Dienstag, 20. April 2010

Lifestyle 34 - Deutsche Tugenden


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Originally uploaded by afrank99
Die urdeutschen Tugenden sind Gründlichkeit, Pünktlichkeit, Ordnungssinn und die Reinlichkeit. Der aufrechte Deutsche hat seine Vorgärten zu pflegen, als hinge der Fortbestand des Abendlandes davon ab. Er hat seine Samstagnachmittage darauf zu verwenden, seine Autos zu saugen, zu polieren und zu wienern wie Staatskarossen.
Hierdurch bietet sich für Generationen von Blockwarten die einmalige Gelegenheit, schon beim Anblick a) eines (1) Löwenzahns in einem Nachbargarten oder b) eines (1) ungewaschenen Autos in der Nachbarschaft ihr "Hier verkommt alles!" zu zischen. Und sich gleichzeitig mit ihren übergepflegten Prachtblühergärten und den 3-fach gewachsten Ford Sierras in den Garagen wie Herrenrasse zu fühlen.
Denn einzig darum geht es.

Ich bin mal über ein langes Wochenende mit Freunden nach Hamburg gefahren und habe meinen haselbraunmetallicfarbenen Kadett D vor dem Haus des Freundes, in dem auch dessen Mutter wohnte, abgestellt.
Als wir nach zweieinhalb Tagen wiederkamen, hatten sich bereits drei verschiedene Nachbarn bei der Mutter erkundigt, wem denn "das ungewaschene Auto" gehöre.
Mein Freund gab mir seinerzeit den Tipp, demnächst woanders zu parken.
Na klar.

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Montag, 19. April 2010

ru24 History 14: Omas 71. Geburtstag (1973)


2009_05_29
Originally uploaded by thatblog
Sonntag, 26. August 1973: Oma ist an ihrer Geburtstagsfeier hypernervös, denn normalerweise lebt sie ja sehr zurückgezogen. Dabei muss sie gar nichts machen, den Job erledigt ja komplett ihre Tochter Waltraud. Die Erdbeer-, Stachelbeer- und Marmorkuchen sind gebacken, die Sahne ist geschlagen, der Tisch im Wohnzimmer ist gedeckt.
Das Wohnzimmer ist im wahrsten Sinne des Wortes die "gute Stube". Die Mitte des Raumes nimmt ein Mahagonitisch ein, dazu sechs passende Stühle. Der Tisch ist jetzt mit einer schweren Damast-Tischdecke bedeckt und mit 50er-Jahre-Porzellan mit zartem floralem Dekor eingedeckt. Würfelzuckerbehälter mit Silberzange. Milchkännchen. Porzellankaffeekannen mit einem Schwämmchen unterhalb der Tülle zum Auffangen von Rest-Tröpfchen. Das ganze Programm.
Die Gäste trudeln ein, mit ihnen Wolken aus 4711, Birkin Haarwasser, Uralt Lavendel und Mottenkugeln. Onkel Karl und Tante Adele erscheinen zeitgleich mit Onkel Franz und Tante Henny. Die greisen Gäste tragen schwere Wollkleidung in schwarz und grau und übergroße Jaruzelski-Hornbrillen und Hüte. Tante Henny finde ich wegen ihrer Hörgeräte total spannend. Meine Eltern, beide Mitte 40, erscheinen, haben meinen Bruder dabei, er ist eineinhalb und der Star der Veranstaltung.
Opa taucht auf. Ohne seinen verschlissenen Kittel, in Anzug und Weste, sieht er fremdartig aus. Es schellt wieder, Onkel Karl und Tante Käthe erscheinen. Noch mehr weiße Haare, noch mehr Hornbrillen. An der übervollen Garderobe hängen jetzt etwa 30 kg Mäntel, obwohl es Sommer ist.
Oma legt nochmal an Nervosität zu, sie sitzt am Kopf des Tisches. ihr Lid zuckt. Sie trägt ein formloses, schwarzes Kleid. Tante Waltraud ist ein hin und her huschendes Schemen, sie kocht Kaffee, brüht ihn in der Küche manuell auf. Kuchenstücke werden verteilt mit zierlichen, silberschnörkeligen Kuchenhebern. Die Sahne die Tante Waltraud produziert hat, ist so fest, dass sie sich kaum vom silbernen Löffel mit Schnörkelrosengriff löst und auf dem Kuchen mit einem satten Whopp! aufschlägt. Ich habe außerhalb dieser Realität niemals vergleichbare Sahne gesehen und gegessen.
Opa, stoisch und fast taub, ist so alt wie das Jahrhundert, er lächelt in die Menge, meint es aber nicht so.
Tante Waltraud holt Kaffe, wieder und wieder. Wenn sie sitzt, dann auf einem gepolsterten Hocker, so dass sie jederzeit aufspringen kann.
Mein Vater scherzt aus der Mottenkiste, es kommt sehr gut an. Mutter kichert dies begleitend ein wenig zu aufgesetzt.
Alte Leute lachen über 60 Jahre alte Geschichten.
Meine Eltern sind hier "die jungen Leute".
Mein kleiner Bruder, auf jemandes Schoß, brabbelt vor sich hin.
Onkel Franz der Unsympath, angeheiratet, ein ehemaliger Bahnbeamter, sabbelt irgendetwas Missgünstiges, seine Mundwinkel weisen wie immer nach unten. Seine Gattin Tante Henny regelt endlich etwas an ihren beiden Hörgeräten, so dass es pfeift.
Das ist der Moment, auf den ich gewartet habe! Toll! Wie das schrillt! Aber leider gehen die wirklich großen Augenblicke einer Kindheit immer viel zu schnell vorbei!
Ich schaue mich im alten Wohnzimmer um und warte darauf, dass das schrille Pfeifkonzert wieder losgeht. Wenn man mit dem Fingernagel an die dünne Silberschale stößt, klingt der Ton ganz lange nach. Mit den Mini-Wäscheklammern, die die Servietten gehalten haben, kann man auch ganz passabel spielen.
Nach für mich endlosen Stunden ist alles vorbei.
In dem kleinen Flur ist Gewusel, die Herren helfen den Damen oldschool in die Mäntel, auch Onkel Franz, er hält Tante Henny den Mantel hin und sagt: "Da, du blöde Kuh!"
Henny, die nichts gehört hat, bedankt sich freundlich lächelnd.
Die Erwachsenen schauen sich stumm an.
Ich staune.
Darf der das?

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Freitag, 16. April 2010

ru 24 History 13 - England II (1985)

[Hierbei handelt es sich um die Fortsetzung dieses Blogbeitrags]

Irgendwann kamen der Bus mit uns in Scarborough, Yorkshire an (Link). An einem Busbahnhof wurden wir unseren Gastfamilien übergeben. "Leisi" (Andreas Leistner) und ich kamen in die Obhut von Mrs Stead, einer aus heutiger Sicht sicher recht attraktiven Enddreißigerin. Alle Kinder und Jugendlichen wurden abgeholt, bis auf...
Staudi und Hage standen verwaist auf dem Busbahnhof herum.
Beide hießen Thorsten.
Niemand holte sie ab.
Es begann zu dämmern.
Es nieselte etwas.
Es wurde dunkel.
Es regnete intensiv.
Von Ferne hörte man ein Röhren, das schreckliche Geräusch wurde lauter. Eine verbeulte Dreckskarre hielt an, ölige Wolken ausstoßend. Drinnen am Rechtslenker saß ein zerzauster Mann mit Säufernase, der die beiden scheel ansah, sie dann zu sich winkte. Zögerlich luden sie ihr Gepäck in den Wagen und der stark nach Alkohol und Zigarettenqualm riechende Mann kutschierte sie in Schlangenlinien durch die Stadt, bis sie mit einem Linienbus zusammenstießen. Ihr betrunkener Fahrer und Gastgeber sprintete davon.
Um das Unfallfahrzeug bildete sich eine Menschentraube.
Hage uns Staudi saßen noch in der Schrottlaube, als die englische Polizei auftauchte.
Man nahm sie mit aufs Revier und verhörte sie gründlich.
Sie verloren jeder zwei Kilo an Schweiß.
Irgendwann in der Nacht kamen sie tatsächlich beim Heim ihrer Gastgeber an.
Es war eine Bruchbude.
Die Gastmutter, die den Gatten nicht sonderlich zu vermissen schien, trug als einziges Kleidungsstück ärmellose Kittel. Sie servierte den Jungs Kartoffeln und warm gemachtes Hundefutter, wie sie später unter Eid versicherten.
Die Polizei fragte noch ein paar mal erfolglos nach dem Unfallflüchtigen.
Am vierten Abend ihres Aufenthaltes kam der Gatte durch eines der hinteren Fenster geklettert. Er hatte Laub im Haar und roch wie ein nasser Hund. Er ließ sich in seinen Sessel plumpsen, furzte und schüttete den Jungs erst einmal einen Schnaps aus. Nach dem Dritten outete er sich als ehemaligen Deutschen, den es vor fast 30 Jahren nach England verschlagen hatte.
Dann fragte er, ob sie sich gemeinsam einen Porno auf VHS ansehen wollten.
Die Jungs hatten morgens beim vierstündigen Englischunterricht immer eine Menge zu erzählen - mit überbordendem melancholischen Fatalismus.

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Donnerstag, 15. April 2010

ru24 Mysterium 7: Wie, graue Haare?


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Originally uploaded by richt-what
Ich sitze beim Frisör, denke an nichts Böses. Ohne Brille lächele ich immer nur unbestimmt und schaue etwas scheu nach unten, ich sehe ja niemandes Mimik, die ich erwidern könnte. Ich erkenne nur die Dinge, die ganz nah sind. Abgeschnittene Haare zum Beispiel, die auf mein Friseurcape rieseln.
Aber das ist so eine Sache mit den abgeschnittenen Haaren...
Etwa 15 % haben eine Farbe, die ich mit mir assoziiere - braun. Der Rest ist hellgrau, mittelgrau, steingrau, mausgrau, asphaltgrau, schiefergrau... und polyacrylweiss.
Also... das sind überhaupt nicht meine Haare, ich schwöre!
Es könnte also sein, dass zusätzlich zu meiner Friseurin da noch jemand hinter mir steht und mir aus einem Körbchen Haarschnipsel von alten Leuten über die Schultern wirft...
Aber wenn ich in den Spiegel vor mir schaue, sehe ich unscharf nur meine Friseurin, sonst aber niemanden.

Theorie: Neben meiner Friseurin steht ein Vampir - so muss es sein! Denn natürlich hat der Vampir kein Spiegelbild! Und dieser schurkische Untote wirft mir helle Haare über die Schultern.
Was für eine perfide Methode, mich zu täuschen!
Bleibt das Warum.
Ich bleibe dran...
Das ist die beste Theorie, die ich habe.

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Mittwoch, 14. April 2010

ru 24 History 13 - England I (1985)

1985, frischgebackene 18, bin ich mit einer Busladung voller Teenager nach England gefahren. Duran Duran hatten mit "The Wild Boys" vier Wochen lang den ersten Platz der Charts belegt, waren danach von Murray Head mit "One Night in Bangkok" verdrängt worden. Tears for Fears folgten nach mit "Shout" und Paul Hardcastle hielt sich sechs Wochen auf Platz 1 mit seinem großartigen "19". Herbert Grönemeyer hatte Ende 1984 seine LP/CD "4630 Bochum" auf dem Markt gebracht, die erste Compact Disc (CD), die ich in Händen hielt.
Wir fuhren stundenlang Bus, die Stimmung war gut. Irgendwann erreichten wir die Fähre, der Bus wurde verschluckt.
Schon während der Fahrt hatte sich eine Clique aus Jungs herauskristallisiert: Hage und Staudi, Grobi, Leisi und ich.
Die Fähre tuckerte los, es wurde Nacht. Wir liefen herum, rauchten an Deck (Nikotin: 0,9 / Kondenstat: 13) und trieben diversen handelsüblichen Schabernack. Plötzlich kam Grobi angelaufen, er war außer Atem.
"Da vorne ... Französinnen!", japste er.
Oh! Französinnen! Mon dieu, welche Verheißung!
Unauffällig schnürten wir zum Bug des Schiffs in die gewiesene Richtung. Es war bedeckt, es war Nacht, im Bug gab es keine Beleuchtung, man konnte die Hand vor Augen nicht sehen, geschweige denn in fremden Zungen redende Grazien.
"Wo denn?" fragte glaube ich Staudi von links.
"Na so da vorne...", kam es recht unbestimmt von Grobi, der eigentlich André Grossbischowski hieß. Seine Stimme war ganz nah.
Wir tappten nach vorne, stießen uns die Knie, rempelten andere Reisende an, tasteten uns nach vorne.
"Ich seh' nix!", sagte Leisi von hinten.
"Ich auch nicht!", sagte Hage von vorne.
"Voulez vous coucher avec moi ce soir?", fragte eine holde Maidenstimme aus der Dunkelheit.
Fünf Jungs standen da wie vom Donner gerührt.
Das lief ja wirklich ganz prächtig, allerdings...
"Äh, Männer? Spricht jemand von uns französisch?", fragte ich hinein in eine stygische Finsternis.
Grabesstille schlug mir entgegen.
Das lief ja nicht wirklich prächtig, allerdings...
Fwoosch!!!, machte es. Unsere Frontal-Lappen wurden hormonell freigeschaltet. Fünf Gehirne liefen schlagartig auf Überlast. Mit einer kurzzeitigen geistigen Kapazität von ca. 135 - 155% parlierten wir zwar urst brockig aber dafür recht flott französisch mit den so überaus verheißungsvollen Damen. Unseren diversen Französisch-Lehrerinnen (Link) wären die Augen aus dem Kopf getreten - mehr noch als sonst.
Im Grunde waren wir dem Paradies so nah wie nie, bis...
Das Licht ging an.
Vier etwa 13- bis 14-jährige französische Mädchen kreischten und verbargen ihr Antlitz hinter dem Rücken einer jeweils anderen Freundin, ein interessanter Effekt.
Popp!, machte es, die Freischaltung unserer Stirn-Lappen wurde auf der Stelle wieder deaktiviert.
Wir trollten uns.

Eines weiß ich seitdem: In Extremsituationen kann man zu geradezu übermenschlichen Leistungen in der Lage sein!

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(Zur Fortsetzung dieses denkwürdigen Urlaubs gehts hier.)

Montag, 12. April 2010

ru24 History 12 - Mein Opa schläft* (1974)


Broken Gears
Originally uploaded by autowitch
[Hierbei handelt es sich um die Fortsetzung des vorhergehenden Blogbeitrags]

Während Oma nun den Abwasch machte - es hörte sich an, als würden von Schurkenstaaten unterseeische Atomtests durchgeführt - stand Opa auf und ging nach seinem zermalmten Mahl aufs Klo.
Ich wüsste nicht, dass er jemals schon nach 20 Minuten zurück gewesen wäre.
In seiner Abwesenheit entspannte sich Oma etwas.
Ich bekam einen Apfelsaft und für diese kurze Zeitspanne waren sogar normale Gespräche möglich. Irgendwie war es nun heller im Raum - und natürlich wärmer.
Dann kam er zurück.
In der Ecke stand seine "Duckelrolle", mit der kam er zurück zum Tisch und stellte sie vor sich hin auf die Tischplatte. Hierbei handelte es sich um ein graues, dickes, zylindrisches Kissen - gerade so als habe man versucht, einen Elefanten-Unterschenkel nachzubilden. Mein Großvater setzte sich in Position und legte die Stirn darauf. Ich musste jetzt nicht zu leise sein, denn Opa hörte ziemlich schlecht - wenn er wollte.
Kurzum war er eingenickt.
Der Siebenjährige mit dem Saft ihm gegenüber rückte leise den Stuhl etwas nach links, so dass er das Gesicht des Großvaters sehen konnte. Bald bildete sich ein klarer Tropfen an Opas Nase, wuchs langsam, reifte, brach auf wunderbare Arte und Weise das Licht - mehr wie Glycerin als Wasser, zitterte, dann fiel er auf den Tisch. Bald darauf erschien der nächste Tropfen, dann die Großmutter, die mit dem Abtrocknen und der Küche fertig war. Sie setzte sich an die Schmalseite des Tisches auf ihren Stuhl und legte die kurzen, dicken Beine auf einen Hocker.
Bald döste sie ein.
Ich trank meinen Apfelsaft, beobachtete die stetig fallenden Tropfen. Der Raum war erfüllt vom einschläfernden Bullern des Ölofens, dem Ticken der Wanduhr, dem gleichmäßigen Atmen und dem Geräusch von Haarnadeln, die sich aus Omas Haarknoten ("Knüsken") lösten und auf dem ochsenblutfarbenen Linoleumboden fielen, teilweise meterweit fortschlitterten.
Nach etwa 25 Tropfen erwachte mein Großvater und damit auch die Großmutter.
Er nahm sein Kissen mit zur Ecke, zog den Kittel an, die Kappe auf und schlurfte wieder zurück in seinen Betrieb.
Oma und ich atmeten auf.

An einem dieser Nachmittage erzählte Oma mir, wie erschütternd es für sie als 10-Jährige gewesen war zu erfahren, dass im April 1912 die Titanic gesunken war.



*) Nicht zu verwechseln mit dem in 1986 bei Jugend Forscht eingereichten Kurzfilm "Mein Opa schläft" (93 Minuten, Farbe, Mono) von M. Klingelhöfer, in dessen Höhepunkt (ab Minute 89) der schlafende Großvater mimisch versucht, eine Fliege (vermutl. Calliphora vicina) aus seinem Gesicht zu vertreiben.

Sonntag, 11. April 2010

ru24 History 11 - Mein Opa isst (1974)

Als Kind war ich oft bei der Oma (Jg. 1902).
Ich saß am Tisch in der Stube mit einem Buch für erste Leseversuche. Als Hintergrundgeräusch gab es das Ticken einer Wanduhr und das stete, gleichförmige Bullern des Ölofens. Es war so heiß, dass man hätte Affen großziehen können. Aus irgendwelchen Gründen hatten Oma und ich bereits gegessen. Sie rannte nebenan in der winzigen, schlauchförmigen Küche hin und her und lärmte mit ihren verbeulten Aluminium-Topfdeckeln. Opa (Jg. 1900) unterhielt im angrenzenden Gebäude einen kleinen, unfassbar veralteten Betrieb, in dem er herumknösterte, obwohl er schon Mitte 70 war. Dies war ein Ort, der angefüllt war mit Geistermaschinen und Maschinengeistern, ein rostiges, spinnenwebiges und staubiges Imperium der Schatten, antik in jedem seiner glanzlosen Details.
Um 13.00 Uhr hörte man unten im Gebäude eine Tür schwer ins Schloss fallen. Großmutter drehte dann mit der hektischen Betriebsamkeit noch einmal auf. Im nahen Treppenhaus hörte man beständige, schlurfende Schritte näherkommen, näher und näher - tapp, schlurf, tapp, schlurf - ein wenig wie in Gruselfilmen, die ich damals aber noch nicht kannte. Irgendwann ging knarrend die Tür auf und Großvater himself betrat den Raum.
Seine Aura war die eines Großinquisitors.
Die Raumtemperatur sank um 7 Grad.
»Mahlzeit!«, sagte er und meinte es auch so.
Es roch ganz intensiv nach Tuppix-Handwaschpaste aus der grünen Tube mit dem roten Schraubverschluss. Er hängte seine Schiebermütze an den Haken, seinen grauen, hundertfach geflickten Arbeitskittel befestigte er darunter. Jetzt konnte ich sein »Gott-mit-uns«-Koppelschloss sehen, das man ihm Anno 45 beim Volkssturm zur Wehrmachts-Uniform spendiert hatte. Er trug dieses Ding seit 30 Jahren als Gürtel, allerdings keinesfalls aus politischer Überzeugung, sondern »weil es noch gut war«.
Wortlos setzte sich Opa hinter den Tisch, legte die Hände flach auf die Tischplatte und wartete. Oma hastete heran und brachte einen Teller Kartoffeln mit Gemüse und eine Gabel. Der Großvater betete lautlos und griff zur uralten Silbergabel. Das Besteckteil war so alt wie die Großeltern selbst. Es war völlig abgegessen, sodass die Zinken ungleich lang waren – wie die Finger einer Hand.
Das ihm gegenüber sitzende, siebenjährige Kind, das beizeiten gelernt hatte, dass man »nicht mit seinem Essen spielt«, beobachtete fasziniert das nun nachfolgende Schauspiel: Er nahm die Gabel zur Hand und begann, die Kartoffeln zu zerstampfen. Er machte dies mit absolut gleichförmigen, langsamen Bewegungen. Er drehte den Teller um 180°, zerstampfte nun das Gemüse. Dann begann er, den Teller um jeweils 30° zu drehen und hob stampfenderweise das Gemüse unter die Kartoffeln. Binnen fünf Minuten zerquetschte, zermalmte er dieses sein Essen zu einer absolut gleichförmigen, pastösen Masse. Nun ebnete er die Pampe ein, verteilte sie gleichmäßig auf dem Teller. Er drehte die Gabel herum, sodass die Zinken nach unten wiesen. Nun zog er mit dem Besteckteil horizontale, parallele Linien in sein Essen, fein ordentlich von oben nach unten, bis alles vollständig liniert war. Dann drehte er den Teller um 90° - aus der Lineatur wurden nun Karos gemacht.
Sein Essen war nun noch etwa geschätzte zwei Grad wärmer als Zimmer-Temperatur.
Zuletzt drehte er die Gabel wieder in der Hand und nahm damit eine Fläche von 4 x 9 Karos auf, führte sie zu Mund. Er kaute jeden seiner 36-Karo-Bissen endlos, gelassen und stupide zugleich. Zuletzt schabte er mit schrecklichem Gequietsche die letzten Reste der Mahlzeit auf dem Steingut-Teller zusammen, aß sie und legte die Gabel hin.
Oma materialisierte am Tisch, den Teller abzuräumen.
»War lecker. Wat war dat?«, fragte Opa.

Zur Fortsetzung [hier klicken].

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Donnerstag, 8. April 2010

ru24 Mysterium 6/Bürogeplänkel 20: erklärtes Wunder

Wann immer ich im letzten dreiviertel Jahr zur Toilette gegangen bin, lag die Chance, am Pissoir mit einem bestimmten Herrn der Nachbarfirma zusammenzutreffen, bei ca. 70%.
Aus Überraschung wurde Verwunderung.
Aus Verwunderung wurde Verwirrung!
Wir war das nur möglich?
Anfangs sagte ich noch jovial: "Ah, so trifft man sich bei den profansten Tätigkeiten!" oder "Hoho! Weltmeisterschaft im Synchronpinkeln!", aber nach einer Weile gingen mir die Sprüche aus, da staunte ich nur noch.

So traf ich den Herrn [Name der Redaktion bekannt] monatelang zwei Mal täglich, er am ganz linken Pissoir, ich am ganz rechten Pissoir, wir lächelten uns etwas verhalten zu - ein Mysterium!
Ich behielt dieses kleine Wunder für mich.
Bis ...

Letzten Dienstag traf ich bei dieser profanen der profansten Tätigkeiten meinen Chef, er am ganz linken Pissoir, ich am ganz rechten Pissoir.
Wir grüßten einander, so verhalten, wie man das als Mann nur am Pissoir tut.
"Ach, sonst treffe ich hier immer einen Mitarbeiter der Nachbarfirma!", sagte ich.
Chef schmunzelte.
"Sie meinen sicherlich Herrn [Name der Redaktion bekannt]?", fragte er.
Tausend heulende Höllenhunde...
Ich war wie vom Donner gerührt!
Wie konnte er das nur wissen!?
"Ja, genau!", japste ich.
"Den treffe ich hier auch nahezu immer", sagte er nur.
...
Herr [Name der Redaktion bekannt] hat also lediglich den ultimativen Prototyp der Primanerblase!

Merke: Ein erklärtes Wunder ist profan.

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Mittwoch, 7. April 2010

Heimat 18/Restaurantkritik 4 - Unentschieden


Waffeln
Originally uploaded by Astrid Walter
Wenn jemand meint, dass das Bergische Land, geschweige denn Radevormwald entlegen liegt, der sollte einfach mal den Ortsteil Filde (Link) aufsuchen. Dort gibt es auch das Landhaus Filde. Wer von den beiden für das jeweils Andere namensgebend war, verlor sich im Nebel der Geschichte.
Im Landhaus Filde kann man prima Kaffee trinken, vor allem aber Bergische Waffeln essen. Die Bergische Waffel ist mit Milchreis bedeckt, der Milchreis wird mit einem Gemisch aus Zimt & Zucker bestäubt. Übrigens: Anders kann man Waffeln gar nicht essen! Ich schwöre! Vergesst diesen Heiße-Kirschen-mit-Sahne-Irrglauben mal ganz schnell.
Also.
Es war ein wirklich wunderbarer, sonniger Nachmittag, wir ergatterten einen Sitzplatz draußen und blinzelten grinsend in die Sonne. Bald fiel ein mächtiger Schatten auf uns - der Wirt! Riesig ragte er auf, ein Monument, weißhaarig, bärig, bärbeißig!
"Wat krieg'n Sie?", bellte er, wir atmeten auf, heute hatte er anscheinend verhältnismäßig gute Laune.
"Ich hätte gerne die Bergische Waffel und einen Kakao", sagte meine Begleitung.
Der Hüne schnaubte.
"Kakao mit Sahne oder ohne Sahne?", blaffte er.
"Mit", piepste meine Gegenüber.
"Und Sie?", bedrohte mich dieses Monument der Dienstleitung.
"Ich nehme auch die Waffel und einen Kakao!", sagte ich.
Sein Blick funkelte bedrohlich, er atmete aus, auf eine Art und Weise, die keinen Zweifel daran ließ, wie leid er es war, sich mit Minderbemittelten abzugeben.
"Kakao: Mit Sahne --- ohne Sahne!?"
"Ich hätte gerne ohne Sahne."
"Ja, wat denn nu?", herrschte er uns an, fassungslos rauschte er von dannen.
Puh!
Aber: Was können wir Penner uns auch nicht auf das gleiche Getränk einigen!
Nach fünf Minuten knallte er uns zwei Tassen mit Kakao ohne Sahne hin und ein Tellerchen Sahne zur Sahne-Selbstbedienung, das so kernig auf dem Tisch aufkam, dass es noch drei Runden drehte, bevor es zur Ruhe kam.
Wir zuckten zusammen, machten uns dann aber rasch über unsere Bergischen Waffeln und den Kakao mit/ohne Sahne her - es war herrlich!

Summa summarum: Landhaus Filde kann ich nur empfehlen!

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Dienstag, 6. April 2010

ru24: www 13 - Just doin' its job

Mit damaliger Freundin, ihren Verwandten und gemeinsamen Freunden haben wir - fast schon mit Fug und Recht als Reisegruppe zu bezeichnen - einen Spaziergang rund um die Wuppertal-Ronsdorfer Talsperre gemacht. Im Geäst nahe dem Weg entdeckte ich ein junges Käuzchen, das ziemlich unbeeindruckt von den ganzen Spaziergängern dort herumsaß und anscheinend vor sich hin döste.
Schnell hatten wir - Städter, die wir allesamt waren - uns als Traube auf dem Weg versammelt, das Käuzchen anzustarren. Die andächtige Stille währte etwas weniger als 12 Sekunden. Dann entbrannte eine rege Diskussion darüber, warum es überhaupt dort herumsaß, das Vogerl: Ist es verletzt, krank, behindert, verwirrt, verrückt oder schlicht zu Scherzen aufgelegt? Leute kommen da auf einige Ideen...
Während ich Fotos machte (eingebettetes Bild), griffen zwei von uns übergangslos zu ihren Handys, um ihnen bekannte Waidmänner anzurufen. Freund Eliseo zückte sein Multifunktions-Gadget und begann, die Offline-Version von Wikipedia nach Informationen zu durchforsten.
Wir kamen uns verantwortungsvoll und modern zugleich vor - ein herrliches Gefühl!
Minuten später stand der Gewinner fest: ... Wikipedia - tadaaa! Also: In der Nähe des Nestes bis zur Abenddämmerung auf einem Ast herumzusitzen - das war das, was junge Käuzchen so zu tun hatten. Es machte also exakt seinen Job!
Wir verstauten unsere Kameras, Handys, Taschencomputer und zogen von dannen.

Das ist die Moderne von der unserer Väter und Vorväter träumten!
Nichts scheint mehr unmöglich!

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