Mittwoch, 24. Dezember 2014

Wunder der Weihnachtszeit 4

photo credit: Kotah and Santa in the Evening via photopin (license)
Heiligabend bin ich zur Mittagszeit im Geniesel kurz zum EDEKA gelaufen, die Reste besorgen. Am Fuße der Rathaus-Galerie in Wuppertal-Elberfeld begegneten mir zwei alte Frauen mit nikotingegerbten Pekinesengesichtern. Sie husteten beide was das Zeug hielt und würgten dabei offenbar faustgroße Klumpen Sputum aus den Untiefen ihrer Lungen nach oben. Es klang wie "Der Zauberberg", letztes Kapitel
"Raucht euch mal eine!", murmelte ich für sie unhörbar.
Eine der beiden hatte fertig gewürgt.
"Wir müssen noch Zigaretten kaufen!", sagte sie zu ihrer Mithustenden mit John-Wayne-Synchronstimme.
Yay!
War ich nicht gerade in diesem allerprofansten Moment Zeuge des Wunders der Vorweihnachtszeit geworden?
Wunder schafft die Weihnachtszeit.
Vor dem Dorf, darin verschneit
jeder Hof und jedes Haus,
Vogelbeerbaum, Nacht für Nacht
hundert Lichtlein trägt, entfacht,
die da leuchten weit hinaus.
Achtet seiner Herrlichkeit
niemand auch im Wintergraus,
bläst der Wind doch keins ihm aus,
alle strahlen dicht gereiht -
Wunder schafft die Weihnachtszeit.

(Martin Greif, 1839 - 1911)
Meine Güte!


Mehr "Wunder der Vorweihnachtszeit": hier.


Mittwoch, 17. Dezember 2014

Die Zukunft

photo credit: Man holding object via photopin (license)
In meiner Kindheit war ich umgeben von 60er-Jahre-Büchern wie "Das neue Universum", deren "Themenwahl und inhaltliche Gestaltung (sich) durch einen starken Zukunfts-, Wissenschafts- und Machbarkeitsoptimismus aus(zeichnete)" (Link). Kaum ein Titelbild, das nicht einem Aspekt der Raumfahrt gehuldigt hätte. Das war die Zukunft! Der Held meiner Jugend war James T. Kirk. Als ich als Schüler, um 1980 befragt, mir die Zukunft des Jahres 2000 vorstellen sollte, gab es in dieser fernen Zukunft natürlich eine Station auf dem Mond und eine auf dem Mars, mindestens. Der Kontakt zu Außerirdischen war zu diesem Zeitpunkt fast schon gezwungenermaßen eingetreten. Ich las dutzende und aberdutzende Romane wie "Der Mond ist eine herbe Geliebte" von Robert A. Heinlein (Link), "Wasser für den Mars" von Isaac Asimov (Link) und Ray Bradburys "Mars-Chroniken" (Link).
So würde die Zukunft werden!

Doch da die NASA aber aus Kostengründen seit 1972 keinen Menschen mehr auf den Mond geschweige denn auf andere Himmelskörper gebracht hatte, wandte sich die SF bald anderen, inneren Themen zu – Cyberpunk & Cyberspace. 1982 erschien die noch heute absolut sensationelle Kurzgeschichte "Chrom brennt" (Link) von William Gibson, ein Meilenstein. Das Cyberspace war geboren, Gehirn und Maschine gehen in absehbarer Zeit eine nicht immer ungefährliche Beziehung ein. Das war die Zukunft! Im gleichen Jahr brachte Intel seinen 286er Prozessor auf den Markt (Link), der bis in die frühen 90er gebaut wurde, Disney brachte "Tron" (Link) in die Kinos. Ich las dutzende und aberdutzende Romane wie die "Neuromancer-Trilogie" von William Gibson (Link), "Snow Crash" & "Diamond Age" von Neil Stephenson (Link) und Walter Jon Williams "Hardware" (Link).
So würde die Zukunft werden!

Dann kam alles anders. Das SF-Genre wanderte weiter. Jetzt, in Zeiten, in denen Kühlschränke eine IP-Adresse haben und Handys einen Vierkernprozessor, soll eines Tages am Horizont der beständigen, sich beschleunigender Entwicklungen die Singularität (Link) aufscheinen. Dies ist der Augenblick zu Bewusstsein kommender künstlicher Intelligenzen, die bei dem ganzen Fortschrittsgedöns quasi zusätzlich noch die Turbo-Taste drücken, sodass ein "Danach" im völligen Vorhersage-Dunkel liegen muss. Das war die Zukunft! Außerdem hatte Mitte 2014 erstmalig die Maschine "Eugene Goostman" den Turing-Test bestanden (Link). Ich verschlang die Bücher des britischen Autors Charles Stross, allen voran den Kick-Ass-Technologieroman "Accelerando" (Link).
So würde die Zukunft werden!

OK, ich geb's zu, ich habe mittlerweile den Verdacht, dass auch das nichts werden wird.

Die Briten haben schon ein neues SF-Genre in der Mache, die "mundane Science Fiction" (Link). Dabei handelt es sich um eine realtiätsnähere SF als die der vergangenen Jahrzehnte. Man gibt sich erschreckend realistisch: Es wird (wegen Einstein) keine interstellare Raumfahrt geben, deshalb wird es auch nicht zu einer Kontaktaufnahme mit Außerirdischen kommen (weil die auch nicht da wegkommen, wo sie gerade sind, wenn es sie überhaupt gibt). Und Parallelwelten sind auch gestrichen. Konsens: Machen wir uns nichts vor, wir sitzen hier fest. Diese SF prognostiziert nur das Mögliche. Oder man geht dabei sogar so weit wie William Gibson, der gereift, nunmehr statt der Zukunft in seiner aktuellen Bigend-Trilogie nur noch "die Gegenwart vorhersagt" (Link). Ironischer- oder konsequenterweise sind die Bände dieser Trilogie (Mustererkennung, Quellcode, System Neustart) Stand 12/2014 nicht einmal als Kindle-E-Book erhältlich, sondern nur als gutes, altes Buch.

Um den großen Karl Valentin zu zitieren: "Die Zukunft war früher auch besser".


Ein Labsal: http://vimeo.com/108650530


Sonntag, 14. Dezember 2014

ru 25 history 51: Telefonieren

photo credit: Nostalgia ! via photopin (license)
Von 1974 an gab es für "günstiges Telefonieren" den sog. "Mondscheintarif" (Wikipedia). Der führte ab 18.00 Uhr zu Schlangen an den Telefonzellen und allgemein zu so hohem Gesprächsaufkommen, dass ganze Ortsnetze nicht mehr erreichbar waren. Deshalb schaffte ihn die Post 1980 wieder ab -- wegen des großen Erfolges. Is klar. Später gab es ihn dann unter der Bezeichnung Moonshine-Tarif wieder. Die Spinner.
Das Telefonieren kostete zwischen dem 3. Januar 1980 und Heiligabend 1988 werktags von 8–18 Uhr 0,23 DM je 8 Min und die übrige Zeit 23 Pf je 16 Min.
Liebe Post: Das waren ja je nach Uhrzeit 7,5 oder 3,75 Takte die Stunde zu je 0,23 DM, was 1,73 DM oder 0,86 DM entsprach -- das habt ihr Penner doch mit Absicht gemacht, dass sich das kein Schwein merken oder nachvollziehen konnte, oder?
In den 80ern haben wir auf jeden Fall immer Hektik am Telefon gemacht. Denn keinesfalls durfte nämlich die Telefonrechnung zu Hause die magische Grenze von 50,00 DM pro Monat überschreiten, sonst wäre Tango gewesen. Dann wäre ein Wählscheibenschloss ans Telefon gekommen, wie immer gedroht wurde.
Die Telefonnummern meiner Freunde, die von Tante und Oma und die von zu Hause hatte ich alle im Kopf -- Kunststück, die Telefonnummern meiner Kindheit waren allesamt vierstellig. Wir hatten zu Hause 5411. Am grünen Wählscheibentelefon im Wohnzimmer meiner Eltern wählte ich die 4 ratratratrat, 3 ratratrat, 0 ratratratratratratratrat, 3 ratratrat. Und nach dreimal schellen (und es war eine "Schelle") hatte ich im Idealfall meinen Kumpel Michael am Telefon, oder seine Mutter, die mich dann weitergab. Wir verabredeten uns in der Stadt und wenn einer von uns beiden mal nicht pünktlich am Treffpunkt war, dann wartetet man eben so lange, bis der andere aufschien. Niemand wäre auf die Idee gekommen, jetzt in schneller Folge vier oder fünf Postkarten rauszuhauen, Inhalt: "Wo bleibst du?" und 17 Sekunden später: "Ich warte seit 5 Minuten!"
Die Wartezeit verbrachte man stattdessen damit, Ortsfremden, die mit ihrem 5 kg schweren Autoatlas von 1972 nicht weiterkamen und mit ihrem 1969er Opel Rekord am Rand hielten, den Weg zur Landessportschule zu erklären.
Irgendwann kam der Kumpel dann auch mal angeschlappt auf seinen Adidas Allround.
Und wenn nicht, dann ging man eben wieder nach Hause.


Samstag, 29. November 2014

Zum Advent: Der Tempel der zerlegten Glückseligkeit

photo credit: IKEA Spandau via photopin (license)

1943 gründete Ingvar Feodor Kamprad mit zarten 17 Jahren das Unternehmen IKEA. Die folgenden Jahre tüftelte der Jungunternehmer daran herum, auf wen man die schlimmste Arbeit der Möbelindustrie, nämlich das Zusammenkloppen der Einzelteile zu fertigen Möbeln, auslagern könnte. Niemand wollte diese undankbare und schweißtreibende Aufgabe übernehmen - es war ein Dilemma! Vier Jahre Hirnschmalz später gelang es Kamprad 1947 erstmalig, einen Endkunden, Herrn Erik Brantgaard (52), dazu zu bringen, sein neues Sideboard fluchend und wie ein Schwein schwitzend selbst zusammenzubauen. Man hatte den Dummen fürs Zusammenbauen gefunden! Das Unternehmen IKEA begann nach diesem erfolgreichen Test sofort seinen kometenhaften Aufstieg. Später kamen noch Designer wie Tord Björklund mit ins Boot, die sehr dicke Bretter an die Wand dübelten, um Tand, Schnickes und - dem Trend folgend - das Zweitbuch darauf abzustellen. Kamprad, nicht doof, verkaufte den Kunden zum sehr dicken Brett ab sofort auch gleich noch den Schnickes und den Tand dazu. Heute gehört er zu den reichsten Menschen der Welt.

Doch weder Ingvar Kamprad, Tord Björklund und schon gar nicht Erik Brantgaard hätten sich das Gewimmel vorstellen können, welches sich an den vier Adventssamstagen in Deutschland in und um IKEAs abspielt.

Wenn man erst auf dem Parkplatz des Möbelhauses ankommt, wenn die kleinen Parkplatzwächter-Wichtel bereits getrocknete Tränenspuren auf ihren roten Wangen haben, dann kann man mit Gewissheit sagen: Ihr seid zu spät! Vielleicht bekommt man noch nach einigem hektischen Gegurke und zehn Minuten Stop & Go einen Parkplatz ganz hinten. Dann lässt man sich vom Strom hochwinterlich gekleideter Menschen in den Tempel der zerlegten Glückseligkeit treiben. Alles ist schwarz vor Menschen, Kinder wimmeln, wenn sie nicht winseln. Die labyrinthischen Wege kanalisieren die Shoppenden wie Vieh, das langsam voranstrebt. Arme greifen im trägen Getümmel rechts und links mechanisch nach Tand und Schnickes, der in riesigen, gelben Umhängesäcken verschwindet. Die Anspannung steigt.

Am Restaurant angekommen, fällt die Wahl nicht schwer. Köttbullar mit Rahmsoße und Pommes sind jetzt das ideale Pflaster für die waidwunde Seele. Nach dem Schlangestehen an Essensausgabe und Kasse kann man nun seine nicht mehr ganz warmen Schweinebällchen in einer der hinteren Ecken des Restaurants hinunterschlingen. Und weiter geht’s: Wir sind ja nicht zum scheiß Spaß hier!

In der sogenannten "Markthalle" bewaffnen sich alle mit Einkaufswagen, weil niemand mehr Lust hat, weiterhin wie ein Flüchtling den gelben Sack mit sich herumzuschleppen und sich die Körperhaltung ein für alle Mal zu versauen. Schon drei Meter weiter kommt es zum ersten Einkaufswagenstau, an den man sich schnell gewöhnen sollte, denn die nächsten 1,2 Gebäudekilometer legt man ausschließlich mittels Stop & Go zurück. Dabei hat man genug Zeit, sich mehr Tand und Schnickes zu greifen, als einem lieb ist.
Kaum eine Stunde später ist man sogar durch die Kasse, zahlt einen überraschenderweise dreistelligen Betrag für überbrachial parfümierte Kerzen in Gläsern und allerlei Gegenstände, an die man keine Erinnerung mehr hat, dass man sie je in den Einkaufswagen gelegt hat. Bevor man zu viel darüber nachdenkt kann man sich jetzt noch direkt hinter den Kassen nach bester IKEA/Kamprad-Tradition ein Hotdog aus hochsynthetischen Zutaten selbst zusammenbauen und es selbstverständlich lauwarm herunterschlingen.

Achtung: Wenn man die Kofferraumklappe noch geschlossen bekommt, dann hat man es nicht richtig gemacht. Zur Strafe muss man dann am nächsten Adventssamstag wieder hin.

Wer nun denkt, er hätte das Schlimmste hinter sich, darf zu Hause noch Möbel schleppen, zusammensetzen und dabei wie ein Schwein schwitzen, wie es seinerzeit Herr Erik Brantgaard vorgemacht hat.


Mehr IKEA: Blogbeitrag


Freitag, 31. Oktober 2014

TW 7 - Der Brot-Zwischenfall


Letztens Mittwochs hatte T.W. (Tante Waltraud) nur en paar Kleinigkeiten einzukaufen. Danach "wollten" wir Tante Walburga im Krankenhaus besuchen. Gesagt, getan. Am Krankenhaus angekommen nahm de Tante ihren Beutel mit den Einkäufen mit und alsbald fanden wir uns im Krankenzimmer ein.
"Hallo!", sagte ich zu der elend darniederliegenden Tante Walburga.
"Ich muss mal eben!", verkündete T.W. un verschwand.
Die nächsten 20 Minuten vergingen wat zäh, während ich versuchte, mit der arg maladen Tante Konversation zu machen. T.W. blieb währenddessen verschollen wie seinerzeit der Polarforscher Scott Anno 1912.
"Wo isse?", fragte ich nach einer Weile ratlos innen Raum.
"Och, se verläuft sich ja neuerdings schon mal!", hellte sich die Leidensmiene der Besuchten auf, se kannte dat wohl schon. Kurz bevor ich einen Suchtrupp mit Hunden losschicken wollte, tauchte T.W. gottlob wieder auf.
"Ich hatte mich verlaufen", sagte se.
Das wäre jetzt eigentlich gemäß meiner Uhr der Augenblick gewesen, an dem ich gerne "Arrivederci, Claire" gesagt vulgo "die Biege gemacht" hätte, aber de Tante war ja quasi justament erst eingetroffen. Jubilate! Se wühlte in ihrer Einkaufstasche und förderte ihre traditionellen Gaben, de Gold-Weihrauch-und-Myrrhe-Pendants Vollmilch-Schogetten, Tempo-Taschentücher un de Apotheken-Rundschau zutage.
Nach einer Weile brachen wir auf, ich fuhr de Tante nach Hause, froh, dass ich an dem Tag auch noch irgendwann Heim kommen würde. Beim Aussteigen fuhr de T.W. de Schreck durch de Glieder!
"Gottogott! Ich hab de Einkäufe stehen lassen!"
"Tantchen, wat war denn noch drin inner Tasche?"
De Tante konsultierte ihren Einkaufszettel. Abzüglich der Gaben, die sie verschenkt hatte, handelte et sich bei "ihren Einkäufen" um ein (1) Brot zu 1,27 EUR.
"Würdest du mir de Einkäufe noch holen?", fragte se als Angehörige einer Generation, die urst spendabel mit der Lebenszeit ihrer jüngeren Anverwandten umging.
"Tante. Du hast noch Brot zu Hause. Am Sonntag fahrt ihr doch wieder hin zu de Walburga, dann holste dir dat Brot einfach ab, dat ist dann auch noch gut!"
Wat wiederwillig stimmte se zu.

Auf der Fahrt nach Hause kamen mir erste Zweifel: Würde de Tante weitere vier Tage ohne ihr Brot zu 1,27 EUR leben können, zumal sie laut Google Maps 220 m vom Penny-Markt entfernt wohnt? Konnte dat wohl gutgehn?
Kaum zu Hause angekommen, rief ich en Bruder an und erklärte ihm die Sache.
"Ich weiß", sagte er. De Tante hatte wahrhaftig schon bei ihm angerufen, ob er ihr nich "de Einkäufe" ausm Krankenhaus holen könnte, Neffe Henning hättet ja nich gemacht.
Herr im Hemd! Man glaubt et nich!
Tags drauf hat der Bruder auf dem Rückweg vonner Arbeit nen Umweg am Krankenhaus vorbei gemacht, dat verdext kriegswichtige Brot zu 1,27 EUR abgeholt un ihr vorbei gebracht, damit de arme Seele endlich Ruh hatte!
Wat en Theater!


Montag, 13. Oktober 2014

Bürogeplänkel 54 - Schneckenbutter

photo credit: Ricardo Alguacil via photopin cc

Sich mit ungefähr 40 Personen einen Kühlschrank zu teilen, ist ein Abenteuer. Kurz zusammengefasst kann man sagen "entweder, es verrottet spektakulär oder es verschwindet spurlos (peu à peu oder von jetzt auf gleich)".
Als vor etwa 10 Jahren in dem Unternehmen, in dem ich arbeite, die Parole ausgegeben wurde, dass jedes sich im Kühlschrank befindliche nicht-personalisierte Lebensmittel quasi Freiwild für alle ist, brachen interessante Zeiten an. Für mich und viele meiner Kolleg(inn)en eröffnete sich hiermit quasi über Nacht ganz legal ein Blick über den Tellerrand! Zeitgleich begannen die Mitarbeiter notgedrungen, ihre Lebensmittel mit einem Edding zu beschriften -- doch nur ein Name ist ein verhältnismäßig schwacher Schutz gegen die Mächte der Finsternis!
Muahaha!

1) Die Leserlichen. Man kann seine Nahrungsmittel noch so augenfällig und überaus lesbar beschriften, röng-döng! ist meine überaus streichfähige, dänische Butter wieder leer. Einmal fluchte ich gotteslästerlich über diesen Umstand, da rief Martina zu mir rüber: "Och, deine Butter benutze ich immer!" Eine andere Kollegin erscheint täglich an meinem Arbeitsplatz und signalisiert mir mit wild improvisierter Pantomime (während ich telefoniere), dass sie auch gerne etwas von meinem hoch-streichfähigen Streichfett abhaben möchte. Seufz. Türlich, türlich, sicher Digger.
2) Die Virtuellen. Selbst nach all den Jahren gibt es Lebensmittel, die unsichtbar, quasi virtuell beschriftet sind, zum Beispiel Joghurts mit Verdauungs-Schnickschnack und linksdrehendem Gedöns: Wer es wagt, diese unpersonalisierten Magen-Darm-Booster illegal zu sich zu nehmen, der! wird! ausfindig! gemacht! und hat dann eine Woche lang Schuldwoche, weil Andrea oder wer auch immer nicht so feudal wie sonst Pupsi machen kann.
3) Die Unleserlichen. Was steht da auf den lecker aussehenden Frikadellenbällchen? Heißt im Büro jemand wirklich التشكيلHaha! Mitnichten! Wahrscheinlich soll das aberwitzige Gekrakel "für alle" heißen. Somit kann diese Leckerei vollkommen reuelos verzehrt werden! Hurra! Jetzt noch etwas Ketchup von "Olm", oder was das auch immer heißen soll! Was soll ich sagen: Am Ende heult wieder einer.
4) Die Über-Leserlichen. Eine Kollegin hat seit Jahren immer ihre denkbar überdeutlich nach DIN ISO 3098 beschriftete Pepsi Light im Firmenkühlschrank stehen. Jeden Tag fehlen etwa 100 ml und ziemlich viel von der Kohlensäure. Macht da jemand seit Jahren täglich den Pepsi-Test? DAS war selbst für Kenner der Materie etwas unheimlich. Sollte man eine Video-Überwachung unstallieren oder die Ghostbusters rsp. einen Exorzisten rufen? Dieser Umstand ließ sich erst beheben, als sie ihre Flasche rüber an ihren Arbeitsplatz genommen hat. Da hat die Limo zwar Zimmertemperatur, ist aber vorhanden und schäumt sogar.
5) Der Fluch. Und dann sind da noch die Verfallsdatum-Nazis von der wöchentlichen Kühlschrankrevision. WFT ist gegen eine Butter einzuwenden, die einen bis 30 Tage über das verdammte sogenannte "Mindesthaltbarkeitsdatum" ist, aber noch einwandfrei schmeckt? Auch wenn mein Name drauf stand, ist sie nun auf dem Weg zur Deponie. Verflucht sollt ihr sein! Aber التشكيل's seit zwei Wochen rot schimmelnden Spargel im Glas oder den in fauliger Pestilenz vor sich hinrottenden Buko, den lasst ihr im Kühli stehen, weil der ungeöffnet mindestens haltbar ist bis 12/2017, ihr Vögel?

Was also hilft? Der ru24-Tipp für den Firmenkühlschrank:
Ein geschickt mit einem Radierstift getilgtes Mindesthaltbarkeitsdatum ist die Grundvoraussetzung im Kampf gegen die MHD-Schergen. Gegen Mitesser hilft nur mehr Exotik: Wie wärs mit indonesischer Nacktschneckenbutter? Oder mit dem springlebendig wirkenden, sardischen Schafskäse "Casu Marzu" (Link)? Notfalls helfen auch Koala-Frikadellen! Lieber als Unmensch gelten als hungrig bleiben!
Muahaha!
Der Kollegin mit der schwindsüchtigen Pepsi möchte ich zurufen: Versuch doch mal peruanische "Inca Cola" (Link), oder nicht ganz so exotisch "Uludağ Cola" (Link, gibt es hier an jedem türkisch geführten Kiosk) dann ist vermutlich Ruh. Und wenn nicht, dann ist es etwas Persönliches.


Samstag, 4. Oktober 2014

www 21 - web.de

photo credit: mario_ruckh via photopin cc

Seit etwa 15 Jahren habe ich ein E-Mail-Konto bei web.de
Technisch ist gegen den Laden nichts einzuwenden, alles ist kostenlos und läuft. Das einzige Problem ist der sogenannte "redaktionelle Teil", den man als User aufgezwungen bekommt, sobald man sich an web.de an- oder abmeldet.

Das sieht in etwa so aus:
  • Das denkt Özil wirklich über Mertesackers Vorhautverengung
  • Männer: Warum Fremdgehen sich lohnt
  • Bilderstrecke: Diese Boxenluder packen aus
  • Bilderstrecke: Nackt im RTL-Container
  • Wiesn-Liebe und die Sterne: Flirten im Festzelt? Unser Horoskop verrät, wann sich das lohnt

Hey! Das sind ja genau die Themen, die mich brennend interessieren würden, wenn ich Grundschulabbrecher wäre! Als Hochschulabbrecher indes finde ich den RTL-Container, das Dschungelcamp oder Micaela Schäfer in etwa so interessant wie einen Nagel im Kopf. Schon deshalb möchte ich gerne zu einem anderen Mail-Webdienst wechseln, zu einem, der mich nicht für geistig zurückgeblieben hält -- habt ihr irgendwelche Vorschläge, ihr dauergeilen, blutjungen Stücke?


Sonntag, 21. September 2014

Zurück in die Zukunft

photo credit: if i only had a cassette player via photopin (license)
Früher war ja angeblich alles besser. Mittels dieses Irrglaubens sammelt sich die AfD (»Alternative für Deutschland«) an den Rändern von Parteien und Gesellschaft ihre Wähler zusammen.

Natürlich ist die Gegenwart reich an Irrungen und Wirrungen, aber – hey! Das war sie schon immer!

Die 80er waren ja nicht nur lecker Bananarama & Miami Vice: Die Achtzigerjahre, das waren Vanilia-Hosen, die kaum einem standen, Schulterpolster und Betonfrisürkes! Ich schaffte am Zauberwürfel nicht mal eine Seite, egal, wie lange ich an dem Kackteil herumkurbelte! Waldsterben war ein Riesenthema, sodass der Begriff »the waldsterben« sogar als Lehnwort in die amerikanische Sprache aufgenommen worden ist. Wenn gewisse Chemiewerke nachts ihre Abwässer in den Rhein kippten, haben Leute schon in den verseuchten Fluten stehend ihre Fotos entwickelt – weil sie es konnten. Auch gab es eine permanente unterschwellige Bedrohung durch Atomwaffen des Warschauer Paktes. Sogar unser »Freund«, der frische Franzos, hatte seine atomaren Mittelstreckenraketen freundlicherweise allesamt auf den chemisch verseuchten Rhein gerichtet, größer war die Reichweite nämlich nicht. Et war nämlich so überaus herrlich in den 80ern! Dass wir alle mal durch so einen Mist wie in »War Games« (1983) draufgehen würden, unseren »The Day After« (1983) vielleicht noch erleben mussten, das schien Gewissheit. Wir lebten in permanenter, unterschwelliger Prä-Apokalypse. Besonders schrecklich: Zwischen 1985 und 1989 hatte Modern Talking fünf Nummer-Eins-Hits in Deutschland (Link)! Reichlich Sex mit häufig wechselnden Partnerinnen hätte mich easy über das Schlimmste hinwegtrösten können, aber dummerweise kam AIDS auf (Wort des Jahres 1987) und es wurde ein bissi hysterisch. Keiner wusste 100% genau, wie & wo man sich anstecken konnte, man konnte es ja nicht googeln. Ich kann mich erinnern, mal in die Stadtbücherei gegangen zu sein, um mich in einem aktuellen Lexikon über die Immunschwächekrankheit zu informieren. Später allerdings konnte man angeblich »auch mal ’ne Tasse verwechseln« (O-Ton), aber es blieb eine Grund-Unsicherheit. 1986 nach Tschernobyl kam Gemüse mit Bequerel-Angaben drauf in den Handel, zum praktischen Selber-Entscheiden, ob die Strahlenbelastung von z.B. 2250 Bq pro Kilo durch Jod-131 für einen noch OK ist oder nicht. 1989 hat Helmut »Birne« Kohl die Wiedervereinigung durchgepeitscht, damit er als »Kanzler der Einheit« in die Geschichte eingeht. Dafür hat er allen »blühende Landschaften« versprochen. Die Option eines »Dritten Weges« (die DDR erst einmal als eigenständigen Staat zu erhalten) wurde zugunsten von sehr schnell schal werdendem Pathos und zu großer Eile verworfen. DAS wäre nämlich eine ECHTE Alternative für Deutschland gewesen, damals vor 25 Jahren.
Dafür wählen die Bewohner der betroffenen Landschaften nun vermehrt AfD – und so schließt sich elegant der Kreis.

»Life's what you make it« (Talk Talk, 1986): Also ran ans pralle Leben! Unkomplizierter wird's nämlich nicht mehr. Außer später im geschönten Rückblick 25 Jahre später von 2039 aus gesehen.
»Früher« ist gut für Anekdoten, aber zumindest ich möchte es nicht zurück.
Außerdem gabs ja nicht mal WLAN.


Montag, 8. September 2014

Der etwas andere Blogbeitrag

photo credit: Kiosk Neustadtring Ecke Glücksstaße via photopin (license)

Wenn man drauf achtet, findet man es IRL oder im Internet auf Schritt & Tritt: "der/die/das etwas andere" Wasauchimmer. Natürlich, normal sind wir ja alle nicht!
Sicher, sicher.
Sind wir nicht alle ein bisschen bluna?
Ja, ja.
Also werten wir ein kleines, nach Pipi riechendes Bahnhofs-Kiosk mal mit der Nullaussage "Das etwas andere Kiosk" urst superdolle auf. Dito "die etwas andere Tankstelle" (stinkt nach Gummi, Sprit und Pächter) und "der etwas andere Blumenladen" (müffelt nach Geranien).
Meine Herren!
Hier handelt es sich eindeutig um das Arschgeweih aller Aussagen über Wasauchimmer!
Und andererseits: Wer möchte denn ernstlich "die etwas andere Abreibung" oder "den etwas anderen Insektenstich" bekommen, geschweige denn "der etwas anderen Motorradgang" begegnen? Oder wie wärs mit der "etwas anderen unheilbaren Krankheit"?
Aha!
Sucht man bei Google (Stand 08.09.2014), so finden sich:
  • "der etwas andere": ungefähr 14.600.000 Ergebnisse
  • "die etwas andere": ungefähr 15.800.000 Ergebnisse
  • "das etwas andere": ungefähr 13.800.000 Ergebnisse
Was unterm Strich 44.200.000 mal "etwas andere" Wasauchimmers ergibt.
Und 44,2 Millionen mal "etwas anders" ist exakt der gleiche Bullshit wie alles andere auch.
Ihr macht mich echt fertig.


Donnerstag, 4. September 2014

Bürogeplänkel 53 - Es ist noch Kuchen da

photo credit: multipel_bleiben via photopin cc

Kollegin Steffi kommt ins Großraumbüro geeilt, ein Kuchenblech auf der Hand.
"Es ist noch Kuchen da, wer will?", fragt sie.
Etwa ein Dutzend Hände recken sich sofort in die Luft.
"Habe ich selbst gebacken!", sage Steffi stolz.
Noch sieben Hände.
"Ganz ohne Backmischung!"
Noch drei Hände.
"Ich stells mal hier hin!"
Als sie sich umdreht, schauen alle total angestrengt auf ihre Bildschirme.

Iris hat jetzt ein Stück gegessen.
Es hat ihr angeblich geschmeckt.
Nun beobachten alle Iris.
Ich drücke ihr mal die Daumen..

[Aufgabe: Markiere alle Stellen im Text, an denen man merken kann, dass Steffi nicht oft backt und jeder im Büro das weiß. (6 Punkte)]