wasserleichen, die zwei Wochen lang in einem stehenden Gewässer herumgedümpelt waren. Und es war nur eine Frage von Augenblicken, bis eine anfing zu sabbern: »Ich hab' sicher 'ne 6!!!«
Na sicher...
Sie fielen sich wimmernd und greinend in die Arme, heulten sich gegenseitig voll. Blauer Mascara verlief mit dem Lidstrich zu einem maus- bis taubengrauen Brei in Alice-Cooper-Optik.
Ich, der ich nur ein paar Tage je ein paar Stunden gelernt und nur zehn Seiten einseitig beschrieben hatte, trollte mich angewidert, mir die Schreibhand reibend.

Wochen vergingen, in denen sich der bedauernswerte Lehrkörper durch die endlosen Bleiwüsten 30-seitiger Mädchenklausuren pflügen musste, sicherlich mit seinem erbärmlichen Schicksal hadernd.
Dann, eines großen Tages, gab's die Klausuren zurück.
Die Anspannung war kaum auszuhalten.
*trommelwirbel*
Die Mädchen hatten allesamt eine 1 oder 2+.
Surprise, surprise...
Meiner einer hatte eine 3-.

Einmal fing tatsächlich eine an zu heulen, weil sie statt der angekündigten 6 nur eine 1- bekommen hatte. Noch heute bedauere ich es, dem damaligen Impuls nicht nachgegeben zu haben, ihre frisch aufquellende Visage ein klitzekleines bisschen vor die Wand zu hauen.
Nur ein bissi, keine Panik.

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Sonntag, 3. April 2011

Queen Mom 5 - World Watching

Et is Donnerstag, wir fahren einkaufen, Queen Mom (83) un ich.
Ich fahr Richtung PENNY.
»Und wie läuft et da bei den 'World Watchers' oder wie dat heißt?«, fragt se.
»Weight Watchers. Gut. Läuft«, antworte ich.
»Aha?«, kommt et zweifelnd, als hätt ich gerade erklärt, dat Schweine fliegen können.
»Ja, ich hab abgenommen, die ham sogar geklatscht«, erklär ich.
»Naja, man sieht ja nix... Dat ist da dann aber en sehr dankbares Publikum. Klatschen die für jedes Gramm?«, fragt Queen Mom.
»Unglaublich!«, murmele ich und bieg ab.

Et gibt Tage, da beneide ich andere Menschen um deren Mütter.


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Freitag, 11. März 2011

ru24 Mysterium 7: Unglaublich

Zur Geburtstagsfeier meiner Mutter hole ich Tante Walburga ab.
Weil ich weiss, dass die Tante bereits zehn Minuten vor meiner Ankunft gestiefelt und gespornt mit Kopftuch, Handtasche und schwerem Mantel hinter der Tür wartet, beeile ich mich. Kaum stehe ich mit dem Wagen um drei vor vier am Straßenrand, ist sie da.
»Och, das ist ja doch ein richtiges Auto!«, bemerkt sie anerkennend, »Ich hatte jetzt mit sonem komischen Dingen gerechnet!«, lobte die Tante meinen Smart Fortwo.
»Ja. Hier, sogar mit Steuerrad und allem!«, knirsche ich.
»Toll!«, sagt Tante Walburga ganz aufrichtig.

Wir fahren.
»Wollt ihr heiraten, deine Freundin und du?«, fragt sie unvermittelt.
Ich fahre in einen Kreisverkehr und wieder heraus.
»Och nö, das ist glaube ich nicht nötig«, sage ich, ergänze: »Und wir sind ja beide auch nicht die Allerchristlichsten.«
Tante Walburga aber schon.
In ihr arbeitet es.
»Du könntest dir doch wenigstens ein Hintertürchen offenhalten, so ein bisschen dran glauben. Der liebe Herrgott nimmt es da nicht gar so genau.«
Ich schnaube, will ihr aber nicht auf die Füße treten.
»Na gut. Auch als Existenzialist lasse ich mich ja gerne überraschen«, lenke ich ein.
»Ich will ja nur, dass du gut rüberkommst. Und dir einen guten Platz sicherst«, schließt die Tante
Faszinierend pragmatisch.

Später besichtigen wir zu dritt eine kleine Dorfkirche in Egen, das zu Wipperfürth gehört. Das Restaurant, in dem wir Kaffee getrunken und Waffeln mit Milchreis und Zimt & Zucker gegessen hatten, liegt nebenan.
»An der Monstranz leuchtet das Licht«, sagt Tante Walburga und deutet zu einem kunstvollen Schrein herüber. »Das bedeutet, dass die Hostien geweiht sind.«
Auch gut.
»Durch den Segen sind jetzt aus Hostien und Wein der Leib und das Blut Christi geworden.«
Soso.
»Das ist wissenschaflich bewiesen!«, trumpft die alte Dame auf.
Wow!!!
»?«, kommt es von mir.
»Wissenschaftler haben festgestellt, dass nach der Segnung wirklich Fleisch und Blut daraus geworden sind, allesamt haben sie sich hingekniet und gebetet!«
»!«, sage ich.
Mon dieu!
Solche Wissenschaftler gibt es heute gar nicht mehr ...

Ich stelle mir christliche Missionare bei Menschenfressern in Papua-Neuguinea vor: ›Nein, ihr dürft jetzt keine Leute mehr essen, sondern nur noch euren Heiland, der mit Magie aus Esspapier und australischem Merlot hergestellt werden kann!‹
Unglaublich!

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Sonntag, 30. Januar 2011

Anti-Fascho-Demo Wuppertal-Elberfeld am 29.01.2011

Mein letzte Demo war schon ein paar Tage her. Es war, glaube ich, eine Lichterkette gegen den Golfkrieg, seinerzeit, 1990 oder so. Aber die Demonstrationen damals hatten ja wenigstens etwas gebracht – vielleicht sogar das absolute 25-Jahres-Maximum im Verkauf von IKEA-Teelichtern.
Jetzt wollten am 29.01. Nazis aufmarschieren in Wuppertal. Einen Tag nach der Befreiung Auschwitzs, einen Tag vor der Machtergreifung 1933 durch Hitler. Schon für den Termin müssten sich die Glatzen eigentlich in Grund und Boden schämen.
Ich stellte mir die Horden rasierter Bomberjacken vor, die mit dramatisch unterdurchschnittlichen IQs und Zähnen wie baufällige Zäune in eine meiner Lieblings-Städte einfielen um die Schuld daran, dass sie keine Jobs hatten, Minderheiten zu geben. Nie-nie-niemals wären sie auf den Gedanken gekommen, dass dieser Umstand allein der Tatsache geschuldet war, dass sie Arschlöcher waren.
Zu drei Erwachsenen und Kind Tom (11) fuhren wir nach Wuppertal-Elberfeld. Es war Kaiserwetter, aber gewiss kein Führerwetter. Um 10.00 Uhr am Kirchplatz gab es eine Bühne mit Reden und Musik, bei Kamps Latte macchiato. Allgemein war die Stimmung gut, es hatten sich 5.000 oder mehr Menschen eingefunden, um Flagge zu zeigen für Toleranz und Demokratie. Bunte Luftballons glühten farbenfroh in der Sonne, es war kein Brauner darunter.
Das Polizeiaufgebot war beeindruckend, Hubschrauber standen am Himmel.
Irgendwann kam Bewegung in die Massen und sie strömten die B7 entlang in Richtung der vermutlich heranmarschierenden Faschos. Eine große Polizeisperre in Höhe der AOK/des Cinemaxx brachte das Ganze zum Stillstand. Das reizende Odeur von CS-Gas lag in der Luft.
Im Grunde begann nun so etwas wie ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Ordnungskräften: Die Gegen-Demonstrierenden suchten die Konfrontation mit den Nazis, die Polizei sperrte alles ab, was die Gruppen irgendwie hätte aufeinandertreffen lassen. In Wuppertal, einer Stadt, die aussieht wie ein Bandwurm, ist das sicherlich leichter als anderswo. Als Teil eines großen Pulks Gegendemonstranten machten wir uns zügig auf, die Polizeisperren weiträumig zu umgehen und irgendwie in den Osten der Stadt zu gelangen.
Unterwegs:
Bärbel: »Komm Tom, lass uns Parolen rufen.«
Tom (11): »PAROLEN!!!«
Doch trotz stundenlangem Gerenne und sehr trickreicher Wegwahl: Immer wieder stießen wir auf Straßensperren um Straßensperren.
Nach mehreren Stunden endlich resignierten wir, denn ohne Hubschrauber war es überhaupt nicht zu schaffen, ein wirklicher Gegendemonstrant zu sein.
Ohne einen einzigen Faschisten gesehen zu haben, fuhren wir wieder nach Hause.
Daheim stand dann im Internet auf der Seite der Wuppertaler Zeitung, dass auf 5.000 Gegendemonstranten 170 Faschos gekommen waren.
Ein Verhältnis von 29:1.
Irgendwie doch ein klarer Sieg.

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