Dienstag, 28. März 2017

Brötchen aus altem Getreide -- reloaded

photo credit: maltehempel_de Brot und Brötchen via photopin (license)
Als ich heute morgen zu einer gottserbärmlich frühen Zeit den Bäcker nahe meines Arbeitsplatzes betrat, ahnte ich es noch nicht. Ich stellte mich halbwegs gerade vor den Tresen und schaute den hin- und herhuschenden Theken-Maiden zu, beiläufig striff mein Blick die Schlagzeile der BILD, aber da stand überraschenderweise irgendein Schwachsinn. *kicher*
Ich wippte ein wenig herum, versuchte erfolglos die Winz-Preisschilder an den fernen Brötchen-Schütten zu entziffern, da kam ich aber auch schon dran.
"Ich hätte gerne vier Dinkel-Kürbis-Brötchen", sagte ich.
Die Aufback-Maid tütete meine Backlinge ein, dann tippe sie etwas in ihre Kasse.
Ich kroste im Portemonnaie derweil etwas Kleingeld zusammen.
"Das macht  3,28 €", sagte sie.
So genanntes "Kleingeld" war in dieser Situation völlig bedeutungslos!
"Bitte!?", quakte ich.

*** UNTERBRECHUNG ***
Ich will hier den Rat einer mir sehr nahe stehenden Person befolgen und mich nicht kleingeistig über hohe Preise beklagen. Auch sei es hier nicht statthaft, zu behaupten, dass ein Bäcker, der z.B. vor der Jahrtausendwende 1,64 DM für ein Brötchen verlangt hätte (und 6,56 DM für derer vier), vom aufgebrachten Mob zu Recht gebrandschatzt worden wäre. Solches zu äußern geht ziemlich an der Sache vorbei, denn wir leben im Jetzt -- und jetzt ist 2017!
*** UNTERBRECHUNG ENDE ***

'Mit dem Bezahlen ist man das meiste Geld los', sagte schon der große Karl Valentin.
Ich zahlte also den Betrag (vereinbart wurde Ratenzahlung nach einer SCHUFA-Auskunft), riet aber den wackeren Aufbäckersfrauen, doch direkt 1,50 € pro Dinkel-Kürbis-Brötchen zu verlangen, da sich das viel leichter rechne als 0,82 € je Backling, zumal Lufthansa-Piloten -- offenbar die Zielgruppe dieses Backwerks -- den Unterschied gar nicht bemerken würden.
"Na, die Brötchenpreise sind sehr genau kalkuliert!", konterte die Aufbäckersfrau.
Ich ging zum Lachen auf die Knie.



Also: Wie kommt es zu diesem Preis eines Dinkel-Kürbis-Brötchens? Ich habe rastlos recherchiert und folgende mögliche Ursachen isolieren können:
  • Spekulationen auf steigende Getreidepreise durch entmenschte Banken,
  • der wachsende antiquarische Wert von alten Getreidesorten wie Dinkel, Einkorn und Emmer
  • Missernten durch Kürbiskern-Käferfraß,
  • harte Diskalkulie beim Kalkulationspersonal des Bäckers (mein Favorit) oder schlicht 
  • Gier, bzw.
  • mehreres/alles gleichzeitig.
"Man weiß et nich!", hätte de Mutter gesagt.

Ich für meinen Teil werde nun die einzig logische Konsequenz aus der Sache ziehen: Ich werde Lufthansa-Pilot.



Erster Teil "Brötchen aus altem Getreide", siehe Blogbeitrag.



Freitag, 24. März 2017

Ohrwurm

photo credit: Leo Javiex Vía Láctea via photopin (license)

Seit etwa zehn Tagen habe ich einen Ohrwurm.
Einen Ohrwurm zu haben, ist in dem Falle kein Ding, wenn man das Lied mag. Meistens ist es aber irgendein Scheiß, der einen quält, das ist halt wie im richtigen Leben. Bei mir ist es seit Anfang letzter Woche "Über sieben Brücken musst du gehn".
Als das Lied in meinem Gehirn auftauchte, musste ich mir erst mal den Text zusamenreimen, ich bin ja nicht gerade schlagerfest, wie z.B. 100% aller Steffis, die ich kenne.
Refrain
Über sieben Brücken musst du gehn,
sieben dunkle Jahre überstehn,
siebenmal wirst du die Asche sein,
aber einmal auch der helle Schein.
Gottogott! Hatte ich das Lied im Ohr, weil ich in den letzten Tagen meines 49. Lebenjahrs weilte und 7 x 7 = 49 war? Oder bezog sich der merkwürdig metaphysisch angehauchte Text auf die stellare Nukleosynthese durch Kernfusion? -- zuerst entsteht in Sonnen Helium, später entstehen immer schwerere Elemente bis hin zum Eisen -- das gute alte "we are all made of stars". Und inweiweit hatte das alle mit mir zu tun?

Ich googlete so vor mich hin, erfuhr, dass das Lied gar nicht von dem ursprünglich aus Siebenbürgen in Rumänien stammenden Peter Maffay war, sondern der Titelsong des zweiten Albums der DDR-Rockgruppe Karat von 1978 (Link). Maffay hatte den Song dann mit ausuferndem Saxophonsolo 1980 in der BRD veröffentlicht (Link). Auch erfuhr ich, dass die Karat-Texte generell zu einem gewissen Grad zu "Verschwurbelung" und vager Metaphorik neigten, schon, um den piefigen Unrechts-Staatsapparat nicht gegen sich aufzubringen.
Aha!
Soso!

Bevor ich noch tiefer in die Materie (sic!) eindrang (stellare Physik, Metaphysik, Rock der DDR), hörte ich zufällig, dass der scheidende Bundespräsident Gauck sich vom Stabsmusikkorps der Bundeswehr zum Großen Zapfenstreich anläßlich seines Abtretens "Über sieben Brücken musst du gehn" gewünscht hatte (Link). Diese Info musste mein grandioses Gehirn Tage vorher irgendwo aufgeschnappt haben -- Ohrwurm-Fall gelöst.
Theoretisch.
Was bleibt ist der Wurm...

Und jetzt alle: "ÜBER SIEBEN BRÜCKEN MUSST DU GEHN!!"


Dienstag, 7. März 2017

Bürogeplänkel 62 -- Lavendelig im Büro

Elen-Antilope
Bis gestern hatten wir im Büro eine schreckliche Fliegenseuche von alttestamentarischen Ausmaßen.
"Sie fliegen mir ins Gesicht, in die Haare, in den Mund!!", jammerte immer eine meiner Kolleginnen.
Nun ja. 
Mir kam die Häufigkeitsverteilung dieser Winz-Fliegen eher vor wie Bewohner Islands: Hier mal eine, da mal eine. Mancherorts lagen auch vereinzelte Mikro-Kadaver herum (Bild), so häufig wie eine in der Serengeti verendete Elen-Antilope.
Aber wegen des übereifrigen Gespuckes, Haarsträhnengepustes und mit-den-Händen-Geklatsche der Damen hat die Geschäftsleitung zu einer konzertierten Aktion aufgerufen:
  • ein von Killerfliegen befallener Ficus wurde spontan ausgewildert
  • noch nicht auf Pflanzengranulat umgestellte Pflanzkübel wurden systemisch migriert
  • alle Pflanzkübel bekamen gelbe Fliegenfangpads eingesetzt
  • es wurden etwa ein Dutzend Tellerchen mit Lavendelöl aufgestellt
Fazit:
Die Fliegen sind weg.
Alle Mitarbeiter sind auf Lavendel.
Hier am Arbeitsplatz kommt es mir vor, als säße ich mitten in der 80er-Jahre LENOR-Werbung:

LAVENDEL, OLIVER, JANINE -- VERNELL!!!

Aber vielleicht bin ich auch nur high.
Ich ruf' mir jetzt ein Taxi nach Hause.
Wirsing.


Samstag, 25. Februar 2017

Bürogeplänkel 61 - Ablenkung ist alles


Foto: Leroy Becker vom 25.02.2017, 12:30 Uhr
Seit "Altweiber" (letzten Donnerstag) werde ich als Wuppertaler in der Firma von Kollegin Kathi gedizzt, weil der Narrenruf der Wuppertaler Karnevalisten "Wuppdika!" ist.
Tsts! :P
"Wuppdika!", ruft sie mir hinterher -- na klar, dizzt mal ruhig den Wuppertaler, der sich für Karneval so brennend interessiert wie für Fußball oder den sog. "Rennsport". Gottlob findet sich in Wikipedia eine recht umfangreiche "Liste der Narrenrufe" (hier)  -- und da ist "Wuppdika!" echt die kleinste Sorge:

Schnarragagges!   Heidenei Narrenzunft Kißlegger Hudelmale 
Allamoschee!  Effeltrich
Häbberla Mäh!  Neustadt an der Aisch
Alekerch Schepp Schepp!  Altenkirchen (Westerwald)
Edscha Awoa un Ella Uhu!  Ediger-Eller
Knolli Knolli Schabau!  Scharmede
Kattfiller!  Attendorn

OK. Wem das noch nicht reicht, dem sei gesagt: Das oben eingebettete Bild zeigt die Kaffe- und Milch-Ausgabedüsen unseres hochheiligen Jura-Kaffee-Vollautomaten im Büro von unten und wie sie wirklich sind: ECHT SCHLIMM HART VERRANZT.
Würg!
Was ist dagegen schon "Wuppdika"?

Ablenkung ist alles.


Montag, 20. Februar 2017

"Ich will danebenstehen, während es anbrennt"

photo credit: domit thermomix eve! via photopin (license)

Der Thermomix polarisiert. Ich treffe entweder nur Leute, die schon immer einen haben wollten/einen haben oder Personen, die teilautomatisierte Nahrungszubereitung kategorisch ablehnen. Dazwischen gibt et nix. Alle Fans des Thermomix bekommen IMMER einen geradezu schwärmerischen Gesichtsausdruck -- es ist unmöglich, bei den Ausführungen auf das Wort "geil" zu verzichten oder die Leistung des "TM5" nicht lautmalerisch zu preisen: "WROOOOSCH -- fertig!" Die Gegner schauen verbissen, beginnen mit dem Schwadronieren, dann reden sie sich in Rage. 

Folgende "Argumente gegen den Thermomix" werden mir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit fast immer entgegengeschleudert (Mehrfachnennungen möglich):
  • "Ich will selber danebenstehen, während es anbrennt." (75%)
    Hey! Klingt nachvollziehbar.
  • "Was kostet der? 1.200,00 €?!!? Boah!" (70%)
    Komischerweise kennen aber alle den korrekten Preis.
  • "Ich esse keinen Brei!" (60%)
    Niemand hat die Absicht, einen Brei zu kochen. Wirklich.
  • "Ich liebe es, zu kochen, ich will den Kontakt zu den Nahrungsmitteln nicht verlieren!" (50%) Stay in touch, Honey. Raspele deinen Möhrensalat ruhig auf die harte Tour und höre alte Tonbänder mit Klassikaufnahmen dazu.
  • "Es kann nicht braten." (30%)
    Das kann ein Kitchen Aid aber auch nicht, Schweinchen Schlau.
  • "Ich hasse Thermomix!" (15%)
    Puh! Menschen mit ausschließlich binären Sympathien/Antipathien sind mir seit jeher suspekt. Es gibt eine ganze Menge Grautöne, und nicht nur wegen des Buches...

Wenn sich einer eine Spiegelreflexkamera für 1.200 Öcken kauft, dann sagt doch auch keiner:
"Ich zeichne noch alles von Hand!"
"Ich will den Kontakt zu meinen Kontaktabzügen nicht verlieren!"
"Fotografie tötet die klassische Ölmalerei!"

 Wenn sich einer eine pervers große Glotze kauft, dann sagt ja auch keiner:
"Also, wir haben Fenster!"
"Ich will den Kontakt zur Realität nicht verlieren!"
"Er kann nichts drucken!"

Thermomix: Die einen kaufen sich Alufelgen, die Anderen etwas Sinnvolles.


Freitag, 10. Februar 2017

Trauerfeier

photo credit: Missud R.I.P, granny via photopin (license)

Die Tage war ich mit meinem Bruder auf einer Beerdigung. Die Friedhofskapelle war "proppentvoll" (hätte de Mutter gesagt), wir mussten stehen. Das, was nun folgte, war mit gesundem Menschenverstand nicht zu erklären:
  • Die Anwesenden wurden genötigt, drei Strophen des Liedes "424" zu singen. Der Text war vermutlich irgendwann  im Barock unter dem Einfluss von Fliegenpilzen in einem Hungerturm zusammengetackert worden, die "Melodie" waren Zufalls-Tonfolgen. Dazu "sangen" alle: "Lorooo, loroo, lorooo".
  • Der Priester besprenkelte die Urne mit Weihwasser, dann sagte er etwas über Trauer und zitierte aus dem Johannesevangelium, was man, wenn man nach "Trauer Johannes Zitat" googlet, auf Anhieb findet.
  • Die Anwesenden wurden genötigt, etwas mitzubeten, das irgendwie fast alle auswendig konnten, nur die Hardcore-Heidenkinder nicht (Bruder & moi).
  • Der Priester verfiel in einen merkwürdigen schamanistischen Singsang, was aber niemand der Anwesenden groß wunderte (außer die üblichen Verdächtigen).
  • Die Anwesenden wurden genötigt, zwei Strophen des Liedes "337" zu singen. Der Text war vermutlich im Spätmittelalter während eines syphilitischen Fieberschubs entstanden, eine "Melodie" fehlte. Dazu "sangen" alle, die sich die Mühe machten: "Lorooo, loroo, lorooo".
  • Der Priester besprenkelte die Urne schon wieder mit Weihwasser, dann ließ er sich dazu herab, "ausnahmsweise" (Zitat), einen Text über die Verstorbene zu verlesen, den die Familie verfasst hatte. Das einzige Highlight dieser Veranstaltung.
  • Es gab ca. drei bis vier weitere "Programmpunkte", die ich aber vergessen habe, weil ich in ein Kurzzeit-Koma gefallen war.
  • Alle verließen die Kapelle und prozessierten hinter Priester, Familie und Urne her.
Den Priester konnte man jetzt im Licht etwas besser sehen. Er war ein pummeliger Mann, blass wie ein Fischbauch, im weibischen Ornat. Er ließ es sich nicht nehmen, am Grab noch geschlagene 20 Minuten Schall zu emittieren, die Trauergesellschaft harrte derweil im Freien bei 0° C aus.

Jetzt mal in echt: WTF?
Alles, was die Kirche zu dieser Veranstaltung beigetragen hat, war in Teilen bestenfalls "schräg" zu nennen, der überwiegende Rest war muffig bis zur Fäulnis oder total off. Und so zeitgemäß wie ein Exorzismus. Um die Verstorbene ging es hier nicht einmal marginal, sondern nur um das mechanische Abspulen von überkommenem Brauchtum aus der Mottenkiste: "Lorooo, loroo, lorooo". Und hey! Das war schon "evagelisch reformiert", Grundgütiger! Die anwesenden beiden Heidenkinder befiel schon bei dem Gedanken, auf der eigenen Trauerfeier seinen Mitmenschen einmal so einen Kernschrott anzutun, nacktes Grauen.

Hier muss man wohl oder übel zu Lebzeiten selbst Hand anlegen, damit das auch klappt.


Zum Thema:
Blogbeitrag: "Mit TW ins All"
Checkliste: "Die eigene Beerdigung planen"


Sonntag, 5. Februar 2017

"Man" darf einen Scheiß sagen

photo credit: " fragments 'pictosophiques " badiousian conatus differential . . via photopin (license)
Wann immer im Radio "jemand von der Straße" interviewt wird, dann dauert es keine 10 Sekunden, und der Befragte sagt so etwas wie "... man weiß so wenig darüber" oder "... man kann sich so etwas gar nicht vorstellen" oder "... man hört ja so viel" dann frage ich mich immer, von wem die/der Interviewte da gerade überhaupt redet. WTF ist "man"? "Man" wurde doch gar nicht befragt, sondern tatsächlich die munter vor sich hinstammelnde Person da am Mikro!

Der Philosoph Martin Heidegger über "das Man" in seiner Schrift "Sein und Zeit":
"Das Man entlastet [...] das jeweilige Dasein in seiner Alltäglichkeit. Nicht nur das; mit dieser Seinsentlastung kommt das Man dem Dasein entgegen, sofern in diesem die Tendenz zum Leichtnehmen und Leichtmachen liegt." (s. Heidegger, a.a.O.)
 "Diese Entlastung durch das Man ist das Gleiche, was Niklas Luhmann später als „Komplexitätsreduktion durch Institutionen” bezeichnen wird. Offensichtlich benötigt jeder Einzelne solche Identifikationen mit dem „Man” (...), um die Komplexität seines Alltags zu bewältigen." (Quelle)
"Das „Man” findet sich in allen Institutionen, in die sich Menschen einordnen, sei es die Familie, der Wissenschaftsbetrieb[, eine Sport-] oder eine Religionsgemeinschaft. Wer die Unterwerfung anderer unter die „Herrschaft des Man” kritisieren will, muss sich zunächst eingestehen, dass er selbst ebenfalls unter der Regierung eines „Man” lebt." (s. a.a.O.)
Ich versuche, mir solches abzugewöhnen.
Vielleicht sollten du und ich, gerade, wenn es um starke Meinungen geht, versuchen, deutlich mehr Sätze zu bilden, die das Personalpronomen "ich" enthalten. Und wenn eine oder einer mal wieder sagt "Man wird ja wohl noch sagen dürfen, dass ...", dann sollten du und ich jene oder jenen schon aus Frack grundsätzlich fragen: "WER IST MAN UND WIE STEHST DU EIGENTLICH PERSÖNLICH ZU DEM THEMA?!", da sieht die Sache nämlich gleich ganz anders aus.
Bäng!
Denn: "Man" darf einen Scheiß sagen.


Samstag, 4. Februar 2017

Einen Anruf frei

photo credit: Mirko Olandese [01-III. Mug Shot] [Bonus photo] via photopin (license)
Man kennt das: Man wird verhaftet, bekommt alles weggenommen (Schnürsenkel, Gürtel, Tasche und vor allem das Handy) und hat dann einen (1) Anruf frei. In der Reihenfolge. Im Film können immer alle ihren Anwalt anrufen, sie kennen die Nummer wohl auswendig, is klar.
Der durchschnittliche Mensch der Moderne kann heutzutage noch drei (3) Telefonnummern auswendig: seine eigene, die des Partners/der Partnerin und irgendeinen Quatsch. Irgendwo muss es also statistisch gesehen jemanden geben, der fünf (5) Telefonnummern auswendig kann, denn ich kann mir leider nämlich nur eine einzige Nummer merken: Die vom chinesischen Panda-Imbiss in Remscheid-Lennep: 02191 68888.
Ich kann also, sollte ich einmal in diese Lage geraten, das Gericht 43 "knuspriges Hähnchen à la Malaysia" bestellen.
"Na, immerhin", würde de Mutter jetzt sagen.


Montag, 30. Januar 2017

To make America great again

photo credit: claudia.schillinger Amersfoort via photopin (license)
Ich betrat die Bäckerei durch den Haupteingang.
Anders als in den letzten Monaten oder Jahren lagen in der Teilchenauslage noch immer ganze sechs Amerikaner herum, trotz fortgeschrittener Tageszeit -- eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit.
"Ist seit Trump die Nachfrage nach Amerikanern zurückgegangen?", fragte ich die sich mir zuwendende Bäckereifachverkäuferin.
Sie nickte stumm, die Augen niedergeschlagen, als sei ihr das Thema irgendwie peinlich.
Na, eigentlich war das ja zu erwarten gewesen. Ich überlegte.
"Vielleicht sollte man den Durchmesser verdoppeln, sie so groß machen wie Frisbees", schlug ich vor.
Es arbeitete in ihr, dann leuchtete Begreifen in ihren Gesichtszügen.
"To make America great again!", hauchte sie begeistert.
"Ganz genau!"


Sonntag, 29. Januar 2017

Von Datenschutzgespacke bis "Schere im Kopf" (1982-2017)

photo credit: David Blackwell. The David Party via photopin (license)
1982

Schon bei meinen ersten Ferienjobs ab 1982 fand ich das Verhalten der fest angestellten Kollegen vor Ort hochgradig spack: Wenn sie am Monatsende ihre Lohntüte an den Rändern aufgerissen hatten, dann spähten sie hinein (Abbildung), als stünden dort Raketen-Abschusscodes, die nicht in feindliche Hände fallen dürfen und nicht schlicht ihr zu niedriges Monatsgehalt. Was sollte das? Indem jeder sein Gehalt wie ein scheiß Staatsgeheimnis behandelte, konnte der grausame Produktionsmittelinhaber jedem seiner Schergen zahlen was er wollte und für die Geheimhaltung sorgten die kleinen Spacken auch noch selbst! Sie selbst hielten ein per se ungerechtes System dadurch aufrecht! Was war nur aus der vielbesungenen Solidarität unter Arbeitern geworden? Es ist übrigens 35 Jahre später unter Angestellten der gleiche, völlig unwürdige Quatsch.
Datenschutzgespacke.

1987

Bei der letzten in der alten Bundesrepublik durchgeführten Volkszählung von 1987 (Wiki) kam es -- wie sollte es anders sein -- zu wilden Boykottaufrufen und großem Widerstand gegen den "Big Brother" Bundesrepublik. In Wuppertal gibt es noch heute "VOLKSZÄHLUNGSBOYKOTT"-Graffitis in einigen der etwas runtergerockten und > 30 Jahre nicht gestrichenen Nebenstraßen des Elberfelder Ölbergs. Natürlich möchte der Bundesbürger 24/7 von seiner Regierung supertoll regiert werden, aber leider darf der Staat keinesfalls wissen, was und wen genau er da eigentlich regiert, damit alle weiterhin über die "Bürgerferne" der Politik meckern können.
Absolutes Datenschutzgespacke.

ca. 2000

Seit ich google, lasse ich mir auch offiziell von Google über die Schulter schauen. Die können mir nur immer besser helfen, wenn ich ihnen dabei helfe, dass sie immer besser werden. "Ja, aber...", schnappen jetzt reflexartig Himpelchen und Pimpelchen, die immer alles kostenlos haben wollen ohne jemals etwas dafür zu geben. So funktioniert die Welt aber nicht. Ich finde zum Beispiel Internetwerbung ziemlich dämlich, die mal so gar nicht zu mir passt, also für Singlebörsen und Gartenzubehör, Karten für Sportereignisse und Alufelgen.
Wenn ich in "meinem" Google nach "Marines" suche, dann möchte ich sofort die Webseite des famosen Lokals finden (Wiesenstraße 2, 42105 Wuppertal) und nicht Informationen über das United States Marine Corps und dessen Angehörige erhalten. "Mein" Google weiß das. Natürlich mache ich mich dadurch durchsichtig, aber das ist der Preis, den ich bewusst dafür bezahle.

ca. 2005

Zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich bei einem Bekannten einen Laptop mit abgeklebter Kamera. "Paranoid ist, was du draus machst", dachte ich damals (naiv wie ich war).

2010

Seit der Trilogie um Lisbeth Salander (ab 2010 in deutschen Kinos) weiß ich, dass in Schweden dieses Datenschutz-Ding eher mal nicht so richtig existiert: Die Schweden setzen auf Transparenz. Wer also wissen will, was sein Nachbar verdient oder wen es interessiert, wem der Volvo mit dem amtl. Kennzeichen KRM-552 gehört, schaut einfach im Internet nach (Artikel). Schweden? Die sind doch cool drauf, da am Polarkreis! Hey! Datenschutz, das ist doch nur was für Lappen!

2012

"RFID-Etiketten in der Kleidung bringen Datenschützer auf den Plan" (Artikel), offenbar gab es 2012 gerade nichts Wichtigeres für Datenschützer, als RFID-Tags aus Jacken von Passanten auszulesen. "Bewegungsprofile könnten erstellt werden", *kicher*, is klar. Da die Dinger aus bis zu 10 m Entfernung ausgelesen werden können, braucht es für eine Stadt wie Wuppertal also lediglich 17 Millionen Messstellen, damit man einen einzelnen Spacko in seiner Designer-Joppe verfolgen kann, Muahahaha!!!, ihr Lappen. Absolutes Datenschutzgespacke.

2013

Die Künsterlin Heather Dewey-Hagborg sammelt Kaugummis und Zigarrettenkippen von der Straße und Haare in öffentlichern Verkehrsmitteln und analysiert die Funde genetisch, läßt in 3D-Druckern die Gesichter der Erbgut-Träger entstehen (Artikel), krass: Webseite der Künstlerin (hier).
"Eine Zeit der "genetischen Überwachung" bahne sich an, sagt die Informations-Künstlerin, die sich in anderen Projekten bereits mit Gesichts- und Spracherkennung befasst hat. " (a.a.O.)
Irgendwann sind wir alle längst in GATTACA (Link) angekommen, ohne es gemerkt zu haben.

"Ed Snowden" und Wikileaks: auch DAS war in 2013, aber da haben alle nur noch total abgestumpft drauf reagiert, ganz so, als könne man da eh nichts dran ändern, wie auch am Artensterben und dem Klimawandel.
Wenn so etwas in den 80ern herausgekommen wäre, da hätten auf den Straßen ein paar Barrikaden gebrannt.

2014

Identitätsklau per Kamera: Fingerabdrücke von Politikern zu kopieren, ist kein Problem. Ein Foto der Hand genügt, wie zwei Sicherheitsforscher demonstrierten (Artikel). Somit wird die Merkel-Raute auf Fotos zum Sicherheitsfeature, das Ackermann-Victory (hier) oder ein schlichtes "thumbs up" auf Fotos (hier) zum Datenleck -- also ist Vorsicht geboten in Zukunft. Zumindest könnten Diebe das geklaute iPhone entsperren und sämtliche weitere Fingerabdruck-Sicherheitssperren überwinden, z.B. am Laptop, notfalls mit einem Kunstdaumen aus dem 3D-Drucker. Unwahrscheinlich aber technisch möglich.
Schon ein bissi Datenschutzgespacke.

2016

Aktuell klebt selbst "Mr. Facebook" Mark Zuckerberg die Front-Kamera seines Notebooks ab -- wie ein Boss (Artikel), Ed Snowden sei Dank. Die Piraten-Augenbinde für Notebooks gibt es mittlerweile als Standardzubehör zu kaufen, aber vermutlich landet man als Käufer in einer Watchlist von Menschen, die glauben, noch etwas zu verbergen zu haben.
Letztens schaute ich in der Wohnung von meinem Schreibtisch aus gedankenverloren auf das Dach gegenüber, wo sich silbern im Wind Lamellenschornsteine drehten. Ich googelte die Teile (Schornstein, chrom, dreht), fand damit heraus wie die Dinger überhaupt heißen, dass sie durch ihre Bauweise den "Zug im Rohr" erhöhen -- aha! ach so! -- und gut war. Dachte ich. Seitdem verfolgen mich die Teile von Webseite zu Webseite. Nein, ich möchte den Zug im Rohr nicht erhöhen!
Aber genau aus diesem Grund habe ich keinen Dildo als Weihnachtswichtelgeschenk für die Firmenweihnachtsfeier bestellt (was sicherlich sofort eine Bombenstimmung ausgelöst hätte). Meine Zurückhaltung rührt daher, auf dass ich nicht monatelang beim Surfen von vage rosafarbenen Kunst-Phalli belagert werden möchte.
Hier fängt es an, das mit der "Schere im Kopf".

2017

Letztens habe ich "schmutzige Bombe" gegooglet, nur um mal zu sehen, was genau dahintersteckt. Mist, ich war zu impulsiv: Sicherlich bin ich jetzt für den Rest meines Lebens auf mehreren Geheimdienst-Watchlists (UK, USA, Israel), der BND wird es verpennt haben.
Ich fände es auch interessant, mal nachzusehen, wie man eigentlich selbst Sprengstoff herstellt, nicht, weil ich welchen produzieren möchte, ganz bestimmt nicht, lediglich weil mich Dinge interessieren. Und hey: wie kommt man eigentlich an Rizin? Wo kann man sich den TOR-Browser (für das Darknet) herunterladen und gibt es im Darknet überhaupt eine Suchmaschine, z.B. GRRRGLE?
Ich schaue nicht nach, einfach, um mich nicht verdächtig zu machen.
Wie vielen, "die nichts zu verbergen haben" (O-Ton) geht es genauso?
Hurra, die Selbstzensur ist auch schon da!
Das sind wir: Freie Bürger mit Schere im Kopf.


LINKS
Absolut sehenswerter Film: "Snowden" (2016), Trailer
Das Zeitalter der Videoüberwachung beginnt erst. Link
Artikel über Posts, die Facebooknutzer nie veröffentlichen, die Facebook aber trotzdem liest. Link
Psychologie: Ständige Überwachung führt zu Selbstzensur. Link